D-mrerstag, 84. April 1941
Wiesbadener Zagblatt
Zweites Blatt Nr. 95
Das Wunder der
'Der Lebensroman R a $♦e 11 is von A. H. KOBER
28 Fortleduna (Nachdruck verboten.)
Der junge Mann ließ sich nicht zweimal rufen, stürzte sofort hinaus.
Direktor Truzzi hatte erfahren, daß Jim sich die Vor- Kellung angesehen hatte und zu den Rastellis in den Wagen gegangen war. Er witterte, datz es sich um den neuen Jongleur handelte fürchtete, datz Jim ihn wegschnappen könnte, mtl liefe ihn deshalb gleich rufen
„Bitte, nehmen Sie Platz", empfing er ihn sehr artig. Rauchen Sie? — Also nicht . . . Und nun, mein lieber junger Freund, wollen wir tu allem Ernst einmal vom Geschäft sprecht n Ich biete Ihnen also einen Jahreskoutrak« mit fünfundsiebzig Rubel Lrgesgage, fünf—und—siebzig! Äußerste Grenze! Versuchen Sie nicht, höherzudrücken, mein Lieber! Es wäre vergeblich: denn schließlich kann ich mich nicht kaputtmachen."
Aber Enrico liefe sich nZcht abschrecken. Er wutzte: Jetzt ging es aus Biegen oder Brechen, jetzt galt es seine Zukunft, feine Mutter. Stella — und mit zäher Energie, seine ganze Kraft einsetzend, drückte er seine Forderung durch: einhundertzehn Rubel Tageqgage. Und weder seine Mutier noch sein Bater waren zu irgendeiner Arbeit verpflichtet. "Sie Abmachung bezog sich allein auf Enricos Jongleurnummer.
Das alles schrieb der Direktor in den Vertrag, den sie dann durch ihre Unterschriften gleich gültig machten.
Fast zwei Stunden hatte dieser Kampf gedauert, und als Enrico Rastelli um halb zwei Uhr in der Nacht aus dem Direktionswagen kletterte, lag der Zirkushof schon dunkel und schweigend, der Wagen seiner Eltern war dicht gemacht, sie schliefen, wie auch Iwan in seinem Bett über dem Enricos. Der war im Hochgefühl seines Erfolges, seines Glückes so wach, datz er keinen Schlaf fand und mit offenen Augen träumend und phantasierend liegenblieb bis zum Morgeu- dämmern. Dann endlich ging in seinem Kopf der japanische Jongleur Yoshuwa, der Schuft Jim, ein Zahlengewrrr von Rubeln, die schöne kleine Stella, der Zirkus Truzzi — alles ging durcheinander und überwucherte Bewußtsein und
• Wachheit.
Trübsinnig satzen ah diesem Morgen die Eheleute Rasielli bei ihrem Frühstück. Jim war in der Nacht noch abgereist und hatte keinen Zweifel darüber gelafsen. datz er über Enricos Verhalten empört war. „Diese Halsstarrigkeit des Jungen —" begann Umberto gerade auf Enrico zu schimpfen, da stand dieser schon im Wagen. 7 ,... "
Lochend, strahlend, hochgereckt stellte er sich vor den . kleinen Tisch uni) tief mit seiner Hellen Stimme: „Wir haben es! Vertrag mit Truzzi! Einhundertzehn Rubel täglich,
dreitausenddreihundert im Monat! Alles schon unterschrieben!"
Er jchwana den Vertrag wie einen Taktstock, dann warf er sich jäh vor der Mutter auf die Knie, umarmte und kützte und streichelte sie zärtlich Rein, nein — frühstücken wollte er jetzt noch gar nicht: erst hatte er noch etwas Eiliges zu erledigen Er sprang aus dem Wagen, lief in die Hofecke wo Stella ihre Drahtseilnummer zu probieren pflegte.
Vorsichtig schob er die Leinwand zur Seite. Da drinnen stand Stella, im Probiertrikot, schön und morgenfrisch in ihrer Blondheit. Are 6lauen Augen starrten auf den Eindringling, und beinahe hätte sie vor Schreck den Valancier- schirm fallen lasten
„Verdammte Störung!" fluchte Vater Clarot, den Enrico jetzt erst bemerkte
„Ich bitte um Entschuldigung, Monsieur Clarot", starn- delte der Verliebte, „ich wollte melden, oatz Direktor Truzzi mir Jahresvertrag mit einhundertzehn Rubel Tagesgage gegeben hat."
Clarot, seinen Schnurrbart streichend, kam näher, während Stella vom Ablaufstuhl auf die Erde sprang.
,„ und ich mutz zwar zunächst noch meinen Eltern abaeben. Aber ich hoffe zu sparen und noch mehr zu verdienen, fo dah ich eine Frau ernähren kann — glaube ich bestimmt, Monsieur Clarot!" Er wurde rot bis über die Ohren und blickte zur Seite.
Stella senkte ihr Köpfchen.
Monsieur Clarot schwieg und lieh seine Blicke 'zwischen den beiden jungen Menschen hin und her wandern. Er merkte: sie schielten verstohlen zueinander. Er räusperte sich. „Na und —?" fragte er dann polternd.
„. . . und ich möchte Stella zur Frau haben, Monsieur Clarot!" stieß Enrico mit Aufbietung seiner letzten Kraft heraus.
Wieder sah sie der Belgier schweigend an. Stella hatte den Kopf noch tiefer gesenkt, so daß nur ihr blondes Lockengewirr zu sehen war. Enrico starrte geradeaus auf die Leinwand.
„Also — ihr dürft euch verloben!" donnerte Clarot plötzlich los, so datz sie erschrocken zusammenfuhren.
Als sie aufblickten, war Vater Clarot verschwunden.
Da sprang Enrico Rastelli auf die kleine Stella zu, nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und gab ihr den ersten Kutz.
Achtundoierzig Stunden später hatte Zirkus Truzzi sein Gastspiel in Orenburg beendet, seine Sommerfahrt ge- schlosten, seine Zeltstadt abgebrochen. Die Tiere und das Material wurden nach Charkow verladen. Das. für die Winterspielzeit verpflichtete Personal bestieg den Zug. Unter den Verpflichteten waren die Rastellis Die übrigen Artisten flatterten in alle Windrichtungen auseinander. Tim und Tom gingen mit ihren Löwen nach Oddsta. Monsieur Clarot und seine Tochter Stella reiften nach Petersburg, wo sie Kontrakt im Zirkus Ciniselli hatten.
Achtes Kapitel
Flucht aus Rußland
Vielleicht der glücklichste Mensch in diesem Zuge nach Charkow war der kleine russische Artist Iwan. Die Doppel- perche, in der er bisher mit Frau Santuzza Rastelli und Enrico gearbeitet hatte, war „kaputt", hatte aufgehört: aber der „japanische Jongleur Yoshuwa" hatte Iwan als Assistenten genommen
In Dankbarkeit und Freude strahlte das runde Gesicht des robusten jungen Akrobaten, er atz und tränt vergnügt aus den mitgenommenen Vorräten und versicherte immer wieder, rote ichön, rote herrlich doch das Leben sei.
Es saßen in diesem russischen Eisenbahnzuge nicht viele Gleichgestimmte um Iwan. Die meisten Menschen sahen sorgenvoll drein: denn dieser Winter 1916 war ein Winter des Mißvergnügens. Die russischen Armeen hatten keineswegs, wie man sich das zuerst |o gedacht hatte, Berlin und Budapest und Wien 'erobert, sondern sie waren in vielen Schlachten geschlagen worden, lange Züge mit Verwundeten rollten unaufhörlich nach Rußland herein, zahllose Farnllien hatten Tote zu beklagen, Hunderttausende waren in Deutschland gefangen, Lebensrnittel, Kleidungsstücke, Kohlen wurden knapp — dieser Krieg hatte sich zu einem langen und furchtbaren Leiden ausgewachsen.
Das feste Zirkusgebäude, das Direktor Truzzi für dis Winterspielzeit 1916/17 gemietet hatte, lag mitten in der großen Stabt Charkow, an einem kleinen Fluß. Es war schon reichlich beklebt mit bunten Plakaten, auf denen eine stattliche Anzahl bester Attraktionen angekündigt war. Neben jedem Artisten war seine Nationalität genannt, und daran schon konnte man sehen, datz der Direktor mit einem großartigen Programm berühmter Nummern aus England, Frankreich, Italien, Amerika aufroarten wollte. Der Gouverneur, dem der Zirkusdirektor einen Besuch machte, um sich für die Spielerlaubnis zu bedanken und weiteres Wohlwollen zu erbitten, sprach ihm seine Anerkennung für seine Bemühung um ein Weltstadtprogramm aus und ermutigte ihn: „Die Regierung wünscht. daß alle Vergnügungsstätten, also auch der Zirkus, gerade jetzt die breiten Massen der Br- völkerung an sich ziehen und bei Stimmung halten. Deshalb können Sie, mein lieber Direktor, jeder Unterstützung von , unserer Seite sicher -fein.“ (Fortsetzung folgt.)
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