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Mittwoch, 16. April 1941

Wiesbadener Tagblatt

Zweites Blatt Nr. 88

Dos Wunder der Der Lebensroman Rastellis, von A. H. K O B E R

21. Fortletzuna (Nachdruck verboten)

Sobald die Pferde aus dem roten Ring waren, wurde das Drahtseil für Stella Clarot gespannt. Der Alte beauf­sichtigte diese Arbeit, prüfte, ob der Metalldraht die richtige Elastizität hatte, und gab dann dem Kapellmeister das Zeichen für die leichte Polka, mit der Stellas Produktion be­gleitet wurde.

Das bildhübsche blonde Kind im weißen Tüllröckchen, an der Hand des Vaters in die Manege sprengend, gewann so­fort durch seine lächelnde Anmut die Zuschauer, bekam App­laus, dankte schüchtern. Vor ein paar Wochen war Stella sechzehn Jahre alt geworden, sah aber viel jünger aus, und deswegen wurde ihre Drahtseilarbeit als die eines Kindes besonders bestaunt. Sie beherrschte schon fast alle schwierigen Tricks, lief, sprang und tanzte vorwärts und rückwärts stellte kniete und legte sich, federte hoch, übersprang Bänder, durchsprang Papierreifen und ging mit einem Salto ab.

Sie brachte alle diese Tricks mit einer zauberhaften Leichtigkeit, mit einer ganz zarten, lächelnden Beschwingt­heit ; und nur der ernste Mann im schwarzen Frackanzug, der neben dem Seil stand und scharf Obacht gab. erinnerte daran, daß dies anmutige Spiel große Gefahren in sich barg. Wenn Stella am Schluß ihrer Produktion auf dem Ablauf­brett stand und über den bunten Seidenschirm hinweg mit dem blonden Lockenkopf und den großen blauen Augen grüßte, dann brach ein Sturm des Beifalls los, und mehr­mals mutzte der Kapellmeister für Stella in den Tuschkasten greisen, ehe er für die nächste Nummer, die Clowns, einsetzen konnte.

Frau Santuzza stand mit ihren beiden Jungen immer schon hinter der Gardine, wenn Stella arbeitete, denn ihre Perche ging hinter den Clowns als letzte Nummer vor der Pause. Enrico sicherte sich jedesmal den Platz an der Gardine, er starrte durch den Spalt, daß ihm fast die Augen aus dem Kops fielen. So nämlich meinte Iwan bei sich. Keine Bewegung Stellas ließ sich Enrico entgehen, oorae- beugt wie zum Sprunge spähte der schlanke und ranke Acht­zehnjährige mit glühendem Gesicht durch den Vorhang, und wenn Stella nachher herauskam, -sprang er beiseite ,und grüßte sie mit einer leichten Perbeugung: „Bravo! Bravissimo!" i

Stellas schon entspanntes Gesicht blüht» dann noch ein­mal zu einem schnellen Lächeln für Enrico auf.

Aber gleich hinterher kam Vater Clarot mit einem wütenden Gesicht. müssen immer im Wege stehen!" knurrte er, seine Tochter zur Garderobe treibend.

Die Rastellis kümmerten sich nicht mehr um ihn, ihre ganze Aufmerksamkeit war schon auf die Manege gerichtet, in die sie nun einmarschieren mußten.

Enrico und Iwan waren wirklich gute Kameraden, seit sie sich eines Tages vor dem verwaisten Pony Siddi gefunden hatten. Jetzt aber — im Zirkushof, nach einer Abendvor­stellung — packte sich Enrico den Iwan und „Ich

breche dir alle Knochen, wenn du nach Stella guckst!"

Der kleine Russe entschlüpfte blitzschnell Enricos Zugriff, flüchtete auf ein Wagendach, lachte auf den Wütenden her­unter: „So? Wirst du? Ich habe sogar schon mit Stella gesprochen!"

Enrico, kochend vor Wut, ballte die Fäuste, schwang sich auf die Wagendeichsel, riß Iwan herunter — ringend purzel­ten sie beide über den Boden . .

„Sei vernünftig, Enrico!" keuchte der Rusie, als sie sich verkrallt hielten. Laß mich doch mal zu Wort kommen."

„Schurke!" zischte der junge Rastelli. versuchte den Gegner zu Boden zu drücken.

also Stella hat mich angesprochen", konnte Iwan herausbringen. „Neulich abends nach der Matinee —"

Enrico ließ ihn los.

da stand Stella im dunklen Reitergang plötzlich vor mir — sehr ängstlich, vor ihrem Alten wahrscheinlich — und sagte: „Grüß deinen Partner Enrico und sag ihm, daß er ein großartiger Artist ist Du auch natürlich . . . Aber keiner darf wissen, daß ich mit dir gesprochen habe!"

Enrico hatte jedes dieser Worte in sich tropfen lassen wie ein Dürstender ersehnte Labsal . . . „Das hat Stella dir wirklich gesagt?" stammelte er.

„Weshalb soll ich dich belügen?" meinte Iwan, ernst und ruhig.

Enrico zog ihn zy sich, spähte umher, ob niemand sie hörte. „Sag mir das noch mal! Alles — genau, wie es war!" bat er leise.

Sie gingen zwischen die Packwagen, in den dunkelsten Teil der Zeltstadt.

Vom nächsten Tage an drängte Enrico auf Proben. Frau Santuzza wunderte sich. „Weshalb mit einemmal pro­bieren? Die Nummer steht und braucht nur noch ab und zu repetiert zu werden, damit wir nicht einrosten."

Enricos Antwort klang unwirsch. „Wir müßten etwas Neues probieren!"

„Aber wir können nichts verbesiern, Junge!"

„Gibt es Perchenummern, die höher arbeiten als wir?"

Santuzza iiberldgte einen Augenblick, dann fand sie: „Die Brüder Kühn aus Leipzig haben, glaube ich, eine Zwöljmeterstange, und die Jahns in Amerika, ebenfalls Deutsche, arbeiten wohl ebenso hoch. Sonst wüßte ich nicht."

„Also dann sollten wir ebenfalls zwölf Meter pro­bieren!" stieß Enrico heftig heraus. „Wir müßten die beste Perchenummer der Welt werden!" Er trommelte nervös auf den Tisch, an dem er saß sprang dann aus, lief aus dem Wagen.

Die Mutter sah ihm kopfschüttelnd nach. Was war in den Jungen gefahren? Er brannte vor Ehrgeiz, er setzte sich Verrücktheiten in den Kops' Denn niemals könnte seine Mutter als Untermann zwei Partner auf einer Zwölfmeter­stange balancieren . . Zum erstenmal in ihrem Leben er­schrak Santuzza vor der Gefährlichkeit eines Tricks. Nein, sie würde sich glatt weigern, mit Enrico und Iwan auf zwölf Meter Höhe zu probieren — das konnte sie einfach nicht!

Enrico kam in den nächsten Tagen nicht wieder auf seinen Vorschlag zurück. Aber Santuzza spürte, wie es in ihm arbeitete wie er daraus wartete, daß sie doch zustimmte, wi> er aus die neue, größere Arbeit brannte. Noch nie hatte

es zwischen Mutter und Sohn eine Spannung gegeben, jetzt war sie da.

Je stiller Frau Sanruzza wurde, desto aufgeregter rourb* Enrico. Ehrgeiz und wohl noch irgendeine andere^Trieb« kraft, der Mutter noch unbekannt, machten den Jüngling unruhig, unbändig, unzufrieden, unduldsam gegen seine Um­gebung: und eines Tages kriegte er seinen ersten Streit mit dem Vater. Durch den Geschäftsführer des Zirkus Truzzi, der immer vorausreifte, um die Gastspiele an den einzelnen Orten vorzubereiten, erfuhr Umberto Rastelli, daß in einigen hundert Kilometer Entfernung Jim mit seinem, das heißt dem Rastelli abgeschwindelten Zirkus gute Geschäfte mache; und das erzählte er beim Mittagessen seinen Leuten. Seine Stimme hatte, dabei einen wehmütigen Klang, und Frau Santuzza blickte traurig vor sich hin, während Iwan bei sich dachte, ob es das Pony Siddi bei seinem neuen Herrn wohl gut habe ...

Mitten in diese Bedrücktheit hinein schlug Enrico plötz­lich hart mit der Faust auf den Tisch: „Und das Ganze hätten wir uns ersparen können'"

Sechs Augen blickten ihn fragenv

„Wenn du nicht unfern Zirkus verkauft hättest!" fuhr Enrico den Vater an

„Willst du mir Vorschriften machen?" brauste Um­berto auf.

„Nein! Aber Vorwürfe!" brüllte der Sohn. „Du hast dich übertölpeln lasten!"

„Enrico!" schrie Santuzza auf. .

Und in demselben Augenblick klatschte auch schon die Suppenschüstel, von Umbertos kräftigen Fäusten geschleudert, gegen die Wand; aber Enrico war schon zur Wagentür hinaus.

Es war glücklicherweise der letzte Tag in dieser Stadt, so daß die Rastellis in der Aufregung und Hast der Abschieds­vorstellung, des Abbaues und der Abreise nicht mehr zur Fortsetzung ihrer Streitigkeiten kamen. Im Sonderzug fielen alle nach der anstrengenden Arbeit sofort in tiefen Schlaf, und in der nächsten Stadt — Pensa — mutzten sie gleich wieder mit ganzer Kraft an den Aufbau gehen. Mit ver- bistenen Mienen arbeiteten Vater und Sohn nebeneinander.

Am Spätnachmittag, als Santuzza mit ihrem Mann im Wohnwagen allein war — die Jungen packten in der Garde­robe di« Kostüme aus —. meinte sie: „Ich habe Enrico heute den ganzen Tag beobachtet und den Grund seiner Verände­rung herausbefommen: Er ist verliebt, bis über die Ohren, in die kleine Stella Clarot. Er hat überhaupt nur noch Augen für das Mädchen, er ist aufgeregt, wenn sie nicht da ist, und noch aufgeregter, wenn sie erscheint!"

„Eine nette Liebe, die sich als Hatz gegen die (Eltern äußert!" brummte Umberto.

(Fortfetzung folgt.)

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