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Dienstag. 13. April 1941

Wiesbadener Tagblatt

Zweites Blatt Nr. 87

Das Wunder der Awwyw&twt c8ySMw

Der Lebensroman Rastellis von A. H. KOBER

20. Fortsetzung (Nachdruck verboten)

Umberto, der im komisch zerknitterten Frackanzug auf seinem Pferde stand und beim Jonglieren scheinbar unge­schickt zuerst alle Gegenstände fallen lieh, um ste dann zuletzt wielend leicht zu sangen, erntete starken Applaus. Frau Santuzza, ihre beiden Partner mit lächelnder Eleganz auf der Zehnmeterstange balancierend, wurde von gewaltigen Beifallsstürmen überbraust. Selbst die Artisten an der Barriere klatschten mit, und Direktor Truzzi rückte seinen Zylinder nach der linken Seite, was seine Hochachtung be­deutete.

„Ihr seid heute aber auch besonders schneidig heran- aegangen!" lobte Santuzza ihre beiden Jungen, als sie end­lich — achtmal mutzten sie sich verneigen — hinter der Gardine waren. Iwan strahlte, Enrico lächelte nur kurz auf und eilte gleich in die Garderobe.

So blieb es auch in den folgenden Vorstellungen. „Einen Arzt für unser» Enrico brauchen wir nicht mehr", meinte Umberto zu seiner Frau. „Der Junge ist jetzt straff und stark in der Arbeit; ich habe den Eindruck, er gibt sich redlich Mühe, und wenn er sich weiter so hält, will ich ihn belohnen und ihm ein Taschengeld geben. Was meinst du?"

Santuzza nickte „Er ist achtzehn Jahre alt — und vier Monate", sagte sie halblaut mit ihrer dunklen Stimme, und ihre braunen Augen sahen mit einem leisen Anflug von Ängst zu Umberto hin

„Hast recht, Santuzza",. sagte er, ohne sie anzublicken. „Aus Kindern werden Leute. Man mutz ihn merken kaffen, daß seine Arbeit ihm etwas einbringt."

SantMa aber hatte an etwas anderes gedacht, als sie Enricos Alter nannte. Enrico und auch Iwan wurden älter, größer und schwerer. Sie spürte das, wenn ste die beiden auf den Stangen balancierte! Jetzt zwang sie die Last ja noch, mit ihren vierzig Jahren war ste im Besitz ihrer vollen Kraft; aber wenn diese Kraft einst nachließ, wenn sie, keine Athletin von Natur, die drei Zentner nicht mehr tragen könnte, wenn sie die Perchenummer aufgeben müßte — was sollte dann aus Enrico werden? Schon oft hatte sie sich vorgenommen, diese Frage mit ihrem Mann zu be­sprechen. Aber sie brachte es nicht über sich, sie hatte, wie die meisten Artisten, eine Scheu, auch nur die Möglichkeit des Nachlaffens ihrer Kraft auszusprechen.

Ende März brach Zirkus Truzzi zu seiner Sommerfahrt auf, die ihn von Moskau über Tula, Pensa, Samara — fast zweitausend Kilometer an der Sibirischen Bahn entlang — bis nach Orenburg führen sollte. Direktor Truzzi hatte ein neues Spielzelt, das in der Frühlingssonne schneeweiß leuch­tete;, und alle seine Wagen hatte er ziegelrot anstreichen lasten, so daß der Zirkusplatz, umsäumt von- Masten mit bunten Fahnen und Wimpeln, jedesmal ein lustiges, locken­des Bild bot. Die Geschäfte gingen gut, eine Vergnugungs- welle schien über Rußland gekommen zu sein, es war Geld unter den Leuten, und sie netzen es rollen. Im Gouverne­ment Rjasan, das der Zirkus jetzt durchreiste, wohnten viele wohlhabende Bauern, die insbesondere durch ihre Pferde­zucht in ganz Rutzland berühmt waren, und da Truzzi in seinem Marstall ausgesucht schöne Pferde hatte, war sein Erfolg in dieser Gegend außergewöhnlich groß.

Die Pferde des Zirkus Truzzi führte Monsieur Clarot vor. Er hatte sich verändert, seitdem die Rastellis mit ihm im Zirkus Sidoli zusammengewesen waren. Der Achtund­vierzigjährige war jetzt nicht mehr von fülliger Dicke, sondern schwammig, sein Haar war weiß gesprenkelt, sein Gesicht faltig, in einem schlampigen alten Anzug lief er tagsüber umher. Abends in der Vorstellung allerdings wirkte er tadellos, elegant wie ein Chevalier; fein Haar hatte er dann

Sberweiß gepudert, sein Gesicht angebräunt, sein Frackanzug ß ausgezeichnet, feine Haltung, seine Bewegungen waren von souveräner Sicherheit. Sobald er hinter der Gardine die Peitsche weggeworfen hatte, war er wieder der ver­bitterte Mann, der darunter litt — namentlich in dieser Pserdegegend —, daß er keine eigenen Pferde mehr besaß, daß er im Zirkus Truzzi nur ein einfacher Dresteur war, nicht einmal Oberregisteur.

Umberto Rastelli hatte seinen Leuten von Clarots lln- el erzählt. Als er ihn zum erstenmal auf dem Zirkushof , ging er auf ihn zu, gab ihm die Hand: „Grüß' Gott, Clarot! Deine Pferde stnd brillant! Mein Kompliment!"

„Grüß' Gott, Rastelli! Eure Arbeit ist exzellent. Alle Hochachtung!" erwiderte der Belgier; und von da an grüßten sie sich im Vorbeigehen durch kurzes Kopfnicken.

Santuzza, Enrico und Iwan grüßten Clarot stets besonders höflich. Er antwortete knapp und ärgerlich. Die hatten wohl Mitleid mit ihm? Nun, das brauchte er nicht!

2m Programm lagen die Clarots und die Rastellis dicht beieinander. Wenn dre englische Reitertruppe ihren Jockei­akt geritten hatte, kam Clarot mit den Freiheitspferden in die Manege. Er führte einen Sechzehnerzug von tempera­mentvollen Rappen vor, dann zehn Porzellanschecken, die sich zu mannigfachen Gruppen verschlangen, und zuletzt ein Potpourri von steigenden und tanzenden weitzgeborenon Arabern und ungarischen Füchsen.

(Fortsetzung folgt.)

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