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Wiesbadener Tagblatt

Dienstag, 8. April 1941

Zweites Blatt Nr. 83

Das Wunder der

Der Lebensroman R a s * e 11 i s von A. H. KOBER

16. Fortsetzung (Nachdruck verboten)

Frau Santuzza lächelte hinter ihm her. Nein, da war ihr Mann auf falscher Fährte. Mit Nedda hatte Enrico ficher nichts. Lie war so gut wie verlobt mit ihrem Partner: und das war ein feuriger, eifersüchtiger Bursche, der einen Nebenbuhler bald krumm und lahm geschlagen hätte. Nein, Enricos Wandlung mutzte eine andere Ursache haben als die hübsche kleine Italienerin.

Inzwischen satz Umberto mit seinem Sohn unter der Sitz­einrichtung im Zirkuszelt. Enrico hatte nichts Gutes geahnt, als der Vater ihn aus dem Stall, wo er gerade das Pony Siddi besorgt hatte, abrief Aber dann hatte der Alte wider Erwarten ganz freundlich begonnen: „Was treibst du eigent­lich so den ganzen Tag, wenn du nicht unter meinen Äugen arbeitest?"

.. „Aber es gibt doch immerfort zu tun, Vater —“

„Also wir wollen uns nichts vormachen, mein Jung«! Natürlich jonglierst du immer noch heimlich."

„Nein, Vater! Bestimmt nicht!" Das stietz Enrico so spontan heraus, dah Umberto die Richtigkeit nicht bezwei­felte. Aber er war sehr erstaunt.

„Merkwürdig!" sagte er schlietzlich. jedenfalls hätte ich gerade jetzt gern gesehen, was du eigentlich kannst. Salerno hat mir nämlich gesagt, dah du ihm einmal oorge- arbeitet hast, und da will ich natürlich nicht zurllckstehen . . . Geh und hol schnell deine Requisiten! Hinten im Hof, hinter der Leinwand, wo ich immer mit den Pferden probiere, will ich mir deine Jonglierarbeit ansehen!"

An dem Gesicht seines Sohnes sah Umberto, datz es richtig gewesen war, ihn zuerst ganz milde anzufasfen. Es leuchtete in Enricos Augen von efner tiefen, ganz aufrich­tigen Dankbarkeit. Schnell entfernte er sich.

Als Vater Rastelli an die verabredete Stelle kam. war Enrico schon da. Er hatte sein Hemd oben eingeschlagen, so datz der Nacken frei war, sonst aber gar keine Vorbereitungen getroffen, hielt drei Bälle und ein Stäbchen in den Händen und sah den Vater fragend an.

„Los!" kommandierte der — und in demselben Augen­blick waren auch schon drei Bälle in der Luft, von der rechten Hand in hohem Bogen zur linken schwebend, ganz gleich-

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die Haut wirksam zu schützen. Mit Nivea gepflegte Haut bleibt glatt, weich und geschmeidig.

mäßig, wie Taktteile einer Melodie, dann wechselnd von links nach rechts, dann mit einem Ruck umspringend in ein Scherzo, bei dem zwischen zwei niedersinkenden Bällen der dritte immer int die Höhe tanzte, dann plötzlich aus dem Stäbchen hüpfend, das Enrico blitzschnell in den Mund ge­steckt hatte, während er das linke Bein rückwärts gestreckt hochnahm und die anderen beiden Bälle auf den Finger­spitzen der ausgebreitelen Arme drehen lietz . .

Eine ganze Serie solcher Tricks arbeitete Enrico gleich hintereinander, ohne Pause herunter! Der Vater sah es mit wachsendem Staunen. Salerno hatte recht: Hier war etwas Außergewöhnliches. Dieser Junge fing mit den Tricks an, mit denen die meisten Jongleure aufhörten, und ein drücken­des Gefühl, Trauer oder Neid oder Enttäuschung, eine weh­tuende Bewußtheit wurde in Umberto Rastelli wach: Er hatte diese Tricks nie gezwungen!

Enrico, jetzt eine Pause machend, deutete des Vaters düstere Miene falsch „Die richtigen Tricks kommen jetzt erst, Vater", sagte er entschuldigend.

Umberto winkte: Weiter!

Enrico begann seine zweite Serie mit dem Werfen und Fangen von vier Bällen

Als er aber den fünften dazwischenwerfen wollte, patzte er im Tempo, und der ganze Kreislauf siel zusammen.

„Fünf Bälle! Sehr schwierig!" ermunterte Umberto.

Enrico bot jetzt fin völlig anderes Bild wie eben noch. Seine ruhige, freie Haltung, die lächelnde Selbstverständlich­keit seines Spiels waren verschwunden, hastig waren seine Bewegungen, gequält seine Haltung, krampfhaft seine Kraft­anstrengung, verknifsen sein Gesicht: und immer, mit jedem Trick, jedem Versuch steigerte sich dieser Zustand, wuchs die Unsicherheit der Hände, verhärteten sich die Gelenke . . .

Der Vater erschrak. Was war mit dem Jungen? Hatte er sich überanstrengt? „Enrico!" rief der Vater ihn an.

Und da hatte Enrico schon die Bälle abfallen lassen —. einen — zwei — drei — warf den vierten, den fünften hinterher, schleuderte das Stäbchen von sich —

„Ich kann nicht mehr — kann nicht mehr!" ächzte er und stürzte davon.

Umberto Rastelli hob die Requisiten auf, um sie in seinen Wagen mitzunehmen. Er schüttelte den Kopf. So etwas von Ehrgeiz, Empfindlichkeit, Wut über Mißlingen hatte er noch nicht erlebt! Daß ein junger Mensch so die Nerven ver­lor, nur weil ihm ein schwerer Trick nicht gleich gelingen wollte!

Umberto stellte sich in den Zirkushof, trillerte auf seiner Kommandopfeife und rief: „Fertigmachen zum Umzug!"

Im Handumdrehen waren Wagen und Pferde zur 'Stelle, aus Wagen und Zelten kamen Männer und Frauen des Zirkus in ihren vorgeschriebenen Kostümen, die Musiker be­stiegen den Plattenwagen, die übrigen verteilten sich auf die angewiesenen Plätze. Auch Enrico Rastelli — in der Gala­uniform eines Dieners — war erschienen, schwang sich, getreu' seiner Dienstordnung, auf den ersten Wagen. Der Direktor hielt eine kurze, aber gründliche Musterung ab, dann bestieg er sein Pferd, setzte sich an die Spitze des Zuges, gab der Musik das Zeichen zum Einsatz.

Enrico rief auch heute in den Ortschaften richtig seinen Spruch aus, machte die Gesten, die Scherze, die ihm sein Vater für diesen Zweck beigebracht hatte, lächelte und lachte nach Vorschrift. Aber wenn er im Ruhestand war, dachte er an sein schreckliches Erlebnis vorhin beim Jonglieren vor dem Vater. Zuerst war alles ganz glatt und gut gegangen; aber mit einem Male — bei der zweiten, schwierigeren Serie — tauchte Großvater Diddis Bild neben ihm auf! Er sah beständig den todkranken alten Mann im Bett liegen — es legte sich schwer auf seine Hände, in seine Gelenke — die Bälle klebten zäh an (einen Fingern — er spürte schmerzhaft jeden Muskel und eine entsetzliche, drückende, erstickende Schwere in seinem Kopf Seine Schuld war das gewiß, seine Schuld an Großvaters Tod . . . Nein! Enrico konnte nicht mehr jonglieren! Der Vater hatte es ihm erlaubt, aber da war die Schuld — die Schuld! Sie erstickte, lähmte jede Freude, jede Bewegung, jeden Wurf und Fang. Wie glühendes Eisen warf er die Bälle, die Stäbe weg, weit von sich . . Das Spiel war aus, nie wieder könnte Enrico Rastelli jonglieren!

„Sobald wir in eine große Stadt kommen", sagte Frau Santuzza zu ihrem Mann. ..müssen wir Enrico von einem tüchtigen Arzt untersuchen lassen. Der Junge ist nicht gesund. Ich habe das Gefühl, er könnte uns wegschwinden." Aus ihren braunen Augen flackerte bei diesen Worten die große mütterliche Angst. '

Direktor Rastelli nickte. Auch ihm wurde die Sache mit Enrico allmählich unheimlich.

In seiner Arbeit — mit der Mutter und Iwan — war er tadellos. Auch „an der,Barriere", das heißt wenn er als Diener sich betätigen mutzt^, war nichts an seiner Arbeit zu bemängeln. Aber diese seltsame bedrückende, stille und bleiche Ruhe, mit der er hinter den Kulissen umherschlich!

„Die kleine Nedda ist es also nicht. Meine Abneigung gegen sein Jonglieren ist es auch nicht", meinte Vater Umberto. „Was, zum Teufel, kann es also sein?"

Doch es kamen bald andere, schwerere Sorgen über den Direktor. Die nächste Stadt schon — Kosmodemjansk an der Wolga wurde ein böser Versager für den Zirkus. Diese kleine Stadt lebte vom Verkauf des Holzes, das hier in rie­sigen Mengen angeflößt wurde. Aber in diesem Juli 1914 stockte der Handel, es war fein Geld unter den Leuten. Viele junge Männer waren zum Militär eingezogen. Die Serben hatten den österreichischen Thronfolger tötgeschossen, man sprach von einem bevorstehenden Krieg zwischen Österreich und Serbien und Rußland und Deutschland. Kein Mensch hatte Lust, in einen Zirkus zu gehen. Drei Tage spielte Rastelli vor leerem hause. Hier nützte kein Umzug. Was war zu tun?

(Fortsetzung folgt.)

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