«ette 10 Nr. 44
Wiesbadener Tagblatt
Freitag, 21. Februar 1941
Skandal im Rataplan
Montmartre 1939
ROMAN VON PETER SACHSE
28. Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
xxn.
Anglo-French Club
Der Whisky-Umsatz im Anglo-French Club hatte sich in den letzten zwei Wochen verdoppelt.
Man konnte es nicht anders ausdrücken: die Gentlemen soffen fürchterlich
Sie hatten die evakuierungsbedürstigcn Frauen und Kinder auf ihre Schlösser nach Schottland oder zu den Schwiegereltern in die Grafschaften geschickt. Dafür kosteten die Herren der City die Reize unvorhergesehenen Strohwitwertums aus wie eine zweite Jugend.
Waleffe hatte ein paar der jüngeren Herren der französischen Botschaft zum Esten gebeten. Sein zähes Rostbeaf ließ er zur Hälfte stehen: sein Koch, den er einmal dem Klub abgetreten hatte, hatte verzweifelt um Rückversetzung nach Paris gebeten. Seine Nase war von den ewig gleichen Wünschen der Mitglieder aus Seezunge und Hammel beleidigt.
„Ist nun klar, wieviel Truppen die Engländer uns schicken?" wollte Waleffe wisien.
„In einem Jahr können wir mit einer Million rechnen", sagte der Adjutant des französischen Militärattaches.
„So viel?"
„Das ist doch einer ihrer Kriegsgründe: sie müsien eine Million Arbeitslose los werden. Weil sie sie nicht beschäftigen können, wollen sie sie erschießen lassen", sagte der Franzose zynisch.
Man sah auch Uniformen im Klub — am meisten vor der Tafel mit den Reuter-Depeschen.
Leutnant Jonny Perkins, Sohn des großen Unterwäschekonzerns, Filialen in allen Hauptstraßen, klapste seinem
Schulfreund Mac Skinner, Sprößlina des großen Schuhhauses Lilley and Skinner, das der Territorialarmee die Stiefel lieferte und deshalb nicht umhin konnte, einen Zweig der Familie in den National Service zu entsenden, auf die Schulter: „Mac, deine Wette ist verloren! Los, an die Bar!"
Mac hatte Stein und Bein geschworen, daß sie bis zum 21. August abends 10 Uhr hier an der Depeschentafel des Anglo-French Clubs den Abschluß des russisch-französisch- englischen Paktes lesen würden, worauf er am nächsten Tage wieder die Uniform mit dem Tennishemd tauschen würde.
So wahr der Sekretär von Mister Strang sein Vetter sei! Da schlug es zehn.
Der Klubdiener heftete neue Depeschen an. Sie stimmten Mac Skinner nicht heiterer: zwischen Mister Strang und dem Außenkommissar Molotow sind für morgen keine neuen Besprechungen angesetzt . . .
Damned! Er folgte dem Leutnant Perkins in die Bar. Die Wett« wurde in Whisky pur ausgetragen.
„Werden denn die Engländer genug Uniformen haben?" fragte Waleffe.
„Die müssen die Polen besorgen!"
„Die Polen?"
„Natürlich. Die holen sie sich von den Deutschen."
Waleffe hatte das Gefühl, der Offizier mache sich über ihn lustig. Er war froh, als die jungen Herren sich verabschiedeten. Sie hätten noch viel Arbeit auf der Botschaft.
Waleffe wurde wieder nervös. Würden die Diamantenkönige kommen?
Aber auf den „Leuchtturm" konnte er sich verlasien. Wenn ein neues Geschäft mit neuen Prozenten am Himmel schimmerte, ging er ins Zeug.
Der „Leuchtturm" hatte tatsächlich drei wirkliche Häupter des Syndikats zusammengetrommelt.
. Morris holte Waleffe in das hintere Konferenzzimmer, hinter dessen dickgepolsterten Türen ihm der „Leuchtturm" präsentierte:
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siebzig, hager, Monokel int Auge, zu steis, um viel zu reden, sein Reichtum sprach für ihn.
. zweitens Oliver Jameson, Sohn des „Raid" Samt» son, welcher der Pionier des Burenkrieges durch seinen heimlich mit dem alten Chamberlain verabredeten Einfall in Transvaal gewesen war, Erbe des väterlichen Riesenver. mögens, temperamentgeladen wie sein Erzeuger, desien Vermögen er längst vertan hätte, wenn es nicht die Weisheit des alten Jameson in einer Stiftung festgelegt hätte, von der Oliver nur den Zinsqenutz hatte. Was ihm im Jahre immer noch eine Million Pfund erbrachte. Oliver brauchte sie bis zum letzten Penny. Teils steckte er das Geld m seine Pferde — seit dreißig Jahren wollte er das Derby gewinnen — teils „arbeitete" das Geld in den Theatern des Revuekönigs Cochran, der manchmal sogar eine glückliche Hand hatte.
. . . drittens war erschienen Dr. Finlay, der bestbezahlte Notar Londons, der täglich nur eine halbe Stunde in seiner finstern Kanzlei in einer Seitenstraße am Trafalgar Square erschien, um Millionenverträge zu beglaubigen. Er galt als der vorsichtigste Jurist der Ctty.
Dr. Finlay stellte seine Gasmaske vor sich hin auf den Klubtisch.
Man kannte sich flüchtig schon von früheren kurzen Be- gegnungen, und der .Leuchtturm" hatte das Feld gut geebnet.
lFortsetzung folgt.)
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