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Seite 10 Nr. 293

Wiesbadener Tagblatt

Donnerstag, 12. Dezember 1940

Bergführer <5wi' macht sein Glück

Roman von Fritzi Ertler

26. Fortsetzung (Nachdruck verboten)

Ich weiß ja, daß er mit den Genügen nicht gerade gut steht, aber er hätte doch bei mir vorbeikommen können. Wenn ich nur die Angst loskriegen könnte, wegen dem Hans! Wenn ich mit dem remgefallen bin, der heiratet mich nicht und der sorgt auch nicht für sein Kind —!“

„Kann ich ein Zimmer bekommen?"

Vroni fuhr herum. Was war denn jetzt das für ein East? Ein himmellanger Mensch, elegant gekleidet, ein Monokel im Äuge und einen Ausdruck im Blick, daß es Vroni kalt über den Rücken lief. Dann riß sie sich zusammen. „Freilich können Sie ein Zimmer bekommen", sagte sie zuvor­kommend, und trat an dem Fremden vorbei in den Flur des Gasthauses.

Weshalb starrte sie dieser sonderbare Mensch nur so an? Sie holte den Schlüssel zu einem Zimmer im ersten Stock­werk. Eine fiebernde Unruhe lag ihr im Blut.

Es waren erst wenige Fremde dieses Jahres in der Eng eingekehrt. Der Wirt blickte neugierig auf den angekom­menen East, der so wenig in die Umgebung der rauhen Berge paßte. Warum war der Fremde zu Fuß gekommen, warum hatte er keinen Wagen von der Hinterriß aus ge­nommen! Der Mann schien doch Geld zu haben, er sah wenigstens nicht aus, als ob er knausern müßte.

Rolf Martens wurde der forschende Blick des Wirtes unangenehm. Er mußte die Angelegenheit, hinter der er jetzt schon seit Wacken wie ein Spurhund her war, erledigen. Dann wollte er sofort die Eng wieder verlassen. Vange Stunden war er unterwegs gewesen. Was ein Mensch leisten konnte wenn er vom Haß getrieben wurde! Der verwöhnte Rolf Martens war in Vorderriß aus dem Postauto gestiegen, hatte sich dort unauffällig nach den Wegverhältnissen zur Hinterriß und zur Eng erkundigt und auch so nebenbei ge­

fragt, ob denn in der Hinterriß noch immer ein Bergführer mit dem Namen Hochreiter sei. Vereitwilliast war ihm <lhi5= tunft gegeben worden und er wußte jetzt, daß Hochreiter nach ivie vor in der Hinterriß arbeitete, über das Verhältnis des Hochreiters zu der hübschen Kassierin Vroni Ramme! hatte ihm seine Äuskunft ziemlich genauen Bescheid gegeben. Es war anzunehmen, daß Hochreiter das Mädel betraten würde, wenn er das Geld dazu hatte. Rolj Martens war trotz seines Riesenvermügens sehr sparsam. Aber hier galt cs, Gertraud Ringer, an die er nicht mehr denken konnte, ohne in sinnlose Wut zu geraten, eine empfindliche Wunde zu schlagen. Zu diesem Zweck war für ihn kein gesdlichev

<Et mar ?eljr unruhig, der lange Martens, der so tapfer sein konnte, wenn es sich um wehrlose Menschen handelte. Mit diesem Hochreiter war nicht.zu spaßen. Der durfte ihn hier nicht sehen, sonst wurden alle seine Pläne zunichte. Hoch­reiter war nicht nur geschätzt wegen seiner Tüchtigkeit als Führer, man schätzte ihn auch als einen klugen Menschen, jn der Vorderriß war Martens erzählt worden, daß Toni diesen Winter wenig zu sehen gewesen wäre. Immer sei er über großen, dicken Büchern gehockt. Auch erfuhr Martens, daß Hochreiter gelernter Schlößer und Feinmechaniker war. Es würde Hochreiter sicher daran liegen, wieder int seinem ge­lernten Handwerk tätig sein zu können. Startens wußte, dag das Eisen für den, der erst einmal mit ihm umzugehen ge­wohnt war, eine magnetische Gewalt hatte. Es zog ihn immer wieder zurück in die Werkstatt und an den Amboß.

Wenn Gertraud den Hochreiter zum Svielzeug einiger Ferienwochen benützt hatte, dann war sie bei diesem Burschen für immer erledigt.

Ruhig überlegte Startens und ließ sich die vergangenen

Titelsucht

Der berühmte Prediger Abraham a Santa Clara eiferte einst gegen die Titellucht und schloß seine* Vortrag folgendermaßen: „Stan hat vor Jahren etliche ungcteimte Überschriften auf der Wienerischen Hauptpost ausgezeichnet und gefunden, daß man sogar einem Besenbinder den Titel Wohledelgeboren gegeben. Die Prädikate wachsen der­gestalt, daß. wer nur Hans Hader heißt, sich gleich muß von Lumpenbofen nennen.“

Wochen durch den Kopf gehen. Gertraud war von früh bis nacht in der Fabrik tätig, aber sie hatte Halter fast alle die Rechte in die Hand gegeben, die einst der alte Kinger besessen hatte. Einige seiner besten Arbeiter hatten in der Fabrik Startens gekündigt und waren zur Fabrik Ringer gegangen. Auch der Rennfahrer Rauscher gefiel ihm nicht mehr recht. Er war bei der letzten Unterredung, die Startens mit ihm geführt hatte, sehr kurz und abweisend zu Martens gewesen. Nicht der gute Wagen allein konnte den Namen schaffen, auch der entsprechende Fahrer war nötig. Wenn Startens ben Rauscher verlor, war keiner da, der aus den Wagen Star­tens die Rekorde holte, die Rauscher erzielt hatte; wohl aber bestand die Möglichkeit, daß Rauscher mit den Wagen der Fabrik Ringer ganz andere Zeiten erreichen konnte, als ste mit diesen Wagen bisher erzielt worden waren.

Startens kannte Gertraud feit ihrer Kindheit. Die Frau war seit dem Aufenthalt in den Hochbergen vollkommen ver­ändert. Hier mußte ganz Schwerwiegendes vorgefallen fein. Was fragt die Seele der Menschen nach Standesdünkel und gesellschaftlichen Rücksichten? Die sonst so kühle, beherrschte Gertraud Ringer schien einem lodernden Feuer zu nahe ge­kommen zu fein, an dem sie sich verbrannt hatte. Darum mußte dieser Hochreiter unschädlich gemacht werden. Wenn er erst für Gertraud verloren war, dann hatte ihr stolzes Seelenleben einen Schaden. Dann war auch ihre Anteil- nähme für die Fabrik und alles, was drum und dran war, vorbei. Startens lächelte zynisch. Er kannte doch die Werber! Sie waren alle gleich. Die scheinbare Tatkraft Gertrauds war nur Liebe zu dem Manne. Vorläufig würde Gertraud dem Karwendcl ja noch fernbleiben, aber es kamen wieder Sommer und mit ihnen die Erinnerung und das Sehnen. Gertraud hatte jetzt keinem Stenschen auf der Welt mehr Rechenschaft zu geben. Sie wollte bestimmt dem stolzen Naturburschen, vor dem sie geflohen war, einen großen Be­trieb zu Füßen legen, um ihn zu versöhnen. Verliebte Weiber waren ja zu allem fähig. Dieser Oberingenieur Halter war ein Karr1 er ging förmlich auf für die Fabrik Ringer und hatte die versteckten Anspielungen von Startens, in seine Werke überzutreten, verächtlich zurückgewiesen.

(Fortsetzung folgt.)

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