Donnerstag, 14. November 1940
Wiesbadener Tagblatt
Nr. 269 Seite 7
Bergführer macht sein Glück
Roman von Fritzi Ertler
2. Fortsetzung (Nachdruck verboten)
Gertraud hatte ihr Nachtmahck gegessen und ein paar Gläser des vorzüglichen Tiroler Weines getrunken. Jetzt sag sie beobachtend allein etwas abseits, während Toni mit den Gästen plauderte. Der Wirt kam in die Stube mit einer Harfe und schob diese Toni zwischen die Knie. Der Bursche griff in die Saiten. Dann sing das Instrument unter seinen Händen an zu lachen und zu weinen, übersprudelnde Freude jauchzte aus den Saiten und löste sich wieder zu wehmütiger Weichheit. Tiroler Ländler und bekannte Straußwalzer lebten auf unter den Fingern des Burschen, so daß die Bergsteiger bald ihre eigenen Mädels, aber auch Broni übermütig im Kreise drehten. Gertraud sah, wie Broni über den Arm ihres Tänzers hinweg den Blick oes Bergführers suchte, sah das heiße Licht in den Augen des Mädels und preßte die Lippen fest aufeinander.
Sie hatte vorgehabt, in der Eng einige Wochen zu bleiben und von hier aus Wanderungen zu machen, aber jetzt griff sie plötzlich nach dem Reiseführer, der vor ihr auf dem Tische lag, und blätterte angelegentlich in dem kleinen Buch. „Herr Hochreiter, einen Augenblick, bitte!" rief ste dann hinüber nach dem Tische, an dem Toni saß.
Tckri erhob sich langsam. „Ja", fragte er gedehnt.
„Ich möchte in den nächsten Wochen Tirol und die Berge hier kennenlernen", begann Gertraud mit ruhiger Sachlichkeit, „und ich brauche dazu einen Führer, da ich ja völlig bergungewohnt und auch bergfremd bin. Wäre es Ihnen möglich, mich bis Mitte oder Ende August zu begleiten? Dann muß ich wieder zurück nach Berlin. Was Sie verlangen, spielt keine Rolle", setzte sie hinzu, als sie sah, daß Toni die Stirne kraus zog.
Toni überlegte. Ihn drängte es, dieser herrischen Frau jetzt „Nein" zu sagen. Aber der Sommer in den Hoch- bergen war kurz, der Herbst verweilte nur wenige Wochen und dann kam der lange Winter^ der bei mühevoller Arbeit nur wenig Verdienst äbwarf. Der Wirt würde ja keine Freude daran haben, wenn er gerade jetzt auf Wochen fort- aing, aber schließlich war Hochreiter in erster Linie Bergführer; der Wirt konnte ihm also hier nichts dreinreden. Und Ende August oder Anfang September kamen an sich erst die Bergsteiger, die gefährliche Hochturen unternahmen. Bis dahin war er ja wieoer zurück.
„Der Tag kostet zwanzig Schilling!" sagte er deshalb kurz.
„Gut", entgegnete Gertraud. „Dann wandern wir gleich morgen weiter."
Mit leichtem Unbehagen fühlte sie den stechenden Blick Bronis auf sich ruhen.
„Morgen muß ich erst das Pferd und den Wagen hinausfahren in die Rig". entgegnete Toni. „Aber ich komm mit dem Rad zurück!"
„Wann gehen wir morgen von hier weg?"
„Gegen drei Uhr nachmittags steigen wir auf zur Lamsenhutte! Haben Sie eine Ausrüstung dabei?" fragte er und musterte mißtrauisch ihr helles, elegantes Seidenkleid.
„Doch", entgegnete Gertraud, und in ihr war plötzlich eine Freude, wie heute nach dem Gewitter. „Ich habe mir in München alles gekauft, auch einen Rucksack habe ich bei mir und feste, genagelte Bergstiefel."
Und ihren Koffer?"
„Den laffe ich hier in der Eng liegen, bis wir wieder zurückkommen, das hat weiter nichts auf sich. Ich gehe jetzt zu Bett. Morgen brauche ich nicht geweckt zu werden", wandte sich Gertraud noch an Broni, die mit finsterem Gesicht auf sie und Hochreiter starrte.
Gertraud verließ die Stube.
„Hochreiter, das ist aber eine saubere Führung, da möcht ich auch Bergführer sein", scherzte der Wirt, mit einem boshaften Blick nach Broni.
Hochreiter lachte froh auf und griff wieder in die Saiten.
Gertraud horchte am geöffneten Fenster ihres Zimmers verträumt auf die weichen Klänge der Harfe, die aus der Stube zu ihr herauftönten. Grübelnd stand sie mach lange, als die Harfe schon verstummt war. Es schien ihr, als hätte sie leises, zärtliches Flüstern gehört. Angestrengt durchbohrten ihre Augen das Dunkel der Nacht, aber sie konnte nichts wahrnehmen, auch die vermeintlichen Stimmen schwiegen jetzt. Da warf ste stch mit einer zornigen Bewegung auf das Bett und schlief tief und traumlos, bis sie ein übermütiger Sonnenstrahl des taufrischen Bergmorgens weckte.
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Gertraud sprang vom Bett und dehnte wohlig den schlanken Körper. Dann lachte ste fröhlich. Sie war gestern eingeschlafen, ohne stch auszukleiden, und hatte doch die ganze Nacht herrlich geruht. Sie trat an das Fenster, das die Nacht über offen gestanden hatte. „Ist das eine Pracht!" rief sie bewundernd. Wie gestern während der Fahrt, so hörte ste auch heute aus der Ferne das melodische Läuten der Glocken des Almviehes. Wie steinerne Ungeheuer standen die Wände der Karwendelriefen in der hellen Morgensonne. Bergblümlein zitterten zwischen dem frischen Gras des Almbodens leicht im Wind, vereinzelt blökten Schafe, jubelnd stieg eine Lerche in den tiefblauen Äther.
„Diese Luft, dieser wunderbare Geruch!" Gertraud atmete in durstigen Zügen. Dann zog sie die Stirne kraus und sah mit komischem Entsetzen auf die niedere Waschschüssel mit dem Wasterkrug. „Das wird oben sicher noch primitiver", lachte ste. „Aber es muß eben genügen!" Sie öffnete den. großen Lederkofser und griff nach einem bunten Dirndlkleid und nach festen Haferlschuhen. „Was ich alles mitnehmen muß in die Berge, das wird mir mein gestrenger Führer schon sagen", meinte sie launig.
„Siehst du, Gertraud, gestern hast du zum ersten Male in deinem Leben einem anderen Willen gehorcht. Wenn die Männer hier in den Bergen auch Jo hart und unerbittlich sind, wie ihre Felsen, möchte ich keinen zum Feind haben!"
Sie griff nach Puder und Lippenstift und warf beides wieder fort. „Für wen denn eigentlich", meinte sie und machte eine übermütige Verbeugung gegen die Berge, welche in das kleine Zimmer guckten; „ihr macht 4uch ja meinetwegen auch nicht schön." Dann saß sie vor dem Gasthaus in der hellen Morgensonne und strich mit Behagen die goldgelbe Butter und den vorzüglichen Honig auf das Brot.
Diensteifrig bediente Broni den Gast, aber sie war doch nicht genug in die Künste der Verstellung eingeweiht. Auf ihrem hübschen Gesicht stand der Neid, mit dem ste immer wieder das Dirndlkleid Gertrauds betrachtete, so deutlich geschrieben, daß Gertraud ein Lachen nicht unterdrücken konnte. Gertraud wollte auch über Toni Hochreiter, mit dem ste doch jetzt lange Wochen zusammen sein würde, näheres erfahren und holte geschickt aus Broni heraus, was sie zu wißen wünschte.
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Broni erzählte ihr wichtig, daß sie und der Hochreiter Nachbarskinder — und beide m Bayern, in Bad Tölz, geboren seien. Auf der Schule war' Hochreiter immer der erste Schüler gewesen, und wäre die schwere Zeit des Krieges nicht gekommen, so hätte auch der alte Schlossermeister Hochreiter den talentterten Buben sicher studieren lasten. So aber mußte der Vater Tonis in den Krieg. Eine harte Zeit waren für den Buben die Kriegsjahre gewesen, denn er hatte viele Geschwister. Manchen Sommer ging der kräftige kleine Kerl nach Lenggries zu seinen Verwandten und half dort den Flößern bei ihrer schweren Arbeit. In der Werkstatt des Vaters erlernte er, als er schulfrei wurde, das Schlosterhandwerk und dann die Feinmechanik. Aber bald hielt es ihn nicht mehr zu Haufe. Er geriet mit seinen Brüdern fortwährend in Stteit. Da ging er wieder nach Lenggries. Doch auch im Flößergeschäffwurde es immer schlechter, und oft war Toni lange Monate arbeitslos. Da waren es die Berge, die der trotzige Bursche suchte. x
Er machte seine Prüfung als Bergführer und verdiente sich jetzt sein Brot, indem er Bergsteiger auf die Gipfel führte, oder aber beim Wirt der ^Hinterriß Arbeiten verrichtete, für die ein so stämmiges Mannsbild wie der Hochreiter notwendig war. „Der Witt mag ihn sehr gern", beendete Broni ihren Bericht, „weil er ein so guter Arbeiter isü"
Gertraud sah angelegentlich in ihren kleinen Spiegel. „Der Toni ist. wohl Ihr Bräuttgam?" fragte sie dann unvermittelt. (Fortsetzung folgt.)
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