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Samstag/Sonntag, 2./S. November 1940

Wiesbadener Tagblatt

Drittes Blatt Nr. 259

___zwischen zwei Welten

|J Roman von Ernst Grau

33. Fortsetzung (Nachdruck verboten)

Dazu vollführte die Leibwache des Meerkönigs einen Silben, grotesken Tanz, und die Passagiere, die in ihrer Mehrzahl ein solches Bild hier zum ersten Male sahen, stan­den in weitem Kreise herum, lachten und klatschten begeistert Beifall und hatten trotz der unbarmherzig heißen Sonnen« strahlen, fern von Alltag und Pflicht, ihre Helle Freude an der heiteren Maskerade.

Auch Dorothea gab sich mit allen Sinnen dem ausge­lassenen Frohsein der Stunde hin. Lustig stimmte sie in das immer wieder von neuem aufjauchzende Lachen der anderen ein und sah vergnügt herab auf den kleinen Andrea zu ihrer Seite, der mit großen, blanken Kinderaugen dem munteren Mummenschanz folgte und über jede neue Clownerie in lauten Jubel ausbrach.

Als die Feier dann aber zu Ende war und der Kreis der Zuschauer sich allmählich wieder verlief, war das Kind plötz­lich nicht mehr neben ihr.

Sekundenlang stand sie und blickte sich suchend um, aber Andrea war nicht zu sehen. Sie wurde unruhig und ging hin­über zu dem Spielplatz, wo sich die anderen Kinder inzwischen wieder eingefunden hatten, doch auch hier hatte man den Jungen noch nicht gesehen.

Von einem jähen Schreck überfallen, dachte Dorothea ean ein Unglück, denn es war noch nie vorgekommen, daß

ea eigene Wege ging. Alle Fröhlichkeit des Tages war im Augenblick dahin, ratlos und verstört suchte sie das ganze Deck ab, fragte hier und dort, aber nirgends fand sich eine Spur von ihm. Bei dem lebhaften Treiben der letzten Stun­den hatte niemand auf den Jungen geachtet.

Mit fliegendem Atem jagte sie die Treppe hinunter und den schmalen Korridor entlang zu ihrer Kabine. Gequält ver­harrte sie hier einige Augenblicke und lauschte. Aber nichts regte sich. Sie drückte auf die Klinke und blieb endlich mit einem tiefen, befreienden Aufatmen in der Tür stehen. Gott­lob, ihre Angst war umsonst gewesen.

Aber was sie nun hier sehen mußte, versetzte sie aufs neue in heftige Bestürzung. Der Kleine stand vor dem hohen An­kleidespiegel; er hatte sich die buntgestickte Tischdecke um die Schultern gelegt und versuchte nicht ohne Geschick, den gro­tesken Tanz von Neptuns Leibgardisten nachzuahmen. Und er war in dieses seltsame Vorb"ben so sehr verti-tt. daß er Dorotheas Eintreten in seinem Eifer vollkommen überhörte.

Endlich raffte sie sich auf.

„Andrea!"

Nun erst hielt er inne. Wie ein ertappter Dieb sah er schuldbewußt zu ihr auf. Das bekümmerte Gesicht der Frau, die dort in bet Tür lehnte, sagte ihm schnell, baß er hier etwas getan hatte, was ihr nicht zu gefallen schien. Hastig zog er die Bunte Decke von seinen Schultern und trug sie zum Tisch zurück.

Wortlos nahm sie ihm das Tuch aus der Hand und brachte es wieder in Ordnung.

„Was soll das, Andrea?" fragte sie ohne Härte und zog das Kind an sich, das noch immer wie ein armer Sünder vor ihr stand und beklommen ihren sorgenden Blick zu deuten suchte.

Aber der weiche, mütterliche Ton ihrer Frage drängte ihn ihr näher.

„Nicht böse sein, Tante Doris", bat er zutraulich, während ihm die hellen Tränen in den Augen standen. „Es

hat mir ja nur so gut gefallen. Und da ... da dachte ich eben... ich kann das ebenso gut wie die fremden Leute da oben ... es war doch auch so lustig, wie sie da herum- sprangen .. fügte er wie eine Entschuldigung hinzu.

Dorothea stand ratlos auf. Aber ihre Augen vermochten es nicht, sich von dem fragenden, bittenden Blick des Kindes zu lösen, das nicht wußte, wie es das Verhalten bet Tante verstehen sollte.

Nein, mein armer Bub, bachte sie bann, ich darf dir ge­wiß nicht böse fein; du selbst kannst ja nichts dafür, daß das Gauklerblut deiner Eltern wieder in deinem jungen Herzen lebendig wird. Wo gibt es denn Menschen, die sich einem solchen Erbe entziehen konnten?

„Komm nur, Andrea." Sie Beugte sich wieder zu ihm herab und nahm das feilte, schmale Knaberlgesicht in beide Hände, daß sie es ganz nahe vor sich hatte. „Ich hab' mich ja nur geängstigt, wetl du so plötzlich verschwunden warst. Das darfst du nie wieder tun, hörst du, Andrea?"

Er fühlte ihren Kuß auf seiner Stirn, der alle Sorge von ihm nahm. Nun war alles wieder gut, und eitel Sonnenschein strahlte aus seinen Kinderaugen.

„Nein, Tante", versprach er glücklich, „nie wieder." Er war nur froh, daß die Tante nicht mehr böse war.

„Und jetzt", sie nahm ihn bei der Hand, „jetzt gehen wir wieder hinauf. Die anderen Buben und Mädel warten schon auf dich."

3m Laufe der nächsten Tage schien der kleine Andrea den Vorfall wieder vergessen zu haben. Wie sollte sein unbe­schwertes Kindergemüt es auch verstehen, daß das Geschehen dieser Stunde richtunggebend für sein ganzes Leben sein würde. Aber in Schwester Dorothea war dieses Bild, das tanzende Kind vor dem Spiegel, unauslöschlich haften ge­blieben. Ihrem ganzen Herkommen nach mußte sie es als unnatürlich und unkindlich, ja geradezu als eine seelische Verunstaltung empfinden, daß in diesem jungen, zarten Menschenwesen schon so früh Triebe wach wurden, die auch den Rest seiner Kindheit überwuchern und vernichten würden

Denn was würde ihm bei einer solchen Veranlagung von seiner Jugend bleiben? Frühreif schon würde er zwischen den Erwachsenen in Tand und Flitter auf der Bühne stehen, der Beifall der Menge würde seine jungen Sinne Betören, und erst sehr viel später, erst wenn er einmal wie Earrick vergrämt und einsam auf sein Leben zurückblickte, würde die Erkenntnis über ihn kommen, daß er keine Jugend gehabt hatte, daß das Erbe der Eltern ihn um dieses höchste Glück aller Menschenkinder Betrogen hatte.

Ob Garrick wohl ahnte, ab er vielleicht früher schon ge­sehen hatte, was von den Eltern her in dem Jungen steckte? Ob er vielleicht in Erinnerung an die eigene Jugend gerade deshalb den Aufenthalt in Mittenwald immer wieder ver­längert hatte? Um dem Jungen wenigstens noch diese kargen Wochen einer unbekümmerten Kindheit zu schenken.

Die nächsten Tage verliefen ohne jeden weiteren Zwischenfall, aber die heitere, sorglose Unbeschwertheit wollte sich bei ihr nicht wieder einstellen. Immer wenn ihre Augen auf dem Kind ruhten, sah sie cs unten vor dem Spiegel stehen und dieses Bild lag wie ein kühler Reif über der gegenseitigen Zutraulichkeit, die sie bisher miteinander ver­bunden hatte.

Eine Woche darauf kam die Küste Südamerikas in Sicht. In kurzen Abständen wurden Pernambuco, Bahia, Rio de Janeiro angelaufen, die Reisegesellschaft schmolz von einem Hafen zum anderen immer mehr zusammen, und als der „General Osorio" dann am Kai der Darsena Norte von Buenos Aires festmachte, schlug endlich auch für Doris und ihren kleinen Pflegling die Abschiedsstunde. Unten an der

Landungsbrücke wartete schon Earrick und winkte ihnen zu. Seine hohe, Breite Gestalt war schon von weitem zu erkennen gewesen. Helle Freude strahlte aus seinem Gesicht.

„Mein Junge!"

Ungestüm hoB et Andrea zu sich empor und küßte ihn ein ums andere Mal. Auch das Kind hielt ihn mit seinen kleinen Armen fest umschlungen und drängte sich dicht an. ihn. Doris stand still und unbeoBachtet baneBen. Genau so hatte sie sich bieses Wiebersehen vorgestellt, mußte sie sich mit leisem Lächeln eingestehen.

Doch das währte nur Sekunden. Glückstrahlend wendete sich der Mann dann auch ihr zu. Den Jungen Behielt er dabei auf dem Arm.

„Sie Bringen mir meinen Jungen gesund wieder. HaBen Sie vielen herzlichen Dank Dorothea. Er reichte ihr die Hand und hielt die ihre mit warmem Druck fest. „Es klingt wohl ein wenig leer und Banal, aber ... ich finde im Augen- Blick nicht das rechte Wort... ich weiß nur, daß Sie mir eine große Freude gemacht HaBen."

NESTLE

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„Wenn Sie mir glauben, daß ich gern gekommen Bin, Herr Earrick", lachte sie und entzog ihm facht ihre Hand, „dann Bin ich schon zufrieden, dann Bedarf es keiner Worte und keines Dankes."

Wieder lagen feine hellen, klaren Augen mit festem Blick in den ihren Es war wie damals in Berlin. Aber dieser Earrick hier war heute offensichtlich ein anderer als jener, der damals von der Sorge um das kranke Kind vergrämt und unzugänglich vor ihr gestanden hatte. In seinem Blick lag heute ein frohes, sonniges Leuchten, bas sie verwirrte, bas sie ängstlich unb unruhig machte und sie heftig wünschen ließ, die nächste Stunde mit ihren unvermeidlichen Fragen unb Antworten wäre schon überstanden.

Pramminger und Rohwedder fielen ihr wieder ein. Ich komme wieder, ich hab's denen da drüben ja fest versprochen, dachte sie und klammerte sich an diesen Gedanken fest, als suche sie einen Halt, um sicher zu stehen. Der Junge braucht mich ja jetzt nicht mehr, er wird allein den Weg finden unb gehen, ben sein Blut ihm weisen wirb. Aber auch der andere, auch Earrick wird mich bann nicht mehr brauchen. Wenn ich ihm jetzt gleich alles sage, wird es erst gar nicht zu ber Frage kommen ...

Nur erst einmal ohne Weh über die nächste Stunde Hin­wegkommen.

Dann saßen sie zu britt in bem großen offenen Wagen Earricks, Doris an der Seite des Mannes und der Kleine ihnen beiden gegenüber.

Als wären wir schon eine Familie, mußte sie denken.

(Fortsetzung folgt.)

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