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Wiesbadener Zagblatt
Donnerstag, 26. September 1940
zwischen zwei Welten
V/Roman von Ernst Gran
1. Fortsetzung (Nachdruck verboten)
Lächelnd nahm sie das Buch wieder zur Hand, in dem sie vorhin gelesen hatte.
Wer ihre Gedanken waren nicht bei dem, was sie las. Nein, sann sie weiter, Eifersucht war es wohl nicht, das in diesem Augenblick aus ihr sprach. Es mutzte etwas anderes, Unbekanntes da sein, das sich so deutlich gegen eine Begegnung mit diesem Mann wehrte. Sonst gingen wohl Männerfreundschaften immer auseinander, wenn eine Frau in das Leben des einen trat. Frauen wollen eben nicht teilen, es liegt in ihrer Natur, den Mann ihrer Liebe ganz allein für sich besitzen zu wollen. Alte und festgefügte Freundschaften hatten an diesem Naturgesetz schon Schiffbruch erleiden müssen. Doris hatte sich von solchen, wie sie glaubte, kleinlichen Gefühlen stets frei empfunden. Vielleicht nur deshalb, weil dieser Freund bisher nie persönlich in Erscheinung getreten war. Und nun doch diese unverkennbare an Eifersucht grenzende Abneigung gegen einen Mann, den sie nie zuvor gesehen hatte .. .?
Unmutig klappte sie das Buch wieder zu und legte es beiseite. Mit dem Lesen war es für diesen Abend nun doch vorbei. Eine innere Rastlosigkeit, eine quälende Unruhe war plötzlich über sie gekommen, für die sie keine rechte Erklärung sand. Der sonst so wohltuende Atem der Stille dieses Hauses hatte mit einem Male etwas ungewohnt Dumpfes, Beklemmendes. Ihr war, als wuchs aus dieser bedrängenden Stille etwas Dunkles, Drohendes auf, das mit häßlichen Armen nach ihr griff, vor desien Unerbittlichkeit es kein Zurückweichen, kein Verstecken zu geben schien.
Wie aus einem peinvollen Traum aufschreckend sah sie auf die Uhr und erhob sich rasch. Dem kleinen, blonden Mädelchen von Nummer siebzehn, das erst kürzlich die Krisis einer schweren Lungenentzündung überwunden hatte, mutzte die Temperatur gemeffen werden. Dann hatte vorhin der Patient von Nummer acht über Kopfschmerzen geklagt und würde nun vielleicht eine Tablette zum Einschlafen nötig
haben. Auch nach der stillen jungen Frau auf Nummer vierzehn müßte man wohl sicherheitshalber noch einmal sehen. Trotz aller schönen Zusicherungen trug sie ja doch die Verant- worttmg, wenn etwas nicht ganz in Ordnung ging. Geheimrat Kestenberg konnte in solchen Dingen sehr rücksichtslos sein, das wntzte auch Herbert. Sein Drängen war also eigentlich nicht zu verstehen.
Schwester Dorothea empfand es in ihren eingebildeten Nöten wohltuend und wie eine Erlösung, daß es hier Pflichten zu erfüllen gab, die man nicht ausschieben durfte, die alle dummen Gedanken schnell wieder vergesien machten. Einen Augenblick stand sie und lächelte still vor sich bin. Es ist auch dumm und töricht von mir, sich so gehen zu lassen, dachte sie. Wovor fürchte ich mich denn eigentlich? Herberts Freund kommt zu Besuch. Nach seinen Schilderungen sicher ein guter und wertvoller Mensch. Man würde eine nette halbe Stunde gemütlich beieinander sitzen und plaudern. Denn dieser Freund Jupp kam aus dem Auslande und hatte gewiß viel Interessantes zu erzählen.
Auf dem kurzen Wege zur Tür blieb sie dann noch einmal vor dem Spiegel stehen. Eine widerspenstige braune Locke drängte sich immer wieder eigenwillig unter der weißen Schwesternhaube hervor und brachte Verwirrung in die strenge Linie des steifen Leinens. Das mutzte in Ordnung gebracht werden, obgleich Schwester Dorothea fest davon überzeugt war, nicht eitel zu sein. Mit zufriedenem Lächeln betrachtete sie das eigene Bild und mutzte dabei wieder an die Worte denken, die Professor Rohwedder. in dessen Münchener Klinik sie früher gearbeitet hatte, ihr damals zum Abschied mitgegeben hatte: „Sie sind die beste Gehilfin für einen Arzt, die ich mir denken kann, Schwester Dorothea. Aber Sie haben einen Fehler . .Und auf ihren fragenden Blick hatte er in seiner spasshaften Art erst gelächelt und dann hinzuge- fügt: „Für eine Schwester sind Sie viel zu hübsch."
Wie unendlich lange schien das schon her zu sein. Eine Wolke nachdenklichen Ernstes glitt bei diesen Gedanken Über ihre Züge. Der alte Herr hatte damals vielleicht nicht so ganz unrecht gehabt, seufzte sie erinnerungsbang. Er mar immer ein guter Menschenkenner gewesen. Aber all das wirte Geschehen jener Tage lag ja nun weit hinter ihr, war begraben und vergessen. Mußte es sein! Wozu jetzt wieder daran denken. Sie war heute eine glückliche . . . jawohl, glückliche Braut, die in den nächsten Monaten heiraten wollte ...
Also Schluß mit der Grübelei! schalt jfe sich endlich selbst und trat vom Spiegel zurück. Auch der heutige Abend wird bald überstanden sein. , . ,.
Sie knipste das Licht hinter sich aus und ging hinüber nach Nummer siebzehn. . -
2.
Die beiden Freunde gingen mit gemächlichen Schritten durch die abendstillen Straßen des kleinen rheinischen Städtchens. Nach dem ersten freudigbewegten Hin und Her von hundert Fragen und Antworten sah Herbert Harlunger mit wachsendem Befremden, wie der Freund an seiner Seite immer wortkarger wurde und schließlich ganz verstummte.
„Ein bissel eng hier bei uns . . . für einen, der aus der grossen Welt heimkommt...“, meinte er nach einer Weile des Schweigens. Dieses Wiedersehen hatte er sich eigentlich doch etwas anders vorgestellt, heiterer, beschwingter, und er bedauerte int stillen schon, Doris um ihr Dabeisein so sehr gedrängt zu haben. Der Mann hier neben ihm entsprach nur wenig noch dem lebhaften Silbe, das er ihr von ihm gegeben hatte. Dorothea würde nun ohne Frage sehr enttäuscht fein.
In Nachdenken versunken, hatte der andere nur das letzte Wort aufgefangen.
„Heimkommen . . . ja . . wiederholte et sinnend und sog mit Behagen die herbe' Lust des kühlen Frühlingsabends ein, den leisen Vorwurf in den Worten, des Freundes hatte er wohl überhört. „Heimkommen . . . ich weiß, nicht,,ob es nur uns Deutschen so geht, oder ob die andern ihr Heimweh nur besser zu verbergen verstehen. Wenn man [o_ durch die großen, lauten Städte da draußen geht, dann stürmt wohl zuerst all das Neue und Unbekannte auf uns ein, das brau- sende Leben reisst uns mit sich fort, und man ist mit allen seinen Sinnen dabei, um möglichst viel davon in sich aufzunehmen. Doch das alles ist nur wie ein Rausch, der rasch oor- übergeht, und bald kommen dann wieder jene Stunden, wo es voll Ungestüm in einem drängt und zerrt, wo man durch all die bunten Dinge hindurch längst vergessene und doch wieder so vertraute Klänge hört. Mitten tm Großstadtlärm sieht man plötzlich eine kleine Straße vor sich, einen stillen Platz oder irgendeinen verwunschenen Winkel, wo man einmal als Kind glückliche Tage verlebt hat. Und das Neue, das uns gestern noch so bezaubert und gefesselt hat, wird in all seiner Großartigkeit klein und unbedeutend vor diesem Bilde von daheim." lFortsetzung folgt.)
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Anna Kilian, geb. Lenz und Kind er. t
Die Beerdigung findet am Freitag, den 27. September 1940, um 14.30 Uhr in Wiesb.-Heßloeh statt.
Vom ältesten Wiesbadener Kurmusiker
Türmer und Musikanten auf dem libitum
Die Geburt einer Tochter zeigen an 3"
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Wittib biß noch ohnklagdbar lbisber ohne Tadel) versehen worden und biss zu besserer Kundwerbung dießer vacrnenden Stelle aütb föriers versehen werden kann, So batte meines unterth. Ermessens nach jedock ohne alle Maasgab dafür, dass, ebe man diesen Dienst jemanden referire. welcher die bedünge Geschicklichkeit und conduste bat. man hebet noai eine geringe Zeit die Stelle vakant lasse und zu habhaft« werdung eines tüchtigen siibieeti weitere Eelegenbest ab- warte."
So verständig und aufschlussreich der Bericht des Amtmanns aber auch war. so wenig schenkten ibm Geh. Eantzley- Direktor und Räte der. Nassau-Ärarbrückenschen Dormundschafts-Regierung Beachtung und verfügten schon am 20. 5. 17.30. den Job. Paul Walther in die erledigte Stadtmusikantenstelle einzuweiseit und ibm diejenige Besoldung nebst Utilien zu geben wie den settberigen „Tburnmannen".
Wenn wir fomst auch den ersten Wiesbadener Kurmusiker namentlich kennengelernt haben, so erfahren wrr doch leider nicht? über ferne künstlerischen Lerstungen. (Staats-Arch. Abt. 137. V. 7. (Hb. 15.) —n.
lung eines solchen musicantens der sowohl das Abblassen so der Statt zur Zierde dient nicht versehen kann, alss auch die Seiten Instrumente umb bey Kirchen und andern musiquen gebraucht zu werden, nicht kunstmässig verstehet, lieber, gar keinen Tbürmer haben und wie es bey einigen des Gerichts schon verlautet nur einen Handwerksmann der Ihnen umb den Hausztnfe und Bürger Freiheit die Uhr stellen und Nachtwacht halten, auf den Tburm leben wollen, übrigens auch bey jetzigen Zeiten, da die Kunst nach Brod geht, gar kein Zweifel zutrag, dass nicht ennoch ein tüchtiger Musicant, der dke Stadt in allerseitigen Absichten satisfacire. aus- fündig zu machen seye. sintemalen die Hockzeiten überhaupt sowohl als vielmahllge Aufwartung bey denen Cur Gasten in der Statt (also die erste Kurmusik!) doch noch ein erkleckliches nebenher abwerfen, vielleicht auch in zukunft die vormahls dabey gewesenen 4 Malter Korn, welche tempore ad modiationis (unleserlich im Tert) eingezogen waren, aus herrschaftlichen Gnaden wiederum dazu gegeben werden dürften. bey welcher competention hernach ein _ebrh<6er Mann schon sein Auskommen fände, sodann auch über da« die Stattuhr und Nachtwacht durch des vorigen Tburmers
„Ernsteste Krise für Ägypten"
England der Schuldige für di« SAwteriatciteit — 150 000 Arbeitslose «mein in Kairo und Alexandria
Mailand. 26. Sept. (Funkmeldung.) Die Offiziere des griechischen Schiffes „Milos", das aus Ägypten nach Athen zurückgekehrt war, berichten laut „Gotnere. della Sera, hau Ägypten eine der ernstesten Krisen seit dem Weltkriege durchmache. Jfer Verkehr in Port Sard und Alexandria sei praktisch lahmgelegt. und ungeheure Mengen von Baumwollballen blieben in. den, Magazrnen liegen. Die Einfuhr von Material und kriegswichtigen Erzeugnissen sei auf Null gesunken, feit der Suezkanal nicht mehr benutzt werde Die Gesellschaft sei gezwungen gewesen, aus Mangel an Beschäftigung etwa 12 000 Angestellte z.u entlassen. Allein in den Städten Kairo und Alerandna gebe es 1 5 0 0 0 0 Arbeitslose. Die Preise für Lebensmittel zeigten ungeheure Steigerungen. Die Mehrheit der Bevölkerung betrachte Erossbtttannien .als den Schuldigen für diese Schwierigkeiten Ägyptens.
Die ägyptischen Behörden haben laut ..Regime Fascista" bisher über 7000 Italiener als Vorsichtsmassnahme -festgenommen. Die Konzertrattonslager in Ägypten feien brechend voll. Besonders bervorzuheben sei jedoch, dass nur die italienischen Staatsangehörigen jüdischer Religion sich noch in Freiheit befänden. Ein Kommentar sei überflüssig.
Nach einem arbeitsreichen Leben in treuer Pflichterfüllung verschied am 24. September mein lieber Mann, unser herzensguter Vater
Christian Kilian
im 85. Lebensjahr.
Auflösung zum Kreuzworträtsel: „Ruhmestaten unserer Kriegsmarine" in Nr. 223: Waagerecht: 1. Hess. 5. Aspe. 9. Alce, 10. Skat. 11. Ulan. 12. Sago. 13. Tiv. 14. Segen. 15. Adele. 17. Sofie. 19. Rat, 22. Ulla. 23. Erle. 24. Roon, 25. Wall. 26. etwa, 27. Ekel. — Senkrecht: 1. Haut. 2. Elli. 3. Scava Flow, 4. Sen. 5. Assel. 6. Skagerrak. 7. Page. 8. Eton. 14. See. iß. Diana. 17. Sure. 18. Olot. 20. Alle. 21. Teil. 23. Ewe.
Um 1730. Welche Dienste der Turmwächter auf dem Ubrturm. der leider im Februar des Jahres 1873 den Ansprüchen des modernen Verkehrs zum Opfer fiel — man tst heute allerdings der .Meinung, dass man den Derkehrs- bedürfnissen auch unter Erhaltung des schönen alten Wahrzeichens unserer Stadt hätte genügen können —..zu erfüllen hatte, verrät nicht nur seine zweite Dienstbezeichnung als wtadtmusikant. Ein vollständiges Bild über feine Stellung erhalten wir durch eine Auseinandersetzung des hiesigen Oberamts mit der Stadt Wiesbaden aus dem Frühjahr des Sabres 1730. Damals waren die Stellen des Turmwachters auf dem Ubrturm und die Stadtmusikantenstelle erlernst. Zur Unterhaltung der beiden Angestellten steuerten sowohl die Stadt wie auch die Landesbernchatt bet, das helfet, lebet llnterhaltungsvflichtige suchte die Last auf den andern ab» zuwälzen. Um die erledigte Stadtmusikantenstelle oswarb sich damals' Johann Martin Paul Waith e r, der früher als Turmgeselle in Usingen in Dienst gestanden batte und ein Landeskind war. Über dessen Eignung zum Stabt» Musikanten, die Möglichkeit der Mitoersehung des. Turmdienstes sowie über seine gesamte incumbene (Dienstverpflichtung) und utilia (Vergütung) soll der Amtmann berichten. was am 16. 5. 1730 folgendermaßen geschieht: ..
Wegen des Statt Musicantens. Martin Pauli wäre meines wissens und befunbs unterthänigst ru berichten. dass obwohlen bies geringe Statt Musicantens Dtenstgen nicht mehr als 40 fl. an Geld (so bie Statt wegen der Nachtwacht zahlet) benebst 4 Glatter Solz, so die Herrschaft mebet. zu täbriger Bestallung austräget und wobey hauptsächlich die incumbenz im abblafeen auf dem Turm, benebst Mtiver» richtung der Kirchen Music Item dte Statt Uhr zustellen und alle Nacht bis 12 Uhr die Tburm Wacht zu versehen, bestehet, dem Suvplicant als einem Landesklnd vor andern zu gönnen wäre: gleich wohl weder dessen condutte. noch geschicklichkeit in musicis sonderliche Veranlassung siebet, gnäd Herrschaft zu demselben unterth. anzuratben. denn Er nicht nur dem Trunk sehr ergeben und dahero gemeiner Stadt Wohlfahrt, wann Ihme die Nachtwacht an« vertrauet würde, schlecht besorgt feyn mogte. «andern auch gar geringe Wissenschaft auf Musikalischen Instrumenten besitzet und nicht einmal einen 3iN ken oder Corn et. so das vrincipaleste und not breite Instrument beym ab blafeen ist. tractiren kann: Wie nun die Statt (welche.wre gedacht die bestallung mehrenteils. zahlet) ttt anncht dieser memorirten Gebrechen selbsten kein sonderlich belieben bezeiget. den Suvplicanten an Tburmers Dienst zusehen und wenn selbiger das vitrum obrrctatrs (unleferltd) tm Tert!» nicht an sich hatte, folglich, zur Nachtwache zu gebrauchen wäre gleich wählen alleinrg desbalben umb btc Uhr zu stellen keine 40 fl. ......."-------
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Aus vorstehenden Silben sind neunzehn Wörter zu bilden, beten letzte Buchstaben von oben nach unten und deren erste Buchstaben in umgekehrter Reihenfolge gelesen, eine Berszeile aus einem Gedicht von Fontane ergeben.
.1. Alpenvass. 2. südamerikanische Republik. 3. Stiege, 4. gewerblicher Betrieb. 5. winterliche Sportanlage, fi. Ehrengeleit. 7. Urkunde, Zeugnis. 8. russischer Herrschername. 9. griechischer Gott. 10. Stadt an der Bergstrasse, 11. chemisches Element. 12. Gartenf ruckt, 13. Mona;. 14. Stadt an der Ruhr. 15. Fehlbetrag. 16. Nebenfluss der Donau. 17. so viel wie einheitliche Gestaltung. 18. Vierhänder. 19. Held aus Schillers „Bürgschaft".
Heute entschlief unerwartet mein lieber Mann
Geheimer Regierungsrat i. R.
Paul Vanselow
im 76. Lebensjahr.
Im Namen der Hinterbliebenen:
Anna Vanselow, geb. von Gruben.
Wiesbaden, den 23. September 1940.
Schlichterstr. 16
Die Einäscherung fand in aller Stille statt. - Von Kranzspenden und Beileidsbesuchen bitte ich abzusehen.
