Seite 4 Nr. 225
Wiesbadener Tagblatt
Dienstag, 24. September 1946
Mesbademr Nachrichten
Berufsfürsorge für entlassene Soldaten
Wesentliche Erweiterung der bisherigen Bestimmungen — Besondere Berücksichtigung bei Vermittlung von Arbeitsplätzen
Anerkennung für den Einsatz
. 2? ^Anerkennung der bervorragende» Leistungen
der Webrmacht tut Kriege ist die Berufsfürsorge für zur. Entlassung kommende Soldaten über die bis- dertgen Bestimmungen dinaus wesentlich erweitert worden.
Edemaltgen Lehrlingen. die ihre Berufsausbildung vorzeitig abgebrochen haben, wird dringend geraten, sie ordnungsmabrg au beenden. Ist das in der früheren Aus- brldungsstelle nicht möglich, so wird die bisherige Lehrzeit im neuen Lebrverbältnis berücksichtigt, wenn der Lehrling im reichen Berus ausgebildet wird.
Wer erst nach der Entlassung aus dem Wehrdienst ein Ledrverbaltnis beginnen will, bat sich baldmöglichst an das Arbeitsamt zu wenden. Unternehmer oder Geschäftsführer, die nach der Entlastung in die Wirtschaft zurückkehren. werden durch ihre Berufsorganisation beraten, betreut und so.unterstützt, baß der etwa stillgelegte Betrieb bald wieder eröffnet werden kann. Ärzte. Zahnärzte. Dentisten. Rechtsanwälte. Künstler ulw. werden in .ähnlicher Weile durch ihre Fachschaften beraten und unterstützt.
Wer studieren will, wendet sich an den akademischen Berufsberater beim Arbeitsamt. Die Bezirksstellen an den einzelnen öoditoulen geben auf alle Fragen über die Fort- tefcurtfl des Studiums bereitwilligst Rat und Auskunft.
Versehrten — die neue Bezeichnung für Kriegsbeschädigte — wird erhöhte Berufsfllrsorge zugewendet. Wenn notwendig, werden sie vor dem Arbeitseinsatz geschult. Die rechtzeitige Schulung versehrter Soldaten vermitteln die Wehrmachtsfürsorgeoffiziere. Rack der Schulung werden sie nach Möglichkeit in solche Arbeitsvlätze elngewiesen. in denen sie mindestens ihr früheres Arbeitseinkommen erreichen. Gelingt dies in Einzelfällen nicht, so wird durch Fürsorge geholfen. Nähere Bestimmungen darüber ergeben noch. Die Anschrift des zuständigen Webr- machtsfürsorgeoffiziers ist im Wehrmeldeamt oder in der Bürgermeisterei zu erfahren.
. Allen „in Ehren entlasten en Soldaten wird der Übergang rn den bürgerlichen Beruf auch geldlich erleichtert. Vorn Tage nach der Entlastung an gerechnet, werden für 14 Tage gewährt: Webrfold. Bervflegungsgeld. Familienunterhalt oder Kriegsbesolduna. Diese Vergünstigungen können in besonderen Fällen bis zur Höchstdauer von zwei Monaten zugebilligt werden, wenn Arbeitsverdienst oder Einkommen zunächst noch nicht gesichert ist. Der arbeitsuchende ent« lastene Soldat mutz sich vom Arbeitsamt bescheinigen lasten, datz er als Arbeitsuchender gemeldet und noch unverschuldet arbeitslos ist. Die Kriegsfürsorge gilt auch für in Ehren entlastene Wehrmacktsbeamte einschlietzlich Ergänzungsbeamte.
Diese Bestimmungen über Berufsfürsorge finden nach der Verordnung des Reichsverteidigungsrates vom 18. September auch auf die männlichen Angehörigen des Reichs- arbeitsdienftes Anwendung.
. (®te. Rückkehr rn den früheren Betrieb oder Zivilberuf wlich dre Regel sein. Wer in den früheren Betrieb nicht zuruckkebren kann (z. B. wegen inzwischen erfolgter rasch wirksamer Kundrgung oder weil der Betrieb stillgelegt oder aufgelöst wurde) ist bei Vermittlung von Arbeitsplätzen besonders zu berücksichtigen. Die Vermittlung liegt dem Arbeitsamt ob. das für den Wohnort zuständig ist. Der entlastene Soldat mutz also alsbald das Arbeitsamt aufsuchen, um sich seinen neuen Arbeitsplatz zu sichern. Dasselbe gilt für entlastene Soldaten, die aus triftigen persönlichen Gründen gezwungen sind, den Betrieb oder Berus zu wechseln.
Wer nicht an den früheren Arbeitsplatz zurückkebrt. obwohl die Rückkehr dabin durchaus möglich ist. läuft, besonders wenn die Rückkehr bereits vereinbart ist oder lest- gesetzt war. Gefahr, die erwähnten Vorteile zu verlieren. Das' muß besonders von denen beachtet werden, die aus Berufen stammen, in denen starker Bedarf an Arbeitskräften herrscht, z. V. Land- und Forstwirtschaft. Bergbau. Bauwirtschaft ufro.
. Grundsätzlich darf den Soldaten, die während des Krieges und nach dem Kriege in Ehren entlasten werden. §rrs ihrer durch den Wehrdienst bedingten Abwesenheit kein Nachteil erwachsen. Das gilt vor allem gegenüber nicht einberufenen Arbeitskameraden in den Betrieben. So weit Ansprüche, aus dem Veschäftigungsverbälinis von der Dauer der Betriebszugeborlgkeit abhängen. ist die Zeit des ge- letsteten Wehrdienstes der Zeit der Vetriebszugehö- ....... - -x. - Ferner wird darüber hinaus iw der Betriebszugebörlgkeit angerechnet, die für -----jtocftsmrtgheb im letzten Betrieb zu berückstch- nsen war Dabei ist kein Unterschied zu machen, ob der enttofiene Soldat tm früheren oder in einem anderen Be- tneb zu arbeiten, beginnt. Hängen dagegen Ansprüche aus dem neuen Beschäftigungsverbaltnis von der Dauer der Berufszugehorigkeit ab. so wird die Zeit der früheren Berufszugehorigkeit sowie die Zeit des Wehrdienstes ange- rechnet. In Ehren. entlassene Soldaten sind also so zu stellen, als ob he wahrend der Kriegszeit im Betrieb oder Zivilberuf verblieben wären.
rrgkett zuzurechnen, auch die 3eP ***■*-'-< das Eefolgs
Ver- ' bei
„Gräfin St. Croir" als Gast
Hilde Weihner auf der Walhalla-Bühne
— Die Verteilung von Bohnenkaffee wird in den Wintermonaten auf Anordnung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft mehrere Male erfolgen. Alle Dersorgungsberechtigten. die das 18. Lebensiahr vollendet haben, erhalten die Möglichkeit. Bohnenkaffee zu beziehen. ____________________
Den Film selbst haben wir eingehend besprochen. Bleibt noch die immer abwechslungsreiche Bühnenschau des Theaters nachzutragen, die diesmal „Nelly, den Wunderele- fönten“ bringt, ein schönes, kluges Tier, das sich mit seinem Herrn auf seine Art unterhält und sogar Rechenaufgaben, die ihm das Publikum aufgibt, richtig zu lösen versteht. Eine unterhaltsame Viertelstunde! p.
— Zusammenfassung der Kräfte des deutschen Sunde- wesens. Das deutsche Hundewesen, das unter der Dienstaussicht des Oberkommandos des Heeres stebt. wird auf besten Anordnung mit dem 1. Oktober d. I. durchgreifend umsestaliet. Die bisher in zahlreiche selbständige Raste- fachschaften und allgemeine Vereine zersplitterten Kräfte des Hundewesens werden mit Ausnahme des Jagdhunde- wesens in den ..Reichsverband für Hundewesen“. Sitz Berlin, zusammengeiaht. Damit ist eine einheitliche Ausrichtung des Hundewesens sowie die ständige fachmännische Betreuung sämtlicher Hunderasten sichergestellt und nicht zuletzt die Durchführung der Zucht auf Leistung gewährleistet.
Die Kastanien rollen
Der Herbst hält seinen Einzug. Schon bat er in seinen Farbtovf gegriffen und streicht die ersten goldenen Töne über die Landschaft. Zwischen den Nadelwäldern leuchtet hier und da ein gelber ober brauner Laubbaum auf. Den Anfang haben auch diesmal die Kastanien gemacht. Sie stehen fast feierlich inmitten der großen beginnenden Farbensinfonie, die den Ausklang des Sommers einleitet. Wie unter einem goldenen Dach wird man bald durch Adolfsallee und Hindenburgallee hinüber zum Stadtteil Biebrich schreiten. Für die Kinder ist die Zeit, da die Kastanien gelb werden und die reifen braunen Früchte über den Boden rollen, jedesmal ein besonderes Fest. Mit lautem Fall stürzen die blanken «prüfte auf den Boden und rollen munter nach allen ©fiten. Sie werden rasch von Kinderhand gesammelt und sind in dieser Jahreszeit das schönste Spielzeug.
Dort allerdings, wo die Kastanienbäume in gröberer Zahl stehen, haben die reifen braunen 'Kastanienfrüchte gerade in dieser Zeit noch einen anderen wichtigeren Zweck zu erfüllen — sie sind ein außerordentlich nützliches Futter für Vieh und Wild und werden zu diesem Zweck sorgfältig gesammelt. Aber auch das Einsammeln macht, ganz besonders für unsere Jungen und Mädels, viel Freude. Nur eine Unsitte sollten wir alle gemeinsam bekämpfen: die Kastanien mit Stöcken oder Steinen, die in die Krone binaufgeworfen werden, herunterzuschlagen.. Dadurch werden oft Zweige abgebrochen und Triebe beschädigt und die Kastanienernte des nächsten Jahres geschädigt.
Nicht jeder weiß, woher der Name Kastanie eigentlich stammt. Der Baum, der in Südosteurova heimisch ist und sich von hier aus über das übrige Europa verbreitet bat, trägt seinen Namen nach der anttken Stadt Kastana. die am Schwarzen Meer lag. s.
... Im Spielvlan des Walhalla-Theaters läuft in lange rung der Albers-Film „Treuck, der Panbu. ... unvermindertem Interesse des Publikums. Auch die Vorstellungen am gestrigen Montag waren bis auf den letzten Platz ausverkauft, zumal Hilde Meißner, die charmante Künstlerin, persönlich ihren Besuch angekündigt hatte. In leber Vorstellung zeigte sie sich denn auch den Wiesbadenern. Lernten wir ste im Film als klar charakteristerende Schauspielerin und Partnerin Albers kennen, so auf der Buhne als schöne Frau und anmutige Sängerin zweier Chansons, von denen sich das eine „Mein Herz und ich“, und das andere „Du hast im Blut so etwas aerotiies“. betitelte. In ihren Begrllßungsworten gab Hilde Meißner, die erst kürzlich in Paris vor den Soldaten aufgetreten ist, ihrer Freude darüber Ausdruck, sich nun auch dem Wiesbadener Publikum vorstellen zu können und dieses begrüßte die interessante und vom Film bestens bekannte Schauspielerin aufs herzlichste und dankte ihr durch brausenden Beifall für Besuch und Vortrag.
Sparsamer Fahrrad gebrauch
Strengste Maßstäbe für Ersatzbereifungen
Die Benutzung des Fahrrades ist für viele Volksgenossen seit Kriegsbeginn zu einer Lebensnotwendiakeit geworden. Darauf wird bei bet Erteilung von Bezugscheinen für Ersatzbereifungen insofern Rücksicht genommen werden, als das Zurücklegen längerer Wegestrecken nachgewiesen werden mutz. Zuerst werden die Volksgenossen mit Ersatzreifen beliefert werden, die bas Rad unbedingt zu beruflichen Zwecken benötigen. Andererseits mutz allergrötzte Zurückhaltung bei der Benutzung des Fahrrades zu Ausflugs- und Keguemlichkeits- fahrten geübt werden. Das gilt auch vor allem für die Jugend. Der Reichserziehungsminister führt in einem Erlaß u. a. aus, daß es nicht tragbar ist. datz Jugendliche und Schulkinder. die noch über Reifen verfügen, mit ihren Rädern Fahrten unternehmen, die nur dem Vergnügen dienen. Eltern und Erzieher werden aufgefordert, ihre Kinder anzuhalten, sich nach diesem Ersatz zu richten, denn nur so kann vermieden werden, daß eine Beschlagnahme gebrauchter Reifen erfolgt. Für Schulfahrten wurde die Benutzung für die Dauer der Kriegszeit verboten. v.
Durch richtige Zahnpflege können fast alle schweren Zahnerkrankungen mit deren Folgekrankheiten vermieden werden
CHLORODONT
80% auch bei Ofenheizung
Gleichstellung von Öfen und Zentralheizung
Der Reichskohlenkommissar hatte bereits die Möglichkeit geschaffen, auch bei Haushaltungen mit Einzelofenbeizung besondere Verhältnisse durch Gewährung von Zusatzvunkten berücksichtigen zu lassen. Die Grundlage hierfür bilden Richtlinien des Reichskohlen- kommissars. in denen z, B. das Vorhandensein von Kleinkindern. werdenden Muttern, alten oder gebrechlichen Personen in der Wohnung, ferner die Größe des Haushaltes, die Lage der Wohnung (Keller, Dachgeschoß, freistehendes Einfamilienhaus. Berufsausübung in der Wohnung uko.) erwähnt sind.
Darüber hinaus war bisher bei Zentralbeizungsanlageft und wird nunmehr auch bei Haushaltungen mit Einzelofenheizung die Heranziehung einer Verglerchsvettode zugelassen. Kann der Anttagsteller Nachweise über seinen Brennstoffverbrauch im Jahre 1938/39 erbringen, so kann der Verbrauch in 1938/39 als Anhalt für die Gewährung von Zusatzvunkten genommen werden, nachdem die zumutbaren Beschränkungen davon abgesetzt sind, also die Einsparungen, die unter den Kriegsoerhälinissen billigerweise von jedem Volksgenossen verlangt werden können. In seinem Rundschreiben 53/40 weist der Reichskohlenkommissar darauf bin. daß die Verhältnisse zuweilen so besonders gelagert sind, daß auch die Anwendung der Richtlinien keinen tragbaren Zustand bringt. In solchen Fällen könne bas Wirtschaftsamt durch eine geeignete Persönlichkeit an Ort unb Stelle Untersuchungen vornehmen lassen. Das Ergebnis biefer Ermittlungen solle für die Gewährung von Zusatzvunkten als maßgebend anerkannt werden. Bei Siedlungen. die einen einheitlichen Wohnhaustyv haben, genügt es dabei, wenn die persönliche Untersuchung sich auf einen geeigneten Einzelfall erstreckt. Grundsätzlich soll die Punktyrundzahl zuzüglich der Zusatzvunkte auch bei Einzel- osenhetzung 80«/» des Kohlenverbrauches iM Satire 1938/39 nicht überschreiten.
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Wer vieles bringt ...
Ein Blick in das Oktober-Programm der RSE. »KdF.“
Im Laufe dieser Woche eröffnet die NSG. „Kraft durch Freude“ ihr auch im Kriegsjahre 1940 außerordentlich reichhaltiges Wintervrogramm mit einer großen bunten Veranstaltung mit Werner Kroll, dem unübertrefflichen Komiker und genialen Parodisten. Außerdem wird voraussichtlich am 12. Oktober ebenfalls im Paulinenschlößchen ein großer Operettenabend statttinden. an dem Nico Do st al persönlich dirigieren und die Koloratursovranistin Lillie Claus singen wird. Reben drei Sondervorstellungen für die Ringmiete sind im Oktober zehn Theatervorstellungen im Deutschen Theater vorgesehen sowie Karten für das 1. Sinfonie-Konzert, einen Brahms-Abend erhältlich, außerdem eine Sondervorstellung im Scala-Varietö und 4 Sonderkonzerte im Kurhaus. Die Volks- bilbungsstätte eröffnet bas Winterhalbjahr 1940/41 mit einem Vortrag von Professor Dr. Schmidt von der Unwerfität
Beethoven-Abend tm Anrhans
An dem zweiten Beethoven-Abend im Heinen Saal führten Kammermusiker Anton H o i g t und Musikdirektor August Vogt drei weitere Sonaten für Cello und Klavier vor. Nach einer Pause von etwa zwölf Jahren schrieb Beethoven die Sonate op 69 in A-dur, die gestern zum Schluß gespielt wurde. Sie ist weitaus die bekannteste, am häufigsten gehörte und in der Tat das Meisterwerk unter den Cellosonaten. Es ist fast, als habe sich der Tondichter nach der kurz vorher entstandenen gewaltigen Sinfonie in c-moli entspannen wollen, denn das melodiöse Werk atmet Ruhe und Heiterkeit. Das Hauptthema wird zunächst vom Cello solo gebracht, zieht sich aber dann durch das ganze erste Allegro hindurch. Nur vorübergehend trübt ein Umschwung in die Molltonart das leuchtende Bild, aber bald ist das Gleichgewicht wieder gefunden. Das Scherzo, ein besonders reizvoller Einfall, bewegt sich in lebhaft bewegten Synkopen. Nach dem kurzen, aber gesanglichen und tief empfundenen Adagio gewinnt die Heiterkeit in dem rondoartigen Finale mit einem einschmeichelnden Motiv wieder die Herrschaft. Neben der klastischen Schönheit dieses ganz in Harmonie getauchten Werkes wirken „die beiden Sonaten op 102, die der Spätzeit des Meisters angehören, fast wie Barock der Mufik. Die alte Form ist hier völlig aufgelöst zugunsten eines reinen Phantaflerens. Beethoven prägte selbst das Wott von der „freien Sonate“. Die erste in C-dur spinnt ihre Einfälle fessellos aus und endet mit einem sonderbar abrupten Allegro. Noch eigenwilliger ist die zweite Sonate in D-dur, leidenschaftlich und sprunghaft. Der fast völlig taube Meister konnte nur noch ein abstraktes Tongemälde schaffen, und so berühren uns manche Stellen recht spröde. Das Adagio ist eine der ergreifendsten Schöpfungen. Es ist, als tasteten sich die beiden Instrumente suchend durch ein geheimnisvolles Dunkel, bis ste, nach gewagten Übergängen, den Weg zu dem fugierten Schlußsatz und zum Licht finden. Die Ausführung entsprach durchaus dem Stil der Sonaten, die an beide Mitwirkenden hohe Anforderungen stellen. Anton Hoigt erfreute wieder durch die Größe seines pastosen Tones, der besonders edel in dem ersten Adagio klang, wo nicht selten die Lagen der Violine erreicht wurden. Bei den beiden Spätwerken und ihrer zerrissenen Linienführung war eine gewisse Herbheit der Bogenführung kaum zu vermeiden. Aug. Vogt bewältigte deck Klavierpatt mit spielender Leichtigkeit, sodaß der dunkle Ton des Cello mit den perlend hellen Figuren des Flügels eine Verbindung von stark schattiertem Klangzauber einging. Die beiden Abende bedeuteten einen reinen
Genuß. Villeicht entschließt man sich nach dem schönen Erfolg daz», auch einmal die Violinsonaten Beethovens, wenigstens die schönsten, einem dankbaren Publikum vorzuführen.
Dr. Wolfram W a l d s ch m i d t.
* Mainzer Stadttheater eröffnet mit „Otello". Das Mainzer Stadttheater eröffnete seine Spielzeit am Sonntag mit Verdis „Otello", jener Oper, die ursprünglich „Jago“ heißen sollte und eine edle Vertiefung des Shakespeareschen Stoffes darstellt. Alle Linien sind einfacher geworden" Otello ein echt Liebender und rasend Eifersüchtiger, Jago ein ursprünglich-dämonisch Böser, Desdemona ein reiner Engel der Opfer tragischer Eefühlsver- wirrung und satanischer Bosheit wird, Emilia ist ehrbar und unschuldig am verhängnisvollen Spiel. Diese „Dichtung für Musik“ von Boito ist zugleich- dramatische Dichtung in Musik durch Verdi geworden. Die Musik dient ganz dem Wort und der Handlung und ist selbständig, sparsam und trotzdem theatralisch und feinfühlig zugleich — ein Wunderwerk, das manche sogar über „Aida“ stellen und wegen der motivisch-thematischen Bindungen zwischen den einzelnen Szenen und Akten, der Übereinstimmung zwischen der dramatischen und musikalisches Form und dem Bild ein „Eesamtkunftwerk^ im Sinne Wagners darstellt, bei aller Vorherrschaft der Singstimmen jedoch. Ihren Glanz erhielt die Mainzer Aufführung durch die empfindsame, farbig-schillernde und doch die tektonischen Linien werktreu nachbauende Musikführung der geistreichen Pattitur durch Generalmusikdirektor Z w i ß l e r, der den Stimmen, wo es nottat, das Vorgewicht ließ, um dann gelegentlich und am rechten Platz um so wirkungsvoller das Orchester sprechen zu lasten. Es entstand eine Darbietung von wirklicher Delikateste. In Toni Weiler hatte das Ensemble einen Jago von stimmlichem und darstellerischem Format. Sein „Credo“, dem Vernehmen nach eigens für diesen Zweck umgedichtet, enthüllte zugleich die Auffastung der Rolle: der Böle aus der Lust am Bösen — eine rezitativische Meisterleistung. Gesang und Spiel vereinigten sich bleich, leise, satanisch, spöttisch oder triumphal machtvoll zu einer abgerundeten und ausgereisten Einheit. Frl. Gehr als Desdemona, weiß in weiß von Verdi gestaltet, erfreute durch Gestalt und vornehm-reine Haltung und machte die lyrischen Eesangspartien (Lied vom Weidenbaum!) zu einem Glanzpunkte des Abends. Lorenz als Otello führte die elementaren, instinkt- geladenen Linien, die Verdi anschlug und der Stil der Aufführung erstrebte, von der Liebe bis zur (sehr deutlichen) Eifersuchtstat darstellerisch ausgezeichnet und gesanglich fich wacker neben Jago haltend durch. Dr. Heinrich Reichert.
Gisela
Don Walter von Molo
Die Fichte „Gisela" ist mir aus zwiefachen Gründen her wett:
Als ich fie kennenlernte, war sie von großen Schwestern in den kalten Schatten gedrängt, armselig und zurückgeblieben. Sie war krank blutarm und ein wenig verkrüppelt. Jeder wollte das „Verreckeri“ absägen. Mit wenigen scharfen Hin- und Herzügen des gezähnten Stahles wäre es getan gewesen. Aber ich gab rhr den Namen Gisela, ließ fie im Herbst ausgraben und oben auf dem Berghang einsetzen.
Da lebt sie nun ungestört und frei und ist den ganzen Tag der Sonne und jedem Winde dargebote». Sie wächst jetzt. Sie wird niemals etwas Besonderes werden, denn sie ist so etwas nicht — äußerlich besehen —, aber gerade deshalb besuche ich fie oft.
Neben ihr war ich in einer Vollmondnacht. Groß hing die Scheibe des erfüllten Gestirns im wolkenlosen Himmel über uns und erleuchtete das Tal und die fernen Berge. Gisela freute sich wie ich. Aber mit einem Male zog schwarz>eine große, dicke, längliche Wolke bedrohlich gegen den Mond heran; Gisela und ich mußten für ihn fürchten, weil die Wolke schnurgerade und eilig auf ihn zuschwamm. Jäh und gehästig hatte ste ihn auch schon verschluckt; wir konnten es nicht verhindern. Das Tal, die Ferne und die Nähe waren finster.
Ich tröstete Gisela, indem ich traurig nachsah, ob ihre verkümmerten Zweigenden sich in der Ordnung strecken wollten; man muß die Zeit ausnützen. Meine Forschungen waren Gisela peinlich, sie lentte meine Aufmerksamkeit von sich und leuchtete, wirklich und wahrhaft: sie glänzte auf, und als ich mich schnell umwendete, war die strahlende Mondscheibe da. Alles lag tn unveränderter Ruhe schön silbrig erleuchtet wie zuvor.
Gebuckelt und geduckt jagte das finstere, ruhelose Gewölk weit ab in der stillen, wieder verklätten Nacht davon.
Die Wolke hatte nicht den Widerschein des großen Eeheim- nistes um uns verzehrt, sie war nur zwischen uns und dem Licht gewesen.
„Dunkelheit und Krankheit, Berdammnis unb Pein", hauchte Gisela auf ihre treue Art mir zu, die von ihrer prüfenden Einsamkeit kam, „sind nicht Vernichtung oder gar Abscheiden des Hellen; sie quälen nur, wenn wir das Licht gerade nicht sehen. Du daffst niemals meinen, das Licht könne verschwinden. Es ist immer da!“
