Wiesbadener Tagblatt
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Dienstag, 9. Juli 1940
Nr. 159
Das GtftänOnis Bonnets
Wöchentlich mit einer täglichen
88. Jahrgang
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Unierhalirmgsbeilage Berliner Büro, BeGn.WUmersdors
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Rohstoffmangel Englands
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Graf Ciano an der Maginotlinie
Unterhaltung mit dem Erstürm« von Fort Douaumout — Deutsche Frontsoldaten begrüben den Auhenminister des verbündeten Italien
Scherben und „hausgemachte" Handgranaten (Eigener DrabtberiSt unserer Berliner Schriftleitung.)
Berlin. 9. Juli. (Funkmeldung.) Der italienische Auhenminister Graf Ciano. der aus- Einladung der Reichsregierung gegenwärtig in Deutschland weilt und das westliche Operationsgebiet besucht, bestchtigte in Begleitung von Botschafter Altieri. dem Ebes der volitischen Abteilung des italienischen Außenministeriums. Botschafter Buti. dem Chef des Protokolls des italienischen Außenministeriums. Gesandten Geißer di Eelesia. sowie.des Botschafters v_o n Mackensen. des Generalmaiors Dittmar und des Chefs des Protokolls des Auswärtigen Amtes. Gesandten Freiberrn von Dernberg, verschiedene Festungswerke der Maginotlinie. um die besonders heftig gekämpft worden war. Graf Ciano besuchte auch das Fort Douaumont bei Verdun. vier ließ er sich durch den Erstürmer des Werkes. Generalleutnant W eisen- berger. sowie durch Offiziere, die sich bei der Erstürmung ausgezeichnet chatten, eingehende Beuchte über den Verlauf der Kampfhandlungen erstatten und. unterhielt stch mit. Soldaten. die bei dem Sturm auf dre Bunker ausgezeichnet worden waren.
Bei seiner Durchfahrt durch Metz bereitete die Zivilbevölkerung Gras Ciano svonta.ne Kundgebungen. 3m Operationsgebiet hatte stch die Nachricht vom Besuch des italienischen Außenminister, unter den Frontsoldaten
Der Ausfall des rumänischen Erdöls wirkt stch aus
Genf. 8. Juli. Trotz der so oft betonten Überschüsse.feines Weltreiches an Rohstoffen aller Art muß England immer weitergehende Schritte unternehmen, um zu den unentbehrlichsten Kriegsmetallen zu kommen. Nachdem die städtischen öffentlichen Parks, voran ,n London, aber auch in allen anderen Städten, ihre ersernm Einfriedungen hergegeben haben, sind nun die Eisenbahnen dran. Sie sind in England Privatunternehmen.und sollen als solche ein gutes Beispiel für die anderen Privattzsitzer von eisernen Gittern geben. An den Stationen, den Euterbabichofen. den Materialdevots. überall müsten die EisenbahngeielliLaften die eisernen Zäune als Altmetall der Berschrottung ausliefern. Ferner fallen infolge der Holzknappheit alle Bäume auf bahneigenem Besitz.
Mit einer schon nahezu krampfhaften Wut stürmt sich England auf seine eigenen mutmaßlichen. Erdöl schätze. Dre Churchill-Regierung läßt erneut eine ganze Reihe Bohr- bewilligungen für die d'Arcy-Bohrgesellichaft berausgehen. Die Gesellschaft versvricht die sofortige Aufnahme von Boh- Nlngen in den Grafschaften L a n c a st e r C b e st e r. F l - - + Denbigh. Leicester. Nottingham und R iord. Außerdem ließ stch das Unternehmen alte und verfallene Bobrgenehmigungen erneuern und will an den alten Plätzen in den Grafschaften Chester. Derby und »tasford die Bohrungen wieder aufnehmen.
Di« Hast erklärt stch vor allem aus der Unmöglichkeit, rumänisches Öl zu erhalten. Wie auf der ganzen Linie hofft England auch hier auf das Wunder, auf die urplötzliche Erschließung englischer Ölquellen, dre das Land mit der größten Handels- und Kriegsflotte von Übersee unabhängig machen soll.
as. Berlin, 9. Juli. (Drabtbericht unserer Berliner Schriftleitung.) Der frühere französische Außenminister Bonnet bat noch einmal die Kriegsschuld Englands und Frankreichs klar bestätigt. In den Besprechungen, . dre gegenwärtig von den französtschen Abgeordneten in Bichp. am Sitz der französtschen Regierung, geführt werden, erläuterte Ecora Bonnet die Ereigniste und diplomatischen Schritte, die der Kriegserklärung vorausgingen. Er erklärte dabei, daß er am 1. September vorigen. Jahres im Namen der französischen Regierung dem italienischen Konferenzvorschlag zur Beilegung des deutkch- volnischen Konfliktes zugestimmt habe. Am 2. September, während Polen mit Deutschland bereits im Krieg war, habe et seine Bemühungen zur Wiederherstellung des Friedens fortgesetzt. Er habe eingewilligt, daß in den folgenden Wochen eine Konferenz stattfinde. Diese,Konferenz aber hätten die polnische und die britische Regierung unmöglich gemacht. Das .entspricht vollkommen dem. was wir stets erklärt und. i«.unseren Weißbüchern bestätigt haben. Bon englischer Seite »st dreie Darstellung immer wieder bestritte» worden.. Jetzt ist also noch einmal klar und einwandfrei die Kriegsschuld Englands fr st gestellt, zugleich aber auch öie Kriegsschuld Frankreichs, das stch den eiy« fischen Hetzern nicht widersetzte, sondern stch timen auslieferte und am 3. September Deutschland den Krieg erklärte. Daraus muß nun auch Frankreich die «Folgerungen ziehen. Es mag stch bei den Männern bedanken, dre dafür verantwortlich stnd. daß die Bermittlnng im September scheiterte.
Verfassungsänderung beschlossen
Genf, 9. Juli. (Funkmeldung.) Aus Vichy wird amtlich gemeldet: Der Ministerrat bat stch Montagabend unter dem Borsitz des Prästdenten der Republik, Lebrun, versammelt und den Entwurf einer Verfastungsäaderung angenommen. Dieser Entwurf wird den Kammern und der Nationalversammlung zur Beschlußfastung unterbreitet werden. Der Vizevrästdent des Ministerrates. Pierre Laval, wird ihn vor den Bersammlungen vertreten.
Der der Nationalversammlung vorzulegende Entschließungsentwurf enthält einen einzigen Artikel, der besagt, daß die Nationalversammlung der Regierung der Republik unter der Signatur und Autorität des Marschalls Pötain. Prästdenten des Ministerrates, alle Vollmachten zwecks Erlasses der neuen Verfassung des französischen Staates verleiht. Die Verfassung wird durch die Versammlungen ratifiziert werden, wie er sie selbst geschaffen haben wird.
Geschäftsträger verlangt seine Pässe
* Genf. 9. Juli. (Funkmeldung.) Der „Petit Dauphinois“ meldet aus London: Der französtsche Geschäftsträger in London bat stch in das Auswärtige Amt begeben, wo er die Entscheidung der französtschen Regierung, die divlo- mat-schen Beziehungen mit England abzubrechen, bestätigt hat. Der Geschäftsträger hat keine Päste verlangt.
„Geschichte zweier Völker"
Als am 13. Oktober 1934 Poincars, der unveHöhnliche Gegner Deutschlands, starb, verwaiste auch sein Platz tm Gremium der 40 Unsterblichen in der Acadömie tiriancatfe. Sein Nachfolger wurde dort der Geschichtsvrofessor Jacques Bainville. der an Poincares Platz auch in dessen Geyt wirkte. Er gehörte bei seinem Eintritt in die Acadönne Franvaise zu den erfolgreichsten französischen Schriftstellern und war als Historiker Haupt einer Schule, deren Zugehörige auf des Meisters Worte schwuren und seine Ideen in der politischen Wett verbreiteten. Bainville starb zwar schon ein Jahr nach seiner Ernennung zum Mitglied der Akademie (1936). aber in zwei volkstümlich gehaltenen und vrovagan- distisch eingestellten Geschichtsbüchern bat er über seinen Tod hinaus das französische Volk zu dem sinnlosen Kampfe gut« gehetzt, der zu einem furchtbaren Strafgericht über die leichtgläubigen Massen werden sollte. 1915 erschien Bainvilles „Geschichte zweier Völker" (Historre de deux veubles). das bis zu keinem Tode 97 Auflagen «erlebte, und 1924 seine „Geschichte Frankreich s". die sogar 268 Auflagen verzeichnen konnte. Beide Bücher sind in ihrer Tendenz völlig gleich, und daß diese Tendenz den Beifall des französischen Volkes fand, beweist die Höhe der Auflagen, und diese ist wiederum eine Anklage gegen das gesamte französische Volk. Es ist zu bedauern, daß diese Tatsachen im deutschen Volke nicht früher bekannt waren, denn alles, was in französischen Regierungserklärungen und in der Presto über Frankreichs Kriegsziele veröffentlicht wurden, ist Geist vom Geiste Bäinvilles.
Wenn wir uns heute mit keinen beiden bekanntesten Werken beschäftigen, dann geschieht es nicht ans der Überheblichkeit eines errungenen Sieges oder den Gefühlen des Hastes und sinnwidriger Rachsucht, sondern einmal deshalb, um die mit raffinierter Dialektik durchgeführte Darstellung der historischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich von „der anderen Seite aus“ zu sehen. Diese Darstellung ist die Taktik des geristenen Advokaten, der Kleinigkeiten aufbauscht. Hauptsachen unbeachtet läßt, Zusammenhänge willkürlich auflost und umdeutet, und dabei, vielleicht gegen seinen Willen, die Schicksalsepochen der deutschen Geschichte in markanter Weise herausstellt. Zum andern aber ist es dringend geboten, in diesen Tagen, in denen die Waffen- stillstandskommistion in den Mauern unserer Stadt ein vorläufiges Fazit aus einer verfehlten französischen Politik der letzten drei Jahrhunderte zieht, zu prüfen, ob irgendwo Anzeichen vorhanden sind, daß das französische Volk in seiner Gesamtheit die Sinnlosigkeit erkannt hat. stch heute noch zum Vollstrecker der Politik Richelieus und der Ideen des Westfälischen Friedens zu machen. Wer nüchternen Sinnes die französischen Kundgebungen vor dem 17. Juni überprüft, wird mit Bedauern feststellen müsten. daß es an Anzeichen für eine innere Hmtebr Frankreichs völlig mangelt, und wenn heute unter der Wucht der siegreichen deutschen Waffen der Gegner sich auf Gnade und Ungnade ergibt, so wird deshalb niemand glauben, daß er damit die leitende Idee seiner Politik gegen Deutschland abgetan hat. jene fixe Idee von der im Jntereste Frankreichs liegenden Zerstückelung Deutschlands, die man den französischen Abc-Schützen schon einimvfte und die das Ruhekissen der französischen Rentnergreise war.
Es ist lesenswert, wie Bainville die Tatsachen ausweist, die es der französischen Politik ermöglichten, die Kontinuität der deutschen Zersplitterung aufrecht zu erhalten, vom Kampf der Kaiser gegen die Päpste an bis zum Ringen der Fürsten gegen den Kaiser und während der. Elaubensspaltung in Deutschland. Immer finden wir Frankreich auf der Seite besten, der Deutschlands Einigung verhindert, mögen ihn sonst auch Gegensätze religiöser oder wirtschaftlicher Art trennen. Diese Politik fand ihre Krönung im Westfälischen Frieden, „der Organisation der deutschen An -
verbreitet und rief überall, wo die Autokolonne Graf Cianos durchkam. Kundgebungen der Begeisterung hervor.
Hauptthema der italienischen Presse
Rom. 9. Juli. (Funkmeldung.) Die Reise des italienischen Außenministers „an.die ehemalige Westfront bildet das Hauvttbema der rorniichen Morgenprest«. In ausführlichen Berichten wird die Besichtigung der Maginotlinie und der Befestigungen von Verdun geschildert und dabei betont, daß man bedenken muffe, wie Frankreich diese Befestigungen mit einem Mythos der Uneinnehmbar keit umgeben habe, um stch darüber klar zu sein, welche Leistungen die deutsche Wehrmacht vollbracht habe, der es in kürzester Zeit gelungen sei. diese Befestigungen zu brechen.
Auf diesen Schlachtfeldern, so schreibt „Povolo di Roma", sei das Schicksal des Kontinents endgültig entschieden worden, auch wenn der Krieg noch nicht zu Ende sei und der, Hauptfeind noch geschlagen werden muffe. Hervorgehoben wird in den Schilderungen der außerordentlich herzliche Empfang, der dem Sendboten des Duce von der beutnben Bevölkerung von Metz und den vielen tausend dort antöfftgen Italienern bereitet wurde.
Andere wollen all« Motorräder mit Beiwagen beschlagnahmen. um diese Gefährte mit Maschinengewehren zu bewaffnen. Wieder andere empfehlen „Hausse mach t e Handgranate n“. andere Einsender sehen das Allheilmittel darin, daß man die Landstraßen mit Glasscherben bestreut, um etwaige deutsche Autos auszuhalten. 3a, man erzählt allen Ernstes, daß der deutsche Vorstoß auf Abbeville seinerzeit in Frankreich gescheitert wäre, wenn die «tranzosen rechtzeitig zu diesem Mittel gegriffen hätten. Man steht, welch seltsame Vorstellung man von den Deutschen hat. die weder durch die Weygand- noch durch die Maginotlinie auf- gehalten werden konnten, die nun aber durch englische Glasscherben gestoppt werden sollen. So zeigen alle diese Rezepte nur, wie sehr die Angst an den Gemütern in England zerrt. . -
Manche der amtlichen Maßnahmen stehen allerdings auf der gleichen Höhe wie diese privaten Rezepte. So, wenn zum Beispiel jetzt auch die Schulatlanten in England beschlagnahmt werden, nachdem man den Besitz anderer Landkarten schon vor einiger Zeit verbot. Auch sucht man immer noch verzweifelt, Irland in den Krieg bineinzuzerren. Churchill hat nämlich, wie der englische Nachrichtendienst mrtteilt. erneut die irische Regierung „gewarnt, de Valera möchte nicht zu spät um Englands Hilfe bitten“. Trotz aller eindeutigen Erklärungen des irischen Ministerpräsidenten, daß Irland unbedingt an der Neutralität festhalten will, geben die (Englänber also ihre Hoffnungen auf Irland nicht auf. Man erklärt dabei den Iren erneut, daß man kanadische und australische Truppen, sowie polnische und tschechische Emigrantenverbände nach Irland senden wolle, wenn man dort nun einmal keine englischen Truppen zu sehen wünsche. Aber auch das ist eine alte Offerte, die von den 3ren bereits nachdrücklichst abgelebnt worden ist. In London aber will man nicht begreifen, daß die Iren, die man so lange knechtete und mißhandelte, nicht die mindeste Neigung haben, letzt für die englischen Plutokraten zu kämpfen und zu bluten.
as. Berlin. 9. Juli. Das englische Unterhaus will heute wieder einmal eine Eeheimsltzung abbaiten. Die Tagesordnung ist ziemlich umfangreich: der Blockqde- minifter will über den angeblich so „erfolgreichen Wirtschaftskrieg gegen Deutschland" berichten, die Frage der Kriegssteuern, wie überhaupt dre Frage der Kriegskosten soll behandelt werden, und schließlich will man sich weiterhin darüher auseinandersetzen, wie England militärisch, politisch und wirtschastlich den Krieg gegen Deutschland weiterfuhren ü>ll, nachdem Deutschland den Eesamtkontlnent beherrscht. Was die militärische Kriegführung anlangt, so bestehen nach ____recht erhebliche Meinungsverschiedenheiten über die Frage des Oberkommandos. Meinungsverschiedenheiten. die zu einem scharfen Gegensatz zwischen Eden und Churchill führten. Eden.setzt stch nämlich nach wie vor als Kriegsminister nachdrücklich dafür ein, daß. die Verteidigung der britischen Inseln in die Sand etnes Generalissimus gelegt wird, der Befehlsgewalt über alle Land-. See- und Luftstreitkrafte haben soll, Eden und die ihm nahestehende Presse empfehlen sur dreien Posten weiterhin General J ronsid e. Chur ch ill widersetzt, stch solchen Eedankengängen und erblickt tn der Schonung eines einheitlichen Oberkommandos eine, Schmälerung seiner persönlichen Machtposition. Sein Einfluh auf Flotte und Luftwaffe ist zur Zeit sehr groß. Dreien Ernfluß wrll er stch unter keinen Umständen nehmen lassen.
Offenbar traut man tn der Bevölkerung den Derterdr- gungsmaßnahmen der Regierung nicht sonderlich, denn dte Zeitungen Bringen Tag für Tag z a 611 o s e Rezente ihrer Leier. Die einen fordern, daß man schleunigst mit dem Bau unterirdischer Flughäfen beginne und reden Menschen, dex Picke und Schaufel handhaben könne, dazu heranzrehe.
