Wiesbadener Tagblatt
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Erscheinungszeit:
Nr. 282
Freitag, 1. Dezember 1939
87. Jahrgang
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Die Wirkung der deutschen Gegenblockade
735000Tonnen seit Kriegsbeginn
194 nach England fahrende Dampfer durch U-Boote und Minen versenkt — Zahlreiche Tanker verloren
Gesamtverluste wesentlich höher
Berlin, 1. Dez. (Funkmeldung.) Die Verluste der auf England fahrenden feindliche» und neutralen Handelskchiff- fahrt sind weiter gestiegen. In der Zeit von Kriegsbeginn bis zum 29. November 1939 sind durch U-Boote oder Minen versenkt:
a) nach bereits bestätigten Meldungen: 162 Schiffe mit 639 689 Brnttoregistertonne», davon 5 2 neutrale Schiffe mit 185 248 Bruttoregistertonne«;
b) nach sonstigen Meldungen weitere 32 Schiffe mit i 96 079 Brnttoregistertonne«, davon 16 neutrale
Schiffe mit 39321 Bruttoregistertonnen.
Damit sind die Gesamtverluste seit Kriegsbeginn auf 194 Schiffe mit 735 768 Vruttoregistertonnen gestiegen.
3« dieser Zahl ist em besonders hoher Vrozeut- satz an versenkten Tanker« enthalten, und zwar beträgt der versenkte Tankraum 150 867 Brnttoregistertonne«
bei einer durchschnittlichen Tonnage des einzelnen Tankers von 7500 Bruttoregistertonnen.
Unter Berücksichtigung der bekannten Tatsache, da« von englischer Seite die Verluste an eigenen Schiffen, insbesondere in der Nähe der englischen Küste, verschwiegen werden, stnd die Gesamtverluste noch wesentlich höher anru« setzen. _______
Protest Japans gegen Frankreich
Einspruch gegen die Unterstützung Tschiangkaischeks und gegen die Belästigung japanischer Schiffe
.^Eio, 1 Dez. (Funkmeldung.) Die japanische Regierung protestierte Beim französischen Botschafter in Tokio auf das schärfste gegen die Waffenlieferungen in Jndochina an die Tschiangkaischek-Regierung. Wie die Zeitung »Tokio Asaki Schrmbun" hierzu schreibt, wies Außenminister Nomura bei dieser Gelegenheit nachdrücklich darauf bin, datz Frank- rerch nicht nur Tschiangkaischek mit Kriegsmaterial unter« »übte, fonbcr« sogar wiederholt in der Nähe der Küste von Hranzosisch-Jndochina japanische Schiffe angehalten und belästigt habe.
Andren tm Aufruhr gegen England »Millionenflüche steigen auf gegen die erbarmungslosen britischen Unterdrücker, die in der Londoner City sitzen und ftch an dem Elend mäste«. Sie «erden nicht verstummen bis die englische Weltherrschaft fällt, die eine einzige Schande für die Zivilisation ist"
Englands Verrat
Berlin, 30. Roo. Der Deutsche Dienst meldet: Wie aus zahllosen Meldungen der letzten Wochen bervorgebt, sind die Kämpfe in Waziristan im Nordwesten Indiens wieder auf geflammt: die von der indischen Kongretzpartei gebildeten Regierungen der Provinzen sind zurück- getreten, der heilige Führer der indischen Massen. Gandhi, hat erklärt, die Forderungen des Volkes würden nicht eher befriedigt sein, als bis der britische Imperialismus aus Indien gewichen sei.
Nach einem Bericht des „Manchester Guardian" aus Neu-Delhi hat Gandhi sogar gedroht, datz Nichtannahme des Vorschlages der indischen Kongretzpartei, eine verfassunggebende Versammlung einzuberufen, die über Indiens künftige Verfassung Beschlutz zu fassen habe, eine sofortige Aktion der Inder unvermeidlich mache. Schließlich hat der Kongreh den Beschlutz gefaßt, nicht mehr mit England zusammenzuarbeiten, bis Indien seine Freiheit erhalten hat. Indien befindet sich im Aufruhr gegen seine britischen Herren und Unterdrücker.
Die britische Regierung hat aber den Kriegseintritt Indiens gegen den ausdrücklichen Willen des indischen Volkes verordnet, so wie man Kolonialvölker, so wie man von jeher Sklayen gezwungen hat., im Dien st e ihrer Herren zu bluten und zu bezahlen. 3n einem Weißbuch bat die britische Regierung versprochen, nach dem Kriege mit den Indern in Beratungen über etwaige Änderungen in der indischen Bundesverfassung einzutreten.
Nach dem Kriege — damit ist klar gesagt, datz Indien während des Krieges Kolonie bleibt. Über den Wert der für die Nachkriegszeit gegebenen Versprechungen wird stch aber niemand einer Illusion hingeben, der die Geschichte des indischen Freiheitskamvfes kennt. Sie ist gekennzeichnet durch eine Kette gebrochener britischer Versprechen.
Eine Kette von Wortbrüchen
svruch, er rechne sich zu denen, die überzeugt seien, datz das Britische Reich die großartigste Waffe im Dienste des Guten sei. die es je gesehen Hahe. Er verhielt sich entsprechend. Er lehnte die indischen Selbstverwaltungswunsche schroff ab und hinterließ eine solche Erbitterung über seine Gewaltmethoden, datz England gezwungen war, em neues Versprechen abzugeben.
Wiederum gab der englische König selbst dieses Versprechen ab. Er erklärte 1908: „Das System von Abge- (Fortsetzung auf Seite 3)
Alle Inder fordern Selbstregierung
Eine Moskauer Feststellung zum indischen Problem
Berlin. 30. Nov. Der Moskauer Rundfunk verbreitet eine Meldung aus Bombay, in der es u. a. heißt:
»Dem Versuch der englischen Regierung, die Nichtgewäbrung der Unabhängigkeit für Indien mit der Ausrede zu entschuldigen, es sei dies wegen der besteben- denrelrgiösenFeindschaft zwischen Mohammedanern, Smdus und Andersgläubigen geschehen, wird entgegen« gehalten, datz ia alle diese religiösen Gruppen die S e l b st r e g i e r « n g für Indien fordern. Dessen Probleme stnd nickt durch eine fremde Regierung, sondern nur durch em politisch unabhängiges Indien zu lösen."
Hilfstruppen aus Nepal angefordert
. Berlin, 1. Dez. (Funkmeldung.) Mit welcher Besorg- n t s England bte Entwicklung in Indien betrachtet, geht aus der Tatsache hervor, datz Großbritannien von einem Abkommen mit Nepal Gebrauch macht und Gurkha- Truppen aus diesem Lande angefordert hat. Wie in London mitgeteilt wird, werden insgesamt acht Bataillone eingeborene Truppen aus dem Lande Nepal nach Indien transportiert werden, nm hier Dienst zu tun.
Englands Existenzkampf
Von Heinrich Karl Kunz
v Seit Wochen zerbrechen sich die englischen Journalisten den Kops darüber, wie Deutschland den Krieg weiterzuführen gedenkt. Die Frage, wann und wo der „große S ch l a g“ erfolgen könne, ist in den Spalten der britischen Blätter immer wieder erörtert worden. Will Hitler die Maginot-Linie angreifen. oder werden seine Divisionen in England selbst zu landen versuchen? Zwischen den Zeilen aber macht sich eine fieberhafte Nervosität breit, eine Unsicherheit, die dafür zeugt, daß man jenseits des Kanals weder an der Aktivität der deutschen Kriegführung, noch an den ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Mitteln zweifelt. Der „große Schlag ist — vorerst wenigstens — noch nicht geführt worden. Dafür rollt eine Reihe von Einzelaktionen ab. die in ihrer Planung ebenso klar, wie in ihrer Wirkung von durchschlagendem Erfolg stnd. Hinter diesen Unternehmungen, die durch die Präzision ihrer Vorbereitung und den Schneid ihrer Durchführung in der ganzen Welt Bewunderung erregen, wird der leidenschaftliche Wille einer Führung fühlbar, die entschlossen ist. den Krieg bis zur Entscheidung, bis zum Sieg durchzukämpfen. Unternehmungen, die aus den nahezu unerschöpflichen Kräftereserven eines 80-Millionen-Volkes und einer völlig intakten, auf vollen Touren laufenden Wirtschaft schöpfen.
Allmählich beginnen auch die Engländer zu begreifen, daß ste. über dem faszinierten Warten auf den „großen Schlag" beinahe den Auftakt folgenschwerer Operationen verpatzt hüt- ten, das.das sei ah r liche Ringen ja schon invollem Z u„g e ist. Wahrend sich an der Westgrenze Millionen-Heere untätig gegenüberliegen, entwickelt sich um und über England ein Krieg, der auf deutscher Seite von einzelnen Män- nein und kleinen Kampfgemeinschaften getragen wird, also mit verhältnismäßig geringem mensch- liKem Substanz- wie Materialrisiko. Der hohe Ausblldungsstand und die Güie der deutschen Maschinen und Wanen halten die eigenen Verluste erfreulich niedrig. Ein Krieg mit außerordentlich rationellen Voraus- Ietzung.en für Deutschland, mit denkbar größten Wirkungs- moglichkeiten und. Gefahren für Großbritannien, das sich in feinem empfindlichsten Lebensnerv, in feinen überseeischen Verbindungen, getroffen fühlt. Aktionen, die den von England so gefürchteten ..großen Schlag" wirksam vorbereiten rönnen, ohne daß dabei für Deutschland ausschlaggebende Kräfteverluste eintreten.
Die In sei läg e, die Jahrhunderte hindurch den Briten zum Vorteil gereichte beginnt ihre Schattenseiten herauszukehren. Jeder Dampfer, der durch deutsche Torpedos oder durch MiNU vernichtet wird, bedeutet nicht nur den augenblicklichen Verlust von Lebensmitteln oder Rohstoffen, sondern den dauernden Ausfall von Laderaum, die wachsende Enchwerung der weiteren Zufuhren, die für Eng- land eine Lebensfrage darstellen. In den Perioden, da die gestohlenen Reichtümer Indiens in das britische Mutterland einstromten und die Stahlkammern der Bank von England lullten da die Schiffe den Überfluß an kanadischem Weizen für billiges Geld herübertrugen, glaubten sich die Lords den Luxus, das englische Bauernland in einen Park, in ein Paradies für Schafherden und Pferde umzuwandeln. leisten zu können. Dieser Snobismus rächt sich bitter. 75 Prozent der Lebensrnittel müssen heute eingeführt werden. Jede verlorene Tonne schmälert die Ernährungsgrundlage. Und waren es nicht 100 000 Tonnen, die in wenigen Tagen vernichtet wurden? Überall lauern Minen und, deutsche U-Boote. Selbst an der Küste Westafrikas ver- iKwindet plötzlich ein englischer Tanker, gerade eines jener Sänfte., an denen England bedenklich Mangel leidet. Die Hafeneinfahrten find, wie die Berichte neutraler Kapitäne bestätigen., mit Wracks nahezu verstopft. Kein Tag vergeht, an dem nicht mehrere Frachter überfällig werden. Brot, das den britiichen Tisch nicht mehr decken wird. Eine eiferne Sand fvannt f i ch um d i e Gurgel Englands.
1. Diese Kette beginnt mit dem Jahre 1857. Fast 200 Jahre lang hatten in Indien damals amtliche und private Abenteurer aus England nach dem Wort des bekanntesten britischen Historikers M a c a u l a y „Unterdrückung, Beraubung und Korruption größten Stils" getrieben. Der indische Aufstand von 1857 zwang England, diese schändlichste Periode seines Imperialismus zu liauibieren, und als Königin Victoria selbst die Regierung Indiens in die Hand nahm, erklärte sie, so weit es möglich sein könne, würden die indischen Untertanen, welchen Glaubens und welcher Relmion sie auch angehörten. frei und unvoreingenommen zu Ämtern zugelassen werden.
2. In Ausführung dieses großartigen Versprechens der Königin selbst wurden von 300 Millionen Indern ganze fünf Personen zu Mitgliedern eines Rates ernannt mit der Befugnis, den Vizekönig unverbindlich und auf dessen Wunsch bei der Gesetzgebung zu beraten. Das und ähnliche Scheinräte in fünf Provinzen war alles, was 30 Jahre lang zur Durchführung des königlichen Versprechens geschah. , m
3. 1892 wurde das Versprechen. Inder zur Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheit hinzuzuziehen und die öffentliche Meinung Indiens zu berücksichtigen. erneuert. Mr. Curzon versprach den Indern als Unterstaats- fefreiär für Indien eigene Abgeordnete. Das Gesetz, das daraufhin erging, tat aber nichts weiter, als die Zahl jener erwähnten machtlosen Vertreter etwas zu erhöben.
Sie erhielten die Erlaubnis. Vorlagen zu erörtern, durften aber nicht darüber abstimmen. Einige Jahre später wurde Curzon selbst Lord und Vizekönig und batte sechs Jahre lang Gelegenheit, seine Versprechungen zu erfüllen. Von diesem Mann stammt der phantastisch arrogante Aus-
Finnische Regierung zurückgetreten
Trotz des vom Reichstag erhaltene« einstimmigen Vertrauensvotums
Neue Regierung Tanner
Oslo, 1. Dez. (Funkmeldung.) Nach Meldungen, die in Oslo aus Helsinki eingetroffe« stnd, ist die Regierung La, an der trotz des vom Reichstag erhaltenen ein« nimmt gen Vertrauensvotums heute nackt rurück- aetreten. Am frühe« Morgen ist die neue Regierung gebildet worden mit dem bisherigen Finanzminister Tauner als Minifterprästdent und K i v i m ä k i, der vom Dezember 1932 bis Oktober 1936 Minifterprästdent war, als Außenminister.
Einmarsch der Sowjettruppen
Uskau, 1. Dez. Um, „0.45 Uhr Moskauer Zeit (22.45 Uhr MEZ.) wurde über k a m tl i che so w i e t isch e Sender eine amtliche Mitteilung verbreitet, worin nun« Mehr auch von Sowjetkeite der Beginn der Kamps- yanLHingen gegen Finnland bekanntgcgcben wird.
In der, Nacht vom 29. auf den 30. November haben sich an der fowretifch-finnifchen Grenze mehrere neue Zwischenfälle ereignet. Um 2 Uhr nachts, so heißt es in der amtlichen Mitteilung.^ überschritt beim Dorfe Kowaino nördlich des Ladoga-«ees eine Gruppe finnischer Soldaten die Grenze und grill die sowietische Grenzwache an. Die finnischen Abteilungen wurden mit starken Verlusten zurückgeschlagen. Um 3.15 Uhr eröffnete eine weitere starke Abteilung finnischer Truppen
Raaf ul i auf der karelischen Landenge Maschinengewehrfeuer aut die Sowiettruppen. Die Angreifer gleichfalls. öuruckgeichlagen. Dabei wurden von den Sowiettruvven in der Rahe des Dorfes Korinianki zehn nnnische Soldaten und em Unteroffizier gefangengenommen, ll.al 4 Uhr morgens versuchte eine weitere Abteilung fin» ntfÄer Truppen aut der karelischen Landenge beim Dorfe xermolpmo einen Angriff, wurde jedoch von Sowjet- truvpen mit Maschtnengewehrfeuer zurückgetrieben.
2n Anbetracht dieser neuen Provokationen mit bewaff- netem Überfall seitens der finnischen Truppen erteilte das ~1>erJ?nU?anbo ber Roten Armee den Truppen den Befehl, mn 30. November um 8 Uhr morgens die sowjetisch-finnische Grenze „zu überschreiten. Abteilungen der Roten Armee ruckten sofort an mehreren Punkten der inrn;,3Ci?0I’ß.-u,nb £roar aus der karelischen Landenge um 10 bis 15 Kilometer westlich der Grenze und von Petroiawodsk aus bis zum See Suojarwy Auf der mrelnchen Landenge wurden von den Sowiettruvven mehrere Dörfer und (Siknbabnitationen besetzt: die Stadt Tälioki ist bereits erreicht worden. Beim Vormarsch wurden von den Sowiettruoven einige Dutzend Gefangene gemacht.
Gleichzeitig unternahm die sowjetische Luftwaffe trotz.ungumtiger Witterung Erkundungsflüge über das Territorium Mnniands und bombardierte die Flugplätze von Wiborg und Helsinki,
