Seile 6 Nr. 274
Wiesbadener Tagblatt
Mittwoch, 22. November 1939
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(Nachdruck verboten.)
33. Fortsetzung.
Täglich ab 19 Uhr geöffnet: Die beliebten Abendlokale
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Leitung: A. Ade.
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Beginn 4, 6.15, 8.30 Uhr -- So. ab 2 Uhr
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den Sonntag hoch oben tn Den . Heinz ist ra|ch gestiegen, darum perlt der Schweig auf feiner Stirn, und das Herz klopft. Es ist ihm etwas ungewohnt geworden, das Aufwärtsgehen und Ausschreiten _ . , , . _ ,
Diese Nacht zieht einen dicken Strich unter eine Rechnung, die abgeschlossen ist. Es ist Mitte Juni. Den Rest der Strafe hat man ihm erlassen. Sonst wäre es noch nicht an
voll singt ihm die Goldaa entgegen. 2m Mondglanz stützt sie aus dem engen Waldtal ins freie 'Land heraus. Da unten breitet es sich mit seinen Dörfern und Gehöften, seiner breiten Straße, der kühnen Bergbahn und seinen vielen Menschen. Sie schlafen noch lange nicht alle. Viele Häuser stnd noch beleuchtet, und heute, an einem Samstagabend, hört er ganz deutlich die vielen Kraftwagen und Töfss vom Unterland dem Alpenpatz zufahren. Wanderlustige Stadt- und Industriemenschen, die den Sonntag hoch^ oben tn den Bergen verbringen wollen, f ' " !" " "
„Nächsten Montag wird mit dem Aushub des Kellers begonnen; vierzehn Tage später machsen die Grundmauern aus dem Boden; das Holz für den Oberteil ist bereits geschnitten. Aufgerichtet ist alles in wenigen Tagen. Geht jetzt heim, sagt Eurem Vater, er soll das Vieh absetzen. Das Geld braucht er nicht anzuzehren. Habe ich einmal soweit ja gesagt, dann werde ich auch in Zukunft nah sein. Alles Hausgerät bleibt drüben; mitzunehmen habt Ihr nichts weiter als Eure Kleider, Eure Wäsche — und das, was Euch persönlich sonst noch nahesteht."
Diese grohen Worte geben wie ein Lauffeuer durch Rychenberg. Es ist unerhört für die Begriffe dieser einfachen Menschen, oatz solche Ereignisse wirklich geschehen. Und es ist im ersten Ansturm dieser Neuigkeiten nicht mancher, der nicht auf ersten Anhieb mit den Saumhofern tauschen wollte.
Aber dann beruhigen sich bald wieder alle. Man kann nicht einfach in einen Herrenfrack schlüpfen und ein Herren- leben führen, erkennen sie. Die Saumhofer haben einmal Herrentage gehabt. Vielleicht werden sie ihren neuen Eliicks- fall wirklich ertragen. .
Eine helle Mondnacht steht über den Bergen. _
Ihr machtvoller Schein beleuchtet die schmale Strage, die sich bei der Bahnstation Angstligen zuerst in mühsamen Kehren an die lichtgebadete Bergflanke hinaufwindet, ein paarmal der mit wilden Stürzen aus ihrem Heimattal herabkommen- den Goldaa entgegenläuft, ihr entschlossen wieder den Rücken kehrt, wieder kommt und wieder scheidet und endlich nach dem letzten scharfen Knick sich nun dauernd an sie zu halten versucht — denn nun ist der Steilausgang der Schlucht überwunden; die Steigung der Straße mähigt sich, und der einsame, späte Wanderer, der hier oben tief aufatmend anhalt und zurückblickt, hat das mühsamste Wegstück überwunden.
Es ist Heinz Vuol Heute mittag hat man ibn entlaßen. Mit der Bahn hätte er heimfahren können. Er hat es abge- lehnt. Zu Fuß ist er das breite Tal der Hopper heraufge- schritten und dabei immer so einsam gewesen wie fetzt. Er könnte es nicht besser haben, denn er geht nun heim. Macht-
der Zeit. ,, . „... , .
Einen kleinen Rucksack tragt er auf seinem Rucken heunzu. Er bringt kaum mehr zurück, als er fortgetragen hat. Es ist an diesem genug. Wie er daran denkt, fliegt ihm etn heißes Rot über Stirne und Hände Er schließt die Augen und mahnt sich zur Ruhe. Mit der Hand fährt er sich über sein Gesicht. Er möchte etwas fortwischen, als hätte er einen Schleier vor seinen Augen. Aber er braucht sich jetzt nicht zu erregen.
Es geht der elften Nachtstunde entgegen. Einige von den vielen Lichtern im Tale drunten sind erloschen. Die ferne Landstraße wird etwas ruhiger; der große Lärm verstummt. Aus dem Vergtal fällt der Nachtwind mit kühlen, jn^en Stößen. Heinz atmet freier .auf. Dann schaut er vor sich tn das Dunkel des vom Walde ganz überdachten Stratzleins. Entschlossen wendet er sich zum Gehen. Mitternacht wird vorüber sein, bis er Rychenberg erreicht hat.
Schwerlich wird ihm noch jemand begegnen. Nur noch an der Wirtschaft „Innerberg" wird er vorbeizugehen haben. Im „Autzerberg" brannte noch Licht in der Gaststube. Er hat Männerstimmen gehört und ist rascher seines Weges geschritten. Nun hofft er, dort drin bei der Waldlauwe alles dunkel und still zu finden. Niemand fall ihn sehen. Er fürchtet sich vor der Begegnung mit dem ersten Menschen. Die
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CAPITOL
Am Kurhaus
lange Zeit der Haft und Strafe hat ihn menschenscheu und noch verschlossener gemacht. Ein bitteres .Gefühl steigt tn ihm auf wenn er an das Wort des Eefangnisverwalters denkt, das dieser heute mittag beim Abschied zu ihm gesprochen und das er noch tu den Ohren hort. „Buol. Ihr geht nun heim. Ich bin sicher, daß wir einander me mehr begegnen werden. Aber verhärtet das Herz nicht, sonst verliert Ihr das Leben. Ihr seid noch jung und ungebrochen; dieses Holz muß den Willen und die Kraft haben die geschlagene Wunde zu vernarben und zu überwachsen;« und später wird man Euch gar nichts mehr ansehen können.
Daran glaubt er nicht. Er wird nun ganz einsam sein. Die Rychenöerqer sollen ihn nicht zu Gesicht bekommen. Auf seinem Höf will er leben und sich vergraben. Das ist just der beste Ort, besser als jeder andere in der weiten Welt. Er braucht feine Hütte nicht abzubrechen, wie er sich s einmal vorqenommen. Selten kommt jemand zu ihm oder an der Hütte vorbei zur Sandalp Die Saumlucke zwischen Erk und Geisterhorn fällt langsam der Vergessenheit anheim. Der Patz verödet; er wird sich nur noch auf Landkarten finden und auch dort einmal vergessen werden. Dies eben gereicht ihm zum Trost. Wenn er nicht so überzeugt wäre davon, hatte er niemals den Weg nach Hause eingeschlagen.
So denkt er.
Das Strätzlein führt immer tiefer in den Wald hinein- An ein paar Stellen lichten sich über Heinz die Kronen. Der Sternenhimmel tritt hervor; die Berge werden sichtbar, und droben, kalt und tot. hängt der Mond.
Heinz hat einen rascheren Schritt angeschlagen. Plötzlich fällt ihm droben in einer Lücke der Bäume eine geisterhaft helle Erscheinung in die Augen — die Rychenfluh. Der Heimatberg! - .
Groß werden seine Augen, wie er das gewaltige Bild dieses silberumschlagenen Berges gewahrt. Wer ihn sehen könnte jetzt, mit den anfgerissenen Augen und dem staunend geöffneten Mund, würde eine freudige Überraschung daraus lesen können, das Glück des Wiedersehens und Erkennens. Hier bleibt Heinz einen Augenblick stehen. Ganz deutlich sieht er das weitze Spitzchen droben unwirklich scharf vor dem schwarzblauen Himmel stehen, ruhig und fest, der erste Erutz der Heimat, das erste bekannte Verggesicht aus Ruchenberg, lieber als jeder Mensch, treuer als jene; denn nie haben die Berge ihm so großen Schmerz bereitet als das Leid, das vom Menschen kommt und dem menschliche^ Wesen, von ihm selber und den andern.
(Fortsetzung folgt.)
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Bei diesem Programm empfohlen wir ßle Spielanfangszeiten einzuhalten
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