Wiesbadener Tagblatt
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Nr. 246
Freitag, 20. Oktober 1939
87. Jahrgang
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Neutralität des Nordens
South Africa first!
Von Hans Scharr
(Eigener Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung)
„Noch viel Blut und viele Tränen von Tausenden von
Stockholmer Konferenz beendet
as. Berlin, 20. Oft. Die Konferenz der nordischen Staatsoberhäupter in Stockholm, an der die Könige von Dänemark, Norwegen und Schweden, sowie der finnische Staatspräsident mit ihren Außenministern teilnahmen, hat gestern ihr Ende erreicht. In dem amtlichen Schlutzbericht kommt, wie zu erwarten war. der feste Entschluß zum Ausdruck, inderWahrungderNeutra- lität zusammenzustehen, von welcher Seite auch immer an die nordischen Staaten Anforderungen gestellt werden könnten, die mit einer wahren Neutralität und mit der Selbständigkeit der vier nordischen Staaten nicht zu vereinbaren sind. Es wird also noch einmal der Friedenswille der nordischen Staaten betont, die sich damit auf der gleichen Linie bewegen, wie die Panama-Konferenz der amerikanischen Staaten. Daneben kommt auch zum Ausdruck, daß die nordischen Staaten jederzeit eine Vermittlung zwischen den kriegführenden Staaten begrüßen würden, wobei man aber durchblicken läßt, daß 'die Voraussetzungen hierfür im Augenblick nicht gegeben erscheinen. Nicht mit Unrecht bezeichnen nordische Blätter die Stockholmer Konferenz als,eine wirkungsvolleDemonstration des nordisch en Neutralitätswillens.
Wachsende Erkenntnis in USA.
Auch in den nordischen Staaten wird man sich klar darüber sein, wer einem solchen Neutralitätswillen e n t - gegen st eh t, nämlich England. Nicht nur durch alle möglichen Druckmittel versuchen die Engländer den Neutralitätswillen anderer Staaten zu erschüttern, gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika arbeitet London neuerdings auch mit dem P r o f i t k ö d e r. So besagen amerikanische Meldungen, daß England und Frankreich große Flugzeugbestellungen bereithielten für den Fall, daß die Waffenausfuhrsperre aufgehoben werden würde. Offenbar hofft man aus solche Weise die amerikanische Flugzeugindustrie wie überhaupt die amerikanische Rüstungsindustrie zu einem kräftigen Vorstoß gegen die Waffenaüs- fuhrbestimmungen veranlassen zu können. Inwieweit sich dieser Profitköder als wirksam erweisen wird, bleibt abzuwarten. Bemerkenswert ist jedenfalls, daß neuerdings auch in Nordamerika Stimmen taut werden, die ganz offen davon sprechen, daß durch die Schläge der deutschen Luftwaffe und der deutschen ll-Boote England erheblich an Ansehen verloren habe. Besonders der amerikanische Militärschriftsteller Georg Fielding - E l l i o t weist darauf hin, daß die Ereignisse sehr bald von einem bloßen Unheil zu einer Katastrophe für England werden könnten, wenn England weiterhin solche Schläge einstecken müßte, wobei er hinAufügt, daß die deutschen Kampfhandlungen bisher nur „Fühler" ohne allzu großen Kampfeinsatz d a r st e l l t e n. Englands Verbündete könnten jedenfalls kaum noch das Gefühl haben, daß die englische Flotte noch
Der Bericht des Oberkommandos
Keine besonderen Ereignisse an der Front
Berlin, 20. Okt. (Funkmeldung.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Im Westen trat nach Abschluß der Kämpfe im Grenzgebiet südostwärts Saarbrücken wieder Ruhe ein. Abgesehen von örtlicher Artillerie- und Sväh- trupptätigkeit auf der ganzen Front keine besonderen Ereignisse.
London — Paris — Ankara
Englisch-französisch-türkischer Pakt unterzeichnet
London, 20. Okt. (Funkmeldung.) Ein englisch- frauzösisch-türkischer Pakt ist unterzeichnet worden. 3« diesem Pakt ist vorgesehen, daß die britische und französische Regierung sich verpflichten, der Türkei Brittan d zu leisten, wenn im Falle eines aktiven Angriffes durch eine europäische Macht oder durch eine Aktion einer europäische« Macht es zu einem Kriege im Mittelmeergebiet kommen sollte, in den die Türkei verwickelt wird.
Die Beistandsverpslichtung der Türkei soll im Falle eines Angriffs aktes einer europäischen Macht, der su Feindseligkeiten int östlichen Mittelmcer führt, oder wenn Großbritannien und Frankreich auf Grund ihrer Rumänien und Griechenland gegebene» Garantie in Feindseligkeiten verwickelt werden, in Kraft trete». Der Pakt gilt für einen Zeitraum vo» 15 Jahren.
I» einem Protokoll zu diesem Pakt Heidt es: Die von der Türkei auf Grund des oben erwähnten Vertrages übernommene» Verpflichtu»ge» können dieses Land nicht gewinnen, eine Aktion z» ergreife», die den Eintritt in einen bewaffneten Konflikt mit der Sowietuaion zur Wirkung haben, herbeiführe» oder zur Folge haben würde. Das gegenwärtige llnterzeichmmgsvrotokoll soll als integraler Besrandteil des heute abgeschlossenen gegenseitige» Beistandspaktes angesehen werde«.
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In einer Stesani-Meldung aus Ankara heißt es, der Text des Vertrages zwischen der Türkei und den Westmächten habe die politischen Kreise in Ankara stutzig gemacht. Einige Leute dächten, daß die Türkei zuviel Verpflichtungen auf sich genommen habe, besonders in den Artikeln III und IV, Man spreche die Anstcht aus, daß. während die türkische Hilfe für die Alliierten tatsächlich und effektiv sei. umge-
imstande wäre, die gegenwärtigen Seekriegsverhältnisse zu meistern.
Risse im Empire
Das sind amerikanische Feststellungen, die man in England nicht gerade mit besonderem Vergnügen aufnehmen wird. Man hat ohnehin im Empire selbst schon genug Sorgen. Südafrika zeigt sich nicht gewillt, Kanonenfutter zu liefern und auch in Indien mehren sich die Opppositions- stimmen. Die schönen Versprechungen, die England auch diesmal wieder für die Zeit nach dem Kriege gibt, machen keinerlei Eindruck auf die Inder. Man erinnert sich vielmehr, daß England vor dem Weltkrieg, in dem Inder für England in Europa fochten, am Suez-Kanal Wache hielten und die arabischen Länder für Großbritannien erobern halfen, ebenfalls vielerlei versprach und nachher nichts hielt. So mehren sich jetzt die oppositionellen Stimmen in Indien. Gandhi selbst, der scharf gegen England Stellung nahm, erklärte u. a., daß Indien nicht Bundesgenosse Englands in einem Krieg gegen Hitler fein könne. Nicht einmal die chönen englischen Schlagworte von der Demokratie ver- angen. Die führenden Kreise Indiens haben die verlogene englische Politik, die vom Kampfe für die Demokratie redet, aber weit davon entfernt ist, demokratische Grundsätze in Indien anzuwenden, durchschaut.
Russenpakt ratifiziert
Vom Führer und vom Präsidium des Obersten Sowjets
Berlin, 19. Okt. Der Führer hat am 19. Oktober die Ratifikation des am 28. September d. I. i« Moskau unterzeichneten Grenz- und Freundfchaftsvertra- ets zwilchen Deutschland und der Sowjetunion vollzogen. Gleichzeitig hat er auch das zu diesem Vertrage gehörende Zufatzprotokoll vom 4. Oktober ratifiziert, das eine genaue Beschreibung der für die Abgrenzung der beioer- keitigen Reichsinteresien im Gebiete des bisherigen polnischen Staates feit gelegten Linie enthält.
Moskau, 20. Okt. 3« Moskau wurde folgende amtliche Mitteilung bekanntgegeben:
„Das Präsidium des Obersten Sowjets hat den am 28. September 1939 zwischen Deutschland und der Sowjetunion unterzeichneten Frenndschafts- und Grenzvertrag ratifiziert sowie das Zusatzprotokoll mit der ihm beigefügten Karte, das- am 4. Oktober in Moskau unterzeichnei worden war."
Große Aufmachung in der Moskauer Presse
Moskau, 20. Okt. (Funkmeldung.) In großer Aufmachung geben alle Moskauer Zeitungen auf der ersten Seite mit entsprechend hervorgehobenen Überschriften die amtliche Mitteilung der TASS.-Agenlur wieder, wonach der deutsch-sowjetrussische Freundschafts- und Grenzvertrag sowie die dazu gehörenden Dokumente am 19. Oktober durch das Präsidium des Obersten Sowjets ratifiziert wurden.
kehrt die französisch-englische Hilfe für die Türkei im Falle eines Konfliktes mit der Sowjetunion sehr vage, wenn nicht unmöglich sei, genau wie im Falle Polen. Im gesamten ist der erste Eindruck in der Türkei der einer nicht einmütigen Zustimmung.
Wieder zwei große Frachter
Die Taten deutscher ll-Boote selbst im Mittelpunkt der englischen Presie
Amsterdam, 20. Okt. (Funkmeldung.) Die Heldentaten deutscher U-Boote stehen weiter im Mittelpunkt der Berichterstattung der Londoner Blätter. Ferner meldet die Londoner Presie in größter Aufmachung die Versenkung der beiden britischen .«chifje .,B o r k s h i r e‘r (10183 Tonnen) und des Fracht- damviers City of Mandalay" (7029 Tonnen). Die Blatter heben dabei hervor, daß die Besatzungsmitglieder beider Schine gerettet worden seien.
tapferen Menschen werden in das bodenlose Faß des menschlichen Elends fließen, nur weil es den Herren Chamberlain und Milner gefallen wird, die wilde und lüsterne Bestie zu entfesieln. die am Grunde aller Nationen schlummert." So schrieb vor genau 40 Jahren, am 5. Rov. 1899, drei Wochen nach Beginn des englischen Bernichtungs- kampfes gegen die Buren in Südafrika, eine führende französische Zeitung, der „T e m v s", in einem Leitartikel. Gemeint war der Vater des jetzigen Premierministers, den damals als Staatssekretär für die Kolonien die Hauvtverantwortung für das furchtbare Gemetzel unter Zehntausenden heldenhafter Männer, Frauen. Kinder und Greisen traf. Und klingt es nicht minder zeitgemäß, wenn an anderer Stelle des gleichen Aufsatzes davon die Rede ist, daß der erste Teil des Krieges gegen Transvaal zu Ende gehe, „der ungerechterweise begonnen und mit Vorbedacht provoziert wurde"? Ist Herr Neville Chamberlain wirklich nur ein Opfer der englischen Kriegshetzer? Steht er heute nicht selber als einer der stärksten Aktivisten in ihrem Lager, spricht aus feinem Tun nicht das Erbe feines $ I u t e s. ist er nicht ein würdiger Sohn feines schuldbeladenen Vaters?
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South Africa first! — Zuerst Südafrika! Es sind scharfe Töne, die von der Südhalbkugel der Erde zu uns herüberdringen. Die gewaltige Kundgebung am Vortrekker-Denkmal, dem Wahrzeichen heldischen Burentums, auf der 50000 Afrikander General S e r tz o g und dem nationalen Oppositionsführer Mal an zuiubelten, war kein vorübergehender Rausch. Wie auch die Forderung Malans nach einer „freien und unabhängigen Republik" kein Schlagwort der Stunde bedeutet. Wieder einmal brachen aus der seit Jahren und Jahrzehnten schwelenden Glut lodernde Flammen eines unbeugsamen nationalen Wollens. Einer Haltung, die in dem Augenblick spontan zum Ausdruck kam, als man dem Volke der Südafrikanischen Union zumutete, zum zweiten Male innerhalb eines Vierteljabrhunderts Glut, Blut und Leben auf den güldenen Altar des britischen Empire zu legen. Nicht, daß das Programm der südafrikanischen Nationalisten nach dem Weltkriege ein platonisches gewesen wäre. Die Erzwingung der Zweisprachigkeit (Englisch und Afrikaans) 1925 und der Sieg der neuen südafrikanischenNational- flagge 1927 sind beileibe keine Äußerlichkeiten. Sie kennzeichnen ein Ziel und — was noch wichtiger erscheint — einen Realismus, die dem englischen Kabinett noch mehr als einmal ernstes Kopfzerbrechen bereiten dürften.
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Stärker aber als gedanklich-politische Kombinationen sind die Erfahrung, die erlebte Geschichte, die Erinnerung. Kann man es dem Buren verdenken, wenn er seinen Kindern und Kindeskindern von jenem brutalen und unmenschlich grausamen Kampf der Engländer um die Jahrhundertwende gegen die burische Freiheit erzählt? Von den berüchtigten Konzentrationslagern, deren es im Jahre 1901 bereits 40 mit 85 000 Insassen — zuletzt über 100 000 — gab? Von der „unerhörten Barbarei, Grausamkeit und Mißachtung der elementarsten Grundsätze allen internationalen Kriegsrechtes" durch die Engländer, wie es in einem Brief des damaligen Staatsvrokureurs und Generals Smuks an den Staatspräsidenten Krüger hieß? Desselben Smuts. der heute als Ministerpräsident die Geschäfte Englands betreibt und in den national gesinnten Kreisen Südafrikas als Überläufer gewertet wird. „In vielen Fällen", so heißt es in dem gleichen Brief, „haben wir unsere Verwundeten auf den Schlachtfeldern in einem Zustand schrecklicher Verstümmelung aufgefunden und später ausgegraben. Beine und Arme waren gebrochen, Schädeldecken eingeschlagen: solche Taten wurden von den bewaffneten Bundesgenossen der Engländer begangen. Der
Zeichen von Unruhe" in Südafrika
Hcrtzog-Malan-Block als Einheitsbewegung der nationalen Ein Eingeständnis Smuts'
Pretoria, 19. Okt. Der englandhörige südafrikanische Premierminister General Smuts mußte in einer Rede vor südafrikanischen Industriellen zugeben, daß sich in der Union im Anschluß an die Kriegserklärung an Deutschland Zeichen von Unruhe bemerkbar machten. Die erste Aufgabe der Regierung sei, für eine größere nationale Einheit zu sorgen. Wie weit jedoch gerade der augenblickliche Ministerpräsident der Südafrikanischen Union für die Verwirklichung dieses Zieles geeignet ist, geht aus einer Ansprache des südafrikanischen Nationalistenführers Dr. M a l a n in SBIoemfontain hervor. Dr. Äalan kündigte an, daß die Nationalisten mit General Hertzog und seinen Anhängern zusammengehen würden. Ziel dieses neuen Hertzog-Malan-Blockes sei die Vereinigung aller Afrikaans Sprechenden in einer Partei. Dr. Malan versicherte dann, daß die Grundsätze der südafrikanischen Nationalisten, zu denen bekanntlich auch der Antisemitismus gebärt, nicht geändert würden. Er forderte seine Anhänger auf. General Hertzog mit allen Kräften zn unterstützen.
wt. Die antienglische Stimmung der Afrikander kam in den letzten Tagen auch bei anderen Gelegenheiten wieder-
Südasrikaner — Anti-englische Stimmung wächst
holt zum Ausdruck. So fielen auf einer Großkundgebung in Pretoria anläßlich des 114. Geburtstages Paul Krügers, der von der nationalburischen Bevölkerung Südafrikas immer mit großer Begeisterung begangen wird, sehr scharfe Worte gegen England. Bei einer Feier in Welington glossierte der Parlamentsabgeordnete Erasmus das englische Geschwätz, wonach es heute angeblich gegen den „Hitlerismus" gehe. Schon im Burenkrieg hätten die Engländer behauptet, der Kampf gehe nicht gegen Frauen und Kinder, sondern gegen den „Krügerismus". Aber nach dem Krüger das Land verlasien hatte, habe England mit unverminderter Grausamkeit fortgefahren. Frauen und Kinder zu verjagen und die Buren totzuschlagen. Die englischen Methoden seien immer die gleichen geblieben. Pflicht der Buren sei es. sich aus der europäischen Politik herauszuhalten. „Falls dies nicht innerhalb des Empire möglich ist, laßt uns aus dem Empire herausgehen", so rief der Abgeordnete unter dem jubelnden Beifall seiner Zuhörer. Senator F o u r i e sprach die Hoffnung aus, daß es der geeinten afrikanischen Nationalistenvartei gelingen werde, die Regierung zu zwingen, den Kriegszustand zu beenden. zu dem Smuts das Afrikandervolk gegen seinen Willen gezwungen hat. Aus Heidelberg (Transvaal) wird bekannt, daß von der Menge zwei britische Flaggen von den Masten geritten und verbrannt wurden.
