Wiesbadener Tagblatt
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Nr. 233
Donnerstag, 5. Oktober 1939
87. Jahrgang
Morgen Reichstagssitzung
Verlagertes Schwergewicht
Von Heinrich Karl Kunz
tEigener Drahtbericht unserer Berliner S ch r if t l e i tu n g)
Die Welt hält den Atem an
Berlin, 4. Okt. Der Deutsche Reichstag tritt am Freitag, den 6. Oktober, 12 Uhr mittags, zur Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung zusammen.
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as. Sitzungen des nationalsozialistischen Reichstages erwartet die Welt stets mit größtem Interesse. Wohl aber noch nie hat man einer Erklärung der Reichsregierung überall mit einer solchen Spannung entgegengesehen, wie der nunmehr für Freitag anberaumten Rede des Führers. Genau fünf Wochen sind dann seit der letzten Sitzung des Großdeutschen Reichstages verfloßen, jener historischen Sitzung am Beginn des uns von Polen aufgezwungenen Kampfes. In diesen fünf Wochen istEeschichtegemacht worden, Ungeheures wurde in dieser kurzen Frist vollbracht. Wenn jetzt der Führer die Bilanz dieses großen Geschehens S, wenn er wieder Richtung und Wege weisen wird, dann
ht nicht nur das deutsche Volk, dann horcht die ganzeWeltauf!
Um die Zeit der Spannung und der Erwartung etwas zu verkürzen, setzt zunächst die Presse des neutralen Auslandes die Erörterungen darüber, was nun werden soll, fort. Irgendwelche neuen Tatsachen vermag sie allerdings nicht vorzubringen. Der gestrige französische Minister - r a t, in dem Daladier über die militärische und politische Lage berichtete, hat auch nichts Neues gebracht. In der ausgegebenen amtlichen Pariser Mitteilung ist nichts von der vielfach erwarteten Einberufung der Kammer enthalten. Havas betont, datz auch über die Haltung, die die französische Regierung etwaigen Friedensvorschlägen gegenüber ein
nehmen würde, nichts bekannt geworden sei. übrigens, so wird dann hinzugefügt, lägen solche Vorschläge in Paris in keiner Form vor. Auf der anderen Seite nt sich die neutrale Presse auch darüber einig, datz die l e tz t e Chamberlain-Rede, von der wir gestern schon sagten, daß sie belanglos gewesen sei und nichts Neues gebracht habe, die Lage nicht geklärt hat. In der Schweiz bezeichnet man die Chamberlain-Rede vielfach als eine Gegenoffensive gegen den Friedensappell und gegen den Appell an die Vernunft der Regierungen. Das sind die Grundelemente, von denen die Presse der Neutralen bei der Beurteilung der Lage ausgeht. Sie appelliert noch einmal an England und harrt nun mn höchster Spannung der Reichstagserklärung. Die italienischen Zeitungen weisen dabei sehr nachdrücklich auf die außerordentliche Bedeutung der Reichstagssitzung hin und bezeichnen jedeStellung- nahme vor diesem Ereignis als übereilt.
Der Bericht des Oberkommandos
Die Säuberung ostwärts der Weichsel geht weiter
Berlin, 5. Okt. (Funkmeldung.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
2m Osten wurde die gestern begonnene Säuberung des Gebietes ostwärts der Weichsel von versprengten polnischen Truppeyteilen fortgesetzt.
2m Westen nur geringe Artillerie- und Lustaufklärungstätigkeit.
Prag begrübt die Leibstandarte
5eictlidyr Empsang der siegreich heimgekehrten Truppe auf dem Wenzelsplatz
Die Auslandspresse spricht mit Bezug auf die deutschrussische Freundschaft von einer neuen „Konstellation", ein Begriff, der wegen seiner inneren Wandelbarkeit diesen letzten Akt einer grundlegenden Veränderung auf dem europäischen Kraftfeld nicht voll zu erfaßen vermag. Durch die Einbeziehung des Ostens in die Politik unseres Kontinents, wodurch Rußland seine, auf Peter den Großen zurückgebende West-Orientierung wieder aufnimmt und anfhört sich nur als Ausläufer Asiens zu betrachten, verlagert sich das Schwergewicht zwangsläufig von der westlichen Peripherie nach der Mitte Europas und das Reich nimmt seinen Auftrag, Herzkammer unserer alten Kulturwelt zu sein, wieder auf. Eine Million, die Deutschland nicht allein durch seine räumliche Lage zufällt, sondern auch auf Grund seiner schöpferischen Kraft, die es zum Angelpunkt eines neuen gesellschaftlichen, wie auch politischen Denkens werden ließ. Eine Mission, die unser Volk durch Jahrhunderte erfüllte und die es nach dem inneren Zerfall des mittelalterlichen Kaisertums und nach der Entdeckung Amerikas aufgeben mußte. Jahrhunderte lang blickte Europa fasziniert auf die Reichtümer der neuen Welt. Koloniale, händlerische und kapitalistische Beweggründe bestimmten Denken und Tun. Der Westen übernahm die Führerrolle, die nach dem Zerfall der spanischen und holländischen Weltreiche an England fiel, während die alten kulturellen und politischen Zentren, Deutschland und Italien, in Erstarrung und Ohnmacht versanken. Rußland aber wurde auf seine asiatische Position zurückgeworfen, ein Schicksal, das nach dem unglücklichen Ausgang des Weltkrieges, an dem sich das zaristische Reich im Dienste des Westens, gegen seine eigenen und die Interessen Europas beteiligte, besiegelt zu sein schien.
England, das von den revolutionären Bewegungen auf dem Festlande nahezu unberührt blieb, verkalkt in seinem materialistischen Denken, glaubte sich hinter dem Schutzwall seines Wohlstandes geborgen und allen Wandlungen entzogen zu sein. Es übersah, daß die Voraussetzungen seiner Macht durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte überholt worden waren. Sein Kolonialreich, einst die Quelle eines unerschöpflich
Prag, 5. Okt. Prag hat am Nachmittag des 4. Oktober der ff-Leibstandarte des Führers beim Einzug in Prag einen feierlichen Empfang bereitet. Der geräumige Wenzelsplatz war mit Hakenkreuzfahnen und weißrotblauen tschechischen Fahnen reich geschmückt. Kein Haus war ohne Flaggen.
Mit dem Präseirtjermarsch und erneuten Sieg-Heil- Rufen wurde das ruhmgekrönte Feldzeichen der Standarte begrüßt, als ihr Kommandeur, Obergruppenführer Sepp Dietrich, und die Offiziere vor der Ehrentribüne Aufstellung nahmen. Prag sah dabei die ersten Träger des Eisernen Kreuzes 1939. An der Spitze der aufmarschierten Standarte stand ^-Standartenführer Dietrich, der die Männer der ^-Standarte „Adolf Hitler" in Polen von Sieg zu Sieg geführt hatte. Der Tridünenaufbau war Kopf an Kops gefüllt. Unter den Ehrengästen bemerkte man Staatssekretär Brigadeführer Karl-Hermann Frank. Unterstaatssekretär Dr. v. B u r g s d o r s f. den Wehrmachtsbevollmächtigten beim Reichsvrotektor, General F r i d e - riet und den Befehlshaber der Ordnungspolizei. Generalleutnant von Kamvtz. Tschechischerseits waren u. a. erschienen als Vertreter des Präsidenten Hacha General Hrabcik und General Mar van von den tschechischen Regierungstruppen, sowie General F a s s a t i, der Polizeidirektor von Prag, Dr. C h a r v g t.
Um 16.45 Uhr erschien der Reichsprotektor für Böhmen und Mähren, Constantin Freiherr von Neurath. Stille herrscht über dem ganzen Platz, als der Reichsvrotektor von Neurath die folgende Ansprache an die heimgekehrten Krieger richtete:
„Offiziere und Soldaten der Leibstandarte „Adolf Hitler"! Ick und mit mir die ganze deutsche Bevölkerung Prags begrüße Sie bei Ihrem Einzug in die Hauptstadt des Protektorats Böhmen und Mähren mit stolzer Genugtuung. In einem Feldzug von unerhörter Wucht und Schnelligkeit, wie ihn die Weltgeschichte noch nie erlebt hat, hat das deutsche Heer einen Feind niedergerungen, sein Land besetzt, seine Armee, soweit sie nicht gefallen oder über die Grenze entwichen ist. als Gefangene abgeführt. Durch sträflichen Übermut und Unvernunft einer Regierung ist ein großer Teil des polnischen Volkes in schwerstes Leid gebracht worden. Sie, die Leibstandarte, haben an diesen Kämpfen hervorragenden Anteil genommen. Sie haben an Ihre jungen Fahnen unvergängliche Lorbeeren geheftet. Wir gedenken beute in dieser Stunde aber ganz besonders auch derer, die ihr Leben für die Freiheit und Sicherheit Deutschlands dahingegeben haben."
Die Menge entblößte ihr Haupt, tief ergriffen harrte sie im Stillschweigen, bis die Weise des alten Liedes „Ich batt' einen Kameraden" verklungen war. Dann schloß der Reichsvrotektor: „3n dieser feierlichen Stunde gehen unsere Gedanken zu unserem Führer, und alle unsere Wünsche und das Gelöbnis unserer unverbrüchlichen Treue fassen wir zusammen in dem Ruf: Unser Führer. Siegheil!"
Tosend brandeten die Sieg-Heil-Rufe, feierlich erklangen die Lieder der Nation über den Wenzelsplatz, der so viel geschichtliche Erinnerungen birgt, auf dem aber diese Weisen, von einem solchen Massenchor gelungen, noch nie gehört worden waren. Nach Beendigung der Kundgebung setzte sich die Truppe wieder in Bewegung, defilierte an der Ehrentribüne vorbei und wurde überall, besonders aber beim Einbiegen in die Hauptstraße Prags, den Graben, von der riesigen Menge immer wieder aufs herrlichste begrüßt
Das Urteil der Prager ist einhellig, voller Anerkennung und Bewunderung. Die Leibstandarte „Adolf Hitler", die in Polen an vorderster und entscheidender Stelle eingesetzt worden war. bezieht ihre Garnison in vorzüglicher Haltung.
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Anläßlich dieses Ereignisses erfahren wir über die Kampfhandlungen des Regiments, das, wie bereits vor Kriegsausbruch vorgesehen, einige Zeit in Prag Garnison bezieht, folgendes: Nachdem das motorisierte Regiment von Berlin-Lichterfelde ausgerückt war, trat es sofort am ersten Eefechtstage in die Kämpfe in Polen ein. Am ersten Kriegstag war dem Regiment der Auftrag gestellt, den P r o s z n a - A b i ch n i t t für den Vormarsch der bei Eroß-Wartenberg eingesetzten deutschen Kräfte zu öffnen. Der Auftrag wurde besehlsmäßig durchgeführt. In den folgenden Tagen führte die Standarte einen Vorstoß gegen bie Warthe durch. Der Übergang über den Fluß wurde durch das Regiment erzwungen. Im weiteren Verlauf erhielt das Regiment den Auftrag, weit oor- gestaffelt vor anderen Kräften, südlich Lodz vorbei- z u st o ß e n und den Kräften der vni. Armee den Weg nach Lodz zu öffnen. Bei der Lösung dieser Aufgabe kam es zu barten Gefechten bei Pabianice. die vollen Erfolg hatten. Nach Erfüllung dieses Auftrages wurde das Regiment einem Korps der X. Armee unterstellt, das den Vorstoß auf Warschau durchzuführen hatte, und es wurde von diesem Tage an bei Gefechtshandlungen eingesetzt, die im Raume westlich Warschau zur Einschließung starker polnischer Kräfte am Bzura-Abschnitt führten. Es gelang dem Regiment in den Gefechtstagen bis zum 20. September be_n stark überlegenen Gegner über die Bzura zurückzuwerfen und mehrfache DurÄbruchsversuche der Polen an diesem Frontabschnitt zu verhindern. Die Gefechte waren durchweg durch außerordentliche Härte gekennzeichnet. zumal es sich beim Gegner um Kräfte des Pil- sudski-Regiments handelte. Nach einem kurzen Ruhetag am 21. September wurde das Regiment aus der Unterstellung des Korps gelöst und einer Division zugeteilt, die die Einschließung der Festung M o d l i n zum Auftrag hatte. Nach der Kapitulation der Festung hatten die Kriegsbandlungen für das Regiment ihr Ende gefunden.
erscheinenden Reichtums, begann sich in seinem Gefüge zu lockern. Die einzelnen Dominien gewannen ein, schon aus ihrer räumlichen Lage bedingtes Eigenleben. Der britische Siedler in Australien wurde Australier, in Kanada Kanadier, am Kap Südafrikaner, was längst nicht mehr absolut gleichbedeutend mit seinem Ursprung ist. Zur wirtschaftlichen Selbständigkeit trat die politische. Die Dominien erkennen heute nur noch den englischen König als Autorität über sich an. Das Schicksal bes spanischen Riesen- reiches, jn bem die Sonne nicht unterging, b e g i n n-t s i ch an England zu wiederholen. Wohl folgten die Dominien jiucb diesmal dem Kriegsruf der Londoner Machthaber. Sie erfüllten damit eine „melancholische Pflicht", wie sich der australische Ministerpräsident ausdrückte. Aber welch ein Unterschied zu 19 14! Nirgends zeigt man Lust, die eigene männliche Jugend auf den Schlachtfeldern Europas verbluten zu lassen, überall Bedingungen und Vorbehalte. Man hat näherliegende Sorgen. Australien fürchtet bie japanische Expansion, Süb- afrifa ringt mit bem Rassenproblem unb in Kanaba wiederstrebt das französische Element. Verliert das Mutterland einen einzigen Krieg, dann erscheint es mehr als fraglich. ob das Band, das die englische Krone um den britischen Staatenbunb schlingt, bas Empire zusammenbalten kann. Wahrscheinlicher ist es, daß in diesem Falle die Dominien ihre Unabhängigkeit erklären, wie es einst Brasilien, Argentinien, Mexiko usw. Spanien gegenüber taten.
Noch gefährlicher liegen die Dinge in d e n Bereichen des Empire, die der Brite nicht besiedelte, wo er sich auf die Beherrschung und Ausbeutung der eingeborenen Bevölkerung beschränkte. Indien weigert sich, an einem „imperialistischen" Krieg teilzunehmen, ober ihm auch nur feine Hilfsquellen zur Verfügung zu stellen. Es verlangt in biefem, für Lvnban kritischen Augenblick stürmischer denn je seine Unabhängigkeit. Die Araber verfolgen mit gespannter Aufmerksamkeit das Geschehen in Europa und sehen in einem bewaffneten Konflikt die große Chance für ihre Freiheit. Unter der Last eines einzigen ver-
Die „leichten Kratzer" des Überkreuzers „Hood"
Eigener Drahtbericht uns
as. Berlin, 5. Okt. Der Vater der Lüge, Herr Churchill, Englands Marineminister, hat fein Glück mit seinen Kriegsberichten. Nach bem Angriff deutscher fiuftitreitfräite auf englische Kriegsschiffe in der mittleren Nordsee, wo bekanntlich ein englischer Flugzeugträger durch eine 500-Kilo-Bombe zerstört unb ein englischer Kreuzer schwer beschädigt wurde, hatte er zunächst der Welt verkündet, daß den englischen Kriegsschiffen überhaupt nichts geschehen sei. Jetzt nun gibt bie englische Admiralität zu, daß der Übertreter „H o o d", das Prunkschiff aller englischen Kriegsschiffe, „durch Bombensplitter beschädigt" worben sei. Natürlich handele es sich nur um ganz belanglose Kratzer. Sie sinv offenbar so klein, baß man über acht Tage brauchte, um sie zu finden. Ta drängt sich nun allerdings die Frage auf. warum man denn überhaupt davon redet. Selbst französische Zeitungen werden unter diesen Umständen mißtrauisch und ironisieren diesen neuen Bericht ber englischen Admiralität.
ter Scrlimer Schriftleitung
Das italienische Blatt „Tribuna" meint, daß man aus der Erwähnung der „leichten Kratzer" doch wohl den Schluß ziehen müsse, daß die Schäden der „Hood" ganz anderer Natur seien, als die englische Darstellung cs wahrhaben will. Langsam scheint sich also doch die Wahrheit Bahn zu brechen. Eines Tages wird man denn auch wohl in England die Wahrheit über den zerstörten Flugzeugträger erfahren. Vorerst versichert freilich Herr Churchill, daß dieser Flugzeugträger im Dienst sei. Wer glaubt ihm schon, selbst wenn er den amerikanischen Marine-Attache angeblich auf diesen Flugzeugträger einlud Herr Churchill hat schon im Weltkrieg ein versunkenes englisches Kriegsschiff, die ..Äudacious" noch durch bie Weltgeschichte fahren lasten, worauf er später furchtbar stolz war. Solche Taschenspielertricks ziehen heute nicht mehr. Den Trick, andere Schiffe umvinseln zu lassen, um sie als das versunkene Kriegsschiff ausgeben zu können, kennen wir. Darum also. Herr Churchill, heraus mit der Wahrheit über den zerstörten Flugzeugträger.
