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Nr. 232
Mittwoch, 4. Oktober 1939
87. Jahrgang
Die Neutralen blicken auf Berlin
((Eigener Drahtbericht unsere
Was wird der Führer sagen?
as. Berlin, 4. Okt. Der E i n z u g d e r i i e g r e i ch e n deutschen Truppen in die Festung Warschau zieht den Schlußstrich hinter den uns von Polen aufgezwungenen Feldzug. Die Entscheidung selbst war freilich bereits 18 Tage nach dem Beginn der Kämpfe gefallen. Die polnische Armee war damals schon vernichtet und es galt nur noch einzelne Widerstandsnester zu beseitigen. Heute steht kein einziger polnischer Soldat mehr unter Waffen, und so ist denn der Einmarsch der deutschen Truppen in Warschau das Symbol des vollständigen Sieges. In ganz Deutschland wehen nun sieben Tage hindurch die Siegesfahne n. und in ganz Deutschland werden mittäglich die Kirchenglocken an diesen in der Weltgeschichte einzig dastehenden Sieg erinnern und gemahnen. Das Polen, das in Versailles geschaffen wurde, ist also endgültig beseitigt. Der Weg für die Neugestaltung der staatlichen Verhältnisse im Osten ist frei und dieser Weg ist, wie wir wissen, in den Moskauer Vereinbarungen schon umschrieben worden. In diesem Augenblick erörtert die Presse des neutralen Auslandes immer wieder die Frage, was nun weiter geschehen soll. Die Neutralen appellieren dabei an die ungeheure Verantwortung Englands, des gleichen Englands, das Polen in die Katastrophe trieb und des gleichen Englands, das die Schuld daran trägt, baß deutsche Geschütze aus Warschau gerichtet werden mutzten. Wird dieses England nun zur Vernunft kommen, oder wird es um seines Prestiges willen den Krieg fortführen? Das ist die Frage, die überall im neutralen Ausland erörtert wird. Dabei finden sich zahlreiche Stimmen, die ganz eindeutig feststellen, datz das englische und das französische Volk den Frieden wollen, und datz es lediglich die bekannten Kriegshetzer sind, die nach wie vor zum Kampfe aufrufen. Selbst in England kommt doch auch in einigen Blättern die Vernunft, wenn auch sehr schüchtern, zu Worte. So schreibt die Zeitschrift „Statesman and Nation", ihr gingen zahlreiche Zuschriften zu, in denen erklärt werde, datz das alte Polen unter keinen Umständen wiederhergestellt werden würde. In den Zuschriften wird dann die Frage aufgeworfen, für welche Ziele England und Frankreich jetzt? eigentlich noch kämpften. Wenn die Zeitschrift davon spricht, datz jetzt ein kritischer Augenblick gekommen sei, so stimmt dem der ..Daily Expreß" durchaus bei: er sagt nämlich u. a., datz England vor einer außerordentlich schweren Entscheidung von allergrößter Tragweite stehe. Jeder Eng-
r Berliner Schriftleitung)
länder müsse sich den Fall erneut überlegen. Selbst Lloyds George, der allerdings noch immer davon phantasiert, daß der Hitlerisrnus vernichtet werden müsse, ist doch offensichtlich nachdenklich geworden. Er stellt in einem Artikel fest, daß England wieder einmal „von Deutschland aus= manövriert" worden sei. Dann heißt es in diesem Artikel weiter, „eine schwere Verantwortung ruht auf den Schultern der Regierung der beiden Westdemokratien. Ich hoffe, daß sie nicht bie Unbesonnenheiten wiederholen, mit' öenen sie sich in die Garantien für Polen gestürzt haben". Wir sind weit davon entfernt, solche und ähnliche Stimmen 3u überschätzen, wenn wir auch an ihnen als Zeichen einer nachdenklichen Stimmung nicht vorübergehen wollen. Von amtlicher englischer Stelle liegen Äußerungen von Bedeutung immer noch nicht vor. Chamberlain hat wohl gestern im Unterhaus gesprochen, doch war das was er sagte, recht belanglos. Neues hat diese Rede lebenfalls nicht gebracht. Überall aber in der Welt wartet man nun mit größter Spannung auf die angekündigte Reichstagssitzung. Was wird der Führer sagen? Das ist die <yrage, die heute überall gestellt wird.
Der Bericht des Oberkommandos
In vier Tagen 72 Dampfer von deutschen Seestreitkräften eingeholt und zum Teil eingebracht
Berlin, 4. Okt. (Funkmeldung.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Im Osten kam es bei der Säuberung des Gebietes zwischen der bisherigen Demarkationslinie und der neu festgesetzten deutsch-russischen Jnteressengrenze noch zu Kämpfen mit versprengten Teilen pol. nischer Truppen.
2m Westen herrschte außer schwacher feindlicher Artillerietätigkeit in Gegend Saarbrücken fast völlige Ruhe.
2m Handelskrieg wurden seit dem 30. September weitere 72 Dampfer von deutschen Seestreitkräften eingeholt. Ein Teil von ihnen wurde wegen Beförderung von Bannware in deutsche Häfen eingebracht.
Diplomatische Aktivität im Kreml
Verhandlungen mit Bulgarien über eine Luftkonvention und eine Flugverbindung Moskau—Sofia
, Moskau. 3. Okt. Der sowjetische Regierungschei und Augenkomniitzar Molotow empfing am Dienstag den bulgarischen Dßeriten Boi Seif, öer in den letzW Tagen Ver- oandlungen über eine Luftkonvention zwischen Bulgarien und der Sowietunion und über die Herstellung einer Flugverbindung Moskau—Sofia geführt hatte.
,ro Oberst Bojdeff war von dem Gesandten Bulgariens in Moskau Antonofs. begleitet. Wie verlautet, ist der Abschlutz der Luftkonvention zwilchen der Sowjetunion und Bulgarien demnächst zu erwarten.
llrbsys bei Molotow und Stalin
. Moskau. 4. Okt. (Funkmeldung.) Der litauische Außenminister Urbsys hatte gestern abend eine mehr als zwei Stunden dauernde Aussprache mit Molotow. Auch Stalin nahm an der Besprechung teil.
Strecken nach Nordeuropa, Südosteurova und Sudeuropa ausgedehnt. In beiden Richtungen werden von nun an werktäglich die Strecken Berlin—Kopenhagen, Berlin—Stockholm. Berlin—München—Venedig—Rom. Ber- ^"dopest, Budapest—Belgrad—Sofia mit Anschluß nach Saloniki wieder beflogen.
Wie sehr diese Fluglinien dem Verkehrsbedürfnis entsprechen, beweist die Tatsache, daß alle Maschinen der Deutschen Lufthansa bzw. der dänischen, schwedischen und italienischen Luftverkehrsgesellschaften, die heute früh und heute mittag nach den genannten Zielen starteten, volle Besetzung aufwiesen.
Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht hat den Korvettenkapitän von Puttkamer mit Wirkung vom 1.Oktober 1939 zu seinem Adjutanten der Wehrmacht (Kriegsmarine) ernannt.
Neue Weltwirtschaftsordnung
Von Willi Pempel
Der 28. September 1939 brachte durch die deutsch- russischen Abkommen eine Klärung der politischen Verhältnisse im Osten Europas. Hand in Hand damit ist aber auch die wirtschaftliche Eesamtlage auf eine neue Grundlage gestellt worden. Der Briefwechsel zwilchen Molotow und von Ribbentrop über die deutsch - russische Wirtschaftsplanung ist ein Dokument von weltgeschichtlicher Bedeutung. Hier wurden keine eng begrenzten Wirtschaftsabmachungen zwischen zwei großen Staaten getroffen, sondern eine Planung auf lange Sicht, die für beide Wirtschaften ganz neue Grundlagen schafft, auf denen sich ein blühender Handel aufbauen läßt.
Die Bodenschätze, über die Rußland verfügt, haben es zu einem der reichsten Rohstoffländer der Erde gemacht. Die Ausschließung dieser gewaltigen Vorkommen an Kohle, Erdöl, Eisenerzen und allen wichtigen Mineralien ist systematisch vorangetrieben worden, der Ausbau noch nicht zum Abschluß gekommen. In der Stellung Rußlands als Rohstosslieserani liegt die stärkste Seite seiner Wirtschastspolitik. Und sie tritt auch in der deutsch-russischen Wirtschaftsplanung in den Vordergrund, wenn als Basis der gegenseitigen Abmachungen gesagt wird, daß die Sowjetunion an Deutschland Robsiosie liefern wird, während umgekehrt unsere Wirtschaft industrielle Lieferungen tätigen wird. .
Aus Erhebungen des arbeitswissenschaftlichen Institutes der DAF. ist zu entnehmen, datz um die Jahrhundertwende unser Anteil an der Einfuhr Ruhlands wertmäßig rund 60% und an der Ausfuhr rund 20% Betrug. Unmittelbar vor Ausbruch des Weltkrieges verschoben sich diese Zahlen auf 47.5 bzw. 29,8%. Der Krieg unterbrach diesen regen gegenseitigen Handelsverkehr. Aber schon im Jahre 1922 knüpften sich die Fäden zwischen den beiden Wirtschaften wieder etwas enger: der Vertrag von Rapallo schuf die Voraussetzungen hierzu. Aber es war doch eine völlig neue .Sage entstanden. Die beiden Länder begannen langsam. sich neue Volkswirtschaften aufzubauen. In den Jahren 1925, 1931, 1932, 1935 wurden weitere Handels- und Kreditabkommen zwischen Deutschland und Rußland abgeschlossen und das Abkommen vom 19. August 1939 leitete schließlich eine neue Phase des gegenseitigen Handelsverkehrs ein, die mit der Wirtschaftsplanung vorn 28. September und den fick hieran anschließenden fachlichen Absprachen eine neue Richtung und Verdichtung der gegenseitigen Abmachungen erhalten haben.
In dem Brief Molotows beißt es u. a„ datz „beide Teile dieses Wirtschaftsprogramm so gestalten, daß der deutsch-sowjetische Warenaustausch seinem Volumen nach das in der Vergangenheit erzielte Höchstmaß wieder erreicht" Wann war dies der Fall? Die höchsten Zahlen de» russischen Gesamtautzenhandels werden für das Jahr 1931 verzeichnet. Die Einfuhr stellte sich damals auf 2393,7 Mill. RM. die Ausfuhr auf 1756,8 Mill. RM. Auch Deutschlands Anteil an der russischen Einfuhr war in 1931 mit 889,3 Mill. RM oder 37.2 % der größte seit 1920. Der Anteil Deutschlands an der russischen Ausfuhr belief sich in diesem Jahre auf 280,1 Mill. RM ober 15,9 %. Den größten Anteil an ber russischen Ausfuhr erreichten wir im Jahre 1929 mit 466,1 Mill, RM ober 23,3 %.
Seit bem Jahre 1931 ist bas Interesse Rußlanbs an deutschen Einfuhrgütern zurückgegangen. Es hing bies damit zusammen, daß Rußland eine gewisse Planung beendet hatte und nun erst einmal auf der dadurch erreichten Grundlage weiter arbeitete. Schließlich entschloß man sich dann aber doch, die gesamte industrielle Erzeugung sowohl als auch die Forderung der Bodenschätze weiter voranzutreiben, so datz für unsere Industrie neue erhöhte Absatzmöglichkeiten entstanden sind, die genutzt werden können. Andererseits wird
Zweite Aussprache mit Munters
Moskau, 3. Okt. Wie verlautet, ist der lettische Außenminister Munters heute nachmittag um 18 Uhr zum zweiten Male vom Regierungschef und Autzenkommissar Molotow im Kreml empfangen worden.
London und Ankara
Die türkisch-russischen $et6anblungen fahren den Engländern in den Magen
Mailand, 3. Okt. Das lange Hinausziehen der Verhandlungen zwischen Rußland und der Türkei löst in London, der „Eazzetta del Povolo" zufolge, ernste Besorgnisse aus. Die aus Moskau in der britischen Hauptstadt emtrerfenben Nachrichten, so schreibt bas Blatt, hatten ziemliche Perplexität hervorgerufen und auch die oMmistischen Engländer müßten jugeben. datz diese Verlängerung ber Besprechungen zwischen dem türkischen Außen- mtntlter und bem Kreml darauf Hinweise, daß Rußland noch nicht das letzte Wort gesprochen habe. Es sei möglich, daß Rußland der Turke, eine absolute Neutralität aus- erleg e. die die Dardanellen vollständig, wirksam schließen würde. Man wurde so einen gewaltigen Block von Neutralen schaffen, der von ber einen Seite von Rußland und von der anderen durch Italien begrenjt und über den Balkan reichen würde, und der so vollstaiwig die beabsichtigte Einkreisung Deutschlands auf den Kopf stellen würde.
Erweiterter Luftverkehr
Alle Maschinen vollbesetzt
Berlin, 4. Okt. (Funkmeldung.) Der Zivilluftverkehr, ber am 1. September eingestellt worben war und vor etwa zwei Wochen zunächst nach Danzig und Königsberg wieber ausgenommen wurde, wird ab beute auf eine Reihe weiterer
Indien verweigert Teilnahme am Krieg
50 000 indische Arbeiter streiken gegen Englands verbrecherische Gewaltpolitik — „Indien hat seine eigenen Probleme"
Schanghai, 3. Okt. (Oftasiendienst des DNB.) Nach hier eingetroffenen Meldungen haben 50 000 indische Arbeiter aus 32 der insgesamt industriellen Betriebe von Bombay am Montag einen 24stündigen Pr »- reik gegen die Hineinziebung Indiens in den enro- panchen Krieg dnrchgeführt. Dieser Streik gegen die Ausbeuter Indiens und ihren verbrecherischen Krieg gewinnt noch größere Bedeutung im Lichte einer öffentlichen Erklärung des Sprechers der Gesetzgebenden Versammlung von Madras, der kürzlich u. a. folgendes erklärte:
„Die gesamte Bevölkerung Indiens ist gegen Teilnahme am europäischen Krieg. Indien hat keine eigenen Probleme zu lösen. Die Teilnahme an einem europäischen Krieg kann dem indischen Land und Volk keine Vorteile bringen. Es wäre daher im höchsten Grade absurd, wenn Inder an die europäische Front gehen. Sollte die englische Regierung dies befehlen, werden nur sehr wenige Folge leisten."
Hoffnungen der islamitischen Welt
Mailand, 3. Okt. Der Korrespondent der Turiner „Stampa" in Kairo weißzu berichten, daß starke Strömungen m, der öffentlichen Meinung der orientalischen Volker vorhanden seien, die günstige Auswirkungen eines allgemeinen europäischen Krieges für die islamitische Welt erhoffen.
Allgemein höre man die Ansicht, datz das Unglück der großen westeuropäischen Kolonialmächte für den Orient von Vorteil sei. Vor allem die Araber glaubten in her gegenwärtigen europäischen Situation klare Anzeichen eines Verfalls und des Endes bet westlichen Zivilisation zu erblicken.
Die ägyptische Zeitung „Misr El Fartat". bas Organ der „Jungen Ägypter", hofft, datz die Stunde gekommen sei. hä: von dem Druck der britischen Sklaverei zu befreien.
Dieser Ausdruck des ägyptischen Nationalismus, so erklärt die „Stampa", mützte vor allem die Engländer mit Besorgnis erfüllen, aber zunächst schienen sie derartige* Bestrebungen eher unterstützen zu wollen. Man spreche von ge- bietsmäfjigen Kompensationen für Ägypten nach einer „siegreichen Beendigung des Krieges durch England". Aber gerade hierüber bestünden bei den islamitischen Volkern erhebliche Zweifel.
Keine Ablenkung von der Palästinafrage
Kairo, 3. Okt. Das ägyptische Blatt „Mist El Fattai" erklärt, datz der Krieg die Aufmerksamkeit der islamitischen Welt nicht von der Palästinafrage ablenken könne. Es sei notwendig, datz England endlich seine den Arabern gemachten Versprechungen halte, die Verbannten in Freiheit setze und die Rechte der Araber anerkenne.
Im englischen Unterhaus kam Kolonialminifter Mac - d o n a l d zu einem bemerkenswerten , Eingeständnis, denn er führte u. a. aus, daß sich in Palästina noch immer „die gesetzlose Tätigkeit arabischer Terroristen" bemerkbar mache.
Ägyptens Politik defensiv
Kario, 3. Oki. Eine Erklärung des ägyptischen Regierungschefs, datz die Politik der Regierung defensiv und nicht offensiv sei und daß Ägypten keine Risiken ein- gehen wolle, wird von ber gesamten Presse stark beachtet.
