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Wiesbadener Tagblatt

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87. Jahrgang

Samstag/Sonntag, 30. September/1. Oktober 1939

Nr. 229

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Unterhaltungsbeilage __________

Erste Auswirkung der Moskauer Vereinbarungen:

Europa hofft auf Frieden

London und Paris für jedes weitere Blutvergießen verantwortlich — Auch die Neutralen geben den Demokratien keine Erfolgschancen mehr — Alle Zweifel an der deutsch-russischen Zusammenarbeit ausgeloscht

Freundschaft endgültig etabliert

(Eigener Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung)

as. Berlin, 30. Sept. Bei jeder Betrachtung über die deutsch-sowietrussiichen Vereinbarungen, über deren welt­historische Bedeutung sich die gesamte Presse des neutralen Auslandes klar ist, muh man von der Tatsache ausgehen, daß die sich aus dem Verfall Polens ergebenden Fragen endgültig geregelt sind. Der Brandherd, den hier Versailles schuf, ist beseitigt, das sichere Fun­dament für einen endgültigen Frieden im Osten gelegt. Das ist in gemeinsamer Arbeit Deutsch­lands und Sowjetrußlands geschehen. Beide Machte lassen aber auch nicht den geringsten Zweifel daran, daß ne rede Einmischung Dritter in diese Fragen ab lehn en, dah sie sich in die Neugestaltung der Dinge in ihren Lebens- räumcn unter keinen Umständen von anderer Seite hrnern- reden lassen. Die W e st m ä ch t e sind zunächst einmal etwas e r st a u n t über das Temvo. in dem sich das alles vollzog. Sie hatten noch bis zuletzt gehofft, daß doch noch Mernungs- verichiedenheiten zwischen Deutschland und Rußland entstehen würden. Nun müssen auch die Westmachte erkennen, daß rn Moskau eine Übereinstimmung auf der ganzen Lrnre. eine hundertvrozentige übereinstimmung erzielt wurde. Hatte schon der Abschluß des deutsch-russischen Nicht- angrifss- und Konsultationspaktes aezemt. daß Herde Machte entschlossen sind, das alte historische Einvernehmen wieder­herzustellen. das beiden Ländern den größten Vorteil brachte, so liefern die jetzigen Vereinbarungen den Beweis, da« beide Mächte eisern entschlossen sind, auf diesem als richtig er­kannten Areg fortzuschreiten. Die Voraussetzung für eine solche Freundschaft ist die klare Abgrenzung der ünteressenivhären. Sie wurde in Moskau, vorge­nommen und sie wurde, wie hinzugefügt werden muß, vorge­nommen mit aller Nüchternheit und Klarheit und mit geschichtlichem Weitblick.

Die wirtschaftlichen Perspektiven

Man wird nunmehr in den westlichen Demokratien alle Hoffnungen auf Meinungsverschiedenheiten zwischen Berlin und Moskau endgültig begraben müssen, denn es ergibt sich m den amtlichen Mitteilungen ja klar, daß sich diese deutsch­russische Zusammenarbeit aus alle Gebiete bezieht. Wir wollen dabei besonders auch auf dre Dokumente Hin­weisen. die von der wirtschaftlichen Zusammmen- arbeit sprechen. Daß hier noch sehr große Möglichkeiten bestehen, daß sich das rohstoffreiche Rußland und das hoch­industrielle Deutschland auf das glücklichste ergänzen braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Man wird es m England also endgültig aufgeben müssen, von einem „problematischen" deutsch-russischen Verhältnis M sprechen oder dieses Verhältnis als.zeitweilig zu bezeichnen. „Die deutsch-russische Freundschaft ist endgültig etabliert", so hat kurz und klar Reichsaußenminiiter von Ribbentrop die Situation gekennzeichnet.

Die Westmächte haben die Wahl

Aus dieser engen deutsch-russischen Zusammenarbeit ergibt sich aber auch, daß alle Hoffnungen, die England auf die Blockade setzt. auf Sand aufgebaut sind. Deutschland würde, wenn der Krieg fortgehen sollte, weder den Zweifrontenkrieg zu führen haben, den ihm die Demokratien zugedacht hatten., noch hatte es von der eng­lischen Blockade etwas zu furchten. Das . aber heißt mit anderen Worten, daß dieier Krreg tur die Eng­länder ein aussichtsloses Unternehmen ge­worden ist. Er ist ebenso aber auch sinnlos geworden. Das Polen für das England in den Krieg zu ziehen vorgab. existiert nicht mehr. Das hat England übrigens selbst auch damit anerkannt, da« es peinlichst ,v e r m i e d. den Sowjetrussen nach ihrem Einmarsch m das ehemalige Polen den Krieg zu erklären. Dieies Polen aber wird aber auch nie wiederhergestellt werden. Das wird den Engländern mit der deutsch-sowjetruLischen Erklärung zur Kenntnis gebracht. Deutschland und Sowietrußland bekennen aber auch ausdrücklich, das es den Interessen aller Volker entsprechen würde, den gegenwärtigen, zwischen DeutMand einerseits und England und «rrankreich andererseits bestehen­den Kriegszustand ein Ende zu machen..Dabei lei nochmals an die Danziger Rede, des yuürers. erinnert in der stark unterstrichen wurde, das Deutschland im Westen keine Kriegsziele hat. Die Frage ist also noch einmal gestellt, die Frage Krieg oder Frieden. Die Antwort, liegt bei den Westmächten. Die Verantwortung, die die Kriegs­hetzer der westlichen Demokratien aur sich laden wurden, wenn sie auch jetzt stch jeder vernünftigen Überlegung oer= schließen würden, wäre ungeheuer. Darüber muß man na» aber tn den westlichen Demokratien klar sein. Wenn man den Krieg haben will, sowird man ihn haben. Die gemeinsame deutsch-russische Erklärung läßt auch brer. für lweiiel keinen Platz. Sie kündigt klar an. das bei einer Fortdauer des Krieges beide Regierungen in Konsultationen Über die dann erforderlichen Maßnahmen cintreten werden Daß Deutschland und Rußland.dann Formen..und Mittel finden werden, um diesem Krieg der Westmachte »u be­gegnen. darüber kann die Welt, nach den historischen Mos­kauer Tagen nicht im Zweifel lern.

Fühlungnahme zwischen London und Paris

Kn der gesamten neutralen Presse wird die ungeheure Bedeutung der engen deutsch-russischen Zusammen­arbeit voll anerkannt. Vielrach wird darcmi huigewieien. daß sich die Voraussetzungen des Krieges nunmehr völlig verändert haben. 6e6r stark wrrd aber auch

überall die Verantwortung der Westmachte herausgestellt. In Rom betont man dazu, daß zu einem rosenroten Optimis­mus kein Anlaß gegeben lei. daß aber Italien auf jeden Fall mit allen zur Verfuguna itebenden Mitteln die deutsch-iowjetru!sischeu Frie­densbemühungen unter st ütze.. InLondo n uns Paris ist man zunächst sehr zurückhaltend. Maß­gebende Äußerungen liegen bisher weder aus Frankreich noch aus England vor. Reuter gibt vielmehr bekannt, das eine offizielle Stellungnahme der englischen Regierung nicht er­folgen werde, bevor nicht das Kabinett die ganze Lage ein­gehend geprüft, bevor man sich.nicht mit Frankreich ver­ständigt habe. Die englisch-französische.Fühlungnahme hat auch sofort eingesetzt. Sie durst« .über das Wochenende recht lebhaft sein. Für Montag.wild eine Erklärung Chamberlains angekuiwigt. . In der englischen und französischen Presse ist von Verständnis tur die welthistorische Bedeutung der Moskauer Vereinbarung, und von Verständnis für das Gebot der Stunde wenig zu spuren. Die amtlichen Stellen aber haben, wie gesagt, noch, nicht ge­sprochen. Wollen sie wirklich die Verantwortung tui einen sinnlosen und für viele aussichtslosen Krieg übernehmen? Das ist — auch die neutrale Presse läßt, den Herren rn Paris und London daran keinen Zweifel — die Frage, vor die jetzt Eng­land und Frankreich gestellt ist.

Der Bericht des Oberkommandos Erfolgreicher Handelskrieg unserer Zerstörer und Torpedo­boote — Fünf englische Flugzeuge im Luftkamps Bei den

Ostfriesischen Inseln abgeschosien

Berlin, 30. Sept. (Funkmeldung.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

5m O st en haben sich nach der Kapitulation von M o d- lin auch die im Brückenkovk von Modlin südlich der Weichsel befindlichen 2«8 Offiriere und etwa 5000 Mann ergeben. 58 Geschütze, 183 Maschinen­gewehre und zahlreiches anderes Kriegsgerät wurde er­beutet.

5m Westen an verschiedenen Stellen etwas leb­haftere Artillerietätigkeit.

5m Skagerrak und Kattegat wurden in den letzten beiden Tagen 45 Dampfer von deutschen Zerstörern und Torpedobooten aus Bannware untersucht und ein Teil von ihnen ansgebracht.

Zwei Schwärme von zusammen 12 britischen Kampf- slugzeugen versuchten in das deutsche Hoheitsgebiet an der Rordseeküste einzuiliegen. Ein Schwarm griff in der Deut­schen Bucht Zerstörer ohne je den Erfolg an. Die britischen Flngzeuge wurden durch Flakseuer vertrieben. Bombentreffer wurden nicht erzielt. Den anderen Schwarm stellten deutsche Jagdflieger in der Räbe der Ostfriesischen Inseln Wangerooge und Lange- ooge. 5m Luftkamps wurden von sechs britischen Flug­zeugen fünf abgeschossen. Die Besatzungen zweier deutscher Jagdslugzeuge, die auf See notlanden mußten, wurden un­verletzt durch deutsche Kriegsschiffe gerettet.

Bier MW, hie in Mm hielten

Von Fritz Günther

Der Monat September des Jahres 1939 wird als einer der wichtigsten Abschnitte weltpolitischer Entwicklung in die Geschichte eingehen. In dem kurzen Zeitraum von vier Wochen ballten sich Ereignisse von ungeheurer Bedeutung in so schneller und ununterbrochener Folge zusammen.daß ihre Feststellung nur skizzenhaft bleiben mugte und eine ÄKirdigung nur in knappen Umrissen die Wucht der Tatsachen sprechen lassen, konnte. Genaue Schilderung rm einzelnen, von der man stch schon heute die fesielnste Lektüre versprechen darf, bleibt späterer Geschichtsschreibung vorbe­halten. Die T a t s a ch e n aber, die uns Tag für Tag durch Presse und Rundfunk vermittelt wurden, hielten Nicht.nur Europa, sondern die ganze Welt in Atem. Denn alle Volker dieser Erde sind heute in gleichem Mage am Schicksal betei­ligt, das durch die von England planmägrg vorbereitete Er­schütterung des Weltfriedens herausgefordert wurde.

Rekapitulieren wir noch einmal ganz kurz Zweck und Anlaß der Vorgänge, die den Feldzug in Polen unvermeid­lich machten und unsere Abwehrbereitschaft im Westen in Er­scheinung treten lassen mutzte. Dieser K r r egsz u st and ist einzig und allein Englands Werk. Der Konflikt wurde von den britischen Kriegshetzern durch die von ihnen verfolgte Einkreisungspolitik sorgfältig vorbereitet und mut­willig vom Zaune gebrochen, als in letzter Stunde noch Aus­sichten auf eine Verständigung möglich waren. Polen blieb dabei nur ein Vorwand, der heute nicht mehr wichtig genom­men wird, nachdem man sich nicht mehr scheut, den wahren Grund, die Vernichtung des nationalsozialistischen Erog- deutschlands, als eigentliches Kriegsziel und als Parole für die Fortsetzung der Feindseligkeiten herauszustellen

Datz Polen in diesen vier Wochen das Opfer zielbe- wutzter englischer Gewaltpolitik gegenüber Völkern, die ihm bei seinen'Machtbestrebungen im Wege stehen, wurde, ist tn erster Linie die Schuld seiner Regierung, -on wahnsinniger Verblendung und gestützt auf ein von Anfang an sehr zweifel­haftes Garantie- und Beistandsversprechen provozierten die polnischen Staatsmänner einen Waffengang mit Deutschland, gaben Staat und Volk der Vernichtung preis und entzogen sich nach dem Zusammenbruch in feiger Flucht der Verant­wortung. Uns ging es, wie der Führer in seiner am Anfang der Ereignisse stehenden historischen Rede an das deutsche Volk und an die Welt betonte, nur um den unbestrittenen Anspruch Deutschlands auf Abwehr der unerträglich ge­wordenen polnischen Feindseligkeiten und um eine Neu- o r d n u n g i n O st e u r o p a, die zur Sicherung des Friedens und einer dauernden Stabilisierung der deutschen Lebens­rechte unabweisbar geworden war. Polen aber ging es, wie immer wieder grohsprecherisch verkündet wurde, um die Er­oberung deutschen Lebensraumes. Die fanatischsten Chauvi­nisten in Polen griffen nicht nur mit frevelnder Hand nach dem deutschen Danzig, sie berauschten sich auch bereits mit dem Gedanken an einen Sieg vor den Toren von Berlin. England aber ging es um die Entfesselung eines Welt­brandes, an dessen Ende die Zertrümmerung Deutschlands und ein neuer, aber noch wesentlich härterer Versailler Diktatsriede stehen sollte.

Datz solche finsteren Pläne, mit denen nach dem englischen Intrigenspiel seit langem gerechnet werden mutzte, zum min­desten aber seitdem sich England vor jetzt genau einem Jahr in München vor dem gerechten, aber unerbittlich harten Willen des Führers beugen mutzte, zuschanden wurden, bafur

Berlin, 29. Sevt. Der Reichsminister des Auswärtigen von Ribbentrop traf am Freitagnachmittag^ gegen 6 Uhr aus Moskau kommend in dem Condor-slng- 3 e u s „Grenzmark" mit den Herren «einer Begleitung auf dem Flughafen T e m p e l h o f ein. wo sich zur Be- grüßuna des Reichsautzenministers der Ltaaisiekretar von Weizsäcker mit den leitenden Beamten des Auswärtigen Amtes und den Mitgliedern des Persönlichen «tabes ein- geinnden hatte.

Reichsanßenminister von Ribbentrop begab sich vom Flughasen Tempelhos aus zum Führer zur Be­richterstattung.

Um 14.45 Ubr erfolgte eine Zwischenlandung in Königsberg, wo Reichsaußenminister von Ribbentrop ans dem Flnghasen von Gauleiter Koch begrüßt wurde.

Vier Punkte wurden in Moskau geklärt.

Vor seinem Abflug aus Moskau gab der Reichs­minister des Auswärtigen von Ribbentrop dem Vertreter des DNB. sowie für die TASS, unv die Auslands- v r eii e folgende Erklärung ab:

Mein Aufenthalt in Moskau, war wiederum kur». Das nächste Mal hoffe ich. langer hier zu bleiben. Trotzdem

Ribbentrop berichtet dem Führer

Arn Freitagnachmittag um 6 Uhr wieder in Berlin eingetroffen

haben wir die zwei Tage gut ausgenutzt. Folgende Punkte wurden geklärt: . ~ . r , ,, .

1. Die deutsch-iowjetnche <yreunb)(6ait tit nun­mehr endgültig etabliert:

2. in die osteuropäischen Fragen werden sich die beiden Nationen niemals mehr hereinreden 1 °' 3^" beibe Staaten wünschen, daß der Friede wiederherge stellt wird und daß England und Frankreich den völlig sinnlosen und ausstchtslossn Kamps gegen Deutschland einstellen: u , . .

4. sollten die Kriegshetzer in diesen Landern aber die Oberhand behalten, so werden Deutschland und Sowjet­rußland dem zu begegnen willen.

Der Reichsaußenminister erwähnte dann noch die groß­zügige Wirtschaftsplanung, die zwischen der. deut­schen und der sowjetrusiischen Regierung gestern vereinbart wurde und die sich zum Vorteil beider großen Machte aus­wirken wird.

Zum Schluß sagte Herr von Ribbentrop: ..Die Ver­handlungen fanden in einer besonders f re uudscka t t« licken und großzügigen Atmosphäre statt. Vor allem aber möchte ich des überaus herzlichen Empfanges gedenken, der mir seitens der Sowietregierung. und besonders durch die Herren Stalin und Molotow zuteil wurde".