Wiesbadener Tagblatt
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Nr. 218.
Montag, 18. September 1939.
87. Jahrgang.
Gemeinsame Erklärung der deutschen und sowjetrussischen Regierung.
DerpolnischeZeldzug gehtzuLnde!
Vernichtung und Gefangennahme der versprengten Resttruppen. — Zahlreiche Einheiten der deutschen Luftwaffe und der Flakartillerie zusammengezogen und für anderweittge Verwendung bereitgestellt. — 3m Westen keine nennenswerten Kampfhandlungen. — Der Einmarsch der sowjetrussischen Armee. — Völliges Einvernehmen zwischen Deutschland und der Sowjetunion. — Flucht der polnischen Regierung.
Neuordnung Polens.
Berlin, 18. Seoi. (Funkmeldung.) Zur Vermeidung von - irgendwelchen unbegründeten Gerüchten bezüglich der Ausgaben der deutschen und sowjetische» Truppen, die in Polen tätig sind, erklären die Deutsche Resichs- regierung uns die Regierung der UdSSR., dah die SandlungPi dieser Truppen keinerlei Ziel verfolgen, die den Interessen Deutschlands oder der Sowjetunion zuwider-
Bevölkernng der westlichen Ukraine und des westliche» Weiß- rutzlands unter ihren Schutz zu nehmen.
Gleichzeitig beabsichtigt die Sowjetregierung alle Mah- nabmen zu treffen, um das polnische Volk aus dem unglückseligen Krieg herauszuführen, in den es durch seine unvernünftigen Führer gestürzt wurde, und ihm die Möglichkeit zu gebe», ein friedliches Leben wieder aufzunehmen.
Empfangen Sie, Herr Botschafter, die Versicherung usw."
In dem Begleitschreiben des Auhenkommissars Molotow an die hiesigen Missionen wird darauf hingewiesen, dah
Die „zweite Bombe."
Kz. Der Einmarsch der sowjetrussischen Truppen in Polen hat in den Zentren der Kriegshetzer völlig überrascht. Der größte Teil der französischen Presse versuchte noch in den letzten Tagen die russische Mobilmachung als gegen Deutschland gerichtet darzustellen. Heute will man an diese fehlgeschlagene Spekulation nicht mehr erinnert werden, und Havas möchte der Welt oorlügen. daß man in Paris mit dem Eingreifen Moskaus in Polen gerechnet habe. Zur Beruhigung äußert das amtliche französische Büro, daß das Ziel Moskaus trotz des
laufe», oder dem Geiste und dem Buchstabe» des zwischen Deutschland und der Sowjetunion geschloffenen Richt- angrifss Vertrages widersprechen. Zm Gegenteil, die Aufgabe dieser Truppen besteht darin. Ordnung und Ruhe in Polen herzu st eilen, die durch den Zerfall des polnischen Staates zerstört sind, und der Bevölkerung Polens zu helfen, die Bedingungen ihres staatlichen Daseins neu zu regeln.
Wortlaut der russischen Rote.
Moskau, 17. Sept. In der Nacht vom Samstag anf Sonntag ist dem polnischen Botschafter in Moskau, Erz»- d o w s k i, nachstehende Note der Sowjetregierung überreicht worden, die gleichlautend allen ausländischen Millionen in Moskau zugegangen ist und auch dem deutschen Botschafter in Moskau zugeftellt wurde. Die Note hat folgenden Wortlaut:
Der Bericht des Oberkommandos
Berlin, 18. Sept. (Funkmeldung.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Der Feldzug iuPolen geht keinem Ende entgegen.
Nach der völligen Um fch lieh nag Lembergs und der Einnahme von Lublin steht ein Teil des deutschen Ostheeres in des: allgemeinen Linie Lemberg —Wlodrimierz —Brest —Bialystok und hat damit den gröhten Teil Polens besetzt. Dahinter vollzieht sich noch an mehreren Stellen die Vernichtung und Gefangennahme einzelner versprengter Reste der ehemaligen polnischen Armee. Die ftärksie dieser umschlossenen polnischen Kampfgrnppen — etwa ein Viertel des polnischen Heeres — ist südwestlich Wvszogrod zwischen Bzura n»d Weichsel auf engstem Raum zusammengevreht und geht seit gestern der Anflösung entgegen.
Ans dem umschlollenen Warschau wurde am 17. September durch polnische Sender die Bitte an das Oberkommando der Wehrmacht gerichtet, einen polnischen Parlamentär zu empfangen. Das Oberkommando der Wehrmacht hat seine Bereitwilligkeit dazn erklärt. Bis zum 17. September Mitternacht hat sich kein Parlamentär bei unseren
Truppen eingefunden. •
Die Lnftwaffe griff die südwestlich Wvkzogrod eiugeschlollenen polnischen Kräfte wirksam an. Polnische Fliegerkräfte traten an der ganze» Front nicht mehr in Erscheinung.
Die deutsche Lnftwaffe hat damit die ihr imO st enge st eilte Aufgabe im wesentlichen erfüllt. Zahlreiche Einheiten der Fliegertruppe und Flakartillerie sind zusammengezogen und stehen für ander- weite Verwendung bereit.
2m Westen keine nennenswerten Kampfhandlungen. Bei Saarbrücken wurde ein französisches Fluzeug von einem deutschen Jäger abgeschossen: Luftangriffe auf deutsches Hoheitsgebiet haben am 17. September nicht ttattgefunden.
.Herr Botschafter! Der polnisch-deutsche Krieg hat die innere Unhaltbarkeit des polnischen Staates erwiesen. Im Laufe der zehntägigen Operationen hat Polen alle seine Industriegebiete und kulturellen Zentren verloren. Warschau als Residenzstadt Polens besteht nicht mehr. Die polnische Regierung ist zerfallen und bekundet keinerlei Lebenszeichen. Das bedeutet, dah der polnische Staat und seine Regierung tatsächlich aufgehört haben, zu existieren. Dadurch haben die Verträge ihre Gültigkeit verloren, die zwischen der Sowjetunion und Pole» bestanden. Sich selbst überlalle» und ohne Führung geblieben, hat sich Polen in ein bequemes Feld für jegliche Zufälle und Überraschungen verwandelt, die eine Bedrohung für die Sowjetunion schaffen könne». Jnsolgedeffen kann die Sow- jetregieruug, die bisher »eutral war, sich nicht weiter neutral zu diesen Tatsache» verhalte». Die Sowjetregierung kann sich auch nicht gleichgültig dazu verhalte», dah die mit ihr blutmäbig verwandten Ukrainer und Weibrussen, die auf dem Territorium Polens leben und der Willkür des Schicksals ausgeliefert sind, schutzlos bleiben.
Angesichts dieser Sachlage hat die Sowjetregierung das Oberkommando der Roten Armee angewiesen, den Truppe« den Befehl zu erteile», die Grenze zu überschreite» und das Leben und Eigentum der
die Sowjetunion eine Politik der Neutralität in den Beziehungen zu den betreffenden Staaten durchführen werde.
Die Ansprache Molotows.
Moskau, 17. Sept. Am Sonntagvormittag hielt der sowjetrussische Regierungschef und Autzenkommissar Molotow eine über sämtliche sowjetischen Sender verbreitete Rundfunkansprache, in der er den beute früh er- lFortsetzung auf Seite 2.)
militärischen Eingreifens beschränkt sei, denn Sowjet- ruhiand habe angekündigt, dah es in dem europäischen Konflikt neutral zu bleiben beabsichtige. Aus London meldet Preb Allociation, das Foreign Office schenke den Berichten über die Ereignille in Polen namentlich in bezug auf den rullischen Einmarsch größte Aufmerksamkeit. Man erwarte umfassendere und genauere Mitteilungen von leiten der diplomatischen britischen Vertretungen in Moskau und in anderen Hauptstädten. Auch Preh Allociation schlägt in die gleiche Kerbe wie Havas und betont, dah die englische Regierung von den Ereignillen nicht sonderlich überrascht gewesen sei.
Die Blockade, ein zweischneidiges Schwert.
30 britische Frachtdampfer mit zusammen 190 000 Tonnen j» zwei Woche» vo» deutschen U-Booten versenkt.
wt. Die Kriegshetzer in London sehen ihre Berechnungen und Hoffnungen zusammenbrechen. Das Eingreifen Sowjetruhlands hat ihre militärischen Pläne, soweit sie nicht schon durch das schnelle Vorgeben der deutschen Truppen illusorisch geworden waren, völlig über den Haufen geworfen. Sie müllen aber auch schon nach den ersten beiden Kriegswochen erkennen. dah ihre gegen Deutschland ausgesprochene Blockade ein sehr zweischneidiges Schwert ist. Der Handelskrieg der deutschen U-Boote hat die Engländer darüber aufgeklärt.^ dah die Abschnürung Englands durchaus im Bereich des möglichen liegt. Der Verlust von 30 Dampfern mit etwa 190 000 Brutto- registertonnen in 14 Tagen ist ein Warnungssignal, das in der englischen Bevölkerung lebhafte Beunruhigung hervorgerufen hat. Die amtlichen Stellen suchen die Wirkung dieser vom Ausland gegebenen Ziffern mit der Erklärung abzuschwächen. dah di« Einführung des Eeleitzugsystems die Erfolge der deutschen U-Boote einschränken würde». Eine Behauptung, die ihre Gültigkeit erst noch beweisen muh. Die Vorbereitung der Lebensmittel- Rationierung wird in der englischen Öffentlichkeit mit Recht dahin ausgelegt, dah die britische Admiralität selbst von der Wirksamkeit ihrer geplanten Abwehrmahnabmen nicht so sehr überzeugt ist. Wie vor kurzem ein schwedisches Blatt, so weist iefct eine estnische Zeitung darauf hin. dah sich England hinsichtlich seiner Lebensmittelversorgung in der schlech
testen Lage befind«. Der Leitartikler der „Postirnees" fuhrt eine Reihe von statistischen Angaben an. aus denen sich ergibt, dah England von ieiikem Bedarf an Fleisch. Gemüse, Fetten, Getreide und Butter 5 0 b i s 88 v. H. e i n - führen muh. In Kalorien umgerechnet, könne England nur 25 v. H., Deutschland dagegen notfalls bis zu 83 v. H. aus der inländischen Erzeugung decken. Nimmt man die völlig sicheren Landwege hinzu, die Deutschland für seine Zufuhren offen stehen, so erscheint es recht fraglich, wer in einem Blockade-Krieg die helleren Aussichten für sich hat. London sieht sich jedenfalls gezwungen, sich auf kommende Notstände vorzubereiten. Der Londoner Rundfunk teil? seinen Hörern mit, dah am kommenden Freitag die Ausstellung des nationalen Registers durchgeführt wird. Das Register ist die Grundlage für die bevorstehende Einführung des Rationierungssystems für Lebensmittel. Die Zeit, wo die Insulaner im Überfluß lebten, auf den sie sich uns „Habenichtsen" gegenüber soviel zugute taten, gebt zu Ende. Die Tröstung mit dem Geleitzugsyftem kann diese Tatsache nicht aus der Welt schaffen. Die deutsche Seekriegsführung wird auch dieser Maßnahme zu begegnen willen. Dah unsere Matrosen nicht so leicht zu verblüffen sind, zeigt die Meldung, wonach ein U-Boot, das bei der Untersuchung eines englischen Damosers von zwei britischen Flugzeugen angegriffen wurde, die beiden Apparate abgeschoffen bat. Dl« überlebenden Offiziere wurden von ihm geborgen.
In den neutralen Ländern sieht man die beginnende Verständigung zwischen Moskau und Tokio und das Eingreifen Sowjetruhlands in Polen in engsten Zusammenhang. Man bewertet den Abschluh des deutsch- russischen Nichtangriffspaktes, wie das Amsterdamer „Handelsblaad" sagt, als den entscheidenden Wendepunkt in der Politik. Die oben genannte Zeitung glaubt, dah Japan, die Sowjetunion und Deutschland in dem Bestreben, die Weltherrschaftspläne Englands zu brechen, einig seien. Welche Bedeutung diese Ausfällung bereits gewonnen hat, zeigt ihre Auswirkung auf die A m st e r d a m e r Börse, die ein raffiniertes Barometer genannt werden kann. Noch vor wenigen Tagen herrschte hier deutliche Haulle-Stimmung im Zusammenhang mit erhofften riesigen Kriegsgewinnen nach einem Sieg der kapitalistischen Demokratien. Seit der Vereinbarung zwischen Moskau und Tokio hat sich das Bild völlig gewandelt. Wie der „Telegraaf" schreibt, war die Börse in weitem Mähe desorganisiert und der Verkaufsdruck sehr stark. Als Ursache nennt das holländische Blatt die „neuen politischen Umstände" und die grohen Erfolge des deutschen Vormarsches in Polen.
3n Schweden bezeichnet man die japanisch-sowjet- ruffische Verständigung als einen grohen außenvoli- tischen Erfolg Deutschlands. In diesem Zusammenhang weist „Svenska Dagbladet" auf den Besuch der japamschen Offiziers-Abordnung in Berl.in bin, den man als Beweis für die Zielsicherheit der deutschen Auhenpolitik ansübrt. Die Behauptung, die deutsche Politik sei sprunghaft und habe Japan zugunsten Moskaus auf- gegeben. lei durch die letzte Entwicklung auf das eindrucksvollste widerlegt worden. Wenn das Eingreifen Ruhlands in Polen, so meint „Nya Dagligt Allehanda", vorläufig auch
