Wiesbadener Tagblatt
Erscheinungszeit:
87. Jahrgang
Montag, 7. August 1939
Nr. 182
Wüchentli
mit einer täglichen
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Freche polnische Provokanon.
überstürzte Demarche in Danzig. — Wegen eines unwahren Gerüchtes. — Unverschämter Ton und unerhörte Drohungen.
Antworttermin vom Senat nicht eingehalten. — Entschiedene Zurückweisung.
Bewußte Panikmache.
Danzig, 7. 9hm. Aus zuverlässiger Quelle wird mit- geteilt: In den Morgenstunden des letzten Samstag hat der diplomatische Vertreter der Republik Polen in Danzig, Minister Chodacky, zuerst telephonisch, dann schriftlich die Danziger Regierung in einer ungewöhnlichen und überstürzten Form von einem angeblich umlaufenden Gerücht in Kenntnis setzen wollen, demzufolge die ausführenden Organe der Danziger Zollverwaltung beabsichtigen, sich vom 6. August um 7 Uhr ab der A u s ü b u n g der Kontrollfunktionen durch einen gewissen Teil der polnischen Zollinspektoren zu widersetzen. Die Danziger Stellen waren nicht nur über die ungewöhnliche Form der für sie überraschenden Mitteilung, sondern auch über den Inhalt des ihnen bis dahin unbekannten Gerüchts erstaunt. Umso unverständlicher waren für die Danziger Regierung die Schlußfolgerungen, die in dem Briefe des polnischen diplomatischen Vertreters aus der Anfrage lediglich über ein unkontrollierbares Gerücht gezogen wurden. Die schriftliche Anfrage Polens über das eben zitierte angebliche Gerücht wurde nämlich in eine im diplomatischen Verkehr nicht übliche ultimative Form gekleidet und enthielt u. a. die Drohung, daß die polnische Regierung unverzüglich Vergeltungsmaßnahmen gegen Danzig anwenden will.
Die Danziger Regierung sah sich außerstande, auf das Schreiben des diplomatischen Vertreters Polens sofort einzugehen, da
1. Das angeführte Gerücht auf Grund amtlicher Feststellungen sich als unzutreffend erwies,
2. der Ion des Schreibens von der Danziger Regierung als eine Unverschämtheit angesehen wurde und '3. die Danziger Regierung es grundsätzlich nicht für nötig hält, von polnischer Seite gestellte und mit Drohungen verbundene Termine im Briefwechsel einzuhalten.
Wie wir hören, führt man an zuständiger Danziger Stelle die ganze Angelegenheit auf die wohl überlegte Propaganda zurück, Panik zu erzeugen und den Versuch zu machen, die Danziger Regierung aus ihrer Ruhe herauszulocken. Wie leichtsinnig und bewußt alarmierend polnische Stellen operieren, geht auch daraus hervor, daß polnische Beamte in Danzig von höherem Ort Anweisung erhalten haben, wegen augenblicklicher Gefahr» i h r e Familien außerhalb Danzigs in Sicherheit zu bringen.
Es wird in sonst gut unterrichteten Danziger Krusten angekündigt, daß die Danziger Regierung in ihrer Antwort den diplomatischen Vertreter Polens auf sein eigenartiges Verhalten aufmerksam machen und dabei zum Ausdruck bringen wird, daß sein Schreiben lediglich aus einem unzu
treffenden Gerücht basiert und deshalb der ungewöhnliche Ton und die unerhörten Drohungen mit aller Entschiedenheit als absolut unpassend zurückzuweisen sind.
Von zuständiger Danziger Seite wird es als eine tn dieser augenblicklichen Situation besonders gefährliche Provokation aufgefaßt, wenn in einem ultimativen Schreiben des diplomatischen Vertreters Polens die Bewaffnung und Uniformierung aller bisher zivilen und unbewaffneten polnischen Zollkontrolleure angekündigt wird. Unabhängig von der Erledigung des von polnischer Stelle mißbrauchten angeblichen Gerüchtes wird, wie wir hören, die Danziger Regierung mit dem Vertreter Polens wegen der grundsätzlichen Klärung der Zuständigkeit polnischer Zollkontrolleure in Verhandlung eintreten. Bei dieser Gelegenheit wird unseres Wissens noch einmal zum Ausdruck gebracht werden, daß sog. Zollinspekteure, die sich nach-- weislich mit anderen als sachlichen Zollfragen befasien, von Danzig für den Dienst als Organe der Überwachung der Tätigkeit von Bamten der Danziger Landeszollverwaltung nach wie vor nicht anerkannt werden.
Seedienstdampfer rettet polnische Militärflieger.
Polnisches Flugzeug bei Photographierversuchen über dem Seedienstdampser abgestürzt. — Vorbildliche Rettungsaktion des deutschen Schisses.
Danzig, 7. Aug. (Funkmeldung.) Der Seedienstdampser .Hansestadt Danzig" der im Verkehr des Seedieustes Ostpreußen von Swinemünde nach Zoppot verkehrt, rettete heute morgen kurz nach 6 Uhr in der Nähe der Halbinsel Heia die beiden Insassen eines polnischen Militärflugzeuges. Der Apparat kreiste mehrere Male über dem Schiff, und der Beobachter machte offensichtlich, wie deutlich zu erkennen war, photographische Aufnahmen. Kurz darauf stürzte das Flugzeug hinter dem Seedienstdampser in die See.
Innerhalb weniger Minuten war ein Rettungsboot der alarmierten Schisfsbcsahung an Ort und Stelle und es gelang, die beiden Insassen des Militärslugzeuges zu retten. Die ganze Rettungsaktion dauerte zehn Minuten, io daß das Schiff fast ohne Unterbrechung keine Fahrt fortsehen konnte. Die beiden geretteten polnischen Flieger wurden um 8.25 Ubr am Seetteg in Zoppot an Land gesetzt.
Die Volksgemeinschaft ist unsere Stärke.
Die entscheidende Macht unserer gewaltigen Luftwaffe. — Englische Einschüchterungsversuche sind wirkungslos aus uns. — Wir wollen Frieden und sind zum letzten Einsatz bereit.
Warnung Hermann Görings
eb rohen England nicht. Wenn es aber überall in den Weg treten zu können, muß es Verantwortung für die Störung des Friedens
Destau, 6. Aug. Am Samstagvormittag besuchte Eeueral- seldmarschall E ö r i u g überraschend. bas S auptwerk b e 6 Iunkers-Erohkonzerns in Denau. und unterzog die ausgedehnten Anlagen dieser Werke einer mehrstündigen eingehenden Besichtigung. Der -anbei der 8000 Arbeiter und Arbeiterinnen um Hermann Göring war groß. Aus Anlaß der spontanen und eindrucksvollen Kundgebung nahm der vieldmarschall das Wort zu folgenden Ausführungen:
Es ist nun schon einige Jahre her, seit ick das letztemal zu euch sprechen konnte. Diese Jahre waren voll gewaltiger, geschichtlicher Ereignisse, und zwar mit deshalb, weil Deutschland wieder über eine gewaltige Luftflotte verfügt Denn wenn uns im vergangenen Jahre die Befreiung des Sudetenlandes gelang, io war herbei entscheidend, daß Deutschland — im Gegensatz zu anderen Ländern — eine moderne und schlagkräftige Luftwaffe hatte. Und.so ist es auch beute Wir haben heute d i e gleiche Muiik von jenseits des Kanals. Wir hören fast dieselben Worte und Reden, die auch schon vor einem Zabre zur Einschüchterung des deutschen Volkes gehalten wurden. Vor allem ist es England, welches entlckloiieni ft ,6 a s Drama von 1914 zu wiederholen, um Deutschland einen Frieden, schlimmer als Versailles, diktieren zu tonnen. Rur eines hat sich grundlegend geändert. Uns alle erfüllt heute der brennende und einheitliche Wille, uns zu behaupten und es niemals wieder zu einem frieden um Versailles kommen zu lassen. Es ist ein großer Unterschied, ob der Mensch kämpft, um feine Ehre und seine Lebensrechte zu wahren, ober um sich ohne Grund in die Interessen anderer einzumischen.
Wir b e.d r o
glaubt, uns auch die V übernehmen. „ , .
Ich weiß, was heute von jedem deutschen Arbeiter verlangt wird an Arbeit, Leistung und persönlichen Em- fchrankungen. Jchweißaber auch, daß jeder Avvell. den ich bis beute an euch gerichtet habe, von euch freudig befolgt worden ift. Und darum bin ich heute hier, um euch von Herzen zu danken, daß ihr mich in all diesen Jahren nicht im-Stiche gelassen habt. Wenn ick euch und eure Leistungen sehe, wer will uns dann überwinden!
Jene Drohungen. Deutschland wieder zu blockieren und an den Hunger zu bringen, werden ein zwenesmal unmöglich gemacht werden. Dafür wird die deutsche Luft
waffe sorgen und nicht zum letzten auch der große Vorrat an Brotgetreide, den wir in Deutschland ge- stavelt haben. Zum Abschluß möchte ich sagen: Wir wollen nichtdenKrieg. ich kenne ihn und wem, datz es die gewaltigste Verantwortung bedeutet, die ein Staatsmann auf sich nehmen kann. Wenn wir trotzdem so fieberhaft rüsten bann, um den Kampf, der uns aufgezwungen wird, siegreich zu bestehen. Wir werden uns in Zukunft kein Lebensrecht mehr streitig macken lasten Uns imponieren weder Drohungen noch Liebesbriefe. 2ck wollte euch danken und euch bitten weiter euren guten Mut zu bewahren und euer Herz mit Zuversicht zu erfüllen. Ich bin heilig überzeugt, gelingt uns das eine, die Volksgemeinschait durch alles hindurchzuretten, so sind wir unüberwindlich. Da liegt unsere Stärke. Wenn wir Deutsche einig waren, waren wir immer siegreich, geschlagen wurden wir nur. wenn im eigenen Land die Zwietracht auftrat. Und daß wir uns zu dieser Geschlossenheit durchgerungen haben, das ist die größte Tat und unsere größte Machtposition. So wollen wir weiter im Vertrauen zueinander stehen. Ich habe zu euch ein blindes Vertrauen und bitte euch, dies Vertrauen auch zu mir zu haben. , „
Generaldirektor Koovenberg dankte dem Generalfeldmarschall im Ramen der Gefolgschaft und gab die Versicherung ab, daß die Junkerswerke ihrem Namen jederzeit Ehre machen werden und dies durch die Tat beweisen wollen. Mit Siegheil auf Führer und Feldmarschall und den Liedern der Nation wurde die Kundgebung geschlossen. Unter tosendem Jubel begleiteten die Arbeiter ihren Hermann Göring bis zum Werkausgang.
Französische Bunker geräumt
Maginotlinie bei Straßburg überschwemmt.
Offenburg, 5. Aug. Die anhaltenden Regengüste der letzten Tage führten bekanntlich im linksrheinischen französischen Gebiet in der Umgebung von Straßburg zu erheblichen Flurverwüstungen, wobei auch Teile der französischen Befestigungsanlagen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Mehrere Festungswerke sind durch Wasser- einbrüche überflutet worden.
Bewohner der badischen Ortschaft Marlen südlich von Kehl beobachteten, wie verschiedene französische Bunker von ihren Besatzungen geräumt wurden.
Allstegung um Danzig.
Ein Schweizer Journalist schreibt über seine Eindrücke im „Sturmzentrum" Europas.
Ein Schweizer Journalist, der im Auftrage seiner Zeitung »ach Danzig geschickt wurde, gibt im Folgenden ein Bild von den wahren Verhältnissen in der Freien Stadt.
Ich muß sagen, vom Standpunkt des sensationshungrigen Journalisten aus, der weiß, was seine Leser von ihm verlangen, war Danzig eine arge Enttäuschuna.
Aber für den, der mit offenen Augen zum ersten Male diese umstrittene Stadt betritt, ist sie eine Offenbarung. . , . _ ,
Ich bin wirklich ein Mensch, der neutral sein und ohne Voreingenommenheit, lediglich der Wahrheit zuliebe, nur das berichten will, was er mit eigenen Augen gesehen har. Ich hielt es für meine Pflicht, von vornherein nicht nur die deutsche, sondern auch die polnische These zu ihrem Recht kommen zu lassen. - .
Aber ich müßte wahrhaftig wider mein Gewissen schreiben, wenn ich etwas anderes sagen würde, als daß es mir nach einer Viertelstunde Aufenthalt restlos klar war: Danzig ist eine durch und durch deutsche Stadt, und wer das Gegenteil behauptet, der entstellt entweder böswillig die Wahrheit, oder er ist ein ungebildeter Mensch ohne jeden Sinn und jedes Gefühl für Kultur und kulturellen Zusammenhängen.
Wer auch nur wenige Minuten die herrliche Langgaste und den Langen Markt, die „piazza" des nordischen Venedig, auf sich einwirken läßt, die Tore, die Häuser, die Giebel, die Durchblicke — kann der anders als mit tiefster Ergriffenheit den urdeutschen Charakter der Stadt feststellen?
Rennt den wundervollen roten Backsteinbau der Marienkirche, nennt das uralte Rathaus mit seinem köstlichen Turm, der sich lustig mit seinen Türmchen und Schnörkeln hinaufwirbelt und sich fast im blauen Himmel zu verlieren scheint, oder nennt das unvergleichliche Kulturjuwel des Uphagen-Hauses: sprechen alle diese Gebäude eine andere als die deutsche, und nur die deutsche Sprache?
Sprechen sie gar die polnische Sprache? Gewiß — ich schätze den polnischen Charme, die polnische Leidenschaft und die polnische Begeisterungsfähigkeit — aber daß an Danzig irgend etwas polnisch sei, das sollte die stolze Ration der Polen in ihrem eigenen Interesse nicht behaupten.
Run forschte ich nach der politischen Aufregung in der Stadt und nach den Maschinengewehren, den Kanonen und dem Militär — aber ich konnte mit dem besten Willen davon nichts entdecken.
Aufregung, Panikstimmung! Es ist einfach zum Lachen! Überall friedliche Bürger, die ihrer täglichen Beschäftigung nachgehen, keine Aufläufe, keine Zusammenrottungen, nichts von Unruhe*—, und wenn irgendwo etwas von Nervosität zu verspüren ist, dann höchstens in den Spalten der Weltpresse, aber ganz sicher nicht in Danzig.
Beim abendlichen Gang durch die stillen Straßen kommt von irgendwo her geheimnisvolle Musik. Wir gehen ihr nach und stehen plötzlich in der nur schwach beleuchteten Marinenkirche. Wundervolles Orgelspiel alter Meister klingt durch die hohen Hallen und andächtig sitzen die Menschen auf den Bänken, ganz versunken in die weihevolle Stimmung, die Ruhe und tiefsten Frieden atmet.
Tags darauf dann in Zoppot, dem Danziger Seebad. Fröhliche Menschen, Kinder, die sich im Sande tummeln, Väter, die aus der Büroluft entflohen sind und sich nun wohlig int Sande und in der Sonne strecken, Mütter, die auf die unendlich blaue Weite des Meeres hinausschauen — alles das atmet Zufriedenheit und Ruhe und verbreitet eine wohlige Ferienatmosphäre.
So war also in Danzig recht wenig Sensationelles zu sehen — und als ich mehrere Tage vergeblich auf größere Ereignisse gewartet hatte, entschloß ich mich schließlich zur Röllfahrt, diesmal zur Abwechslung durch den polnischen Korridor. Ich hielt mich in Graudenz, Bromberg und Posen auf, aber was ich da zu sehen und zu hören bekam, war tief erschütternd.
Wenn es heute irgendwo in der Welt eine Minderheit gibt, die ganz schwer zu leiden hat, so sind es die Deutschen in Polen. Enteignungen, Verfolgungen, seelische Quälereien aller Art sind an der Tagesordnung — und was in die Presse, selbst die reichsdeutsche, gelangt, ist nur ein verschwindend kleiner Teil von dem, was sich hinter dem dichten Vorhang der polnischen Erenzorgane und Zensur abspielt.
Man glaubte in der Schweiz und auch wohl im übrigen Westeuropa während der Ära der Verständigungspolitik des Reiches mit Polen, daß da drüben alles in Ordnung sei, denn die Presse schwieg. Aber während dieser ganzen Zeit nahm der polnische Dernichtungsfelbzug gegen das Deutschtum erbarmungslos seinen Fortgang.
Man muß diese verängstigten und gequälten Menschen ihr Herz ausschütten gehört 'haben, dann ahnt man die furchtbare Tragödie, die lautlos und still in all diesen Jahren sich hier abspielte.
Seit 1920 sind ungefähr 1 Million Deutsche aus Polen abgewandert. Seit dem März dieses Jahres sind 26 Deutsche in Polen ermordet worden. In Danzig treffen täglich zirka 150 Flüchtlinge aus Polen ein. Tausende wird der Boden genommen, Stiftungen, Spitäler, Hospize werden ohne sichtbaren Grund enteignet — und wo bleibt das Welt- gewissen?
Man muß tief in die Seele dieser gequälten Menschen geschaut haben, um den Heroismus des Alltags zu ermessen, der von einem jeden gefordert wird, der an seinem Posten aushält. —
Einmal aber müssen auch diese Dinge ein Ende nehmen! Das war der Eindruck, den wir bei der Ausreise au»
