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Wiesbadener Tagblatt

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Nr. 175.

Samstag/Sonntag, 29./30. Juli 1939.

87. Jahrgang.

Als der Weltkrieg ausbrach.

Von Fritz Günther.

Das kriegshetzerische Treiben der Einlreisungsmächte, die mit mißtönenden Phrasen und arroganten Parolen den Frieden bedrohen, weil ihnen die Existenz eines geeinten und starken, seiner Macht und seines Wertes sich bewußten Großdeutschland auf die Nerven geht, weckt besonders lebhaft die Erinnerung an jene Tage, in denen sich vor 25 Jahren das Schicksal ersüllte, das nicht nur über Europa die Brandfackel des Krieges warf, sondern darüber hinaus eine ganze Welt in das vom Lärm der Schlachten erfüllte blutige Ringen ver­strickte.

Es wäre müßig, bei dieser Gelegenheit noch einmal d i e letzten Ursachen zu ergründen, die den Ausbruch des Weltkrieges veranlaßten. Eine verwirrende Fülle dokumen­tarischen Materials ist seitdem beigebracht worden, um in „objektiver" Würdigung eine Klärung der Zusammenhänge zu versuchen, die Schuldfrage zu ergründen und den Ausgang zu erklären, der mit dem Schanddiktat von Versailles die Völker entgegen den 14 Punkten Wilsons nach Siegern und Besiegte klassifizierte. Eine willkürliche Grenzziehung, der Raub unserer Kolonien und die einseitige Belastung mit den Kriegsschulden sollte die Besiegten für alle Zeiten abhängig machen vom Wohlwollen der Sieger. Politiker und Historiker, die sich in Erinnerungen und Betrachtungen mit diesen Dingen eingehend beschäftigt haben, sind heute längst zu der Über­zeugung gekommen, daß das dokumentarische Material der verschiedensten Quellen keinen schlüssigen Beweis für den letzten Anstoß zum Beginn des Weltkrieges zu geben vermag. Weder die Schüsse von Sarajewo, noch die österreichische Kriegserklärung an Serbien, haben die Katastrophe ausgelöst. Entscheidend dafür waren vielmehr Ursachen, die weiter zurückliegen und, im Zusammenhang mit der inzwischen er­folgten Zuspitzung der politischen Lage, den seit langem schwelenden und nur am Balkan gelegentlich aufflackernden Brandherd zur hellodernden Flamme des Weltkrieges ent­fachten.

Europa war längst in zwei Mächtegruppen aus­geteilt. Aus der einen Seite standen Frankreich, Rußland und England. England zunächst durch die Entente cordiale mit Frankreich verbündet, später durch ähnliche Abmachungen mit Rußland dem Dreiverband eingegliedert. Diese Koalition war zu dem Zwecke gebildet worden, als Gegen­spieler des seit 1891 bestehenden Dreibundes aus ge­gebenem Anlaß einen Zweifrontenkrieg zu entfesseln. Ent­scheidend für diese Einstellung war für Frankreich der Wille nach Vergeltung für die immer nod) nicht überwundene Niederlage im Kriege 1870/71 und der Wunsch nach Wieder­gewinnung der Vormachtstellung auf dem Konti­nent. Für dieses Ziel setzte es sich unentwegt ein durch ver­stärkte Rüstungen, die ständige Erhöhung des Effektivstandes seines Heeres und den Festungsausbau an der Ostgrenzc. Diesem Zwecke galten auch seine Bemühungen um Rußland, dessen Bundesgenossenschaft Frankreich bereitwillig fand, als der von Bismarck geschlossene Rückversicherungsvertrag von Deutschland.nicht erneuert wurde. Rußland war umso eher geneigt, sich an Frankreich anzuschließen, als es von seinem Bundesgenossen in reichem Maße Anleihen für den Ausbau seiner militärischen Kräfte erhielt. Es dachte dabei zunächst wohl an die Erfüllung seiner ehrgeizigen Pläne auf die türkische Meerengen und aus Konstantinopel. Der Haupt­gegner Rußlands auf diesem Wege war Österreich-Ungarn, dessen Interessen auf dem Balkan durch die Petersburger Ambitionen gefährdet wurden. Frankreich und Rußland hatten , sich im Falle eines Konfliktes mit Deutschland oder Österreich- Ungarn zu gegenseitiger Hilfe verpflichtet.

Was England betrifft, so ergab sich dessen Gegnerschaft zu Deutschland aus der Rivalität auf dem Weltmärkte, den sich Deutschland immer mehr erobert hatte und aus der Be­fürchtung, daß die mächtig anwachsende deutsche Flotte dem britischen Jnselvolke einmal die Beherrschung der Meere streitig machen könnte. Für England standen also lediglich merkantile Überlegungen im Vordergrund. Jede Gelegen­heit. den lästigen Konkurrenten zu beseitigen, mußte ihm willkommen sein und jedes Mittel, auch das eines Krieges auf dem Kontinent, bei dem es sich ja sowieso zunächst weit vom Schusie wußte, war ihm recht. Es unterstützte deshalb nicht nur Poincarss Einkreisungsbemühungen, sondern über-

Urlaub mit Gasmaske.

(Eigener Drahtbericht unsere

Die Kriegspsychose in England.

as. Berlin, 29. Juli. Auch die Lords des englischen Oberhauses haben sich gestern dagegen ausgesprochen, das Parlament in der nächsten Woche ‘in die Ferien zu schicken. Hatte im Unterhaus unser „Freund" Winston Churchill von der „massiven deutschen Mobilmachung" phantasiert, so war es im Oberhaus Lord Lloyd, der Vorsitzende der britischen Propaganda-Organisation, der sich gegen die Ver­tagung des Parlaments aussprach mit der Begründung, daß man gegenwärtig in der „ernst est e n Krise in der Geschichte der Welt" stecke. Die englische Regierung ist bisher auf solche Wünsche nicht eingegangen, sie möchte auch einmal etwas Ruhe vor den indiskreten Anfragen der Parlamentarier haben und hält an dem Plan fest, in der tommenden Woche die Herren Abgeordneten in die Ferien zu schicken, wobei man zuversichtlich hofft, ihnen noch vorher einige beruhigende Mitteilungen über den angeblich oder tatsächlich bevorstehenden Vertragsabschluß mit Moskau machen zu können. Jedenfalls zeigen die Aussprachen im Unterhaus und Oberhaus, wie sehr heute die Kriegs­psychose England ergriffen hat. Es rächen sich jetzt eben die Methoden der englischen Regierung, die um die eigenen Aufrüstungspläne und um die Einkreisungs­politik verwirklichen zu können, immer mit dem Schreck­gespenst eines deutschen Angriffs oder deutscher militärischer Vorbereitungen arbeiteten. Wie sehr auch heute noch die Maßnahmen der englischen Regierung geeignet sind, die Angstzustände der Parlamentarier zu verstärken und die allgemeine Kriegspsychose zu steigern, zeigt u. a. die Mel­dung der „Times", die besagt, daß bereits seit dem 11. Juni Teile der britischen Luftverteidi­gung ständig bemannt sind. Wie die Festlands­mächte dauernd Truppen an ihren Grenzen stehen hätten, um sich gegen Feindesangriff zu sichern, so sei nun auch ein sorgfältig ausgewählter Teil der englischen Luftabwehr­anlagen ständig bei Tag und Nacht bemannt. Diese Kräfte könnten, so fügt das englische Blatt hinzu, „das Fort halten" bis die ganze Luftabwehr und die Territorialarmee mobilisiert seien. Soweit die „Times". Es ist nun auch nicht mehr verwunderlich, daß in England Gerüchte auf­tauchen, nach denen deutsche Flugzeuge an der englischen Ostküste gesichtet sein sollten. Die Männer der englischen Luftabwehr haben eben Gespenster gesehen und die englische Regierung mußte in diesem Fall dementieren. Den Londonern wurden gestern aber auch kriegsmäßige

r Berliner Schriftleitung.)

Übungen der Ballonsperren vorgeführt. Aber nicht genug damit wird angekündigt, daß während der näch­ten zwei Monate in bestimmten Teilen Londons die Ballon- perren ständig aufrechterhalten werden würden. Den Vogel chießt freilich doch wohl der Minister für die zivile Verteidigung, Sir John Anderson ab, der in einem Rundschreiben an alle örtlichen Behörden auf die Notwen­digkeit hinwies, daß alle Urlauber, die über einen Mo­nat verreisen, ihre Gasmasken mitnehmen sollen. Bilder englischer Zeitungen zeigen denn auch, daß selbst Kinder, die in die Ferien fahren, ihre Gasmasken mit sich führen. Die Nerven der Engländer scheinen sich also wirk­lich in einem beklagenswerten Zustand zu befinden. Die Schuld daran haben die Agitationsmethoden der englischen Regierung, die verzweifelten Bemühungen den Einkrei- [ungsringäu schließen und sich überall' Hilfstruppen zu sichern. Wenn die Engländer in Ruhe ihre Ferien verleben wollen, dann empfehlen wir ihnen einen Aufenthalt in Deutschland, wo man keine Kriegsängste kennt und wo man wohl mit Bergstöcken und Badeanzügen „bewaffnet" in den Urlaub fährt, aber ohne Gasmaske und Kriegspsychose.

Untrennbare Schicksalsgemeinschaft

Eeburtstagsgliickwünsche des Führers für den Duce.

Berlin, 29. Juli. (Funkmeldung.) Der Führer hat dem italienischen Regierungschef und Marschall des Imperiums, Mussolini, zu seinem heutigen Geburtstag folgen­des Glückwunschtelegramm übersandt:

„An Ihrem heutigen Geburtstage grüße ich Sie in treuer Verbundenheit mit meinen herzlichsten Wünschen für Ihr persönliches Wohlergehen wie den weiteren Erfolg Ihrer geschichtlichen Arbeit.

Ich gedenke heute dankbar des im Mai dieses Jahres abgeschlossenen deutsch-italienischen Freundschafts- und Bündnispaktes, durch den unsere beiden Völker zu einer untrennbaren Schicksalsgemeinschaft zusam­mengeschlossen worden sind, die ihre Stärke in der Wahrung der Lebensrechte unserer Völker wie in der Erhaltung des Friedens Europas erweisen wird."

Erste Auswirkungen des Anti- IRA.-Gesetzes.

Bereits 19 Ausweisungen verfügt. — Regelrechte Treibjagd der englischen Polizei auf Iren. — Die IRA. gibt ihren Kampf nicht auf.

wt. Das Anti-Jrengesetz ist am Freitag, nachdem es vom Oberhaus verabschiedet und vom englischen König unterzeichnet worden war. in Ära ft getreten. Bereits eine halbe Stunde nach der Unterzeichnung machte Innen­minister Hoare von seinen neuen Vollmachten Gebrauch und erließ Ausweisungsbefehle gegen 19 füh­rende Mitglieder der IRA. in England. Einer der ausgewiesenen Iren verließ bereits am Freitagabend Lon­don. Sieben andere wurden ins Gefängnis geworfen, da sie Einspruch gegen die Ausweisung erhoben hatten Wie Ge­rüchte wissen wollen, soll sich der Führer der IRA.. Sean Rüssel, in London aufbalten und Scotland Bard bemüht sich fieberhaft, ihn einzufangen, überhaupt veranstaltet die englische Polizei regelrechte Treibjagden auf d i e Iren. Überall sind Suchkolonnen eingesetzt worden, die nicht nur die Wohnungen der Verdächtigen durchstöbern, sondern auch ihre Arbeitsplätze. Innerhalb weniger Stunden erfolg­ten Dutzende von Verhaftungen. In den nächsten Tagen sollen bereits 100 Personen deportiert und die Häfen streng bewacht werden, um die Rückwanderung der Verdächtigen zu verhindern. Unter dem Eindruck der englischen Polizei­maßnahmen sind die Iren geradezu von einer Panik erfaßt worden. Der Abendschnellzug von London nach Irland war von vielen Iren derart belagert, daß der Ver­kehr durch zwei Nachzüge erweitert werden mußte. Zahlreiche Polizeiinspektoren durchsuchten das Gepäck der Reisenden. Verhaftungen sind jedoch nicht vorgenommen worden.

Der Sprecher des amerikanischen Hauptauartiers der IRA. hat dem Vertreter der „New Bork Sun" eine Unter­redung gewährt, in der er zum Ausdruck brachte, daß die Irisch-Republikanische Armee das Todesopfer des Bomben­attentats auf dem Geviickraum des Bahnhofs Kings Groß in London sehr bedauert. Die einzelnen „Soldaten des irischen Expeditionskorps" hätten strenge Anweisung erhalten, Menschenleben zu schonen. Bei den 150 Bombenanschlägen, die einen Sachschaden von über 20 Millionen Schilling ver­ursachten, büßten nur zwei Engländer das Leben ein. Das sei ein Beweis für die von irischer Seite geübte Disziplin. Beispielsweise würde ein Anschlag auf ein Eifenbakmdeoot sehr günstige Voraussetzungen bieten. Da aber dabei mit Verlusten an Menschenleben zu rechnen sei. bade man bisher darauf verzichtet. Dieser Schonungsbefebl gelte allerdings nur solange, wie England sich nicht an irischen Gefangenen vergreise. Auf die Frage des amerikanischen Korrespondenten, warum die britische Regierung wohl bisher nicht die Todes­strafe gegen Iren verhängt habe, erwiderte der irische Sprecher, daß die Furcht vor Veraeltungsmaß- nahmen England davon abbalte. Der Vertreter der IRA. schloß das Interview. mit folgenden Worten: „Die Mobi­lisierung großer englischer Polizeistreitkräfte, die Ausscha­bung aller Urlaube für die Beamten von Scotland Bard, die ständige Überwachung aller lebenswichtigen Betriebe.

die Vermehrung der allgemeinen Panik und Hysterie unter der Bevölkerung sind uns deutliche Beweise, da b wir uns unserem Ziele nähern."

Deutscher Kredit für Japan.

Erhebliche Ausweitung des deutsch-javanischen Handels­verkehrs. — Paraphierung eines umfassenden Abkommens. — Inkrafttreten am 1. Oktober 1939.

Berlin, 28. Juli. Zwischen Deutschland und Japan ist heute ein umfassendes Abkommen überden Waren- und Zahlungsverkehr paraphiert worden, welches die Aufrechterhaltung des bisherigen laufenden Handels und darüber hinaus eine erhebliche Auswertung des beiderseitigen Handelsverkehrs durch Verrechnung und mit Hilfe eines deutschen Kredites voriieht. Das Ab­kommen soll am 1. Oktober dieses Jahres in Kraft treten.

Inzwischen werden einigeübergangsmaßnahmen getroffen werden. Der Abschluß des Abkommens wird in Deutschland und Japan lebhaft begrüßt, da dieses die gegenseitigen wirt­schaftlichen Beziehungen im Rahmen her zwischen den beiden Ländern bestehenden Freundschaft weiter festigen wird.

Lügenpropaganda auf

Der englische Innenminister über die Errichtung

wt. Der englische Innenminister Sir Samuel Hoare machte am Freitag im Unterhaus Mitteilung über die Er­richtung des sogenannten „Änformatiönsministe- r i u m s" für den Kriegsfall, das dazu berufen ist, das E r b e der berüchtigten Ereuelpropaganda Lord Northcliffes im Weltkrieg anzutreten. Außer dem pro­jektierten Jnformationsministerium hat das F o r e i g n Office eine besondere Propagandaabteilung ein­gerichtet. Diese soll, wie der Minister in der bekannten fröm­melnden Art der Engländer betonte, nur die britische Kultur im Ausland propagieren und „Aufklä­rung" über die britische Politik verbreiten. Wie diese Auf­klärung aussieht, haben wir ja an dem Fall King Hall zur Genüge kennengelernt. Im Haushalt sind 10 000 Pfund für einen zusätzlichen Stab vorgesehen, den das Außenamt für den Aufbau der Propagandaabteilung benötigt. Außerdem sind 100 000 Pfund bereitgestellt worden für Literatur- und Film- propaganda. Weitere 150 000 Pfund stehen dem Propaganda­institut des British Council zur Finanzierung von Ausländerbesuchen in England zur Verfügung. Die

höchste Touren gebracht

eines „Jnformationsministeriums" im Kriegsfall.

Lügenpropaganda soll also, wie diese bedeutenden Summen zeigen, auf Höch ste Touren gebracht werden.

Aber selbst im Unterhaus gibt es Leute, die der Auf­fassung sind, daß man bisher schon etwas zu viel gelogen hat. Der Regierungs-Labour-Abgeordnete Ma r k h a m forderte eine gründlichere Handhabung der Preffezensur. Ein Teil der britischen Presse verwende, so sagte der Abgeordnete, panikerregende Schlagzeilen, die offensichtlich unwahr seien und einfach nicht berichtigt würden. Ein derartiges Verhalten bringe die Gefahr mit sich, daß die Völker in der ganzen Welt zu oer Ansicht kämen, die „volks­tümliche englische Presse" sei absolut unzuverlässig und ihre Herausgeber hätten feinen Sinn für Wahrheit ober Anstand. Bei allem Respekt vor den sittlichen Qualitäten des Abgeord­neten Markham, können wir doch nicht umhin, bei ihm eine kindliche Naivität festzustellen, sonst könnte ihm nicht entgangen sein, daß die von ihm beanstandeten, verlogenen Schlagzeilen ja im Auftrag der britischen Propaganda, bzw. der briffschen Regierung geschrieben worden sind.