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Wer Sonntag-

V e i l a g e des IV t c s b a d e ner 2 a g b l a t t s

Sonntag, 23. Juli 1939.

das war dis Frage

Mann oder Frau

Die Spionin.

Eine Erzählung von Arno Eiehler.

Seit Stunden vrasielt nun schon beinahe ununterbrochen dieser widerliche Landregen gegen die Scheiben, alles was man anfaßt, ist klamm und feucht, und eine Beleuchtung herrscht um diese Mittagsstunde als ginge gleich die Sonne unter. Hauptmann Schütze ist aufgestanden und lehnt, die Stirn gegen die kühle Glasscheibe gedrückt, am Fenster. Er starrt hinaus. Pfütze bei Pfütze den ganzen ungedeckten Bahnsteig entlang, und die Gleise blitzen so blank, als wären sie über Nacht vernickelt worden. Es ist zum Aus­wachsen, denkt er. da sitzt man nun auf diesem gottver­lassenen, traurigen Grenzposten! Doch schließlich —, Haupt­mann Schütze stützt sich energisch vom Fensterkreuz ab und stapft mit schweren Schritten durchs Zimmer — schliehlich ist man ja Soldat, und als Soldat kann man sich eben nun mal seine Wirkungsstätte nicht nach besonderen Wünschen aussuchen. Aber so'n Wetter —. nee. danke für Obst!

Waldemar Schütze ist noch nicht allzu lange hier in x. Vordem war er in D. stationiert gewesen, wo er im Außen­dienst einer Sonderabteilung der Wehrmacht mit der Auf­deckung einer Reihe schwieriger und recht verwickelter Svionagefälle betraut worden war. Seinen ungewöhnlichen kriminalistischen Fähigkeiten und, wie er selber immer be­hauptet. einer gehörigen Portion Glück verdankte er es. dah ihm schon in verhältnismähig kurzer Zeitspanne die restlose Klärung gerade jener Fälle gelang, die dem Svionage- abwehrdienst erhebliches Kopfzerbrechen verursacht hatten. In diese Zeit fiel auch seine überraschende Beförderung zum Hauptmann.

Ja, und nun hatte man ibn hier an der Grenzüber­wachung mit einer Sonderaktion betraut. Es lag wieder mal etwas in der Luft! Natürlich eine Frau. Ihr Signa­lement: Fleurie de Ehamier mit Namen, schlank und hoch­beinig, kastanienbraunes Haar und ebensolche Augen, außer- ordentlich gepflegt, sehr sicheres Auftreten, Jahrgang 1909. Im übrigen Elsässerin, und die deutsche Sprache ebenso be­herrschend wie die französische. Sie hatte in letzter Zeit schon zweimal die Grenze passiert, aber man batte ihr trotz schärfster Maßnahmen, trotz allergenauester Untersuchungen ihres immer nur unbedeutenden Handgepäcks nicht das Geringste anhaben können, obwohl man an wohlinfor­mierter Stelle genau wußte, daß sie diese Reisen im Dienste der fremden Svionagestelle unternahm. Selbst gewissenhaf­teste Leibesvisitationen waren bisher erfolglos geblieben, man hatte nichts Verdächtiges bei ihr finden können, und jedesmal konnte die de Ebamier ihre Reise ungehindert fortsetzen. Da gab es eben nur eins: den Mut nicht sinken lassen und abwarten! Wenn die gute Dame wirklich etwas mit der geheimen Übermittlung von Plänen und Aufzeich­nungen für die andere Macht zu tun haben sollte, dann mußte man sie doch eines Tages fassen können!

Hauptmann Schütze hat seinen Zimmerspaziergang unter­brochen und vor dem Fernschreiber Halt gemacht. Er über­fliegt noch einmal flüchtig die zuletzt eingegangenen Nach­richten. Hm —. die de Ebamier ist für heute wieder einmal im Vier-llbr-Zuge angekündigt worden. Eigentlich eine un­glaubliche Unverfrorenheit, ein derart offensichtliches gefähr­liches Spiel zu treiben, und innerhalb so kurzer Zeit nun schon das dritte Mal hier durchzukommen! Freilich, wenn man bei ihr keine Beweise finden konnte---—.

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Der F-D rollt durch die Landschaft, mitten hinein in graues, diesiges Schauerwetter. Im Speisewagen ist nicht einmal die Hälfte der Tische besetzt. An einem dieser Tische sitzt Fleurie de Ehamier. Sie hält einen kleinen Spiegel in der einen Hand und zupft sich mit der anderen das raffi­niert aufgesteckte Hutschleierchen zurecht. Ihr ausfallend schönes Gesicht lächelt, sie weiß, dieser schlanke Sehnige Herr tm Svortreiseanzug. der da an dem einen Ecktisch der gegen­überliegenden Fensterreihe sitzt, und ab und zu. offenbar Kreuzworträtsel ratend, scheinbar nachdenkend zu ihr her­übersiebt, sitzt nicht zu seinem Vergnügen dort, sondern mit einem ganz bestimmten Auftrage von einer ganz bestimmten hohen Stelle! Und sie-weiß auch, daß die so reizend plau­dernde „Reiseschriftstellerin", die in ihrem gemeinsamen Ab­teil zurückgeblieben ist. totsicher nicht das ist. wofür sie sich ausgibt. Oh ja. man wird schon hellhörig und hellsichtig im Laufe der Zeit, das bringt so der Berus mit sich. Und Mademoiselle de Ehamier ist auch darauf vorbereitet, daß man sie in etwa einer Stunde bei der Erenzkrontrolle wieder ganz rücksichtslos vornehmen wird. Aber wozu das alles, meine tehr verehrten Herrschaften? Geben Sie sich keine Mühe! Was man sich mit Scharfsinn und Eedächtniskunst tn die geheimnisvollen Ganglien des Gehirns eingeprägt hat. das kann selbst der allertüchtigste Kriminalist nicht ent­decken, da helfen ihm auch keine Röntgenstrahlen und keine Quarzlampen! Na, und das andere —, nein, da liegt auch kerne Gefahr!

Fleurie de Ebamier greift zu ibrem Zigarettenetui. Da nur noch zwxi Zigaretten darin sind, bestellt sie sich neue beim Ober. . Der bringt eine Auswahl auf einem Nickel­tablett. Re wählt ihre Marke und nun füllt Re gelangweilt das Etui nach.

Gleichmäßig ratternd stürmt der Zug über die endlosen Schienen, der Grenze entgegen---

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Fleurie de Ebamier verläßt die Ankleidekabine und be­tritt soeben, begleitet von Frau Hoffmann, die die Körver- untersuchung durchgeführt hat, Hauvtmann Schützes Dienst­zimmer. Die Hoffmann macht ihre Meldung und begibt sich dann nach draußen. Die Untersuchung war natürlich wieder ergebnislos.

„Verreiben Sie. Mademoiselle de Ebamier, aber derlei unliebsame Kontrollen sind nun einmal. Sie werden das ja wohl auch durchaus verstehen, gerade im heutigen Erenzver- kehr unerläßlich, da kann man nichts machen —

. Aber gewiß doch ich bringe ja Ihren ^notwendigen Dienithandlungen auch das nötige Verständnis entgegen und habe mich in keiner Weise irgendwelchen Kontrollmaß­nahmen entziehen wollen. Und außerdem", Re lächelt soitz, und ihre Augenbrauen zucken hochmütig nach oben, „außer­dem habe ick nach meinen bisherigen Erfahrungen bier bei Ihnen auch nichts anderes für beute erwartet."

Hauvtmann Schütze zuckt bedauernd mit den Schultern, er lacht kurz auf: „Ich sagte ja schon, es tut mir aufrichtig leib, aber man kann daran nichts ändern. Darf ick Sie übrigens ersuchen, hier vor meinem Schreibtisch Platz zu nehmen, ich muß Sie heute leider noch einige Augenblicke aushalten. So —..bitte schön."

Die de Ebamier blickt bei dielen Worten erstaunt auf, Re gebt auf den ihr angebotenen Sellel zu. Re setzt R<6. und dadet spürt Re instinktiv: bovvla. aufgepaßt, da lauert doch Gefahr! Aber Re hat sich durchaus in der Gewalt. Schließ­lich —. und da lächelt Re auch schon wieder.

..Ich werde doch bestimmt den Zug auch noch erreichen? Um mg? handelt es Rch noch, bitte schön?"

Waldemar Schütze weiß, da er diese ungewöhnlich imone und elegante Frau vor Rch Rtzen sieht, daß er es mit einer

der sichersten und raffiniertesten Agentinnen des fremden Ausspäbdienstes zu tun hat. Er fühlt ganz genau, wie sicher sich diese Frau selbst in höchsten Gefahrenmomenten zu be­nehmen weiß. Es wurde also auch diesmal wieder nichts bei . ihr gefunden! Aber zum Teufel, es muß doch etwas da sein, schließlich hat man ihn ja doch nicht umsonst mit dieser ge­heimnisvollen Geschichte betraut! Im Gepäck war nichts und die Körperuntersuchung hatte auch wieder keinen Erfolg, und auf die Hoffmann konnte man sich bestimmt verlosten! Die Handtasche barg.nur belanglose Kleinigkeiten, die eine ge­pflegte Frau nun einmal keinen Augenblick entbehren zu können glaubt. Also wo steckt nun endlich das Geheimnis?!

Er beobachtet sie scharf, ihr Blick bleibt ruhig und weicht dem seinen nicht einen Moment aus. Seine Hände blättern in ibrem ordnungsmäßig visierten Paß. Da fordert er sie. einer plötzlichen Eingebung folgend, unvermittelt auf. ihm. ihr Handtäschchen noch einmal zu überlasten. Eine weiße, schöngegliederte Hand mit einem einzigen goldgefaßten großen Rubin am Ringfinger reicht das kleine Täschchen herüber. Schützes Blick bleibt eisern an ihren Augen haften, er läßt auch nicht locker, wie er nach und nach Stück um Stück aus diesem Täschchen herausnimmt und auf die Schreib­tischplatte hinlegt. Aber diese großen braunen Augen rea­gieren nicht im geringsten, der Blick bleibt gleichmäßig ruhig. Also auch hier alles in bester Ordnung, der Lippenstift. Puderdöschen, Geldbörse. Das winzige Feuerzeug flammt auf zwischen seinen Fingern und schnappt wieder zu. Da. ist noch das Zigarettenetui. Er klappt es auf, es ist vollgefulli mit Zigaretten. Seine Hand zieht eine davon heraus, dabei fährt sein Blick urplötzlich vom Etui wieder hinüber zu ihr —, na —? Die Zigarette zerbricht und zerkrümelt tn seinen zerdrückenden Fingern —. dann die zweite —. die dritte--. Schütze blickt dabei unverwandt in die braunen

Augen, da war doch —, oder hatte er sich getäuscht? Nein! Fleurie de Ebamier wird sichtlich unrubig. sie verliert an Straffheit, sie will etwas sagen, ihr Mund ist halbosfen und ihre echönen weißen Zähne leuchten--. Wieder geht eine

Ziga^tte zum Teufel, aber da blitzt es plötzlich in ihren Augen! Sie lacht hell auf: „Scheint Ihnen Spatz zu machen, mein sehr verehrter Herr Inquisitor, schade nur um die schönen Zigaretten, eine gute Marke, wie Sie seben, ich bin etwas verwöhnt. Aber Sie gestatten, datz ich mir. ehe Sie mit der Vernichtung des restlichen Etuiinhaltes zu Ende gekommen sind, noch eine anzünde?" ____ , .

Und da weih Hauvtmann Waldemar Schutze aut ein­mal, daß er gewonnen hat in diesem seltsamen Spiel! Schmunzelnd, aber genau aufpassend, reicht er ihr das auf« geklappte Etui hinüber. Und sie wiederum sieht ganz genau hin, als ihre Finger zu einer Zigarette greifen.

„Danke", bauchen ihre jetzt sonderbar schmalen Lippen.

„Feuer —?“, fragt Schütze ironisch.

„Bitte —", sagt eine schwache Stimme

Hauvtmann Schütze hält ihr das entflammte Feuerzeug entgegen, aber statt ihr Feuer zu geben, greifen sich feine Finger geschickt die zwischen den beiden Livvenstrichen zit­ternde Zigarette. Sie fühlt sich seltsam fest an unter dem weißen Papier. Er schiebt das dünne Zigarettenvapier her­unter von einer kleinen Eellovbanhülse, und da hat er end­lich den Beweis! Die Hülse birgt, auf hauchdünnes Papier in sorgfältigstem photographischem Verkleinerungsverfahren kopiert, wichtige Skizzen und Aufzeichnungen der deutichen ^anWeuHeetbe6Uehömier ist zusammengesunkeii, . jeglicher Widerstand wäre sinnlos gewesen; sie hat verloren in die'-m gefahrvollen Spiel, ein für allemal verloren, denn der Gegner iit unerbittlich in solchen Angelegenheiten. Mit zit­ternden Händen greift sie erneut zum Zigarettenetui, und Hauptmann Schütze reicht ihr letzt, wirklich Feuer für diese richtige Zigarette. Dabei sagt er triumphierend, indem lerne andere Hand einen Klingelknovf bedient: „Es tut mir auf­richtig leid. Mademoiselle de Ebamier... aber diesmal wer­den Sie Ihren Zug leider nicht mebr pünktlich erreichen —.

Ein Ritter in Frauenkleidern beunruhigte zwei Nationen.

Von Edith Zübert.

Der Leb msweg des winzigen Erdenbürgers, der in einem französischen Schloß als das Kind des Chevaliers d'Eon am 5. Oktober 1728 das Licht der Welt erblickte, begann mit einem Irrtum. Böses Omen, meinten später die Aber­gläubischen! Hochwürden, der die Taufnamen ins Register eintrug, notierte nämlich unter anderem zwei ausgesprochen weibliche Nornamen. Einmal Auguste, dann — in krausen Hieroglyphen — Louise. Was aber auch Louis heißen konnte. War nun ein Mädchen geboren worden oder ein Junge?

Die Eltern des noch ahnungslosen Säuglings mußten es schließlich am besten wissen. Und sie entschieden sich da­für. das Kind als Knaben aufzuziehen. Ein sehr zartes Knäblein wuchs da heran: schmal, feingliedrig, mit einem reizenden Gesicht und von sehr anziehendem Wesen. Man konnte seine helle Freude an dem jungen Chevalier haben! Er lernte mit Feuereifer, erwies sich als selten intelligent, gescheit und begabt. Schon als blutjunger Mensch hob er tn endlosen Redegefechten die geistreichsten Plauderer aus dem Sattel. Lange bevor man sich um das wahre Geschlecht dieses Jünglings' in zwei Ländern den Kopf zerbrach, sah man bereits in ihm ein Wunder der Natur. Denn tn einem Alter, da andere aufseuf^end der Lehrgewalt ihrer Magister entrannen, hatte der schöne Chevalier d'Eon bereits seinen juristischen Doktor mit Glanz bestanden. In Paris ließ er sich als Advokat nieder.

Eine galante, dem geschliffenen Gespräch und geistreichen Witzeleien sehr zugetane Stadt wie das Paris um die Mitte des 18. Jahrhunderts ließ einen so liebenswürdigen Zeit­vertreib wie den unterhaltenden Chevalier d'Eon keines­wegs am Rande warten. Der Hof wurde aufmerksam. Schließlich der König. Die geschickt verfaßten politischen Schriften des vielversprechenden Advokaten hatten ein üb­riges getan. Eines Tages reiste der Chevalier in geheimer Mission nach Petersburg. Ludwig XV., dessen volles Ver­trauen er besaß (ganz zu schweigen von der persönlichen Wertschätzung und einer sich stets auffüllenden Börse aus der königlichen Schatzkammer!), hatte seinen bevorzugten Günst­ling mit einem schwierigen politischen Ränkespiel beauf­tragt.

Wenn man später in Paris Zehn gegen Eins wettete, daß der Liebling des Königs in Wahrheit eine Frau fei, so verwiesen die Verfechter der Weiblichkeit des gerifienen Ritters unverzüglich auf seine unfaßbare Geschicklichkeit im politischen Netzspinnen. „Nur eine Frau konnte so berech­nend sein und derart intrigieren!“ war die bewundernde und zugleich verabscheuende Meinung.

Und tatsächlich hatte der kluge Ritter am russischen Hof seine Fäden so fein gesponnen und seine Minen so raffi­niert gelegt, daß der russische Kanzler sich zu dem wider­willigen Kompliment veranlaßt sah: „Ihr Aufenthalt in Petersburg, Chevalier, kostet die Russen 200 000 Mann und 15 Millionen Rubel!"

Nach Paris zurückgekehrt, wurde der erfolgreiche Send­bote von Ludwig XV. überschwänglich gelobt und allen als Musterbeispiel politischer Geschicklichkeit vorgehalten. 2m übrigen kam einige Zeit später der Zeitpunkt, da der Cheva­lier d'Eon jenen, die dann in London heftig für feine Männlichkeit eintraten, ein handfestes Argument lieferte: 1761 zog er an der Spitze eines Dragoner-Bataillons in den Siebenjährigen Krieg, in dem er zweimal verwundet wurde. Als höchste Anerkennung für seinen Schneid wurde, zitiert, daß es ihm als einem der ganz wenigen Franzofest gelungen sei, einem preußischen Regiment mit seinen Drago­nern eine Schlappe beizubringen.

Politik und Diplomatie waren die Leidenschaften des Ritters. Ludwig XV. schickte feinen Günstling also als stell­vertretenden Gesandten nach London. Hier fammelte d Eon im Nu einen Kreis glänzender, einflußreicher Freunde um sich. Sein Charme, sein gutes Aussehen, die Eleganz seines . Auftretens machten ihn unwiderstehlich. Als der Chevalier

vorübergehend den eigentlichen Gesandten zu vertreten butte, patfte ihn der Ehrgeiz so nachdrücklich, daß er sich nach Rück­kehr des Staatsmannes mit seinem Vorgesetzten heftig ver­feindete und ein bösartiges Intrigenspiel gegen ihn begann.

Ludwig XV. hatte es schwer! Beschwerdeschriften des verdienten Londoner Gesandten liefen ein. Der £iebhng aber machte sich nicht das geringste aus Verwarnungen Was blieb zu tun übrig? Die Neider am französischen Hof hatten schließlich nicht müßig gewartet: der Chevalier fiel tn Un­gnade. Ludwig berief ihn aus London ab.

Und nun tauchten die ersten wilden Gerüchte auf, die behaupteten, der Ritter sei in Wahrheit eine Dame. War seine Antwort auf des Königs Strafe nicht bezeichnend für die Handlungsweise einer intriganten, ehrgeizigen Frau. Der Chevalier nämlich ließ es sich nicht im Traum ein­fallen, nach Paris zurückzukehren. Er blieb in London, ver­ließ sich auf die Gunst seiner hochgestellten englischen Freunde und machte sich mit diabolischem Vergnügen daran, Memoiren über seine politische Arbeit zu veröffentlichen.

Die Buchhändler rissen sich um diese Skandalschrift. Bloßgestellte Persönlichkeiten der Politik wurden bleich. Das war ja eine furchtbare Geschichte! Dieser Ritter besaß die äußere Anmut eines Engels und das Herz eines leu« fels. Solche hinterhältige Scheußlichkeit konnte einfach keinem Mapn einfallen. Auf so etwas verfiel nur eine rachsüchtige Frau. , ...

Den Chevalier rührte der allgemeine Aufruhr nicht. Er saß an seinem Schreibtisch und schrieb weiter an skanda- lösen Enthüllungen. Daß ihn die bloßgestellten Staats- männer fangen und in die Bastille entführen lassen wollten, war ihm bekannt. Er war schlau wie ein Fuchs und listig wie die Schlange. (Abermals typisch für eine Tochter Evas, triumphierte man in Paris!) Und es fiel dem rachsüchtigen Ritter eine neue hinterhältige Dreistigkeit ein: er drohte, seinen Briefwechsel mit dem französischen König zu ver­öffentlichen, wenn man ihn nicht auf der Stelle zufrieden lassen würde. ,,, _ ... .

Das wirkte wie ein Bombeneinschlag. Der König (der feinem Liebling nicht über den Weg traute!) bewilligte dem Chevalier d'Eon offiziell eine stattliche lebenslängliche Rente „für treue Dienste". Damit zeigte sich der Berechnende kei- nesmegs zufrieden. Es wurde gemunkelt, daß d'Eon durch geschickte Erpresterbriefe von Ludwig XV. noch weitere rie­sige Summen eingetrieben habe. Es wurde noch viel, viel mehr gemunkelt... .

Irgendwer hatte erzählt, daß der Chevalier doch seiner­zeit am rusiischen Hof gar nicht als Mann, sondern als Frau seine politischen Fäden gesponnen habe. Vielleicht in zwei Rollen, die jeweils vertauscht wurden. Von authen­tischer Seite wollten die Lästermäuler wisien, daß d'Eon die Zarin Elisabeth als bildhübsche, charmante Vorleserin bezaubert habe — — so sehr bezaubert, daß die Zarin der liebsten Freundin jeden Wunsch erfüllte und ganz unter ihren Einfluß geriet. .

Eine wahre Wett-Besesienheit brach tn Pans aus. Denn aus England waren inzwischen wütende Proteste ein­getroffen. Der Ritter d'Eon war gekleidet wie ein Mann. Er benahm sich wie ein Mann. Also —'roar er ein Mann!

In Frankreich lächelte man vielsagend. Pikante Anek­doten machten ihren flinken Lauf. Sie wurden durch den beinahe amtlichen Bericht gekrönt, daß ein Agent des Königs den Ritter in London untersucht habe. Einwandfrei sei erwiesen: d'Eon ist eine Ritte rin! Im Anschluß daran erteilte der König seinem einstigen Liebling den strengen Befehl, von nun an Frauenkleider zu tragen. Und der Chevalier, sonst so störrisch, gehorchte auf der Stelle.

Abermals Kopfzerbrechen. Die mysteriöse Sache wurde immer verzwickter. Man munkelte von neuem. 3n Frank­reich stand fest: hier hatte eine schöne, raffinierte Frau zwei Rationen an der Nase herumgeführt. Die Skeptiker aber meinten: Ludwig XV. wolle in alter Anhänglichkeit seinen einstigen Günstling vor der Rache seiner Feinde schützen. Einer Dame verziehen die galanten Franzosen schließlich alles. Selbst politische Schandtaten. Eine andere Ausdeu­tung ging dahin, daß der charmante Chevalier die Königin