4wem Äarfreitag, da ging der Kaiser, gehüllt in einen schwarzen Mantel und begleitet von schwarzgekleideten Pagen durch die alten Kirchen Frankfurts. Er schritt in trübe Gedanken verloren von Kirche zu Kirche, ahnungslos, das; mnter ihm ein Kind ging, dem sein Anblick tief ins Herz
Elisabeth aber sah, wie einer der Großen dieser Erde, genau wie ein anderer armer Sterblicher, Kummer und Leid trug. Denn warum wäre er wohl sonst stets in der letzten Bank niedergekniet, dort wo die Bottler ihr Gebet verrichteten? Warum hätte er wohl sonst das schöne Haupt so sorgenvoll in bett Händen verborgen, im Gebet versunken!
So ist dies blutjunge Ding eine lange Zeit hinter ihnt hergegangen und dann wie im Traume nach Hanse Swandert. Da war ihr,, nach ihrem eigenen Wort, als
inde mit einem Male Bett, Tisch und Stuhl nicht mehr am gleichen Ort. Alles schien wie verwandelt. Und als es dunkel geworden, da schlich die junge Elisabeth ans Fenster und starrte wie gebannt auf die nächtlichen Strafen, obgleich da nichts anderes zu sehen war, als das fahle Licht einiger Öllampen, die im Nachtwind an ihren Ketten schaukelten . . .
Nock; lange kniete Elisabeth vor ihrem schlichten Lager. Sie hatte den Kopf, genau wie sie es bei dem Kaiser gesehen, in den Händen vergraben. Da war ihr mit einem Male, als öffne sich ein großes Tor in ihrer Brust! Das war das Tor, durch das jede junge Sehnsucht ins Land der Liebe drängt!
Und wie jede jung« Liebe verlangte auch sie nach Wundern und Zeichen.
Elisabeth versuchte ihr Ideal jeden Tag aus der Ferne zu bewundern. Manchmal schien ihr sogar, als hätte einer seiner Blicke sie getroffen. Dann war sie selig in wunsch- losem Glück! Einst hielt Kaiser Karl offene Tafel. Natürlich drängte sich auch die junge Elisabeth mit ihrer Schwester durch die Menschenmenge. Ein Fanfarenrus erschallte, dann erschien er, diesmal aber umwallt von einem roten Samtmantel. Als nun seine Gesundheit ausgebracht ward, da jauchzte das Kind in hellem Glück so laut, das; des Kaisers Blick sie traf, der eben seinen Becher leerte. Da war Elisabeth zumute, als habe er ihr, nur ihr allein zugetrunken.
Das alles aber ergriff sie so, daß ihre Schwester sie halbohnmächtig aus dem Saale bringen muhte.
Eben graute der Frühmorgen des 17. April. Sacht tastete das junge Licht im Schlafgemach der jungen Elisabeth, di« noch in sühen Träumen lag. Plötzlich fuhr sie empor. Hatte da nicht das Posthorn geblasen? Da, jetzt wieder. Diesmal waren es sogar fünf Posthörner, die in den dämmernden Morgen bliesen.
Hastig sprang Elisabeth aus dem Bett, ja, sie fiel im Übereifer gar noch inmitten der Stube hin. Doch int Nu war sie wieder aus und am Fenster. Und siehe da, eben fuhr der Kaiser vorbei, denn er verlieh Frankfurt. Richtig, er sah empor und just nach ihrem Fenster. Da rih Elisabeth die Fensterflügel weit auf, lustig fuhr ihr der kühl« Frühlingswind ins dunkle Gelock. Sie dachte nicht an ihr fittig- weihes Nachtkleidchen, das ein hastig iibergeworfener Schal nur leicht verhüllte. Sie sah und dachte nur an eins: den Kaiser!
Er aber warf dem zärtlichen Kinde Kuhhändchen zu und winkte mit seinem Tuch einen freundlichen Abschieds- aruh . . . Wenigstens hat uns Frau Aja das so erzählt. Ob es so aber tatsächlich geschehen ist, wer wollte das heute noch ergründen? Wenn sie es nicht mit ihren leiblichen Augen erschaut hat, dann sicher mit den Augen ihres Herzens — und was die sehen, bleibt unauslöschlich im Gedächtnis haften.
Wenn aber Frau Aja seitdem ein Posthorn blasen hörte, dann ward thr eigen zu Herz und Sinn.
Stand nicht einmal ein junges bebendes Kind an einem kühlen Vorfrühlingsmorgen am weitgeöffneten Fenster und schaute einer ersten Liebe nach!
Vier Wochen später trauetten Frankfurts Glocken um den Tod Kaiser Karl des Siebenten. Soeben erst hatte sich eine Narbe über der Wunde gebildet, die Elisabeth Textor bei dem heftigen Fall an jenem Aprilmorgen sich am rechten Knie zugezogen hatte. Die kleine f«in« Narbe in ihrem Herzen aber schmerzt« jedesmal wieder, sobald sie ein Posthorn hörte . . .
„Kurier" . .
.Lassen Sie ihn herein", sagt Petterson.
mit Ihnen selbst sprechen.
Ein Herr Franzen vom
Der junge Mann kommt zur Tür herein. „Franzen vom .^Kurier", stellt er sich vor. „Nun. Herr Petterson, ich möchte Sie gern etwas interviewen: Was ist es denn für ein Gefühl, das Grobe Los gewonnen zu haben?"
, „Na, ein wunderbares", sagt Petterson, „ein wunderbares Gefühl."
Hier spracht Petterson!
Von Christian Bock.
Petterson, Direktor im eigenen Sause Petterson & Co., kommt früh um acht Uhr in sein Büro, gebt mit fliegendem Mantel durch die Räume in sein Arbeitszimmer. „Ich bin die nächste halbe Stunde nicht zu sprechen", sagt er im Vorbeigehen zu seiner Privatsekretärin, „für niemanden!" Er sagt das nicht nervös und nicht böse schnarrend, er sagt 4» so hin, sachlich und trotzdem nett. Die Sekretärin nickt.
Petterson setzt sich, allein in seinem Zimmer, in seinen Schreibtischsessel, rückt das Telephon in bequeme Reichweite und tut dann etwas, was er sonst nicht tut: er schwingt beide Beine auf den Schreibtisch, läht sie da aus Aktendeckeln und Formularen liegen, gerade wie sie es trafen, und greift zum Telephon.
„Hallo, hier spricht Petterson. Bitte, verbinden Sie mich mit Herrn Ölsen. — Hallo, Ülsen? Ja, hier ist Petterson, wie geht es, was machen die Geschäfte? — Glänzend? — Fein! Das ist sehr fein, das freut mich. Hören Sie, Olsen, deswegen rufe ich Sie gerade an. Da wird es Ihnen doch sicher nichts ausmachen, mir mal 1000 Kronen zu pumpen, wie? — Ach, fest angelegt? Na. soviel werden Sie doch flüssig machen können, was? — Sehen Sie mal. Olsen, ich will garnicht soviel Aufhebens davon machen, daß ich Ihnen auch mal zwei Mille gepumpt habe. Ging ja auch alles in Ordnung Aber ich bin ein bißchen in Schwierigkeiten, oder ziemlich sogar : es geht geradezugesagt um den Bestand meiner ®lt,ma-VTrs!eJl?nÜ.en mcht? Jaia. ich weih, es ist manch- ntal nicht so leicht. Ja. ich verstehe. — Na. nichts für ungut, Olsen! Hoffentlich bereuen Sie das nicht, auf Wiederbören!"
Petterson bangt, ein und lächelt. Dann wählt er wieder, „öier fpncöt Petterson! — Per. al—ter Junge? Fein, dah ich dim gleich selbst knege, wie gebt es denn? — Was willst du kaufen. Einen neuen Wagen? Doll! Du bast doch eben erst einen neuen gekauft — aber wenn du es dazu hast, warum nicht? — Aber hör mal, du, weswegen ich dich beute anrufe: Du kannst mir da doch sicher mal 1000 Kronen pumpen, ja? — Na, nicht? — Tja, das ist dumm!--
das Geld für den Wagen abgezählt liegen? Das ist ja dumm. — Und du konntest wohl nicht — ich meine, weil mir das Messer an der Kehle sitzt — — Ach, schon so gut wie gekauft, der Wagen? — Ja, bas ist ia Pech. Wirklich zu dumm, was? — Na. also dann! Bereu es nur nicht, mein Junge! Auf Wiederhoren!"
Petterson hängt wieder ein und Petterson lächelt wieder, Genau 1000 Kronen schuldet mir der Windhund, mur- rnelt er und greift dann wieder zum Telephon. „Petterson. Tag, Schwiegermama! — Na, was macht das Rheuma? Besser? — Na, das freut mich aber. Da scheint es ia wirklich geholfen zu haben, dah ich dich zur Kur wegschickte. — Na ia! — Also, Schwiegermama, hör' mal, ich muh dich beute um etwas bitten. Du hast doch so ein nettes rundes, klemes Kapital liegen, nicht? Und du würdest es doch weiter garnicht merken, wenn du mir davon 1000 Kronen auf acht Tage pumptest, was? Ein Windhund bin ich ja auch nicht, das weiht du. — Ach! — Ach. was du nicht sagst! 7- 3a. ich verstehe schon, aber--Alles, was Geschäft heißt,
ist unsicher? Na. das ist aber zuviel gesagt. — Du riskierst es nicht?,— Auf keinen Fall? — Und wenn ich Pleite mache. Schwiegermama? — Nein, nein, ich bin dir nicht böse, aber bereue es nur nicht nachher! Wiedersehen, Schwiegermama!"
Petterson führt noch drei, vier solcher Gespräche, die alle ähnlich ausklingen. Dann ruft er seine Sekretärin. „Für wieviel Kronen monatlich kaufen wir ungefähr bei der Firma Olsen?" — „Olsen? Ich denke, für 2000 im Monat," — „Gut", sagt Petterson, „bitte, notieren Sie: Sämtliche Bestellungen bei der Firma Olsen sind zu stoppen und in Zukunft an andere Firmen zu vergeben. Haben Sie?“ — „Ja, bitte!" — „Weiter: Brief an Christiansen. 1000-Kronen- Schuld vom Oktober vorigen Jabres anmahnen. Zu zahlen binnen acht Tagen, andernfalls undsoweiter. Haben Sie?“ — „Ja. bitte!" — „Dann: die wöchentlichen unberechneten Warenlieferungen an meine Schwiegermutter in Höhe von 100 Kronen bis auf weiteres einstellen. So. — war jemand da?" — „Ein junger Mann", sagt die Sekretärin, „möchte
Die Hausfrau,
die ihr Fach versteht, wählt
Pfeiffer-Brot als Qualität II
Nr. 149.
Donnerstag, 29. Sinti.
1999.
Ein heiterer Künstlerroman von Else Jung-Lindemann
Schluß. (Nachdruck verboten.^
In München-Schwabing rieselte ein nasser Schneeregen vom Himmel. Florian aber sah die Obstbäume in seinem Garten blühen, und in einem tunten Kleid stand Lent zwischen Gemüse- und Blumenbeeten und winkte zum Balkon
Schau ... die Zwiebeln spitzen schon heraus, und die Erdbeeren haben Blüten. Das gibt eine gute Ernte.
Ja, eine gute Ernte, die sollte es geben.
„Und wann wollt ihr heiraten?" fragte der Vater, und dieses Mal bekam er eine gute Antwort.
Leni und Flori sahen sich an, und beide sagten wie aus einem Munde: „Am 7. Mai." Weil sie sich am 7. Mai gefunden hatten, und weil die Sieben Cents Glückszahl war.
Die Obstbäume in Florians Garten entwickelten sich gut.
Das Gemüse reifte. Leni war stolz auf ihre dicken, gelben Rüben, auf Radieschen und Rettiche, auf Blumenkohl, Zuckererbsen und Stangenbohnen. Sie hatte einen erbitterten Kampf gegen Kohlweitzlingraupen, Schnecken und Erdflöhe geführt, und Frau Oberförster Äranewitter war ihr in allem eine getreue Beraterin gewesen, auch im Haushalt.
Florian arbeitete draußen unter feinen Bauern und droben im Atelier. Sein Haus war in guten Händen, und feine kleine Frau hatte es rasch gelernt, wie man es machte, ben Ehegatten bei guter Laune und froher Arbeitskraft zu erhalten.
Leni kochte vorzüglich, und wenn Florian ganz ehrlich fein wollte, so wußte er nicht recht zu sagen, ob sie besser kochen ober backen konnte.
Daß Schwiegervater Reitmaier bie Wirtschaftskasse still- schweigenb immer wieber ein bisserl auffüllte, war bas einzige Geheimnis, bas Leni vor ihrem Manne hatte, aber es be- brückke sie nicht. Sie würbe bes Vaters Hilfe nicht lange mehr in Anspruch zu nehmen brauchen, benn Florian begann sich mehr unb mehr burchzusetzen.
Er hatte vier Vilber für die große Kunstausstellung ein- gegeben. Damals, als Köster bei ihnen gewesen war, um mit Florian über bie Auswahl ber Gemälde zu beraten, war man auf ben „Schäfer" zu sprechen gekommen.
„Waaas? . . . Den hast bu verkauft, bu Narr?" hatte ber Professor ihn angefaucht. „Für biete Dummheit gehörst btt ja g'haun!"
Leni hatte es Florian angesehen, wie bebrürft er gewesen war, unb als ber Vater am nächsten Tage kam, hatte sie sich ihm anvertraut.
„Ach Gott, Papa, bu hättest bas Bilb nicht verkaufen bürfen", jammerte sie. „Nun tut es Florian schon leib, unb Köster hak furchtbar gescholten, als er es hörte. Der „Schäfer" hätte bestimmt Aufsehen erregt, hat er gesagt."
Reitmaier zuckte die Achseln. „Tja ... hin ist hin. Florian hätte sich das eher überlegen sollen. Schließlich hab' ich doch nur seinen Wunsch erfüllt, net wahr?"
•8*
Am Tag der Deutschen Kunst, den ganz München festlich feierte und an dem die ganze Künstlerschaft ihren Ehrentag beging, saßen Florian und Leni bei Äraiiewitters int ©arten.
Der Oberförster hatte ein« Pfirsichbowle angesetzt und trank den jungen Leute eifrig zu.
„Es lebe die Kunst, Herr Kajetan!“
„Sie lebe!" antwortete Florian, aber er war nicht recht bei der Sache.
Reitmaier hatte die beiden mit dem Auto zur Stadt holen wollen, aber Florian hatte abgelehnt. Es war heute wieder ein Tag, an dem ihm das Herz weh tat, unb ber länbliche Sommer mit feinem Wiefenbuft unb Jnfekten- gefumm, ber grünblaue See unb bie ganze herrliche Land- schaft ringsum vermochten bie Trauer in ihm nicht zu verscheuchen.
Leni tastete unter bem Tisch verstohlen nach seiner Hanb. Sie wußte, was ihn bebrückte, unb sie hätte ihm gern Trost zugesprochen.
Silber finb wie Kinber, bie man geboren hat, unb es gibt einige unter ihnen, bie man mit heißem Herzen werben unb wachsen ließ. Sie liebt man besonbers unb kann sich nie von ihnen lösen. Solch ein Bilb war mein „Schäfer", weit es zugleich der Anfang zu einer neuen 6d>affensperiobe würbe. So hatte Florian einmal zu ihr gesagt.
Warum gab er es bann weg?
Still, Dirubl . . . nicht mehr baran rühren!
Ach, ber Sommer warf feinen Duft in ganzen Wolken- schwabeu in ben stillen Garten hinein, währenb bie Künstler in München mit festlich geschmückten Wagen bie Stabt durch- zogen unb bie schöne, heilige unb geliebte Kunst ehrten.
Drei Vilber hatte bie Jury von Florian angenommen. Er wußte nicht einmal, wo sie hingen unb ob sie einen guten Platz bekommen hatten.
Äranewitter hob sein Glas. „Sie trinken ja nicht, junget Freund?"
„Zum Wohle. Herr Oberförster."
„Nehmen Sie boch noch von der Erdbeertorte, schmeckt sie Ihnen nicht?" fragte bie Dberförfterin ein wenig gekränkt.
Florian versicherte, daß sie köstlich wäre, unb ließ sich noch ein Stück auf den Teller legen.
Es war nichts mit solchen Feiertagen, wenn man nicht mit dem ganzen Herzen dabei sein konnte. Morgen würde er wieder arbeiten, vielleicht kam einmal der Tag, an dem ihm ein Werk gelang, das seinem Schwarzwaldschäfer ebenbürtig war. Dann erst würbe er frei sein von bieser Trauer, bie ihn von Zeit zu Zeit immer wieber lähmenb überfiel.
Als es Abenb würbe, verabfchiebeten sich bie jungen Leute von ihren Gastgebern, toie wollten noch ein Stück burch bie Wiesen zum See hinuiitergehen.
Arm in Arm schritten sie den Abhang hinab, unb als sie bie Straße kreuzten, sahen sie ein Auto herankommen.
„Du .. . bas ist boch Äösters Wagen!"
Leni blieb stehen und winkte.
Freilich war es der Professor, und neben ihm saß Alois Reitmaier.
Äösters großer, schwarzer Schlapphut beugte sich heraus, unb barunter lachte ein Gesicht, froh unb gütig wie bas Antlitz des lieben Gottes aus dem Bilderbuch, als wollte es sagen: Äommt nur heeran, meine lieben Menschlein, es ge-
Karl Kopp Nadif. w. langer Das Spezialgeschäft
Faulbrunnenstr., Ecke Schwalbacher Sfr. in. Futterstoffen, Schneidereiartikel und sämtlichen Kurzwaren
