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Der Sonntacr

Sonntag, 11. Jnni 1939

T-)ü -TT/t x)('/r- -Trai i,

der Menschen heute wie von Anbeginn an, seit sie auf

den

des „Wiedergutmachens" —

esb adener Tagblatts

Welch eine Einsicht in die Natur! „Wenn aber die Syneidesis (die Kraft des geheimnisvollen Wiedergut­machens)" heißt es dann, sich steigernd, — „im Kern ge­troffen wird — dann freilich gibt es kein Entfliehen mehr

Planeten wandeln.

In der altenglischen Ballade ruft „Edward" seiner Mutter zu: „Ich hab geschlagen meinen Vater tot!" und sic fragt: „Und was für Butze willst du nun tun, mein Sohn, bekenn' mir mehr?" Dumpf stützt er heraus (das Prinzip des Wiedergutmachens übertönt hier Las Ge- wisien!) „Auf Erden soll mein Futz nicht ruhn, will gehn fern übers Meer."... „Furien" und „Erynien" verfolgten bei den Alten den Täter und peitfchten^Tag und Nacht fein Gewissen auf. — Die „Kraniche des Ibykus" rissen, schick­salsgesandt, das Gewissen des Mörders auf.

Und auch w i r kommen ja ohne das Wort „Gewissen" garnicht einmal aus, in unserer modernsten Sprache nicht,

ich für eine so peinliche Operation nicht deutlich genug zu sehen vermochte. Autzerstande, mit sanften Mitteln meinen Zweck zu erreichen, versuchte ich es mit Gewalt und brach die Blättchen rücksichtslos mit meinem Messer heraus. Dann suchte ich eine Visitenkarte hervor, schnitt daraus eine Scheibe und versah sie mit einer Öffnung von erforderlicher Erötze und prehte sie in den Apparat.

Das Gefühl verriet mir. Latz ich mir inzwischen die Ohren erfroren batte. Meine Nase schimmerte weih wie Schnee, die Finger liehen sich kaum krümmen, aber meine Kamera war gerettet. Unter starken Schmerzen brachte ich das Blut in den betreffenden Körverteilen wieder zur Zirkulation und kroch mit dem schuhfertigen Apparat über den Rand des 200 Meter tiefen Kraters. Obgleich der Wirbelwind mir die Kamera fast aus den Händen rih, machte ich doch rasch drei Aufnahmen des riesigen Schlundes — und entfloh. Es ge­lang. Es war die erste Photographie, die je zur Winters­zeit von Fuiiiamas Krone gemacht wurde.

Beim Abschied hatte ich den Wind im Rücken und Ta- robo vor mir. Es war früh, kaum drei Ubr. daher entschloh ich mich, den stürmischen Schritt, den ich beim Aufstieg ein­geschlagen hatte, zu mässigen. Ich hatte nicht gemuht, wie lange Zeit die Kletterei beanspruchen würde, und um ganz sicher zu geben, batte ich mich den ganzen Morgen unbarm- berzig angespornt. Jetzt war die Klimax vorüber und eine wohlverdiente Rast würde mir gut tun. Ich kroch also hinab bis unter den Nordsturmgürtel, trieb meinen Pickel tief in das Eis und lag, die fchwerbefchubten Fühe gegen diesen Halt gestützt, rücklings auf dem vierzig Grad steilen Hang. Wie angenehm rubte es sich und welch ein Blick!

Als ich so auf meinem Eisbett lag, erstrahlte die Sonne über dem weitgedehnten Panorama, und noch während ich binabhlickte, wurde die tieflagernde Wolkendecke, die für den Augenblick alles dem Auge verhüllte und den Fuji zu einer Insel aus Eis in einem unendlichen Ozean gestaltete, durch den Wind von den Seen und Wäldern und dem fun­kelnden Meer fortgetrieben, das sich tief unten zu meinen Fiihen schmiegte. Wie aufrichtig stimmte ich dem ersten Teile des javanischen Sprichwortes zu: „Ein Narr bist du. wenn

du den Fuji nicht ersteigst!" — aber nicht weniger herz­lich stimmte ich mit dem zweiten Teil überein:.....doch

ein noch ärgerer Narr bist du, wenn du ihn zweimal er­steigst!"

Vieles zog mir durch den Sinn, wahrend ich am meinem gigantischen Eiszapfen thronte und durch halb träumende, halb erfrorene Augen hinaus über den schimmernden Pazifik blickte. Ich vergah ganz, wie unsicher ich an dem Hang klebte, aber ich wurde mit plötzlicher und schrecklicher Deutlichkeit daran gemahnt, denn als ick halb geistesabweisend meine .Lage wechselte, glitten meine plumpen Schuhe von dem Pickel ab. und sofort begann ich. meine Steigeisen zum Himmel gekehrt, mit der ganzen Eile und, Selbstbeherrschung der Schnavsslasche tarobowärts abzurutschen.. Allein die Schicksalsgötter batten einen anderen Tag für mein Ende ausersehen. Denn ehe ich noch völlig begriffen, zu welcher selbstmörderischen Fahrt ich mich anschickte, spannte sich das Seil, das mein Handgelenk mit dem Pickel verband, und mit einem Ruck sah ich fest. Lieber alter Eisvickel! Ich batte ihn an meinem Arm befestigt, damit er nicht nach Tarobo rutschen möchte: nun war ich es. der abfubr. und der Pickel, der mich hielt. , . .,

Erst jetzt merkte ich. wie verschwenderisch ich mit meiner Zeit umgegangen war. Die Sonne verschwand gerade hinter einer Felsmasse und die frühe, kurzlebige Dämmerung eines Ianuartages stand vor der Tür. Ich rih mich nach dem eben erlebten Schrecken zusammen, trieb von neuem meine Steig­eisen in die Oberfläche und machte mich wieder auf zu dem stetigen Stapf, Stapf, Stapf bergab. Um sechs Uhr bot ein schwacher Schimmer von den Sternen die einzige Beleuch­tung. Eine neue, ernste Gefahr trat mir vor Augen: in der Dunkelheit würde ich auherstande sein, Tarobo zu finden ober den Pfad, der durch die undurchdringlichen Waldungen führte, die in weitem Gürtel Fujis Fuss umzogen. Aber wieder lachte mir das Glück. Gerade als die letzte Svur t*- Tages schwand, tauchte plötzlich in dem Abgrund tief unten ein Lichtfleck aus. Ick jauchzte vor Freude, es war ein Signalfeuer, das der getreue, besorgte Katsu entzündet hatte, um mich heimzugeleiten. Ich steuerte schnurstracks auf Leucht- turm und Sicherheit las, und eine Stunde vor Mitternacht war der Hafen erreicht. ,

Kallus Antlitz strahlte vor Begeisterung, als er mich mit feinen sechs Pen noch lehend erblickte — und das gleiche tat auch mein Gesicht, besonders die erfrorene und angeschwollene Nasen- und Kinnpartie.

in der Natur — und im Menschen.

Wir vernehmen wunderbare Enthüllungen darüber in den neuesten biologischen Forschungen des grossen russischen Forschers und Arztes in Zurich, Constantin von Monakow. Maria Wafer: Begegnung am Abend. Ein Vermächtnis.

Er spricht von einer wunderbaren, immer wieder die

Ganzmachung und Wiedergutmachung anfftebenben Naturkraft. __

Er stellt fest, bass diese Kraft, dieser „Wille zum Wieder gut machen", wie es wörtlich heitzt, bereits in dem Kern der kleinsten Zelle besteht.

Monakow empfand diese nicht zu zerstörende, b e - wusste Kraft als etwas Unbeschreibliches, das sozusagen an das „Gewissen" angrenze und das die Alten die „Syneidesis" nannten.

„Diese Eigenschaft", heitzt es, „erschien ihm (Monakow) wunderbarer als alles andere und so bedeutend, dass er ihr einen besonderen Namen gab, obschon auch sie nur ein Wirkungsmittel der einen Kraft bedeutet, und er nannte sie mit einem griechischen Wort, das einen ähnlich geheimnisvollen, an Wissen und Weihe anklingen- ben Sinn hat, wie unser beutsches „Gewi s s e n“, aber nicht so mißbraucht unb ^erbeutet ist wie dieses S y n e i d e s i s.“

Und an einer anderen Stelle „über krankhaftes Ge­schehen" kommen die Worte: „Es lässt sich an ihm auch in erster Linie das Wesen der Syneidesis, des hio- logischen Gewissens, erkennen. Unb sie erweist sich als" der rechte innere Kompaß: auf allen Stufen macht sie sich geltend — unter unendlichen Formen der Wiedergutmachung. (Der Autoregulation, der Kompensation.)"

Und gleich danach: „Aber im Bewußten wird sie (die Syneidesis) zu jener unbestechlichen inneren Stirn m c. die in Lebenskonflikten des reifen Menschen den Ausschlag geben w i l l."

Hier halfen wir die großartige Linie von der Zelle bis zum Gehirn, der Seele des Menschen!

Jo. Monakow spricht von der „v o r s ch a u e n d aus« gleichenden Kraft der Syneidesis im Walten formbilden­der Instinkte", von der „unablässig auf Wiederherstel­lung bet natürlichen Ordnung dringenden Syneidesis."

Er staunt, „welche Mittel sie gebraucht, um die ge­fährdete Ordnung zu retten, die zerstörte wieder herzn- stellen, welch sonderbare Wege die immer wieder Zurück- gestossene sucht, um dennoch ihr Ziel (das Eanzmachen, das Wiedergutmachen) zu erreichen."

„Denn", sagt er, „nicht nur siebenmal, sondern siebenzig mal sieben mal verzeiht die Allerbarmende dem Fehl- b a ren!."

Kürzlich meldete die Presse, dass der ameri­kanische Schriftsteller Richard Halliburton beim Ver­such, den Pazifischen Ozean auf einer Dschunke zu überqueren, anscheinend in einen Wirbelsturm geraten und ertrunken sei. Halliburions ganzes Leben bestand aus einer Reihe tollkühner Abenteuer. U. a. bestieg er als einziger Mensch den Fujijama im Winter. Den Bericht darüber entnehmen wir mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Paul List Halliburions Weltreisebuch „Die Jagd nach dem Wunder".

Nur mit grosser Mühe erhielt ich einen Kuli, der mir wenigstens mein Geväck bis zum Fusse des Berges tragen I sollte, wo wir die Nacht vor dem definitiven Ausstieg ver- ; bringen wollten, ja, ich muhte ihm sogar einen Teil seines Lohnes im voraus bezahlen. Der Kerl war überzeugt, ick würde auf den vereisten Hängen meinen Tod finden unb ab« stürzen. Da ich einsah, bah er nicht so unrecht hatte, willigte i ich ein.

Nachbem biese Angelegenheit erlebigt war. machten Katsu unb ich uns, begleitet von ben mitleibigen Blicken ber Dörfler, gegen Mittag bieses bitterkalten Januartages auf ben langen, steilen, vereisten Weg, ber zu bem unteren . Haltevunkt Tarobo führte, von bem aus bie eigentliche ‘ Klettervartie beginnt. , .

Tiefer unb tiefer mürbe ber Schnee. Gegen Dunkelheit gelangten wir endlich zu ber 1200 Meter doch gelegenen Schutzhütte unb zünbeten ein Feuer an, um bie Eiseskälte । aus ber zugigen Unterkunft zu vertreiben. Währenb ber Nacht setzte unbarmherziger Frost ein. Ein Dutzenb Feuer | hätten uns nicht zu erwärmen vermocht. Der Schlaf war un­ruhig. Schlotternd schleppten sich die Stunden dahin. Um l vier Uhr früh sagte ich mir. dah es genau so angenehm sein < würde, in den Tod zu gleiten, als zu erfrieren. Ich schälte - mich also aus Oberst Lees' Bärenpelz, rottete bie letzte Spur - von Unentschlossenheit unb Ängstlichkeit burch einen kräftigen Schluck aus ber Schnavsslasche aus, befestigte bie sauber« i tätigen Eissvoren unter ben strohgeflochtenen japanischen k Schneeschuhen (denn lag der Schnee auch hoch. Io war er doch £ bart gefroren unb machte bie kanabischen Schuhe wertlos) 1 unb sagte Katsu abicu; ber Kuli hatte wenig Hoffnung, ■j mich je wieberzusehen, habet schuldete ich ihm noch sechs Pen.

Hatte ber Fuji mich sirenenartig gelockt, so war fein jetziges Verhalten ganz entgegengesetzt ber üblichen Sirenen« I regel, benn glückverheihenberen Empfang hätte ich mir gar F nicht wünschen können. Mein Flehen nach Sternen fanb Er- t hörung — zweimal soviel als sonst strahlten vom Himmel unb . trotzdem hier oben in 1200 Meter Höhe Frost herrschte, war - es windlose Kälte, die sich ertragen lieh. In bem bämmrigen i Licht schimmerte ber geisterhafte Gipfel vor mir. bar jeder Vegetation, gleich einem riesigen Zuckerhut. Kälteschauer durchrieselten mich: das war ber Höhepunkt des Abenteuers.

: bas glorreiche Finale von Monaten ber Sensation.

Man hatte mich vor jähen Eisfelbern, Schneewehen. Norbstürmen gewarnt. Sie alle traf ich in Überfülle. Ich hatte mich vorbereitet, auf halbem Wege zu erstarren: hierin i würbe ich enttäuscht. Trotzbem bas Thermometer wenigstens ; zwanzig Grab unter Null angezeigt haben würbe, hielt mich | bie gewaltige Anstrengung, unter brei Lagen wollener l Kleiber, hinlänglich aufgetaut. Eine Kletterei wie biese er« : forberte keine grosse physische Kraft, auch keine befonbere r bergtouristische Geschicklichkeit. Führer wären überflüssig s gewesen, benn ber Weg lag brei Meter tief unter Schnee unb Eis begraben. Das einzig Erforberliche waren bie | bünnen, nadelgleichen Steigeisen unb bet Eispickel, bie sich mit ber ganzen Zuverlässigkeit, bie ich erhofft hatte, in die ? Oberfläche einfrassen. Ohne ihre Hilfe wäre es unmöglich gewesen, auch nur einen einzigen Meter vorwärts zu kommen. Man wäre auf einer fünf Meilen langen Skibahn mit einer 2100 Meter hohen Svringschanze abgefahren. Das wäre ja k ganz ergötzlich gewesen, vielleicht hätte man alle Rekorde gebrochen, aber bie Reibung hätte wahrscheinlich eine zu f starke Hitze erzeugt, um bie Abfahrt besonbers angenehm zu i gestalten. Mit bieten Hilfsmitteln jeboch war bie Ersteigung physisch möglich. Stapf, stapf, stapf mit Eisen: höher und - höher hinauf ben immer steiler roerbenben Abhang: Schlag, r Schlag. Schlag mit bem Eispickel. Ich hatte biete Waffe mittels eines fast zwei Meter langen Stricks an meinem F Hanbgelenk befestigt, um ihre Flucht zu verhinbern. falls sie mir mal entfiele. Wäre bas eingetreten, mein unersetzlicher : Bundesgenosse würde in kürzerer Zeit heimwärts nach I Tarobo gesaust sein, als es zu erzählen beansprucht, unb ich i würbe mich in einer ausserorbentlich peinlichen Lage befun­den haben. Wenn ich, wie das immer wieder vorkam. aus« glitt ober strauchelte, verschaffte mir ein rascher Schlag mit ber Eisensoitze mieber Halt unb bot mir bie Möglichkeit, je meine Steigeisen von neuem fest in das Eis zu drücken.

Obgleich ber Morgen beim Abmarsch von Tarobo winb- p. still gewesen war. gelangte ich in einer Höbe von 3400 Meter in ben Bereich der Stürme, unb bas Leiben begann. Der Winb. ber mein Gesicht peitschte, würbe mir Nase und Kinn erfroren haben, hätte ich das Blut nicht durch ständiges Reiben in Zirkulation erhalten. Die letzten paar hundert Meter waren ein verzweifelter Kampf gegen ben letzten wilben Wiberstanb ber Norbsturmwächter bcs Fuji. Mehr als einmal wollte ich mich schon vor bem Ansturm zurück- zieben, ehe ich gänzlich vernichtet war, aber irgenbein Teufel in mir trieb mich höher unb höher auf immer gefahrvolleres Gebiet. „Zum Gipfel! Zum Gipfel!" Fester zog ich meinen Schal zusammen unb kletterte weiter.

Jeher Schritt brachte mich näher. Endlich war ber Scheitel erreicht. Voller Wut sammelten bie eisigen Winb- stosse ihre Streitkräfte zu einem Gegenangriff unb trafen mich, ungehemmt aus ben weiten kalten Himmelsregionen baberfegenb. mit solch schrecklicher Gewalt, bass ich mich flach 1 auf das Eis werfen unb kämpfen musste, um nicht vom Gipfel des Berges berabgeblaten zu werben. Trotzdem der Himmel klar war. trotzdem die Sonne für den Januar mit ungewohnter Glut brannte, bestand die Aussicht vom Gipfel nur in Fetzen jagender Schneewolken, die wütend um die Felsen gepeitscht und hierhin und dorthin von bem beulen­den Sturm getrieben wurden.

Die Kälte war peinigend: sobald bie Kletterei aufgehört batte, konnte man sie nicht lange ertragen. Die unoermeib« lichen Aufnahmen mussten sofort ober gar nicht gemacht wer­ben. So schnell als es bie Umstänbe gestatteten, packte ich meine bisher stets zuverlässige Kamera aus. musste aber fest- stellen, dass bie in Nikko für eine Zeitaufnahme verengte Vlenhe zerbrochen ober eingefroren war unb sich nicht er­weitern liess. Ick fluchte Wind unb Schnee wegen dieses teuflischen Streiches. Durchkältet mich soviel ihr mögt, aber verschont mir meinen Apparat. Aufnahmen musste ich haben als Beweis, dah ich ben Aufstieg vollendet batte! Zum Henker, ich würbe sie bekommen! Hinter einer ber balbver- wehten Gipfelhütten zusammengebuckt. zog ich meine Uber« bandschuhe ab und entfernte, mich unter ben Frostbissen win­dend, bie Linke. Ich versuchte die zarten Stahlblättchen zu lösen, doch der Schnee brannte mir in den Augen, so dah

Halliburton besteigt den fujijama

Ein tolles Stück.

Denn er unterliegt ben ewigen Gesetzen, wie sie von Urbeginn an in ihn gelegt sinh unb in bie ganze Natur zu­gleich unb wie sie als ein einziger unzweideutiger kühner Strich burch alles hinburchgehn.

Und bazu gehört das Gesetz

Das Wiedergutmachen.

Bon Meta Schneider-Weckerling.

„Ich mache es wieder gut“ — ruft einer dem anderen zu, vielleicht ganz fröhlich und denkt sich nichts dabei.

Es handelt sich etwa um ein kleines Versehen, das bei eine begangen, ober auch um ein Geschenk, das ihn viel­leicht beschämt unb das er nun als kleine Verschuldung bem andern gegenüber empfinbet unb durch eine Gegenleistung „wieder wett" machen möchte.

Man sagt bas so: „Ich will es wieder gutmachen." Es liegt aber ein ungeheuer tiefer Sinn in diesen Worten, etwas, wie ein Naturgesetz, das in Mensch und Natur gelegt ist von Anbeginn an — unb das im Grunbe keiner übertreten ober übersehen barf, ohne sich selbst, seine innere Lebensharmonie, aufs empfinblichste zu stören.

Wie schwer es ist, Getanes oder Gesprochenes ungetan zu machen, also „wieder gut zu machen" — sagte einmal ein Lebenskenner in einem Vortrag: „Man sagt wohl von einem Wort, bas man gesagt: „Ich nehme es zurück." In Wirklichkeit aber kann man nichts zurücknehmen. Was gesagt i st, i st gesagt. Das Wort ist — schein­bar — verhallt. Die Wunde aber im anderen bleibt. Und wenn man .zehnmal sagt: „ich nehm's zurück", unb wenn auch bie Wunbe heilt: Die Narbe bleibt.“ Und er bezog drum noch bas alte Wort an, dass man „einst Rechenschaft geben müsse von jebem unnützen Wort, bas aus unserem Munde kam."

Mag das manchem zu scharf erscheinen — etwas Wahres ist baran. Das Wort, bie Tat bleiben hängen, unb wir tragen alle unsichtbare Narben in uns herum - unb haben solche geschlagen in anderen.

Sehr fein hat bas Oscar Wilbe in seinem Roman „Das Bilbnis des Dorian Gray" symbolisiert. Dor Held bleibt äußerlich immer bildschön, jung und begehrenswert, — während er bie verworfensten Taten vollbracht, ein eigentlich lasterhaftes Leben führte. Nur sein Bild — das zeigte zu seinem Entsetzen, wenn er vor es trat, immer neue Flecken, Veränberungen unb Entstellungen, sobalb er ein neues Unrecht getan, eine neue Schulb im geheimen auf sich geloben hatte. Sein Spiegelbilb zeigte ihn stets in unver­minderter Schönheit, hoch jenes „Bildnis" veränderte sich erschreckend, wie er selbst.

Er stellte es schliesslich in die entfernteste Ecke seines Bodens und Hängte einen Vorhang davor.

Eines Tages aber, nach furchtbarer Tat, lief er hin­auf, zog ben Vorhang von bem Bilde fort unb, als er bie letzte neueste Veränderung an ihm sah — stach er mit einem Messer in Verzweiflung in bas Porträt — unb fiel tot hin. Er hatte sich selbst damit ins Herz gestochen.

Der moderne Mensch hat ja wenig Zeit, über solche Dinge nachzudenken. Oder gar „sich Rechenschaft zu geben“ von dem, was er im Laufe des Tages gesprochen.

Filmartig, in sausender Wucht, stürmt das Leben über ihn hin, unb „Schulb unb „Nichtschulb" in ben seinen Be­ziehungen der Menschen untereinanber scheinen keine Rolle mehr zu spielen.

Aber ber moderne Mensch kann sich nicht ganz wohl dabei fühlen.

aus dem Verhängnis: lob.“

Also, sogar bie kleinste Zelle hat „ein Gewissen.“

... .Nun gibt es ja auch heute Menschen genug, bie leugnen ein Gewissen. Unb, wenn es so etwas gäbe, so sei es „anerzogen", und es wechsle wie als bas jewei­lige Zeitkleib, bas den Menschen umgibt. Das stimmt nichi.

Durch die Tragödien und Leidenschaften aller Zeiten unb Völker wanbeit ehern unb unumstößlich bas Gewissen. Da ist. nichts von „Zeitkleib" zu merken.

Dieselben Leibenschasten unb ihre Folgen bemächtigen sich der Menschen heute wie von Anbeginn an, seit sie auf