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Wiesbadener Tagblatt

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Unterhaltungsbeilage.

Nr. 77.

Freitag, 31. März 1939.

87. Jahrgang.

Matte Erklärungen

Sehr begehrenswerter Partner

(Eigener Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung.)

Munition herstellen wolle.

Die englische Einkreisungspolitik.

Chamberlain-Erklärung für heute abend angekündigt.

wt. London entfaltet eine außerordentlich rege Verhand­lungstätigkeit. Der Auswärtige A u s s ch u tz des Unter­hauses tritt fast täglich zusammen. Nachdem das e n g l i s ch e Kabinett am Mittwoch 2% Stunden getagt hatte, ver­sammelte es sich bereits wieder am Donnerstagvormittag. Chamberlain wollte auf einer Versammlung der Konser­vativen eine Rede halten. Erst während der Sitzung wurde mitgeteilt, daß der Ministerpräsident wegen dringender Kabinettsberatungen seine angekündigte Rede nicht halten könne. Nach Blättermeldungen wurde in der Donnerstag- fitzung des Kabinetts über dieV i e r - M ä ch t e - Ini­tiative" beraten. In der anschließenden Sitzung des Unterhauses teilte Chamberlain mit, daß er am Montag über die diplomatischen Besprechungen berichten werde. In den späten Abendstunden des Donnerstag wurde jedoch bekannt, daß Chamberlain bereits am heutigen Frei­tagabend eine Erklärung über die Konsultationen ab­aeben werde. Damit würde dann das Geheimnis, das über den englischen Verhandlungen ruht, gelüftet.

Wie aus Tokio gemeldet wird, bemijht sich England an­scheinend, seine Einkreisungspolitik auch i m Fernen Osten durchzuführen. Nach einem Beruht des Vertreters derAsahi Schimbun" in Bangkog soll Groß­britannien mit Siam ein japanfeindliches Ab - kommen abgeschlossen haben. Angesichts der heiklen internationalen Lage versuche London eine a n t i j a p a - nische Einkreisung aus den Maleienstaaten Burma, Jndochina, N i e d e r l ä n d i s ch - O st i n d i e n und Siam zustande zu bringen. Der britische Erfolg in Siam sei aus ein Anleiheangebot in Höhe von 2 bis 4 Millionen Pfund zurückzuführen. In amtlichen Kreisen Tokios steht man dem Bericht derAsahi Schimbun" skeptisch gegenüber, da eine Bestätigung seiner Angaben bisher noch nicht zu erhalten war

Der italienisch-französische Briefwechsel

Die rein negative Antwort des Pariser Kabinetts bot keine Verhandlungsgrundlage.

wt Daladier kündigte in seiner Rundfunkrede am Mittwochabend die Veröffentlichung. des B r i e (Wechsels zwischen dem italienischen Außenminister Gras Ciano und dem französischen Botschafter Ponyei vom 17. Dezember 1938 an. Die Briese wurden inzwischen in der französischen, wie auch in der italienischen Presse bekanntgegeben. Aus dem Briet Cianos geht hervor, daß der französische Botichafter am 2. Dezember 1938 angefragt habe, ob die italienische Regie­rung das sogenannte Laval-Abkommen vom 7. Sanuar 193o als noch in Kraft befindlich betrachte. In seiner schriftlichen Antwort wies Graf Ciano daraus bin, daß der Vertrag von Frankreich nicht ratifiziert wmden sei. ebensowenig wie die Sonderabmachungen bezüglich Tunis. Praktisch sind also die Abmachungen, da die Ratifizierung in denselben gefordert wird, rechtlich nie rn Kraft getreten. Gras Ciano weist weiter daraus hin. daß Frankreich im abessinischen Krieg eine, den Abmachungen entgegensetzte Haltung Italien gegenüber eingenommen ..habe, ./Damit haben die Abkommen". so heißt es wörtlich m . dem Ciano-Bries.ihren Sinn verloren und he können nicht als heute noch in Krast befindlich,angesehen werden. Sic sind sogar in ihrer Gesamtheit geschicktl i ck uber - holt Sie bezogen sick aus eine allgemeine politische Tage, die schnell von den Ereignissen überholt worden war. die der

* Die Erklärungen Chamberlains und Dala« d i e r s in den letzten Tagen find matt gewesen. Chamber­lain ist nach langem Zögern zwar zu der immerhin greif­baren und einigermaßen handfesten Mitteilung gekommen, daß die englische Territorial-Armee zunächst auf die Kriegs­stärke von 170 000 Mann gebracht und dann verdoppelt wer­den soll. 3m Grunde genommen, ist das aber eine Geste. Lord Lothian hat dieser Tage derTimes" geschrieben, datz die Freundschaften, die England auf dem Festland suche, da­von abhängen, ob es selbst mit dem ganzen Schwergewicht der allaemeinen Wehrpflicht ins Feld rücken oder nur für

der allgemeinen Wehrpflicht ins Feld rucken oder nur für andere Völker Kanonenrohre und Munition Herstellen wolle. Die 170 000 oder auch 340 000 Mann der künftigen Terrr- torial-Armee haben sicherlich nicht das Gewicht, diese Bedenken der europäischen Festlandsstaaten zu überwinden, von denen Lord Lothian spricht. Di« Territorial-Armee ist eine Miliz; die Erfahrungen des Großen Krieges haben gezeigt, daß sie trotzdem keinesfalls zu unterschätzen ist. Aber nun eröffnet sich ein Zwiespalt, auf den der englische Militärschriftsteller Lidell Hart eindringlich hingewlesen hat: Infolge der Entwicklung der Luftwaffe ist nämlich der Transport einer großen englischen Armee auf das Festland und der damit verbundene riesige Nachschub un ­gleich mehr erschwert als in den Jahren 1914/18 durch das verhältnismäßig schwer manövrierbare ll-Boot.

Lidell Hart kommt zu der Schlußfolgerung, datz niemals die technischen Voraussetzungen sür den Einsatz starker eng­lischer Streitkräfte auf dem Festland so günstig gewesen sind wie im Weltkrieg und datz sie jedenfalls in einem künftigen Krieg auf den westeuropäischen Schlachtfeldern wesentlich ungünstiger liegen werden. England steht also einmal vor dem Zwiespalt, die alteingewurzelte Abneigung gegen den ständigen Militärdienst im eigenen Lande zu über­winden, und vor der Tatsache, datz der Volleinsatz seiner militärischen Machtmittel im Kriegsfall sehr viel schwieriger sein wird als in den Jahren 1914/18. Nun kommt aber ganz wesentlich hinzu, datz England heute nicht mehr als Kriegs­werkstätte schlechthin angesprochen werden lann.Geine Eisen- und Stahlproduktion beträgt noch nicht die Hälfte der ent­sprechenden deutschen Leistungsfähigkeit und mit jedem Jahr verändert sich das Verhältnis dank des Ausbaus der Hermann-Göring-Werke zu seinen Ungunsten. Außerdem ist der Kriegsbedarf für Flotte und Luftwaffe so riesengroß, daß England alle Hände voll zu tun hat, seinen eigenen Bedarf zu befriedigen, wenn es hart auf hart geht. Wir erwähnen diese Probleme nur, um die ungeheure weit­schichtige Verwickeltheit des Problems in einigen krassen Einzelheiten klarzumachen und damit unseren kritischen Hinweis zu unterstreichen, daß es sich Bei der jetzt verkün­deten Verstärkung der Territorial-Armee eben nur um eine Geste handelt. .

Die Erklärung Chamberlains hat aber auch ein politi­sches Gesicht. Und hier', trifft sie sich in ihrem Wesen mit der

Rede Daladiers zeigt, genau wie der Neuordnung in Mitteleuropa ohne Verständnis gegenüber. Daß sich Italien durch eine solche Stellungnahme nicht beeinflussen lasten wird, zeigt u. a. ein Satz, den Mussolini gestern in Kalabrien verkündete, wo er den Faschisten u. a. erklärte, daß Italien nicht beabsichtige, derGefangene im Mittelmeer" zu bleiben. Dieser Satz Mussolinis wird in italienischen politischen Kreisen als eine Antwort an D a l a d i e r ausgefaßt, in der der Wille zur weiteren Stär­kung der italienischen Position int Mittelmeer stark zum Ausdruck kommt.

Die Rede Funks.

ns. Berlin, 31. März. Reichsminifter Funk hat in seiner gestrigen großen Rede vor dem Zentralausschuß der Reichsbank in sehr bemerkenswerter Weise w i r t s ch a s t s - politische Folgerungen aus den jüngsten politischen Ereignissen gezogen. Er hat der Welt vor Augen gesührt, daß in Mitteleuropa eine Neu­ordnung hergestellt worden ist, aus der neue poli­tische und wirtschaftliche Kräfte wachsen und zwar nicht, wie eine gewisse Hetz- und Lügenpreste des Auslands glauben machen möchte, Kräfte der Unruhe, son­dern Kräfte der Konsolidierung. Jeder unserer Nachbarn, der das einsieht und zur gleichberechtigten Verständigung mit uns bereit ist, wird daraus nicht nur für sich selbst Vorteile zu ziehen vermögen, sondern er wird damit zu­gleich Träger dieser Konsolidierung. Der Mi­nister hat in diesem Zusammenhang auf unsere Bereit­schaft zur Zusammenarbeit verwiesen und dabei das sehr glückliche Wort geprägt, daß wir ein sehr be­gehrenswerter Partner sind, da die Weltwirtschaft, die Produktion und die Kaufkraft eines hoch qualifizierten Industriestaates mit ca. 90 Millionen Menschen nicht ent­behren könne, wenn sie nicht selbst in eine weitere noch schwerere Verfallskrise geraten wolle.

Nun gibt es zur Zeit noch in manchen Ländern Kräfte, die sich einer solchen Erkenntnis - verschließen und die glauben, mit einem Boykott deutscher Waren diesem mächtigen Wirtschaftsfaktor Deutschland beikommen zu können. Vor solchen Auffastungen ist erst gestern wieder nachdrücklich im Schweizer Bundesrat gewarnt worden, wo der Bundesrat Baumann derartigen Hetzern u. a. er­klärte, datz ein Boykott gegen Deutschland w l r t- schastlick eine Katastrophe bedeuten..wurde. Wir wollen hoffen, datz sich die Pernunft bald überall durch­setzt.

Bedauerliche französische Provokation.

Freilich ist immer wieder festzustellen, daß man keines­wegs an allen Orten bereit ist, aus der Neuordnung m Mitteleuropa die richtigen Folgerungen zu ziehen und sich selbst auf diese Weise zum Träger der Konsolidierung zu machen, aus der alle Nutzen ziehen. Einmal sind da die­jenigen Politiker zu nennen, die noch immer glauben, eine Einkreisungspolitik betreiben zu muffen, um Deutschland zu "lähmen. Zum anderen machen sich auch die ewig Gestrigen immer wieder bemerkbar. Hierzu müssen wir vor allem die Mitglieder der französischen Kammer rechnen, die gestern eine Sympathiekundgebung für das tschechische Volk demonstrierten. Wenn darin Protest erhoben wird,gegen das Attentat, dessen Opfer die ruhmreiche und heldenhafte tschechische Nation soeben ge­worden" sei, und wenn darin weiterhin von einerv o n Hoffnung verklärten Sympathie" ge|prochen wird, so muß man eine solche Erklärung geradezu als P r o - Dotation gegen das Reich bezeichnen. Die Tschechen selbst werden dabei am besten wissen, daß die Franzosen nicht um das Schicksal des tschechischen Volkes trauern das zu einer Trauer auch nicht den mindesten Anlatz bietet, als vielmehr um die 4 0 t s ch e ch i s ch e n D i v i f i o n e n, denen ja französische Politiker eine wichtige Rolle im Kamps gegen das Reich zugedacht hatten.

Antwort des Duce an Daladier.

Allerdings liegt diese Entschließung ja insofern aus der Linie der französischen Politik als F ran kreich s i ch immer zunäch st einer Entwicklung ver­schließt, die auf eine gesunde Neuordnung hinzielt. Es genügt dabei an Abessinien und an Sp a n i e n zu er­innern. Aber auch der weiteren Neuordnung, die irn Mittel­meerraum kommen muß, stellt sich Frankreich, wie die letzte

Anwendung der Sanktionsmaßnahmen gefolgt waren. Außer­dem hat die Schaffung des Imperiums neue Rechte und neue Interessen von grundlegender Bedeutung ge- schaffen. Unter diesen Umständen und im Interesse einer Besserung der französisch-italienischen Beziehungen, können diese Beziehungen nickt mehr die Abkommen von 1935 zur Grundlage haben. Wenn man diese Beziehungen verbessern will, so ist es selbstverständlich, daß sie erneut durch eine gemeinschaftliche Einigung zwischen den beiden Regierungen geklärt werden miiffen.

In seiner Antwort betont Botschafter P o n c e t. basSlas französische Parlament die Abmachungen gutgeheißen habe. Der Austausck der Ratifizierungsurkunden sei nur deshalb unterblieben, weil Italien hinsichtlich der tunesischen Ab­machungen eine Verschiebung gewünscht hacke. Durch die Übergabe von 2 500 Aktien der Dschibuti-Eisen­bahn an eine italienische Gruppe habe Frankreich im ©eilte der Abkommen gehandelt. In dem Brief wird behauptet, da» Rom noch am 22. April 1938 keine grundlegenden Änderungen des Tunisstatuts angeregt habe. Seine Haltung im abessinischen Konflikt begründet Frankreich mit seinen Bin­dungen an die Genfer Liga. Paris Beruft sich baraui. daß Frankreick in Genf mäßigend gewirkt BaBe. und daß diese Haltung auck in einem Gesvräck mit dem italienischen Botschafter vom Duce anerkannt worden sei.

Der Führer beim StapeUauf des SchlachtschiffesG.

Wilhelmshaven, 31. März. Am morgigen Samstag hat die Kriegsmarinestadt Wilhelmshaven ihren grotzen Tag. Das SchlachtschiffG", das Schwesterschiff der kürzlich in HamBurg vom Stapel gelaufenenBismarck wird in (^CQCitiDcitt bcs Führers uni) DBcr[tn SBcfcijisfyubcts bet Wehrmacht seinen Namen erhalten unb seinem Element ÜBergeBen werden. Dieser für die Kriegsmarine Bedeu­tungsvolle und ehrenvolle Tag wird zugleich ein Festtag für die Stadt Wilhelmshaven sein.

Seit Tagen schon schmückt sich Wilhelmshaven, um dieses Fest des Stapellaufes des zweiten 000-Tonnen-achiftes der deutschen Kriegsmarine festlich zu Begehen. Im Schmuck der Blumen und der Fahnen wird her Führer Bei seinem Eintreffen in Wilhelmshaven empfangen werden. General­admiral Dr. h. c. R a e d e r, Admiral S a a l w a ch t e r und Gauleiker R o e v e r werden den Führer auf dem Bahnhof empfangen. Nach ABschreiten der Front der Manneehren- kompame wird sich der Führer zum Stapellauf nach der Marinewerft BegeBen. Die Taufrede hält Vizeadmiral a. D. von Trotha.

Am Nachmittag findet auf dem Rathausplatz eine Groß- kundgeBung der Partei statt. Am gleichen ABend wird von Wilhelmshaven aus das Flaggschiff der KdF.-Flotte M». Rodert Ley" zu seiner Jungfernsahrt die Anker lichten.

Der Führer in Augsburg.

Begeisterte Kundgebungen der Bevölkerung.

Augsburg, 30. März. Der Führer besichtigte am Donnerstag in Augsburg die Arbeiten am Umbau des Stadttheaters, sowie den Neubau des Apollo- Theaters. Auf die überraschende Nachricht von der An­wesenheit des Führers strömte die Bevölkerung von Augs­burg in den Straßen der Stadt und am Bahnhof zu vielen Tausenden zusammen und bereitete dem Führer begei­sterte Kundgebungen.

Der Bries des französischen Botschafters sckiebt. genau so wie die Rede Daladiers. die iormalrecktlichen Argumente tn den Vordergrund. Sachlich betrachtet, war die Antwort rein negativ und Bot keine Verhandlungsgrundlage. Die italienisch-französischen Beziehungen hatten, so schreiBt ..Giornale d'Italia. umsomehr.einer Prüfung Bedurft, als sie vor allem auf ProBleme in Afrika Bezug hatten, wo natur­gemäß durch die Eroberung des Imperiums eine neue Lage geschaffen war. Nach der Rede Daladiers fei es aBer nunmehr klar, daß die franzöfiscke Regierung weder üBer EeBietsfragen, noch üBer Rechte diskutieren wolle. Angesichts dieser Tatsache bleibe, wie das Blatt abschließend betont, nichts anderes übrig, als das Problem der italienisch-ftanzösischen Beziehungen als völlig offen und verschärft anzusehen und zu anderen Themen überzugehen, ohne es allerdings nur einen Augenblick aus den Augen zu verlieren. DieIrtBumr äußert sich ähnlich und unterstreicht, daß Frankreich noch einmal deutlich seine anti- eurooäische Einstellung bewiesen und gezeigt habe, daß cs dem Zug der neuen Zeit völlig verständnislos gegen» überstehe. Im Bewußtsein seiner Macht, seines Rechtes und feiner Zukunft, sowie in völliger Überein st immung mit der Achse und den Enordernisien her neuen europäi­schen Ordnung weise Italien auf den tatsächlichen Sachverhalt hin. Es sei Sache Frankreichs. die Folgerungen aus den Gegebenheiten zu ziehen.