Wiesbadener Tagblatt
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87. Jahrgang
Dienstag, 7. Februar 1939.
Nr. 32
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Diplomatische Winkelzüge
(Eigener Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung.)
Spanien als politisches Problem.
as. Berlin, 7. Febr. Das, was sich augenblicklich an der Grenze Frankreichs und Kataloniens abspielt, interessiert vom militärisch-strategischen Gesichtspunkt kaum noch. Die Kämpfe sind im wesentlichen beendet. Was sich jetzt vollzieht, ist der Zusammenbruch des rotspanischen, katalanischen Heeres. Wichtig aber ist die Frage, was nun politisch weiter geschehen wird. In dieser Hinsicht kann man in Frankreich deutlich zwei Tendenzen feststellen. Einmal versucht man möglichst schnell den Anschluß an den tatsächlichen Machthaber in Spanien, General Franco, zu erreichen. Der französische Senator BSrard, der in halbamtlicher Mission nach Burgos gefahren war, um die Auffassungen der national- spanischen Regierung kennenzulernen, beeilt sich jetzt mit der Rückkehr nach Paris. Man nimmt an, datz sofort nach seiner Ankunft in der französischen Hauptstadt ein Ministerrat zusammentreten wird, um sich mit der Frage der Anerkennung Francos zu befassen. Allerdings möchte man in dieser Hinsicht gern den Engländern den Vortritt lassen, zumal Daladier dann gegenüber seiner Linksopposition, die ihn nach wie vor in der spanischen Frage hart bedrängt, einen sehr viel günstigeren Stand haben würde. Andererseits möchte man die Roten auch nicht gern im Stich lassen. Das kommt auch in einer Erklärung des „Temps" zum Ausdruck. Diöse Erklärung wendet sich zwar energisch dagegen, datz die geflüchtete rotspanische „Regierung'' auf französischem Boden weiter „amtiere" und lehnt ein solches Verfahren als ganz unmöglich ab, fügt aber dann hinzu, dag eine ganz andere Lage entstehen würde, wenn sich in Valencia oder Madrid eine neue Regierung bilde» würde. Diese Zwiespältigkeit kommt ebenso in den Meldungen zum Ausdruck, nach denen sich England und Frankreich um die Herbeiführung eines Waffenstillstandes und um eine „Vermittlung" in Spanien bemühen. Hier soll also ganz offenbar der Versuch gemacht werden, den militärischen Weg Francos durch diplomatische Winkelzüge in sein Gegenteil zu verkehren. Demgegenüber hat Franco schon früher mehrfach erklärt, das; Vermittlungen mit den rotspanischen Bonzen n i ch t in Frage kommen, sondern daß es nur eine Lösung geben kann, die bedingungslose Unterwerfung der Roten. Damit wird man sich in Paris und London abfinden müssen. Je schneller das geschieht, umso leichter wird, daran läßt auch die italienische Presse keinen Zweifel, die endgültige Liquidierung der spanischen Frage zu erreichen sein. Daß man auf italienischer Seite bemüht ist, auf die französischen Empfindlichkeiten bei dieser Liquidation gewisse Rücksicht zu nehmen, zeigt die Nachricht, daß die im nationalspanischen Heere kämpfenden freiwilligen italienischen Legionärsverbände in. Gerona angehalten wurden, so daß nur spanische Truppen an die französische Grenze oorstoßen werden. Andererseits ist aber auch auf römischer Seite nach der Sitzung des Großen Faschistischen Rates unterstrichen worden, daß eine Z u - rückziehung dieser Freiwilligen erst nach dem endgültigen Sieg Francos erfolgen kann. Hinzugefügt sei schließlich noch, daß zur Zeit zwischen London und Paris eine sehr rege diplomatische Tätigkeit entfaltet wird, die der spanischen Frage gilt.
Beistandserklärung Chamberlains.
Auch die Erklärung, die Chamberlain gestern im Unterhaus über die Bereitschaft Englands, Frankreich beizustehen, abgegeben hat, muß man im Zusammenhang mit dem Vorgang in Spanien betrachten. Diese verfolgt ganz offensichtlich das Ziel, Frankreich für die kommenden Auseinandersetzungen über die Mittelmeerfragen, die ja nach der Liquidierung des spanischen Problems in den Vordergrund treten werden, den Rücken zu stärken. Die Erklärung erfüllt einen Herzenswunsch der Franzosen. Sie ändert aber an der heutigen tatsächlichen Lage nichts mehr, sie b e st ä t i g t nur einen Z u - stand, wie er durch die bestehenden militärischen Vereinbarungen zwischen London und Paris die bekannte Zusammenarbeit der Generalstäbe Englands und Frankreichs gegeben ist und stellt den daneben geglückten Versuch dar, die Achse Berlin—Rom zu kopieren. Daß man in England selbst keinen übertriebenen Wert auf diese Erklärung legt, zeigt schon die Tatsache, daß das der englischen Regierung nahestehende Büro, Preß Association schreibt, man soll aus den Worten Chamberlains „nicht zu viel herauslesen". Man weist auch daraufhin, daß nach dieser Erklärung Chamberlain nicht blindlings Frankreich Unterstützung leisten wolle, sondern daß es sich um Lebens- inte ressen Frankreichs handeln mutz, wenn England den Beistandssall als gegeben ansehen soll. Diesen Beistand wiederum formuliert Chamberlain in diesem Fall sehr vorsichtig als „sofortige Zusammenarbeit". Insgesamt bedeutet also die Erklärung gewiß keine Sensation und schafft keine neue Lage.
Kalte Dusche für Paris.
Starke britische Kontinentalarmee unmöglich!
London, 7. Febr. (Funkmeldung.) Der Militärkorre- pondent der „Times" legt in einem längeren Artikel aus- ührlich und eindringlich die Schwierigkeiten dar, die sich iie die Entsendung einer britischen Armee nach dem Kontinent im Falle eines Krieges ergeben würde». In einem Rückblick auf den Weltkrieg stellt der Korrespondent zunächst fest, daß England noch nie unter so günstigen Bedingungen in einen Krieg gezogen sei als 1911. Keine Bedrohung der britischen Inseln aus der Luft und materiell und geographisch bessere Lage der Flotte, stärkere wirtschaftliche Lage, stärkere Verbündete — das sei heute alles anders. Die Idee einer unbegrenzten militärischen Anstrengung sei für England un- durchführbar und graue Theorie. Die Grütze einer Expeditionsarmee hänge von der Zahl der Schisse ab, die England für den Transport zur Verfügung stellen könne, ohne den Bestand der Flotte zu gefährden. Es würde eine Verrücktheit sein, Englands Militärmacht zu Lande auf Kosten seiner Seemacht zu v e r g r ö tz e r u. Da die Verteidigung gegen Luftangrisse heute für England äutzerst wichtig sei. könne England es sich nicht leisten, die Luftverteidigung durch ein weitgehendes Eingreifen in einen Landkrieg zu schwächen. Außerdem bedinge eine Verstärkung des Landheeres auch eine Verstärkung der Luftwaffe. Schließlich aber seien die Gefahren für die Zufuhr von Brennstoffen und Munition, wovon die Schlagkraft moderner Armeen abhänge, heute bedeutend erhöht. Durch die Unterhaltung einer britischen Armee aus dem Kontinent würde dieses Eesahrenmoment nur noch größer und wesentlicher.
Bomben über England.
* Es sind nun fast neun Jahre her, daß Irland in Berlin eine ständige irische Gesandtschaft eingerichtet hat. Auch in Paris erfolgte damals die Einrichtung einer irischen Gesandtschaft und es schien so, als ob die Haupi- streitigkeiten zwischen England und Irland nun beseitigt leien. England hatte im britisch-irischen Friedensvertrag vom Januar 1922 und auf der Reichskonferenz vom Sommer 1926 den Iren wesentliche Zugeständnisse gemacht. Aber alle Hoffnungen auf eine endgültige Vereinigung des englisch-irischen Verhältnisses erwiesen sich als trügerisch. Die Iren benutzten stets jede Möglichkeit, um das Band, das sie noch mit England verknüpfte, zu lockern. In der Königskrise und bei ihrer erfolgten Lösung kam eine weitere Lockerung durch die Erklärung, die damals von irischer Seite abgegeben wurden, zustande. England verzichtete in jenem Augenblick aus guten Gründen darauf, die Situation noch zu verschärfen und es kam dann sogar so weit, daß de Valera, der lange in London verhandelt hatte, das Zugeständnis erhielt, daß die Iren sich eine eigene Verfassung mit einem eigenen Staatspräsidenten schaffen konnten und. was wichtiger war, England erklärte sich bereit, seine Truppen aus Südirland zurückzuziehen. Diese Truppenzurückziehung ist erfolgt. Aber auch sie hat den Frieden nicht gebracht. Das irische Problem ist nach wre vor ein Problem und es zeigt auch nach wie vor jenen Fiebergrad der allen akuten Problemen eigen ist. Die Haupr- streitfrage, um die es heule geht, ist die neue Forderung der Zurückziehung der britischen Truppen aus Nordirland.
Man darf darüber keinerlei Zweifel hegen, daß die Iren den gegenwärtigen Zustand immer nur als einen llbergangszustand anerkannt haben. In ihrem Programm haben sie ja die Selbständigkeit des ganzen Irland verlangt, d. h. sie wollen auch über Ulster bestimmen. Das aber ist die große Streitfrage, die schon beinahe wie eine Quadratur des Zirkels aussieht. Die protestantische Bevölkerung in Ulster will mit den katholischen Iren Südirlands nichts zu tun haben. Die Iren aber sagen, daß dieses Problem nur deshalb unlösbar sei, weil durch die englischen Truppen in Nordirland die Lösung verhindert würde. Es kann nun wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß in dem Augenblick, indem die britischen Truppen Nordirland tat- sächlich verlassen, die Iren und insbesondere die illegale republikanische Armee die Macht im Norden der Insel ergreifen würden und daß dann ein endgültiger Zustand geschaffen würde.
Das alles sind die fragen, die den Hrntergrund der gegenwärtigen Bombenaffären in England bilden. Soweit sich die Dinge bis jetzt übersehen , lassen, wurden die Bombenattentate eingeleitet durch ein angebliches Ultimatum, das dem britischen Außenminister Lord Halifax am 12. Januar mit viertägiger Frist zugeleitet worden war. Dieses Ultimatum forderte Lord Halifax auf, dafür zu sorgen, daß die britischen Truppen in Nordirland das Land bis zum 16. Januar verlassen würden. Da dieser Forderung naturgemäß nicht entsprochen wurde, so setzten mit dem 16. Januar die Bombenattentate ein und haben sich bis zum heutigen Tage in erschreckender Weise gesteigert. Alle wichtigen Punkte in England, die großen Verkehrsstraßen und Bahnhöfe, aber auch Schloß Windsor, als Wohnsitz des Königs, Chequers, in dem der Premierminister sein Wochenende verbringt und ähnliche Gebäude sind stark gesichert worden. In Scotland Yard werden alle Besucher, die das Zentralgebäude der britischen Polizei betreten, streng durchsucht und sogar eine Anzahl britischer Zeitungen steht unter militärischem Schutz. Die britischen Polizeibeamten erhalten seit Wochen keinen Urlaub mehr und selbst das Jahresbankett der Beamten von Scotland Yard mußte wegen der Bombenexplosicmen
„Tag der deutschen Polizei" brachte 9,5 Millionen!
Berlin, 6. Febr. Soeben ist das vorläufige Gesamtergebnis des „Tages der deutschen Polizei" vom 29. Januar 1939 festgestellt worden, das alle Erwartungen weit übertroffen hat. Die Deutsche Polizei konnte den Betrag von 9% Millionen an das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes abführen.
Dieser Betrag setzt sich zusammen aus 5 250 000 RM. durch Verkauf der Berkehrsabz eichen, 1 550 000 RM. Sonderspende der Polizei und der ihr angeschlossenen Hilfsformationen Technische Nothilfe und Feuerwehren aus eigenen Mitteln neben den sonstigen laufenden WHW.-Spen- den, 2 650 000 RM. S o n d e r s p e n d e der Bevölkerung als Dank für den Einsatz der Polizei. Außerdem gab die Polizei 132 000 Essensportiönen aus und verteilte 107 000 Kilogramm Lebensmittelpakete.
Das Gesamtergebnis von 9% Millionen ist nur vorläufig. Eine Erhöhung ist auf Grund der noch eingehenden Meldungen zu erwarten. *
Es ist für die deutsche Polizei schon zur Tradition geworden, mit dem Sammelergebnis ihres Ehrentages unter den besten Sammeltagen für das Winterhilfswerk zu stehen. Die „Tage der Deutschen Polizei" wurden von Jahr zu Jahr ein sehr anschaulicher Gradmesser für die steigende Verbundenheit zwischen Polizei und Volk.
Diese Zahlen aber haben all« Erwartungen in den Schatten gestellt, und man kann schon sagen, daß dieses Ergebnis einzig da steht. Wenn man schon am „Tag der Datschen Polizei" auf den Veranstaltungen den Eindruck einer festgefügten Kameradschaft zwischen Volk und Polizei erhielt, fo haben diese stolzen Zahlen es noch einmal vor uns
und aller Welt eindringlich bewiesen: 2m nationalsozialistischen Staat ist das Wort „Die Polizei, Dein Freund — Dein Helfer" keine leere Phrase, sondern es ist zur Tat geworden.
Die Juden in Italien.
Sofortiger Ausschluß aus der Wehrmacht.
Rom, 7. Febr. (Funkmeldung.! Das Amtsblatt veröffentlicht das Durchführungsgesetz Über den endgültigen und mit sofortiger Wirkung intraf'ttretenöen Ausschluß der jüdischen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Wehrmacht und der Faschistischen Miliz.
abgesagt werden.
Der britische Geheimdienst will nun aus Ulster Mitteilungen erhalten haben, wonach die gegenwärtige Terrorwelle nach • einem einheitlichen Plan der illegalen republikanischen Armee durchgeführt werden soll. Diese Organisation, die in Dublin ihren Sitz hat, zählt in England ungefähr 3000 entschlosiene Anhänger, die seit Wochen und Monaten bemüht gewesen sind, Explosivstoffe in das Land zu schmuggeln. Diese Terroristenverschwörung soll n. a. auch die "Ermordung einer ganzen Anzahl von Polizeioffizieren vorgesehen haben und es ist deshalb fein Wunder, Latz die Polizei augenblicklich in vollem Alarmzustand , begriffen ist.
Die zahlreichen Bombenattentate sind im Unterhaus sogar schon Gegenstand einer Anfrage gewesen, aber der
Die Dominien und das Mutterland im Kriegsfall.
Loudon, 6. Febr. Der kanadische Ministerpräsident Mackenzie King definierte am Samstag vor dem kanadischen Parlament den Standpunkt der Regierung gegenüber England, wobei er folgende Sätze aus der Marine-Regierungs- akte von 1910 zitierte: „Wenn England s i ch i m Kriege befindet, befinden wir uns auch im Kriege und sind einem Angriff ausgesetzt."
„Ich sage nicht", so fuhr Mackenzie King fort, „datz mir immer angegriffen werden, noch sage ich, datz wir an allen englischen Kriegen teilnehmen wollen. Das ist eine Angelegenheit, die durch die Umstände bestimmt wird und über die das kanadische Parlament sich aussprechen und seine Entscheidung nach bestem Urteil fällen wird."
Eine Reihe von Liberalen war über diöse Erklärung sehr beunruhigt und stellte fest, datz der beste Weg zur Bewahrung Kanadas vor einem zweiten Überseekrieg der sei, cs zu einem unabhängigen Königreich und zu einem neutralen Staat zu machen.
Wie „Daily Telegraph" aus Ottawa erfahren haben will, plant die kanadische Regierung di« Aufstellung einer Flotte aus schnellen Torpedobooten, di« an der atlantischen Küste, insbesondere am St. Lorenzgolf, stationiert werden soll.
Wie Reuter meldet, hat der au st r a l i s ch e P r e m i e r - Minister Lyons am Montag die Schaffung eines freiwilligen Nationaldienstes und die Aufstellung der hierfür notwendigen Stammrolle auch für Australien angekündigt. Eine derartige Stammrolle werde binnen kurzem, fo verzeichnet Reuter, auch in Singapur für den Notfall geschaffen werden. Die südafrikanische Regierung hingegen habe, wie in Pretoria offiziell mitgeteilt worden sei, nicht die Absicht, eine derartige Stammrolle nach englischem Vorbild anzulegen, wohl aber wolle man die Gesamtverteidigung Südalrikas sobald wie möglich ausbauen.
