Freitag, 3. Februar 1939.
Wiesbadener Tagblatt
Rr. 29. Sette 11.
Stare, Bussarde, Häher, Brieftauben.
Wild-. Wald- und Weidmannsbilder ans dem Hornung.
Im allgemeinen wird es im Februar im Walde schon lebhafter. Selbst, wenn noch Schnee fällt, finden sich allmählich einige Zugvögel ein; mitten im Schneegestöber begegnen wir nicht selten dem Star, der es in manchen Jahren anscheinend garnicht erwarten kann, wieder in unseren Wald zurückzukehren. Quartiermacher sind die Männchen, die einige Zeit vor dem Weibchen bei uns ein- treffen. Ende Februar und Anfang März herrscht auf den alten Eichen unseres großen Reichsforstes „Drei-Eich", der meinen Wohnfitz umschließt, ein lautes Treiben. Überall sehen wir Stare fitzen und aufgeregt mit den Flügeln schlagen. Das Kreischen und Schwatzen übertönt ost den Gesang anderer Vögel. Der „Gesang" unseres Freundes „Starmatz" ist nur ein Geschwätz, dem einzelne Pfiffe ein- geflochten werden; es wird lustig geschnarrt, geschnalzt und gezwitschert, manchmal werden auch Strophen fremder Vögel nachgeahmt. Kaum ein Vogel ist so gesellig wie unser Star; der Trieb zu seinesgleichen ist so stark, daß er nicht einmal allein auf Nahrungssuche gehen mag. Immer sieht man mehrere Stare zugleich im Gras nach Würmern stochern. Sein Gang ist außerordentlich kennzeichnend, denn der Star schreitet „wackelnd" dahin und bewegt bei jedem Schritt den Kopf. Von der „stoßartig" rennenden Amsel ist er daher leicht zu unterscheiden.
Die Stare lieben hohe, reich mit Ästen versehene Bäume, vor allem Schwarzpappeln, auf denen sie abends zu Tausenden sitzen und bis zum Einbruch der Dunkelheit einen ohrenbetäubenden Lärm vollführen. Von allen Seiten kommen sie in kleineren oder größeren Trupps geflogen und fallen nach einer eleganten, blitzartig schnell ausgeführten Schwenkung ein. Oft wird noch der Platz gewechselt, ein Nachbarbaum ausgesucht oder nochmals ein kleiner Rundflug ausgeführt; unterdefien kommen immer neue Schwärme an, die "einen niedrig in Baumhöhe fliegend, die andern aus größer Höhe sich plötzlich herabstürzend, wobei sich ein starker Schwarm oft in mehrere kleinere Schwärme auflöst. Für den Zuschauer ist es immer ein Rätsel, in welcher Weise diese Schwärme zusammengehalten werden. Nie sieht man einen Schwarm sich verzetteln oder einzelne Stare ausbrechen. Es hat ganz den Anschein, als ob der Schwarm unter einem einheitlichen Kommando stände, dessen Befehle blitzschnell und unfehlbar ausgeführt werden. Der Geselligkeitstrieb scheint hier zu einer eisernen Disziplin zu führen. Später fiedeln fich die Starmätze in einem Waldteil an und beziehen eine Anzahl nahe benachbarter Bäume; sehr viele finden auch Aufnahme in den Nistkästen, die sie besonders gern und dann für die Folge regelmäßig beziehen.
Ende März, Anfang April beginnen Herr und Frau Starmatz bereits Nestmaterial in ihre Behausung zu tragen. Nach und nach werden bis zu sieben hellblaue Eier gelegt.
Während der Brutzeit bringt das Männchen dem Weibchen immer reichlich Nahrung; sobald die Jungen ausgeschlüpft sind, werden von beiden Eltern unermüdlich Raupen und Würmer herbeigetragen. »
Ende Februar, in kalten Jahren erst int März, kehrt auch der Mäuse-Bussard zurück und beschreibt seine wundervollen Kreise über Wiesen und Waldblößen. Der dem „Miauen" der Katze ähnelnde Ruf, der dem Busiard auch den Namen „Katzen-Adler" eingetragen hat, ist nun immer häufiger zu hören, oft kreisen manchmal zehn oder mehr Buffarde in großer Höhe. Am Flugbild: breite Flügel, breiter Schwanz, an der hellen Unterseite, am Kreisen und am Ruf ist der Bussard so gut zu erkennen, daß man ihn kaum mit einem anderen Raubvogel verwechseln kann. Seine Hauptnahrung sind Mäuse, die er im Herabstotzen schlägt und meist gleich an Ort und Stelle verzehrt. Er greift Hamster und Ratten, wo er sie finden kann, und mancher Maulwurf, der am Tage vorwitzig aus seinem Erdhaufen ins Freie stietz, fällt ihm zum Opfer. Manche Bussarde lauern geradezu auf Maulwürfe. — Schlangen, Blindschleichen, Eidechsen und Frösche werden ebenso gerne gefressen wie große Käfer, Heuschrecken und Grillen. In Zeiten der Not z. B. in stark verregneten Spätsommer- und Herbstmonaten, hält er sich sogar an Schnecken, die ja im Feuchten zahlreich umherkriechen, und an Regenwürmer. In großer Not unternimmt bei Busiard auch ganz verzweifelte Angriffe. So beobachtete ich einmal nach einer wochenlangen Regenzeit, wie er vergeblich versuchte, in dem Gezweige eines Laub-Baumes ein Eichhörnchen zu greifen. Es gab eine tolle Jagd: Zweige prasselten zu Boden, laut fauchend lief das Eichhorn in Spiralen um den Stamm, der Busiard immer in gefährlichster Nähe. Schließlich konnte sich das Eichhörnchen durch einen Sprung in die Tiefe retten. Als echtes Saumtier besitzt es ja in dem -buschigen Schwanz ein wundervoll den Bedürfnissen des Baumlebens angepatztes Organ: der Schwanz dient bei dem Flug durch die Luft als Fallschirm und gleichzeitig als Steuer; dadurch wird bewirkt, datz das Tier auf seinen vier Fützen ankommt. Dadurch ist es gerettet, es ist längst im Dickicht oder auf dem nächsten Baum verschwunden, ehe der überraschte Gegner Zeit sur Verfolgung gefunden hat. — Wir hörten vorhin das „Miauen" des Mäuse-Buffards aus der Höhe — jetzt aber miaut es mitten im Wald, in den Bäumen. Wir sehen auch den Vogel wegfliegen, aber ein Busiard ist es nicht, obwohl sein Ruf dem des Mäuse- Vusiards täuschend ähnlich ist. Ein Eichelhäher (Earru- lus glandarius) hat uns. irregeführt; er verrät sich aber beim Abfliegen durch sein häßliches „Rätschen". Mit diesem „Rätschen" benachrichtigt er auch die anderen Tiere von unserer Anwesenheit genau so wie es die Amsel tut, wenn wir sie ausscheuchen. Die Nachahmung der Stimmen anderer
Vögel gelingt ihm mehr oder weniger gut, am besten trifft er den Busiardschrei und meist auch noch den Pirolruf. Der Eichelhäher taucht immer gerade dort auf, wo ihn der Jäger nicht haben mag: Kein Tier verdirbt dem Jäger so oft die Aussicht auf einen guten Schuß, wie der Häher. Der Eichelhäher ist ein Allesfresser. Im Sommer lebt er namentlich von Infekten und kleinen Wirbeltieren, im Herbst hält er sich an Beeren, Nüsse und Obst. Da er die Gewohnheit hat, sich Vorräte zu sammeln, vor allem Eicheln, sie dann aber meist zu vergessen, sorgt er dauernd ungewollt für fortwährende Veranpslanzung von Eicheln. Berüchtigt ist er als Nestplünderer, allerdings scheint man ihm diese Räubereien oft zu stark anzukreiden.
Wie schon erzählt, kehrt der Mäuse-Bussard Ende Februar zurück, Mäuse- und Rauhfutz-Bussarde, Säger und Möwen dürfen bis zum 31. März geschossen werden.
■ Erinnert sei daran, daß mit Wirkung vorn 10. Ott. 1938 das sogenannte „Brieftauben"-Gesetz ergangen ist, welches das alte Reichsgesetz vorn 28. Mai 1894 anfhebt und sie Brieftauben "allgemein unter verstärkten Schutz stellt, nicht nhr bie Militär-Brief- tauben. Nach § 11 bes Gesetzes ist autzerbem bamit zu rechnen, baß den Brieftauben demnächst gleichgestellt werden solche Tauben, die zur Nachrichten-Vermittlung verwendet werden können. Die grundlegende Änderung des Gesetzes besteht darin, daß Brieftauben nunmehr überhaupt nicht mehr abgeschosien werden dürfen, so daß es also für diese Brieftauben ober Nachrichtentauben eine Sperrzeit nicht mehr gibt. Der § 9 bes Gesetzes bestimmt: „Wer frembe Brieftauben vorsätzlich ober fahrlässig tötet ober verletzt, wirb mit Gefängnis bis zu zwei Jahren ober mit Haft ober mit Geldstrafe bestraft, soweit bie Tat nicht nach anberen Vorschriften mit schwerer Strafe bedroht ist."
Weidmannsheil!
Di. Ludwig Roth.
Wo sterben die meisten Säuglinge? Nach den neuesten vorliegenden Angaben weist die größte Säuglings-Sterblichkeitsziffer aller europäischen Länder Rumänien auf, wo auf 100 Lebendgehorene 17,5 gestorbene Kinder bis zu einem Jahr entfallen? Nach Rumänien folgen Jugoslawien mit 15,0, Bulgarien und Portugal mit je 14,9, Polen mit 13,6, Ungarn mit 13,5, die Tschecho-Slowakei mit 12,2, Griechenland mit 11,3, Spanien mit 10,9, und Italien mit 10,0 gestorbenen Säuglingen. Von hier ab fallen die Sterblichkeitsziffern erheblich ab. So ist in Estland bie Zahl her Säuglingssterbefälle auf 8,9, in ßettlanb auf 8,0, in Belgien auf 7,7, in Dänemark auf 6,7, in Finnlanb auf 6,6, in Frankreich auf 6,5, in Deutschlanb auf 6,4, in England auf 5,9, in der Schweiz auf 4,7, in Norwegen auf 4,4, in Schweben auf 4,3, unb in Holland auf 3,8, auf 100 Lebend- geborene zurückgegangen. Die höchste Sterblichkeitsziffer hat hiernach mit 17,5 Rumänien aufzuweisen, während Holland mit seinen 3,8 auf 100 Lebendgeborene am günstigsten liegt.
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