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Wöchentli
mit einer täglichen
Nr. 11.
Freitag, 13. Januar 1939.
87. Jahrgang.
„Ruhe des Nordens."
Von Heinrich Karl Kunz.
Jahrhunderte europäischer Geschichte sind erfüllt von dem K r i e g s r u h m der germanischen Wiker Skandinaviens. Em ranker, blonder Menschenschlag wuchs auf den einsamen »ofen, fern von dem groben Geschehen, das die südliche Welt erschütterte. Gewaltige Kraftreserven! Der sich stetig verengende Siedlungsraum, der zunehmende Machtanspruch der Könige, das eindringende Christentum, das unter den Groben ves Landes eifrige Förderer fand, brachte sie in Bewegung. Auf scharfbugigen Schiffen erschienen sie an den Küsten Englands. Deutschlands und Frankreichs, warfen die Heere, die nch ihnen entgegenstellten, nieder und fuhren mit Ruhm und Beute überreich beladen heimwärts. Sie belagerten Baris, gründeten Königreiche auf Irland, bauten Kriegerburgen an den Gestaden der Ostsee, besiedelten die Normandie und beherrschten vüditalien und Sizilien. Vor den Toren Konstantinopels tauchten die Drachenköpfe ihrer Boote auf! Die Wikinger, der geflügelte Schrecken Europas! Kriege untereinander^ Kriege mit den Nachbarn. Gustav Adolf, der Retter ves Protestantismus, beitete an seine Fahnen Sieg um Sieg. In Poltawa aber, aufgesogen von der russischen Weite, sank der Stern Schwedens. Mit der Niederlage rind dem frühen Tod Karl XII. erlahmte d ie Kraft des Nordens. Was nachher kam. war Defensive. Länger als ein Jahrhundert leuchtet nun die Sonne des Friedens über Skandinavien, eine erschlaffende Wärme. Der Norden ist müde geworden. „Frieden durch Neutralität" wurde ihm sozusagen zur Weltanschauung, die sich zudem im Weltkrieg als sehr einträglich erwies. Dänemark verdiente durch den Verkauf seiner Lebensmittel. Schweden mit Erzen. Norwegen durch seine Handelsschiffabrt. Sie gelangten zu Wohlstand, für dessen Ausmab die Tatsache spricht, daß Norwegen mit seinen noch nicht einmal 3 Millionen Einwohnern 1935 noch in der Liste der Handelsflotten an vierter Stelle rangierte. Bei dieser Mentalität ist es nicht verwunderlich, daß die skandinavischen Staaten. Finnland eingeschlossen, zu den getreuesten Anhängern der Völkerbundsidee und des Kollektivsystems zählten. Neutralität, unter dem Schutz der Genfer Liga. Sie meinten es ehrlich. Sie rüsteten ab, umso vollkommener, ie weiter sie von dem roten Ruhland entfernt lagen. Nicht nur materiell, auch geistig. Sie lösten sich aus den politischen Kraftfeldern Eurovas und verfielen in einen Zustand, den man die „Ruhe des Nordens" zu nennen pflegt.
Der abessinische Konflikt enthüllte die innere Schwäche der Genfer Entente. Sie entpuppte sich, auch für den gutgläubigen Betrachter, als ein Werkzeug der westlichen Demokratien. Die kleinen Länder, besonders die Nordstaaten, konnten ihre Enttäuschung nur schwer verbergen. Sie fühlten sich beunruhigt. Die „unangenehme" Erkenntnis drängte sich ihnen auf, dab der eigene Friede, so er sich nicht auf den Willen zur Selbstverteidigung gründet, ein Soielball in den Händen fremder Interessenten ist. Die Ereignisse der letzten Jahre waren nicht dazu angetan, diese Auffassung zu erschüttern. So stellte denn der dänische Staatsminister Stauning — und er ist nicht der erste nordische Politiker, der dies tut —. dieser Tage in einer Rede fest: „Wir glaubten einmal an die Fähigkeit des Genfer Bundes. Frieden zu stiften und zu vermitteln, aber wir sind letzt belehrt. dab diese Organisation nicht stark genug ist, irgendwelche Sicherheiten zu bieten.“ Und damit nicht genug. Die verdächtige Regsamkeit, die die Sowjetunion an der Grenze Finnlands entfaltet, die Earnisonierung starker Truppenkontingente in dem Raum von Petersburg bis Murmansk, rote Unterseeboote im Bottnischen Meerbusen und geheimnisvolle Flieger über Nord-Norwegen und Schweden, lassen eine akute Gefahr sichtbar werden. Moskau arbeitet fieberhaft an dem Ausbau seiner Ostseeflotte. Die Vollendung des Stalin-Kanals erlaubt es ihm, die leichteren Einheiten nach dem Weiben Meer zu verschieben und im Nordatlantik einzusetzen. Ein Angriff von zwei Seiten rückt in den Bereich des Möglichen. Die Sowjets schielen, wie schon das zaristische Rußland, nach den eisfreien Häsen Nord- Norwegens und nach den nordschwedischen Erzlagern bei Kiruna. Grund genug zu ernsthaften Besorgnissen. Der Norden ist aus seinem Traum vom ewigen Frieden i ä h auf- geschreckt. Ein Erwachen in eine, aller Sicherheit baren, mit Gefahren bis zum Rande gefüllte WiWrklichkeit.
In dieser Situation muhte der Gedanke einer Zusammenarbeit der nordischen Staaten naheliegen. Oberflächlich betrachtet wirken sie ohnehin wie eine naturgegebene Einheit. Doch die Tatsachen sprechen dagegen. Norwegen, durch den Gebirgskamm von Schweden getrennt, ist atlantisch orientiert, während Schweden das Gesicht der Oltsee. zuwendet. Dänemark aber, ein Jnselreich. das am weitesten von dem östlichen Eefahrenvunkt entfernt liegt, fühlt sich sicher unter dem schon traditionell gewordenen Schutz Englands. Die Bündnisidee blieb in unverbindlichen Erörterungen stecken. Ebenso erging cs weitergreifenden, auf die Einbeziehung der baltischen Staaten, gerichteten Plänen. Polen ein Anlieger der Sowjetunion, bekundete durch mehrfache Besuche seines Auhcnministers in den nordischen Haupt- Itadten lein Interesse. Ein greifbares Resultat wurde trotz allem nicht erzielt. Der dänische Minister Stauning bezeichnete in der schon einmal erwähnten Rede „die kulturelle Einheit als die natürliche Grenze der nordischen Zusammenarbeit". Dah damit den am stärksten bedrohten östlichen Nach
Berechtigte Interessen der Böller.
(Eigener Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung.)
Der Kernpunkt der Führer-Ansprache.
as. Berlin, 13. Jan. Die Ansprache des Führers auf dem gestrigen Neujahrsempfang des Diplomatischen Korps in Berlin findet in der ausländischen Presse starke Beachtung. Namentlich die englischen Blätter unterstreichen die Stellen über die friedliche Bedeutung des Münchener Abkommens und ferner denjenigen Satz, in dem es u. a. heißt, dah die friedlichen Hoffnungen berechtigt seien. Die französischen Blätter verzeichten meist auf eigene Kommentare, geben aber die Rede des Führers selbst in längeren Auszügen wieder. Freilich hält die starke Betonung des Friedenswillens in der Neujahrsansprache gewisse französische Kreise nicht davon ab, wieder einmal Deutschland der unsinnigsten Absichten $n beschuldigen. So war gestern nachmittag in der französischen Kammer das Gerücht verbreitet, Deutschland habe an Frankröich ein Ultimatum gestellt, innerhalb von zwei Tagen der Abtretung Dschibutis an die Italiener zuzustimmen. Hier hat sofort Außenminister Bonnet eingegriffen und dieses Gerücht als unsinnig und frei erfunden bezeichnet und so den Kriegshetzern das Konzept verdorben. Abgesehen von denjenigen Kreisen aber, die ihren Beruf in der Kriegshetze sehen, wird man wohl nirgends daran vorübergehen können, dah im Mittelpunkt der Ansprachen auf dem Neujahresempfang Worte der Erinnerung an das Münchener Friedenswerk standen. Der Vertreter des Diplomatischen Korps sprach dazu die Hoffnung aus, dah das in München geübte friedliche Wrfahren das übliche Mittel zur Schlichtung aller internationalen Streitfragen werde. Der Führer betonte bei feiner Ansprache als das ausschlaggebende Element der Erhaltung des Friedens die Anerkennung derNotwendi gleiten, „die in der geschichtlichen Entwicklung und den natürlichen Bedürfnissen der Völker begründet sind." Nachdem sich in München diese Erkenntnis durchgesetzt hatte, konnte der europäische Friede gewahrt werdem Auch in Zukunft kann es sich nur darum handeln, den natürlichen und berechtigten Interessen der Völker in bestmöglichem Umfang gerecht zu werden. Nur auf diesem Wege sieht der Führer die Möglichkeit, Europa den Frieden zu erhalten.
Ähnliche Gedankengänge klangen auch in dem Trink- spruch an, den Mussolini an Chamberlain richtete. Chamberlain wieder stellte in seiner Antwort die Methode der Verhandlungen zur gerechten und friedlichen Lösung internationaler Schwierigkeiten besonders heraus und hat damit auch wohl eine Richtung weisen wollen, auch die italienisch-französischen Streitpunkte zu erledigen. Jedenfalls hört man auch aus diesen Ansprachen den festen Willen heraus, Streitpunkte, die heute in Europa vorhanden sind, auch fernerhin auf dem Wege zu liquidieren, der in München mit so gutem Erfolg beschritten wurde.
Ganz wesentlich andere Töne klingen von Amerika zu uns herüber. Herr Roosevelt hat die schon angekündigte Rüstungsbotschaft dem Kongreh zugehen lasten, mit der er die Kleinigkeit von etwas über % Milliarde, genau 525 Millionen Dollar zusätzlich der
R ü st u n g e n fordert, womit sich der Wehretat der Vereinigten Staaten auf 1651 Millionen Dollar erhöht. Es ist dies der größte Betrag, der jemals in der Geschichte der Vereinigten Staaten für Rüstungszwecke vorgesehen worden ist. Um dem amerikanischen Volk diese neue Forderung von 525 Millionen Dollar schmackhaft zu machen, wird in der Begründung wieder einmal erklärt, Amerika müsse sich gegen „plötzliche Angriffe" verteidigen können.
Das ist ein nicht gerade neuer Trick. Denn Roosevelt bemüht sich seit langem, seine Ilberrüstungsforderungen mit dem Hinweis auf eine derartige Gefahr durchzufetzen. Die Opposition hat auf die Unsinnigkeit einer solchen Begründung mehrfach hingewiesen. Wer sollte denn auch wohl auf den Gedanken kommen, plötzlich die Vereinigten Staaten zu überfallen. Dafür kämen doch wohl nur die Marsmenschen in Frage, vor denen ja Amerika schon einmal gezittert hat, als der amerikanische Rundfunk ein derartiges Hörspiel sandte, was dank der von Herrn Roosevelt herbei- geführten Kriegspsychose dann bekanntlich zu einer Panikstimmung in den ^Bereinigten Staaten führte. Auch Herr Roosevelt weih natürlich, dah niemand daran denkt, Amerika zu überfallen. J£t fühlt sich aber verpflichtet, der amerikanischen Industrie Profite durch Rüstungsaufträge zuzuschanzen, wofür sich die Industrie dann erkenntlich zeigen soll, wenn sich Herr Roosevelt zum dritten Male um das Amt des amerikanischen Präsidenten bewirbt.
Ribbentrop nach Warschau einaeiaden.
Besuch noch im Lause des Winters.
Berlin, 12. Jan. Der polnische Auhenminister, Oberst Beck, hat den Reichsminister des Auswärtigen, v. Ribbentrop, anlählich seines Zusammentreffens mit dem Reichs- auhenminister in München namens der polnischen Regierung zu einem Besuch in Warschau eingeladen. Der Reichsminister des Auswärtigen hat die Einladung angenommen. Der Zeitpunkt der Reise, die einen Gegenbesuch für den seinerzeitigen Besuch des polnischen Auhenministers in Berlin darstellt und die voraussichtlich noch im Lause des Winters statt- findet, wird zu gegebener Zeit bekanntgegeben werden.
*
„Kurjer Polski" berichtet über den starken Eindruck, den die blohe Ankündigung des Besuches in den politischen Kreisen der polnischen Hauptstadt gemacht hat. Die Bedeutung des Besuches beruhe auf dem Augenblick, der für ihn gewählt worden sei. Europa stehe heute unter dem Eindruck des englischen Besuches in Rom und der Siege Generals Franco in Spanien sowie der italienisch-französischen Spannung und aller Fragen, die mit dem Äittel- meer und den Kolonien zusammenhängen. Weiter verweist „Kurjer Polski" darauf, dah der Reichsauhenminister der erste Leiter der Auhenpolitik Deutschlands sei, der zu einem Besuch nach Warschau komme. Auch aus diesem Grunde habe dieser Besuch eine nicht alltägliche Bedeutung.
Der zweite Tag des englischen Besuches in Rom.
Graf Eiano unterrichtete den deutschen Botschafter von Mackensen über den Verlauf der Besprechungen.
wt. Am Vormittag des gestrigen, zweiten Besuchstages in der italienischen Hauptstadt legten C h a m b e r I a'i n und Halifax an den Königsgräbern im Pantheon und am Grabmal des Unbekannten Soldaten Lorbeerkränze nieder. Hm 11.30 Hhr wurden die beiden englischen Gäste vom König und Kaiser im Quirinal empfangen, anschließend waren sie zur Mittagstafel geladen. Vormittags hatte "Lord Halifax eine Unterredung mit Graf Ciano. In den frühen Nachmittagsstunden wohnten die englischen Minister einer großen, sportlich-militärischen Vorführung der italienischen Jugend im Forum Mussolini bei. Auch der Duce war anwesend. 2hm und seinen Gästen wurden begeisterte Ovationen zuteil. Um 17.30 Uhr begann die zweite Besprechung zwischen dem Duce und Chamberlain, an der auch die beiden Außenminister teilnahmen. Sie dauerte 1% Stunden. Graf Ciano unterrichtete bereits am Vormittag den deutschen Botschafter von Mackensen über den Verlauf der ersten Unterredung. Mit einer Festaufführung von Verdis „Falstaff" in der Königlichen Oper fand der zweite Besuchstag fein Ende. Wie aus Paris gemeldet wird, wird der französische Außenminister Bonnet am Sonntagnach- mittag mit Lord Halifax in Genf zusammentreffen.
ftätigung für die fruchtbare Lebenskraft der Achse, dieses machtvollen Verteidigungssystems eines neuen, auf der Gerechtigkeit aufgebauten Friedens.
In der L o n d o n e r Morgenpresie ist man sich einig in der Feststellung, daß die eigentlichen politischen Verhandlungen gestern bereits ihren Abschluß gesunden haben. Die allgemeine Meinung geht dahin, daß weder England noch Italien dabei irgendwelche neue Verpflichtungen übernahmen. Beide Staaten hätten ihre Gesichtspunkte zu dem Mittelnieerproblem klar und offen vorgetragen. Jeder verstehe die Meinung des anderen. Man nehme aber an, daß jede Seite auf ihrer ursprünglichen Haltung beharrt habe. Dennoch werde der Besuch Chamberlains wieder einmal den Wert persönlicher Fühlungnahmen unter den Staatsmännern erweisen.
Die französische Presie bemüht sich offensichtlich, die Ver- handlungen in Rom unter einem betont pessimistischen Gesichtspunkt zu betrachten.
Errichtung eines Reichsausschusses für Leistungssteigerung.
Die italienische Presse, die heute der Führeransprache beim Neujahrsempfang und der Rede des Reichsministers Goebbels im Rahmen der deutsch-italienischen Rundfunksendung große Beachtung schenkt, bezeichnet die Aussprachen zwischen Duce und Chamberlain als eine „direkte Fühlungnahme zwischen den beiden Imperien Italien und England auf der Grundlage der Gleichberechtigung." Nachdem alle Versuche, Italien seine Stellung als kontinentales, mediterranes und außermediterranes Machtelement streitig zu machen, e'bärmlich zusammengebrochen sei, finde nun in diesen Tagen eine Fühlungnahme •uf neuer Basis statt. Man erhalte hierbei die Ve-
Berlin, 12. Jan. Reichswirtschaftsminister Funk hat aus Grund der Bevollmächtigung des Beauftragten für den Vierjahresplan, Generalfeldmarschall Göring, zur Lenkung aller Maßnahmen der Leistungssteigerung eine Anordnung über die Errichtung eines Reichsausschusses für Leistungssteigerung rrlasien.
Der Reichsausschuß ist beratendes Organ des Reichswirtschaftsministers und steht unter dessen Aussicht. Seine Aufgabe ist cs, allen Stellen aus Staat, Partei und Wirt
schaft, die an der Herstellung und Durchführung einer Wirt schaftsplanung, der technischen Rationalisierung sowie der Leistungsertüchtigung beteiligt find, die organi satorische Grundlage für eine Gemeinschaftsarbeit aus diesen Gebieten zu geben. Er soll ferner die Erfahrungen der Praxis und die Ergebnisse der Forschung sammeln uni auswerten. In dem Reichsausschuß vereinigen sich Vertrete: aus Staat, Partei und Wirtschaft zu einer Gemeinschaftsarbeit, die der freien Entwicklung der gesund all unentbehr- lichen Jnitiativkräfte und der Selbstverantwortung und Selbstverwaltung der wirtschaftlich schaffenden Menschen ein weites Tätigkeitsgebiet Vorbehalten soll.
