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Wiestmöener Tagblatt

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Samstag/Sonntag, 7.18. Januar 1939.

Nr. 6.

87. Jahrgang.

Pariser Teeslunde Chamberlains.

((Eigener Drahtbericht unserer Berliner Schriftleitung.)

Spanien als Hauptthema.

as. Berlin, 7. Jan. Entgegen dem ursprünglichen Pro­gramm werden Ministerpräsident Chamberlain und Außenminister Lord Halifax auf ihrer Fahrt nach Rom nun doch in Paris Station machen und während dieses vierstündigen Aufenthaltes in der französischen Haupt­stadt mit Herrn D a l a d i e r, der gestern die Rückreise von Algier nach Frankreich angetreten hat, und Herrn Bonnet int" französischen Auswärtigen Amt Tee trinken. Es scheint, daß die Anregung zu dieser Besprechung von Paris ausgegangen ist. Da nun auch weiter ver­sichert wird, daß eine Vermittelung Chamberlains int französisch-italienischen Streit nicht in Frage kommt, daß auch Frankreich eine solche Vermittelung nicht e r st r e b t, f» geht man wohl kaum in der Annahme fehl, daß das H uptthema in dieser Teestunde Spanien bilden wird, wenn selbstverständlich auch die anderen Fragen wenigstens gestreift werden dürften. In Spanien nehmen die Dinge ja einen Verlauf, der weder London noch Paris erwünscht ist. Es ist bekannt, daß beide Länder kein starkes nationales Spanien wünschen. Die Engländer sehen in einem starken Spanien eine Belastung ihrer Stellung im Mittelmeer, die Franzosen aber glauben, daß ein starkes Spanien zu einer höchst unerwünschten Bedrohung des See­weges werden kann, auf dem sie ihre schwarzen Truppen von Nordafrika in das Mutterland bringen müßen und zwar gleich, ob diese Transporte nun über das Mittelmeer oder von Nordwestafrika durch den Atlantik gehen. Tatsächlich hat Franco in den letzten Tagen Erfolge erringen können, die die Hoffnungen auf seinen Endsieg neu nähren. Allerdings muß man bei der Beurteilung der Kriegslage v u r sich ti a sein. Man kann von hier aus nicht übersehen, über welche Reserven Franco noch verfügt, um den Angriff weiterzuführen, denn daß ein Stillstand der Operationen den Roten zugute kommen würde, liegt auf der Hand. Jedenfalls wirkt sich im Augenblick aber der Zangengriff, der von Artesa auf Cervera und der von Borjas-Blan- c a s in der gleichen Richtung angesetzten Truppen aus. Das rotspanische Verteidigungssystem zwischen Balaguer und Lerida bricht zusammen. Die Roten zogen, wie sich aus den letzten Heeresberichten ergibt, Truppen "auf der Straße von

Lerida nach Barcelona aus dem „Sack", in deut sie hier sitzen, heraus. Sie haben die Gefahr erkannt und scheinen recht­zeitig ihre Stellungen räumen zu wollen, ehe die Franco- Truppen den Sack zu schließen vermögen.

Cs ist sehr bemerkenswert, daß gerade in dem Augen­blick, in dem Franco neue Erfolge erringt, in Frankreich eine neue Hilfstampagne für Rotspanien be- gonnen hat. Abgeordnete der französischen Linken be­suchen zur Zeit Rotspanien und versichern den roten Bonzen, daß die Abgeordneten sofort nach ihrer Rückkehr in Frank­reich bei ihren Parteien und bei der Regierung eine Hilfs­aktion verlangen würden. Zugleich haben die Sozialisten eine Abordnung zu dem stellvertretenden Ministerpräsident Chautemps" entsandt, tfln die Regierung auf di« Ge­fahren, die Rotspanien drohen, hinzuweisen. Die neue Hin­wendung zu Rotspanien, mit der natürlich auch Ita­lien getroffen werden soll, greift aber offenbar auch auf die Staatsführung über. Das muß wenigstens aus der kürzlich erfolgten Ernennung eines französischen Botschafters für Rotspanien geschlossen werden. Die Engländer scheinen geneigt, insofern den Roten Hilfsdienste zu leisten, als sie offenbar diejenigen Personen, die an dem bekannten Spio­nagefall beteiligt sind, der durch die Öffnung des Kurierge­päcks des englischen Vizekonsuls aufgedeckt wurde, dem Zu­griff der nationalspanischen Behörden zu entziehen versuchen. Dazu weist der Spanienvertreter des „Völk. Beobachters" in einer längeren Darstellung nach, daß es sich keineswegs um einen Einzelfall handelt, sondern daß der diplomatische Kurier von Großbritannien vom 23. 11. bis zum 15. 12. ständig zur Übermittelung von Spio­nage p o st für die spanischen Bolschewisten gedient hat. Es scheint, als ob man in London diese skandalöse Hilfsstellung vertuschen möchte, was immerhin gewisse Rückschlüsse auf die Spantenpolitik Londons zuläßt.

Französische Getreidelieferungen.

Paris, 7. Jan. (Funkmeldung.) Aus Drängen der sozialdemokratischen Abordnung int Verwaltungsrat des Ee- treideamtes hat das Eetreideamt beschlossen, sofort 600 dz Getreide nach Rotspanien zu iiberftihren. Die Liefe­rungen werden sofort in die Wege geleitet.

Fernöstliche Perspektiven.

Von Heinrich Karl Kunz.

„Nachdem ich", so schloß Fürst Konoe die Erklärung, in der er den Rücktritt seiner Regierung begründete „bte schwere Verantwortung für die Grundsätze der China-Politik übernommen hatte, fühle ich mich beschämt, daß meine Fähigkeiten nicht ausreichen, um meine Aufgabe durchzuführen. Das ist der Grund für den Rücktritt meine« Kabinetts." Hat man ähnliche Worte schon einmal aus dem Munde eines europäischen Staatsmannes, der sich einer Situation nicht gewachsen fühlte, vernommen? An die Stelle eines derartig offenen, ehrlichen und ehrenden Ein­geständnisses tritt auf unserem Kontinent, bzw. bei den west­lichen Demokratien, meist die berühmte diploma­tische Krankheit, die man vor oie wahren Gründe schiebt, ohne sie damit ernstlich verbergen zu wollen. Ein Tribut, den man dem übersteigerten Persönlich­keitsbegriff, der sich vom Ganzen, vom Volk losgelöst, selbständig gemacht hat und zum Selb st zweck geworden ist, schuldig" zu sein glaubt. Der Japaner aber fühlt sich als Kämpfer für sein Volk, als Diener seines Kaisers, der Inkarnation des Japanertums. Ihm fließen aller Ruhm und alle Ehren zu. Wenn wir die Erklärung Konoes lesen, werden wir unwillkürlich an General Nogi, den Eroberer Port Arthurs, dem man heute noch in Japan göttliche Ehren erweist, erinnert. Als dieser, von aller Welt bewunderte Feldherr nach Beendigung des Krieges seinem Kaiser Be­richt erstattete, schloß er seine Ausführungen mit folgenden Worten: „Obwohl ich die Ehre hatte, so treue und tapfere Soldaten zu befehligen, brauchte ich, um die Festung Port Arthur zu erobern, fast ein halbes Jahr und ungeheure Opfer dazu. Bei Mukden konnte ich leider wegen der er­littenen furchtbaren Verluste nicht die mir gestellte Aufgabe erfüllen, das heißt restlos die rückwärtigen Verbindungs­linien des Feindes unterbinden und die Masse der feind­lichen Kavallerie entscheidend vernichten. Dieses mein Ver­sagen für eine restlose Lösung der mir gestellten Aufgabe, wird mein Leben lang als eine untilgbare Schuld auf mit lasten." Das Leben und der Tod Nogis, eines glühenden Ver­ehrers des preußischen Soldatentums, bei dem et in die Schule gegangen war, schließen die Möglichkeit, seine Worte als Phrasen zu werten, aus. Bei Konoe dürste es nicht anders sein. Ein Adel der Gesinnung, der uns höchste Achtung abringt.

Besprechung Beck—Ribbentrop.

Der polnische Außenminister aus München abgereist.

München, 7. Jan. Der polnische Außenminister. Oberst Leck, hat am Freitagabend 22.30 Uhr München wieder ver­lassen. Zu seiner Verabschiedung hatten sich auf dem Münchener Hauptbahnhof Reichsaußenminister von Ribben­trop, der deutsche Botschafter in Warschau, von Moltke, und der Chef des Protokolls, Gesandter Freiherr von Doern- b e r g, sowie Reichsleiter Oberbürgermeister F i e h l e r eingesunden. Der polnische Außenminister trat die Weiter­reise in Begleitung des Berliner Botschafters L i p s k i an.

Am Nachmittag hatte eine Besprechung zwischen Reichs­außenminister von Ribbentrop und dem polnischen Außen­minister Beck int Hotel „Vier Jahreszeiten" stattgefunden.

Um 19.30 Uhr gab der Reichsaußenminister zu Ehren des polnischen Gastes int Hotel „Vier Jahreszeiten" ein Abendessen, an dem der polnische Botschafter in Berlin, Lipski, der Kabinettschef des polnischen Außenministers, Graf L u b i e n s k i, Reichsstatthalter General Ritter von Epp, Reichsleiter Oberbürgermeister F i e h l e r, der deutsche Botschafter in Warschau, von Moltke, der Chef des Protokolls, Gesandter Freiherr von Doernberg, und die Herren der Begleitung des polnischen Außen­ministers sowie die den Reichsaußenminister begleitenden Herren teilnahmen. _______

„Ein Schlag ins Wasser!"

Rom zur Mittelmeerreise Daladiers. — Kein Interesse mehr für den weiteren Verlauf.

Rom. 7. Jan. (Funkmeldung^ Mit der Abfahrt des französischen Ministerpräsidenten Daladier aus Tunis hat eine Mittelmeerreise für Italien jedes Interesse ver- Lo r c n. Die römische Presse beschränkt sich aus wenige Beilen, um di« Militärvaraöen. mit denen Daladier überall imvfangen wurde, und die Abreise nach Algier zu verzeichnen, llbgesehen von den antiitasientschen Kundgebungen und dem prote st schritt des italienischen Generalkonsuls in Tunis Jt die wegen ihres herausfordernden Charakters von Anfang ln als inovvortun beurteilte Mittelmeerreise Daladiers als sine Angelegenheit von augenpolitisck untergeordneter Bedeutung behandelt worden. Auch in bezug auf ihre vrovagandistische Wirkung auf die imüelmanische Einge­borenenbevölkerung wird in politischen Kreisen Roms der Reife jeder Erfolg abgesorvchen. Mit dem Abschluß der Di iffeinteeneife Daladiers lasse sich, wie man hier betont, fest- stellen. daß. sofern man von den höchst bedauerlichen Zwiichen- mllen absehe, das Ergebnis der Reife selbst den französischen Lrwartungen in keiner Weise entspreche und eher ein Schlag ins Wasser geworden sei.

FraukreiMeindliche Kundgebungen der Eingeborenen.

Baris, 6. Jan. Die franzosenfeindlichen Kundgebungen m Tunis Sattelt, rote der „Petit Parfsien meldet, jetzt ein Sertchtiiches Nachspiel. 12 e tat gebotene Frauen, die £er nationalistischen Eingeborenen-Bewegung Neu-Desiur nahe- Eehen. wurden wegen Aufreizungzu regierungsfeindlichen Kundgebungen während des Besuches des Ministerpräsidenten 2)alaoter zu Gefängnisstrafen verurteilt. Drei von ihnen er- flwltat je einen Monat Gefängnis, die übrigen neun je

15 Tage Gefängnis. Neun weitere Eingeborene, die Spruch­bänder mit der Aufschrift „Es lebe die Destur-Bewemmg" umheMtragen hatten, find zu Gefängnisstrafen von zwei bis vier Monaten verurteilt worden.

Der Führer beglückwünschte Heinrich Himmler Zur zehnjährigen Wiederkehr des Tages seiner Berufung zum Reichsführer ff.

Berlin, 6. Jan. Der Führer und Reichskanzler hat heute Reichsfnhrer ff und Chef der deutschen Polizei Hch. Himmler aus Anlaß der zehnjährigen Wiederkehr des Tages feiner Berufung zum Reichsführer ff auf dem Berg­hof persönlich seine herzlichen Glückwünsche ausgesprochen.

Die Fürst Konoe gestellte Aufgabe war außerordent­lich s ch w i e r i g. Sie war nicht nur mit den Anforde­rungen, die dem Kriege entspringen, mit den, aus diesdm resultierenden diplomatischen Auseinandersetzungen belastet, sondern auch von starken inneren Spannungen erfüllt. Die soziale Struktur des Landes weist tiefeinge­kerbte Gegensätze auf. Einem schwer ringenden Bauerntum steht ein ausgeprägter Hochkapitalismus gegenüber, der in den Parteien die Führung hat. Die Armee, deren Offiziere meist aus dem Bauernstand hervorgegangen sind, stehen des­halb zu den Parteien, die vom Beginn des Chinakonfliktes an mehr zu diplomatischen Aktionen als zu militärischen Maßnahmen neigten, in Opposition. Für einen europäischen Staat würden innere Auseinandersetzungen von diesem Aus­maß, in einem, die letzten Kräfte anspannenden Ärieck wie ihn Tokio führt, außerordentlich gefährlich sein. Japan aber besitzt in seinem Kaiser eine alle auseinander­strebenden Tendenzen überhöhende Autorität und keiner Interessengruppe käme auch nur der Gedanke, sich ihr zu

Einbruch in das Befestigungssystem Barcelonas

Bis auf 38 Kilometer an Tarragona herangekommen. — der nationalspanischen Luftwaffe.

Saragossa, 7. Jan. (Funkmeldung.) AmSüdflügel der Katalonienfront sind überall heftig« Kampfe entbrannt. Im Nordteil drangen die nationalspanischen Truppen unter dem Befehl des Generals Solchaga in östlicher Richtung drei Kilometer über den Ort Vinaixa hinaus. Durch diese Operation, die trotz des heftigsten Widerstandes der Roten durchgeführt werden konnte, ist der erste der sechs stark ausgebauten Verteidigungs­gürtel Barcelonas durchbrochen worden. Cs konnten dabei 300 Gefangene gemacht werden. Außerdem wurden 50 Maschinengewehre erbeutet.

Die Verteidigungsringe Barcelonas, die in monate­langer Arbeit hergestellt wurden, verlaufen vom Mont- Sant-Gebirge nördlich von Falfet durch das Llena-Eebirge und berühren nordöstlich davon zwischen Cervera und Jgua- lada die Hauptstraße Lerida—Barcelona, um dann bei Man- resa nach dem Osten bis zum Meere abzubiegen. Alle Ver­teidigungslinien bestehen aus zwei Meter starken Eisenzemen tro änb en. Zichlreiche Zement­unterstände sind gegen Flieger- und Artillerieangriffe nach den Plänen ausländischer Militärfachleute angelegt worden. Daneben sind Tausende von Maschinen­gewehrnestern vorhanden.

Südlich der Hauptstraße Lerida—Tarragona, vier Kilo­meter südlich von Viuaixa entfernt, wurde der Ort Vilosell erobert, der an der durch das Llena-Gebirge führenden Straße nach Granadella liegt, di« die Verbindung mit den im Südabschmtt operierenden Truppenteilen Solchagas herstellt. Ferner wurde der Vormarsch in Richtung Falfet fortgesetzt und mehrere wichtige Stellungen besetzt.

Der nationalspanische Heeresbericht mel­det, daß sich an der Katalonienfront der Einbruch der

Hartes Ringen an der Cordoba-Front. — Rege Tätigkeit

— Bisher 26 000 Befangene.

nationalen Truppen auf beiden Flügeln vertieft. Der rechte Flügel konnte auf dem Vormarsch die Orte Vinaixa, Vilosell und Pvbla de Cier­vo les sowie verschiedene wichtige Höhen erobern. Die Truppen haben sich damit bis auf 38 Kilometer an Tarragona herangeschoben. Die Bahnlinie Borjas Biancas—Vinaixa befindet sich nunmehr völlig im Besitze der Franco-Truppen. Nördlich von Falfet besetzten die Navarra- brigaden den Kamm des Mont-Sant-Gebirges. Der Feimd verlor mehrere hundert Tote und 1400 Ge­fangene.

Obwohl gestern an der Cordoba-Front alle An­griffe der Roten blutig ab gewiesen wurden, dauert der Druck des Feindes im Abschnitt Valn i 4-1 o - an. Es kam hier zu überaus heftigen Kämpftnum eine Höhe, die vom Feind erobert und von den nationalen Trup­pen wieder zurückerobert wurde.

Die nationalspanische Luftwaffe war wieder sehr rührig und bewarf die militärischen Ziele von Cartagena und Gandia mit Bomben. Der angerichtete Schaden ist außerordentlich groß.

Eine Zwischenbilanz des bisherigen Verlaufes der Weihnachtsoffensive an der Katalonien-Front, die bekannt­lich seit 14 Tagen anbauert, zeitigt folgendes erstaunliches Ergebnis: Etwa 1500 Quadratkilometer Gebiet wurden erobert, 26 000 Gefangene gemacht, bcr1 Feind hatte Verluste in gleicher Hohe, 88 rote Flieger wurden abgeschofsen, bei 24 ist der Abschuß wahr­scheinlich, zwei rote Flugzeuge wurden erbeutet, 72 Ort­schaften aus den Händen der Sowjets befreit, acht. Tanks wurden erbeutet und fünf unschädlich gemacht, utw| schließlich wurden drei Panjewagen erbeutet