Montag, 8. Dezember 1938.
Wiesbadener Tagblatt
Nr. 284. Seite 5.
Wiesbadener Nachrichten
mit Schellengeläut und Klingelgeraffel oder Peitichenknaller erscheint, will er die lebensfeindlichen Geister und Machte des Sauses verjagen. m ,
Dieser Nikolaustag, als deffen Wahrzeichen geunffer- maßen allerlei Gebildgebäck und Lebkuchen gelten, ht wo'
Frauen arbeiteten für die Volksgemeinschaft
Großer Erfolg des Weihuachtsmarktes im Paulinenfchlöhchen.
Der Weihnachtsmarkt im Paulinenschlögchen war schon Wochen vorher in vielen Famiiien das Tagesgespräch und ost auch für manchen Gatten und Vater eine Quelle heimlichen Ärgernisses; aber nun schmunzeln alle Gesichter und wer erst gebrummt hatte, der ist nun stolz aus seine Frau, die irgendwo im großen Räderwerk stand als ein kleines Rädchen, den Samstag über und den Sonntag inmitten
Allerlei schöne Dinge lockten zum Kauf.
N
brodelnder, sich drängender Besucherscharen und vielleicht am „Kalten Büfett" half oder Pfefferkuchenherzen verkaufte, an einem der Verkaufsstände die Listen führte oder Lose vertrieb, die Spendenbüchse schwang oder Kinder bei der Theateraufführung eines Märchens beaufsichtigte, was nicht ausschloß, daß sie dieses Märchenspiel mit ihnen eingeübt hatte.
Da sagen die Kinder zwischen ihren Müttern und starrten mit großen Augen auf die tannenzweigumrankte Bühne, auf der das Schicksal des „Aschenputtels" gerade vor sich ging, während drunten im alten Saal Kinder für Kinder kochten und sie an kleinen runden Tischen bewirteten; das war ein Schauspiel für die Großen. Während die kleinen Köchinnen und Köche eifrig bei der Arbeit waren, schnitten und quirlten, abschmeckten und mischten, saßen Buben und Mädels in Erwachsenenpositur und aßen um die Wette.
Die Tombola-Lose waren „alle", an den hübschesten Gegenständen der fliegenden Stände stand lakonisch „verkauft". Auf einen Becher aus böhmischem Glas, deffen letztes Exemplar als Muster diente, wurden nur noch Bestellungen angenommen. Drüben konnte man Enzianschnaps trinken, der in einer Schlesischen Eebirgsbaude von Frauen in Landestracht kredenzt wurde. Schräg gegenüber war der Stand einer NS.-Hausgemeinschaft. über ein Jahr lang hatte eine Volksgenoffin mit mehreren ihrer Hausangestellten zusammen in uneigennütziger Weise gearbeitet, und dies war nun das Ergebnis; ein langer schöner Stand, den vier Frauen betreuten.
Im neuen Saal schnurrten die Glücksräder. Um einen
Zungmädels im Dienste des WHW.
Hausfrauen, haltet Wcihnachtsspenden bereit.
Die Wäsche- und Spielzeugsammlung der Jungmädels des Gaues Heffen-Nassau ist schon zu einem festen und gar nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der Winterarbeit geworden. Jedes Jahr ziehen die Mädels mit Leiter- und Handwagen in den ersten Dezembertagen durch die Straßen, trippeln von Tür zu Tür, um abmholen, was vorsorgliche Mütter bereitgelegt haben. Baby-Wäsche, Bettzeug und warme Höschen, winzige Schuhe und Strümpfe, Häubchen und Umhänge, kurz all das, was der eigene kleine Zappelhans nun entbehren kann, oder was von den „Großen" oder Enkelkindern her in einer vergessenen Schublade liegt, nehmen sie mit strahlendem Gesicht entgegen, um damit den Kindern bedürftiger Eltern eine Freude zu bereiten.
Gewiß, früher war es der Stolz und Vorzug einer tüchtigen Hausfrau, alles Alte und Ausgediente aufzubewahren, um es für spätere Fälle, für Verwandte und Kindeskinder, wieder hervorzuhol-en. Heute aber, liebe Hausfrau, ist die ganze große Volksgemeinschaft, die deine Schätze nicht entbehren kann und darum durch ihre jüngsten Fürbitter abholen läßt. Nichts darf mehr ungenützt und tot herumliegen, denn mit jedem noch so unscheinbaren Stück kann die Sorge anderer gemildert werden.
Und wenn du dann schon am Suchen und ltberprüsen bist, liebe Hausfrau, dann sieh doch einmal gleich nach, ob sich auch noch ein Spielzeug findet: einfache, unzerbrechliche Dinge, die — neu oder aber noch gut erhalten — dem fremden Kinde noch viel Freude bringen könnten. Der nette bunte Kasper zum Beispiel oder Liesel, die vergeffene Puppe mit den lustigen Kulleraugen, Peters Baukasten oder das Mosaikspiel. Vielleicht ist da auch noch der süße Verkaufsstand von Friedel, über den sie längst hinaus gewachsen ist, eine Puppenküche oder gar ein Bauernhof — wieviel jauchzende, selige Weihnachtsfreude erwecken sie wieder, wenn sie durch die Hände der Jungmädels den Weg zur NSV. und ihren Betreuten finden.
Am Dienstag, 6. Dez., ab 15 Uhr, kommen die Jungmädels! Drum, liebe Hausfrauen, sorgt für Bereitstellung eurer Spenden an diesem Tage. Und habt ihr ein paffendes Geschenk nicht zur Hand, dann werft bitte ein Geldstück in die Sammelbüchse, die die Jungmädels mit sich führen.
riesigen, in der Mitte des mächtigen Raumes angeordneten Verkaufsstand der Erbenheimer Frauen drängten sich die Kauflustigen. Dort hob ein Kind eine Puppe ins Licht, nun ein Pferd mit Wagen. Kinderlachen schwirrte auf, und dort greinte eins, weil ihm sein Wunsch nicht erfüllt wurde. Drüben tat man sich an Schiersteiner Weinen gütlich, während im Zwischenraum alle Tische mit Kaffeegästen besetzt waren, zwischen denen flinke Mädchen mit ihren Tabletten bedienten. Hier hatte auch das Handwerk einen grogen Stand aufgebaut, an dem Erzeugnisse Odenwälder Schnitzer und Drechsler neben denen Wiesbadener Meistern zu finden waren. ,
Auf den Treppen und Gängen herrschte ein groges Schieben und Drängen. Wer zum Ausgang wollte, hatte
Hochbetrieb in der Kindertüchc.
(Zwei Photos: Efpert — K.)
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Mühe durch die Menge zu kommen und seine erstandenen Herrlichkeiten vor dem Zerdrücktweiden zu bewahren. Da sah man denn Segelfluginodelle, Brotteller und auch einen Kinderwagen hoch über den sich durcheinander schiebenden Köpfen schweben, Mäntel und Hüte. Einer hielt ein großes Bücherpaket und drängte dagegen. Aber schließlich waren die einen draußen und der andere drinnen.
Es gab Leute, die sagten ärgerlich: „Ach gehen wir wieder, in diesem Gedränge kann ich's nicht aushalten . . . Das ist ja fürchterlich . . ." Was hätten wohl die gleichen gesagt, wenn es leer gewesen wäre. (Gewiß: „Hundeleer ist s hier. Was kann hier schon los fein . . . Ach, gehen wir wieder".) Das sind eben die, denen man es niemals recht machen kann. Aber sie sollten sich doch einmal überlegen was es heißt, in diesem Gedränge selbstlos für die Eemernschistt an irgend einem Platz einzustehen; vorher bei der Herrichtung und der geschmackvollen Ausgestaltung des Ganzen helfende Hand anzulegen und hinterdrein gibts auch noch genug Arbeit. . . _ , .
Die Frauen Wiesbadens standen in einer Front im Dienste der Volksgemeinschaft.. K. E.
St. Nikolaustag — der Kinder Vorweihnachtsfest.
Er ist auch den Groben ein lieber Begriff.
Pom Kalender her betrachtet, tut sich uns am ersten Adventsonntag der Zauber der Vorweihnacht auf; für die Kinder aber bedeutet eigentlich erst der 6. Dezember die Eingangspforte in das Paradies der weihnachtlichen Erwartungen und Wünsche. Ob im Osten oder im Westen, ob im Süden oder im Norden —, überall im Reich in dieser Tag das eigentliche Fest der Kinder, ibre fröhliche Vorfeier für Weihnachten. Noch vor etwa hundert, Jahren war er in vielen Gegenden bedeutsamer als das pulsest selbst, und wenn beute ein großer Teil der Industrie sich im ganzen Jahr auf das Hauptgeschäft zu Weihnachten einstellt, so bedeutete damals der Nikolaustag für die arme Bevölkerung der deutschen Mittelgebirge den wirtschaftlichen Höhepunkt des Jahres; denn für die Spielwarenherstellung war er der wichtigste Termin. Auch Gevatter Schuster und Schneider, das Handwerk überbauvt, bekamen zu diesem Tage besonders zu tun; wurden doch die Kinder von ihren Eltern, reichlicher aber noch von ihren Taufpaten mit allerlei Gaben bedacht. Auch das Gesinde erhielt sein bescheidenes Geschenk.
Auch heute noch sind die alten sinnfälligen Bräuche zum Nikolaustag lebendig, in jedem Gau zwar anders geprägt, immer aber der spiel- und liedfrohe Rahmen zum vorläufigen Eabentisck der Jugend. Ja, bis in die modernen Großstädte hinein üben sie Zauber und Wirkung aus; denn auch hier füllen sich am Vorabend die an den Herd, vor die Tür oder vor das Bett gestellten Schuhe und Teller mit leckeren Süßigkeiten. Wenn an den Tagen vorher die ganz Kleinen tragen, wer denn der Nikolaus gewesen sei. dann hören sie wohl die Geschichte von dem „gütigen Manne, der vor eintausendfünfhundert Jahren Bischof von Myra in Kleinasien gewesen und nach seinem Tode als helfender Vater der Armen, besonders aber als der gute, schenkneudlge Geist der Kinder beweint wurde. Ganz selten erzählt man ihnen vielleicht auch noch aus der Zeit, lange ehe Nikolaus lebte, die Sage von dem germanischen Gott Ruodebrecht, der damals schon die Kinder beschenkt haben soll.
Der Nikolaus ist ein launischer Gesell; in, manchen Gegenden läßt er sich nie sehen und gibt stillschweigend und unerkannt seine Gaben aus, in anderen wieder hält er. von einer großen Kinderschar umringt, seinen festlichen Umzug und teilt seine Geschenke selbst aus. Er tritt dann oft, in ein weißes Laken vermummt, mit weißem Bart auf, vielfach von lärmenden Schreckgestalten begleitet. Wenn er lärmend
MWM
Nun kann der Nikolaus kommen ...
Christel hat die größten Schuhe, die im Haus aufzutreiben waren, vor die Tür gestellt.
(Weltbild. K.)
uns allen ein lieber Begriff in der Zeit der Weihnachtsrustc. Weil wir die Erinnerung an ihn aus dem Himmel der Kindheit nicht missen möchten, wollen mir ihn auch weiterhin mit unseren Kindern beim summenden Lied der Bratäpfel gebührlich feiern. <*>-
Wann kommt Herr Meier?
Gedanken im Borzimmer.
„Herr Meier kommt sofort wieder."
„Sofort? — Was heißt sofort?"
„Sofort heißt sofort."
Man beginnt nachzudenken. Sofort kann auch „einen Augenblick" heißen.
Das hört man doch täglich dreißigmal:
„Einen Augenblick. Herr Meier kommt sofort wieder."
Die Gewitzigsten fragen:
„Wie lange dauert bei euch ein Augenblick? Warum sofort. Warum nicht bald?"
„Nein, nein, Herr Meier kommt tatsächlich sofort wieder."
Während der jetzt einsetzenden Wartezeit kann man nun in der ersten halben Stunde ferner darüber nachdenken, daß es für das rätselhafte Wörtchen sofort auch noch andere Ausdrücke gibt.
Man kann etwa sagen:
„Herr Meier wird unmittelbar erscheinen."
„Herr Meier wird augenblicklich zurück sein."
„Herr Meier wird gleich wieder da sein."
„Herr Meier wird so schnell, wie möglich, wieder Herkommen." r , . . „
Herr Meier wird in zwei Minuten zu sprechen sein.
„Herr Meier wird mit möglichster Beschleunigung zurück- tehren."
„Herr Meier wird ohne Verzögerung kommen.
„Herr Meier wird bald da sein."
Mit dem Wörtchen bald kommt man Herrn Meier und der Sache im allgemeinen schon etwas näher.
Bald ist immerhin ein Begriff, der mit sofort nichts mehr zu tun hat.
Unter bald versteht man alles:
Später. — Sobald er frei ist. — Bei der ersten Gelegenheit. — Wenn er Zeit findet. — In allernächster Zeit. — In angemessener Zeit. — Wenn die Sache reif ist. — Wenn es die Umstände erlauben. — Eines Tages.
Das alles heißt bald.
Bald kann auch heißen: „Am Sankt Nimmerleinstag , oder „Wenn Ostern und Pfingsten auf einen Tag fällt."
„Kommt Herr Meier nun endlich?"
„Ja, er muß bald kommen."
„Na, dann grüßen Sie Herrn Meier schon und bestellen Sie ihm, daß ich bald mal wieder kommen werde." ck.
Eine Kartei der verderbten Sippen.
Ausgaben der Kriminalerbbiologie.
Die vom Reichsführer ff und Chef der deutschen Polizei durchgeführte Reform der Polizei bringt es u. a. auch mit sich daß die Kriminalpolizei sich künftig nicht mehr allein mit der Person des Rechtbrechers als Einzelpersönlichkeit zu beschäftigen, sondern stets allgemein zu prüfen haben wird, ob und inwieweit Erbgut und Umwelt den Träger beeinflußt haben. Bisher konnte allerdings das umfangreiche Gebiet der Kriminalerbbiologie nur in bescheide-
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