Wiesbadener Tagblatt
Mittwoch, 30. November 1938.
Zweites Blatt. Nr. 280.
Luftschutz auf Abruf?
Ei« offenes Wort von Generalleutnant von Roques, Präsident des Reichsluftschutzbundes.
Der Präsident des Reichsluftschutzbundes, Generalleutnant von Roques, veröffentlicht in der „Sirene" einen Aufsatz, der sich mit einigen unliebsamen Erscheinungen aus der letzten Zeit beschäftigt, und mit manchen irrigen Folgerungen aus ded Münchener Besprechung e n aufräumt. Dem uns zur Verfügung gestellten Aufsatz entnehmen wir die nachstehenden Ausführungen, die wir der ernsten Beachtung aller, insbesondere aber denen, die es unmittelbar angeht, in ihrem eigensten Interesse empfehlen.
Der Luftschutz ist keine Angelegenheit auf Abruf! Man kann ihn nicht bei eintretender Kriegsgefahr erwerben, wie man einen Regenmantel vom Haken nimmt oder einen RLgsnschirm kauft, wenn sich draussen der Himmel verfinstert. Man muss den Luftschutz ebenso wie alle anderen Einrichtungen der Landesverteidigung in stillen Friedenszeiten mühsam aufbauen, selbst auf die „Gefahr" hin, doch er niemals wirksam zu werden braucht. 3m Gegenteil! Wehrmacht und Luftschutz haben dann ihren letzten Sinn gefunden, wenn sie allein durch ihr Dasein einen Krieg verhindern, wenn sie also so stark sind dass kein Gegner das Risiko eines Angriffskrieges auf sich zu nehmen wagen kann. „Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor!" wussten schon die alten Römer.
Der Führer hätte niemals diese kraftvolle und mutige Politik betreiben können, die uns die Freiheit und Ehre wiederbrachte und die in einem halben Jahr zehn Millionen Deutsche ins Reich heimführte, wenn er nicht die starke Wehrkraft der von ihm geschaffenen Volksarmee und die Luftabwehrbereitschaft des ganzen Volkes hätte in die Waagschale werfen können. Hätten die Träger des Luftschutzes nicht auch in fünfjähriger mühevoller Arbeit die Luftschutzbereitfchast der Nation auf einen hohen Stand gebracht, so wäre das ein Schwächepunkt gewesen, der sich vielleicht ebenso verhängnisvoll ausgewirkt hätte, als wenn im Westen des Reiches nicht ein unüberwindlicher Wall aus Stahl und Beton gestanden hätte! Da es der heisse Wunsch aller guten Deutschen ist, dem Führer auch in Zukunft die Handhabe zu geben, unsere vielfältigen Rechtsbelange kraftvoll zu vertreten, ist es jedes Volksgenossen erste und vornehmste Pflicht, die Voraussetzungen hierfür zu schaffen. Und hierzu gehört unter vielem anderen auch die Vorbereitung und die Durchführung eines wirksamen Selbstschutzes für sich und die seinem Schutz Anbefohlenen! Wer die harmlos-naive Auffassung vertritt, dass seit dem denkwürdigen Tag von München der ewige Friede in Europa eingekehrt sei, begeht aber auch noch einen unverzeihlichen politischen Irrtum. Gewiss, unser Führer und wir alle wünschen mit Leidenschaft den Frieden und hoffen auf ihn unentwegt und zuversichtlich. Nichts aber soll uns ferner liegen als eine weltfremde verderbliche Selbsttäuschung. Der Führer hat sich schon am 9. Oktober gezwungen gesehen, auf dem Befreiungsfeld in Saarbrücken eindringlich und mahnend festzustellen, dass mit erhöhter Energie an dem Schutze und der Sicherheit des Reiches weitergearbeitet werden müsse. Denn, io führt er wörtlich aus: „Auch heute noch ist die Welt erfüllt vom Geist vonVersailles. Das verpflichtet uns, wachsam und auf des Reiches Schutz bedacht zu fein! Jederzeit zum Frieden gewillt, in jeder Stunde aber auch zur Abwehr bereit!" x
Als wenn es notwendig gewesen wäre, die Worte des Führers noch zu bestätigen, vernehmen wir seit jenem Tage aus dem Munde der Erben des Geistes von Versailles wiederum das uns aus der Zeit vor München sattsam bekannte Kriegsgeschrei in neuer, vermehrter Auflage. Wir vernehmen mit Verwunderung, dass überall neue Kredite zur Aufrüstung in ungewohnter Höhe bewilligt werden, dass neue Rüstungsbetriebe gebaut, dass neue Truppenkontingente aufgestellt, dass insgesamt die Aufrüstung in schärfstem Tempo vorangetrieben wird. Soll uns das nicht misstrauisch machen und zur Vorsicht mahnen? Sollten wir Friedensträumen nachhängen, während die anderen weiter zum Kriege rüsten?
Diejenigen, die den Luftschutz als eine termingebundene Angelegenheit ansehen, haben zu allem Überfluss noch in diesen Tagen die gebührende Antwort aus London erhalten. Dort nämlich werden gerade der zivile Luftschutz und der Selbstschutz der Bevölkerung mit ungewöhnlicher Energie vervollkommnet. Ein starkes Luftschutzkorps wird aufgestellt. Tausende von Luftschutzräumen werden gebaut. Die kritischen Septembertage haben den Engländern die Lehre erteilt, dass in dieser Beziehung ihre Wehrbcreitschaft den grössten Schwächepunkt auswcist.
Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, und wer die Zeichen der Zeit zu deuten weiss, wer überdies Pflicht und Verantwortung gegen sich selbst und seine Nation kennt,
Der „Tag der nationalen Solidarität" ist der Tag des Bekenntnisses zur Volksgemeinschaft.
der wird, soweit noch erforderlich, den Luftschutz seiner Familie, seines Hauses und seines Betriebes v e r v o l l - ständige n. Er wird ohne weiteren Verzug sich durch den Reichsluftschutzbund ausbilden lassen, er wird für sich und die Seinen die Volksgasmaske erwerben, er wird für einen Luftschutzraum im Hause und für Gerätschaften und Werkzeuge zur Brandbekämpfung sorgen.
Wer in Zukunft noch so verblendet und vermessen sein sollte, seine Unterlassungssünden im Luftschutz mit der Ausrede zu entschuldigen, dass doch der Führer den Frieden wolle und dass im Gefahrenfalle immer noch Zeit wäre, den Luftschutz vorzubereiten, der mutz sich gefallen lassen, a l s Schädling an der Volksgemeinschaft und als Saboteur des Friedens angesehen und behandelt zu werden! Es mutz einmal auch an dieser Stelle mit aller Deutlichkeit gesagt werden, datz nur in der steten unermüdlichen Vervollkommnung unserer Rüstung — und dazu gehört auch der Luftschutz-Selbstschutz der^ Zivilbevölkerung! — unsere Stärke beruht. Nur ein starkes, mannhaftes, luftschutzbereites deutsches Volk wird auch in Zukunft den Frieden verbürgen!
Die Autofallenräuber fünfmal zum Tode verurteilt.
Mannbeim. 29. November. Das Mannheimer Sondergericht verurteilte den 18jährigen Reif und den 19jährigen Horn, die auf der Reichsauto- bahn bei Heidelberg den Bäckermeister Müller aus Offenbach in feinem Auto niedergeschlagen und zu berauben versucht hatten, als gefährliche Verbrecher wegen 5 Verbrechen des Strahenraubes mittels Autofallen nach der Verordnung vom 22. 3uni 1938 fünfmal rum Tode, wegen Mordversuches zu fe 10 Jahren Zuchthaus, lebenslänglichem Ehrverlust und zur Sicherungsverwahrung.
In der Begründung des mit der Verkündung rechtskräftig gewordenen mehrfachen Todesurteils des Sondergerichts im Prozess gegen die Strassenränder Rett und Horn beißt cs. in fünf Fällen habe das Gericht als festgestellt erachtet, dass beide die Wagen mit der räuberischen Absicht zum Anhalten gebracht hätten, um im gegebenen Augenblick ihr Vorhaben auszufübren. c n , Das „Au t o f a l l e n g e s e tz sei aus dem Leben genommen und kenne keine Gesetzessprache. Es werde aber vom Gesetzgeber in dem Erlass vom 22. Juni .1938 zum Ausdruck gebracht, dass alle Verbrechen unter dieses Gesetz fallen, die eine List und eine Plage für den Kraftwagenverkehr dar- stellen: dieses Gesetz umfasse alle Kraftwagen und Krafträder. Es werde jedes Mittel zum rechtswidrigen Anhalten als Beginn der Autofalle anseben und es. setze voraus, dass gegen den Willen des Autofahrers die Weiterfahrt behindert werde.
Das Sondergericht habe in diesem Falle das Hochhalten des Armes als den Beginn des Verbrechens angesehen und das Winken und Einsteigen in die Autos als vollendetes Delikt angenommen.
Der letzte Fall fei besonders schwer gewesen und charakterisiere die Gesinnung der Angeklagten treffend. Der Verletzte habe unter seinem Eid ausgesagt, dass Reif hinter ihm Platz nahm und Horn neben dem Steuersitz. Reif sei zum Zuschlägen bestimmt gewesen und sollte Müller „zur Strecke" bringen, während Horn das Steuer zur Weiterfahrt ergreifen sollte. Der Wagenführer befand sich in einer regel
rechten Autofalle und konnte seinem Schicksal nrcht mehr entrinnen. Dib Müller mit dem Leben davonkam, fet den Zeugen zu verdanken, die die Verfolgung der Tater ausgenommen hätten.
Das Gericht habe weiter einen Mordversuch als erwiesen angenommen m dem Fall Müller. Ren habe zwet- mal mit dem Hammer Müller auf den. Kopf geschlagen. Durch die Schläge hätte der Tod eintieten können. Es wurde bedingter Vorsatz mit Überlegung angenommen. Totungs- versuch 88 211 und 43 RStEB. (Verbrechen wider das Leben). F->r diese Tat wurden 10 Jahre Zuchthaus als ausreichende Sühne ausgeworfen. Gemäss 8 32 RStEB. mussten zwangsläufig mit den Verbrechen auch tne bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit aberkannt werden. Das Gericht war auch der Auffassung-, datz die Voraussetzungen des 8 20a gegeben sino. datz. wenn drei vorsätzliche Taten vorliegen, bte Sicherungsverwahrung nach 8 42 e RStEB. verbaust werden kann. Von dieser Strafbestimmung wurde im vorliegenden Falle Gebrauch gemacht und bei beiden Angeklagten bte Sicherungsverwahrung ausgesprochen.
Landgerichtspräsident Mickel unterstrrch am Schlug seiner Urteilsbegründung, bah die Behinderung der Autofahrer auf Landstrecken, insbesondere auf Autobahnen, einen Rechtsbruch der öffentlichen Ordnung des Rechtsfriedens darstelle. Die Volksgemeinschaft verlange aus Gründen bet Rechtssicherheit. bass mit Rücksichtslosigkeit gegen biete Verbrecher vorgegangen werde.
Gattenmörder zum Tode verurteilt.
Nordhausen, 30. Nov. Das Nordhausener Schwurgericht verurteilte am Dienstag den am 7. Juli 1894 im Kreise Marienwerder geborenen Otto Friedrich Dittrnann zum Tode. Dittrnann batte am 6. März 1938 in Seiligenstadt seine Ehefrau vorsätzlich und mit Überlegung getötet. Der Angeklagte batte längere Zeit mit seiner um vieles jüngeren Schwägerin ein Liebesverhältnis unterhalten. Als dieses Liebesverhältnis seiner Frau zu Ohren kam und sie sich heftig dagegen zur Wehr setzte, fasste Dittrnann den Ent- schlutz. seine Frau zu beseitigen, und ermordete sie.
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