Wiesbadener Tagblatt
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86. Jahrgang.
Freitag, 11. November 1938.
Nr. 265.
Der Umbau der Tschecho-Slowakei
(Eigener Drahtbericht uns
Widerstände und Schwierigkeiten.
as. Berlin, 11. Non. Der Wandel der Dinge in der Tschecho-Slowakei ist zwar in manchen Vorgängen recht gut zu erkennen, doch zeigen sich auch immer wieder Schwierigkeiten bei der Umgestaltung. So kommt man mit der Umbildung des Parteiensystems nur sehr langsam vom Fleck. Im Zusammenhang damit stehen auch die Schwierigkeiten bei der Neuwahl des Staatspräsidenten. Die Linksparteien, die sich zwar in voller Auflösung befinden, suchen die baldige Neuwahl zu hintertreihen, offenbar in der Furcht, datz ein allzu energischer Mann gewählt werden würde, der ihnen unbequem werden könnte. Aber auch di« Slowaken vertreten die Ansicht, datz erst einmal verschiedene Fragen geklärt werden müssen, ehe man die Präsidentenwahl vornimmt. Dabei geht es den Slowaken um die staatsrechtlichen Grundlagen. Sie wollen von vorneherein die Befugnisse des neuen Staatspräsidenten geklärt und ihre eigenen Rechte gesichert wissen. Uber diese Dinge soll jetzt in Prag verhandelt werden. Zu diesem Zweck trifft heute der slowakische Ministerpräsident T i s o in der tschechischen Hauptstadt ein. Dabei betont man, datz die Präsidentenwahl, die von den 237 Mitgliedern des Abgeordnetenhauses und den 119 Senatoren vorgenommen wird, als provisorisch gelten soll. Sie soll von dem nach der zu schaffenden neuen Verfassung gebildeten Parlament bestätigt werden. Ob unter den gegenwärtigen Umständen die Präsidentenwahl bereits Ende dieses Monats, wie vielfach angenommen wird, stattfinden kann, bleibt abzuwarten. Das jetzige Rumpfparlament — das Abgeordnetenhaus blitzte 63, der Senat 31 Mitglieder «in — soll auch noch die neue provisorische Verfassung annehmen, die den bundesstaatlichen Charakter der Tschecho-Slowakei gesetzlich verankern soll.
Andevseits zeigen verschiedene Meldungen, datz man in Prag bemüht ist, sich den neugeschasfenen Verhältnissen nach Möglichkeit anzupassen. So wendet man seine Aufmerksamkeit vor allem den llmsiedlungsfragen zu, die nicht nur durch den Zuzug der Tschechen aus den abgetretenen Gebimsten entstehen, sondern auch dadurch, datz beispielsweise d r e Slowakei nichtweniger als 200 Lehrer den Tschechen zur Verfügung stellt, da diese bisher von Tschechen besetzten Stellen jetzt den Slowaken zufallen sollen. Man mutz jedenfalls mit einer ziemlich starken Bevölkerungsbewegung rechnen. Die Prager Regierung hat deshalb beschlossen, ein Siedlungs- und Auswanderungsinstitut zu schaffen, das die Umsiedlung bzw. den Austausch tschechoslowakischer Staatsangehöriger aus den abgetretenen Gebieten zu organisieren haben wird. Daneben soll die Zentrale auch für die Auswanderung jener Personen Sorge tragen, die wegen Überfüllung gewisser Berufe ihren Lebens-
crer Berliner Schriftlcitung.)
unterhalt in der Tschecho-Slowakei nicht finden oder aus bestimmten Gründen die Staatsbürgerschaft nicht erhalten können. , _, , , ... .
• Aus der Umsiedlung ergeben sich aber auch für die Deutschen im neuen tfchecho-slowakischen Staatsgebiet erhebliche Schwierigkeiten. So hat, die Schaffung eines „deutschen Arbeitsamtes für Liquidierung und Reorganisation" mit dem Hauptsitz in Prag und mehreren Zweigstellen im übrigen Staatsgebiet die deutsche Bevölkerung, die in der Tschecho-Slowakei verblieben ist, von einer schweren Sorge befreit. Viele tausende Deutsche haben in den letzten Wochen ihre Arbeitsplätze verloren weil sie den ans dem abgetretenen Gebiet zurückströmenden Tschechen Pl^st machen mutzten. Die Nachricht, datz der nunmehrige Führer des Deutschtums in der Tschecho-Slowakei, Äbgeordneter K u n d r, Beauftragt wurde, unter dem Titel „Deutsche Reichshilfe" eine Aktion einzuleiten, um die in Not geratene sudetendeutsche Bevölkerung des jetzigen tschecho-slowakischen Staatsgebietes zu unterstützen, ist daher mit groher Erlelchte- rung und Dankbarkeit aufgenommen worden.
Schlfehl ich ist festzustellen, datz man sich rn Prag bemüht, der kommunistischen Verhetzung entgegenzutreten. Nachdem die kommunistischen Zeitungen das Erscheinen bereits einstellen mutzten, geht man nunmehr auch m r t V erbot e n gegen Filme vor, die kommunistische Tendenzen vertreten. Ebenso ist in Prag auch eine sogenannte Kleinkunstbühne geschlossen worden, die ihr Programm auf der Hetze gegen das nationalsozialistische Deutschland aufbaute und hauptsächlich von Kommunisten besucht wurde.
Dr. Goebbels an die Bevölkerung.
Von weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen die Inden ist abzuseheu.
Berlin, 10. Nov. Reichsminister Dr. Goebbels gibt bekannt: Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes, über den feigen Mischen Meuchelmord an einem deutschen Diplomaten in Pans hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Matze Lust verschafft. In zahlreichen Städten und Orten des Reiches wurden Vergeltungsaktionen gegen Mische Gebäude und Geschäfte vorgenommen.
Es ergeht nunmehr an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen. D,e endgültige Antwort aus das jüdische Attentat in Paris wird auf dem 'Wege der Gesetzgebung bzw. der Verordnung dem Judentum er teilt werden.
Das Ende der Volksfront.
Bruch der Radikalsozialen mit de« Kommunisten.
Paris, 10. Nov. Der Sammelausschutz der Bolks- frontbewegung ist am Donnerstagnachmittag zu einer Sitzung zusammengetreten, während der die Radikal- soziale Partei ihren Bruch mit der Kommunistischen Partei vollzogen hat. Der einzige auf der Sitzung erschienene radikalsoziale Vertreter hat einen Brief seines Parteivorstandes verlesen, der äuherst scharfe Angriffe gegen die Kommunisten enthält und sie für die Spaltung der Bolksfroutbewegung allein verantwortlich hinstellt. Nachdem der Sammelausschutz der Volkssrontbewegung von dem Schreiben der Radikaljozialen Partei Kenntnis genommen hatte, wurden die Beratungen unterbrochen, um den verschiedenen der Volksfront angehörenden Parteien und Organisationen Gelegenheit zu geben, zu dieser Erklärung Stellung
Volksfront besteht nicht mehr." Die Sitzung wurde daraufhin auf unbegrenzte Zeit vertagt
Die Sozialdemokraten konnten mit ihren Drohungen all» den Bruch der Volksfront nicht verhindern.
Geburtstag Victor Emanuels.
Glückwunsch des Führers.
Berlin, 11. Nov. (FunkmeLmng.) Der Führer und Reichskanzler hat Seiner Majestät dem König von Italien und Kaiser von Äthiopien zum Geburtstag drahtlich seine Glückwünsche übermittelt.
Ismet Jnönü Nachfolger Atatürks.
Istanbul, 11. Nov. (Letzte Funkmeldung.) Das türkische Parlament hat am Freitag Ismet Jnönü zum Staatspräsidenten gewählt.
Das Lebenswerk Atatürks.
* Der Herr des Palastes Dolma Bagtjche ist nach tapferem Ringen mit dem Tode nun doch dahingegangen. Die Staatsjacht „Savarona", die so lange Zeit dem Kranken Heim und Sanatorium war, hat die Flagge auf Halbmast gesetzt. Kamal Atatürk, den sie Eazi, den Sieggewohnten, nannten, ist nicht mehr. ,
Eine ganze Welt wurde neugestaltet, seit Mustafa Kamal in Saloniki geboren wurde. In ihm, dem heut« erst
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Eazi Mustapha Kamal Atatürk.
(Scherl-Wagenborg-M.)
57jährigen, verkörpert sich der Untergang des türkischen Balkanstaates, das Dahinstechen des „Kranen Mannes am Bosporus". Revolutionär, der er war, hat er sein Teil tmt- geholfen, um die morsche Herrlichkeit der Hohen Pforte durch eine bessere Staats gemeinschaft zu ersehn. In ihm ahen die Jungtürken, eine ihrer schönsten Hoffnungen. Und ie erfüllten sich, wenn auch die fintieren Lehren des Welt- rieges, auch die ganze Schwere hatzvoller Friedensdiktate erst ausgekostet werden muhten. Im August 1918, in allerschwerster Zeit, übernahm Mustafa Kamal Pascha die 7. Armee: in Palästina und Syrien schlug er sich nicht mehr um den Sieg, sondern der Ehre wegen.
Mustafa Kamal rettete aus dem beginnenden Chaos das Kerngefüqe des türkischen Reiches. Er war es, der den National kongretz nach Sivas einberief, den die am 23. April 1920 zu Ankara eröffnete Türkische Erohe Nationalversammlung zum Leiter der Vollzugsgewalt bestellte. Zither war er Herr der Türkei, Sieger im Befreiungskamps gegen die Griechen, der ihm den Ehrentitel Gazi schon 1921 eintrua. Die Räumung ganz Kleinasiens nicht nur von den Truppen sondern auch von der Zivilbevölkerung griechischer Nationalität leitete die Festigung der Türkei als eines geschlossenen Volkskörpers ein. Der nach ihm benannte Kamalismus war jedem Panislamismus abhold, er erging sich auch nicht in der Forderung des Turanismus, der eine Vereinigung aller, wenn auch noch so fremdartiger Turk- vAker anstrebt. Das vorislamische Türkentum war seine Richtschnur, Erstarkung des Volkes aus eigener Kraft, Anwendung, sinnvolle Anwendung der europäischen Technik und Wirtschaft: das waren Mustafa Kamal Paschas Richtlinien auf seinem so üfieraus erfolgreichen Weg.
Der Führer und Reichskanzler hat vor fünf Jahren einmal den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausfchusies der Türkischen Nationalversammlung seine Überzeugung aus- gedrückt, datz die Ziele der beiden Völker, die Ansichten des nationalen Türkentums und des Nationalsozialismus die gleichen seien, und datz sich beide auf emem starken,
zu nehmen.
In dem Bries des radikalsozialen Parteivorstandes wird u. a. das Erstaunen darüber ausgedrückt, datz die Kommunistische Partei darauf beharre, an einer politischen Formation beteiligt bleiben zu wollen, die sie unaufhörlich beleidigt, während doch die Vernunft es von ihr verlangte, mit den Männern zu brechen, deren Politik sie für „verbrecherisch und schimpflich" halten. Da die Kommunistische Partei sich weigere, die logische Schlutzsolgerungen ihrer Haltung zu ziehen, erkläre man mit Nachdruck, sich zu weigern, noch länger an demselben Tisch mit ihr zu sitzen.
Der Vertreter der Sozial-Republikanischen Vereinigung erklärte, nach dem Austritt der Radikalsr^ialen könne von einem sogenannten „Sammelausschutz der Volksfront" nicht mehr die Rede sein. 5m Augenblick, wo nicht mehr all« Parteien und Organisationen, die an der Gründung ter Volksfront teilgenommen hatten, in diesem Sammelausjchug vertreten seien, werde auch die Teilnahme der sozial- Republikanischen Vereinigung an der Volksfront hinfällig. Auf einen Zwischenruf des Kommunisten Duclos, die Volksfront in Frankreich seiJüute *^°en= tiger denn je, erklärt« der Vertreter der «ozial-Repu- blikanischen Vereinigung: „Der Sa mm« laus schütz der
Trauerfeier für Legationsrat vom Rath.
^aris, 10. Nov. Die offizielle Trauer feier für Eesandtschaftsrat vom Rath wird unter Teilnahme der Regierung und des Diplomatischen Korps am Samstag, den 12. November, mittags um 12 Uhr, w der Deutschen Evangelischen Kirche in Paris (25. Rue Blanche) stattsiuden. Von der Kirche aus wird dann der »arg mit kleinem Trauergeleit zum Bahnhof befördert, von wo er nach Deutschland üfiergesührt wird.
5n dem in eine Kapelle umgestalteten Raum in der deutschen Botschaft hat am Donnerstagabend im Beisein der Eltern des verstorbenen Eesandtschaftsrates vom Rath eine interne Trauerfeier für die Mitglieder der deutschen Botschaft stattgefunden. Die Gehilfen des Militärattaches hielten in Uniform die Ehrenwache. Die Feier, wurde umrahmt mit Vorträgen getragener Musik. Zunächst sprach der deutsche Botschafter, der die Mutter des Verstorbenen zum Katafalk führte. Er widmete in bewegten Worten seinem treuen Mitarbeiter und Freund im Namen der deutschen Botschaft einen tief empfundenen Nachruf. Der Landesgruppenleiter Eesandtschaftsrat Dr. E h r i ch rief hierauf dem im Auslände gefalleneit Parteigenossen und Kameraden im Namen der Deutschen in Frankreich, die sich m
Ehrfurcht vor seinem großen Opfer und dem Schmerz seiner Eltern neigen, ebenfalls ein letztes Lebewohl zu.
An dem Sarg des verstorbenen GesanStschaitsrates vom Rath haben außer der deutschen Botschaft und der ^ndes- gruppe die französische Regierung und das ftanzo- sische Außenministerium Kränze niederlegen lauen. Der italienische Geschäftsträger Pruna wird am 11. November nachmittags in Begleitung des italienischen Marine- und des Luftattaches sowie, in Regstes"? von Vertretern des hiesigen Fascio im Auftrage Musiounis einen Kranz an dem Sarg von Eesandtschaftsrat vom Rath nieder- lenen
Nach wie vor laufen bei den Eltern des Eesandtschasts- rats vom Rath zahlreiche Beileidstelegramme ein. Neben Feldmarschall Göring und dem Stellvertreter des Führers Rudolf Hetz haben Relchsaußenmlnister von Ribbentrop und andere Reichsmimster und Parteiführer ihre tiefe Anteilnahme zum Ausdruck gebracht. Zahlreiche hochstehende französische Persönlichkeiten und Mitglieder des aus- ländischen Diplomatischen Korps in der französischen Hauptstadt haben sich im Laufe des Donnerstagvormittags in die in der deutschen Botschaft ausgelegte Beileidsliste ein« getragen.
