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Wiesbadener Tagbla

Erscheinungszeit:

86. Jahrgang

Freitag, 28. Oktober 1938,

Nr. 253

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mit einer täglichen

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Ein Wechsel auf die Zukunft

(Eigener Drahtbericht unserer Berliner

Die Rede Daladiers in Marseille.

as. Berlin, 28. Okt. Die Rede, die der französische Ministerpräsident D a l a d i e r gestern in Marseille auf dem Parteitag der Radikalsozialen gehalten hat und von der er ausdrücklich feststellte, dass sie sich nicht allein an seine Partei­freunde, sondern an die ganze Nation wende, zeigt klar, daß Daladier sich nicht nur mit der vollendeten Tatsache von München abfinden, sondern daß er Ni ü n ch c n weiter a u s b a u e n will. Cs ist selbstverständlich, daß sich der französische Ministerpräsident dabei erneut zur fra-nzö- si sch-englischen Entente bekannte, die ebenso die Grundlage für die französische Politik bleibt, wie etwa die Achse die Grundlage für die deutsche Politik ist. Aber Achse u u d Entente schließen sich nicht aus. So finden denn auch bei uns die Worte Daladiers „daß es trotz aller Schwierigkeiten zwischen dem französischen und deutschen Volk wichtige Gründe gege niet tiger ältfjtung gibt, die zu einer Zusammenarbeit führen müsse n“ das gleiche Echo des guten Willens. Daladier bat es vermieden, auf Einzelheiten des künftigen Kurses der französischen Außenpolitik einzugehen, doch ist sein Hinweis daraus, daß Frankreich ein Weltreich ist, bemerkens­wert^ HM klingen Daladiers Worte an den Bericht an, den der Venator B e r t h o d dem Parteitag zur Außenpolitik er­stattete. Darin wurde nämlich gesagt, daß Frankreich sich künftig von der undankbaren Rolle des euro­päischen Gendarmen frei machen müsse und nur noch dann eingreifen solle, wenn französische Lebensinteressen bedroht seien, daß aber dafür Frankreich sich als kolo­niale M a ch t des großen Wertes seines Weltreiches ent­sinnen möge.

Innenpolitisch ist die Rede Daladiers beachtens­wert durch ihre scharten Angriffe gegen die Kom­mun i st e n. Sie bestätigt damit erneut indirekt das Ende der Volksfront. Daladier ist sich jedenfalls klar, daß eine vernünftige Außenpolitik nur gegen die Kommunisten betrieben werden kann, und daß ebenso auch eine Friedenspolitik, die auf eine Stärkung Frankreichs hinziell, nur gegen die Kommunisten möglich ist. Wenn Daladier dabei erklärt, daß mehr gearbeitet werden muffe, weil nur so der Wohlstand der Nation erhalten resp. wiederhergestellt werden könne, so ist das für uns Deutsche eine Binsenwahrheit, die aber offenbar in Frankreich noch Nicht überall begriffen wird.

Daladier sind gestern in Marseille vor und während seiner Rede begeisterte Kundgebungen dargebracht

S ch r i f t l e i t u n g.)

worden. Sie können nicht darüber Hinwegtäuschen, daß auch Daladier noch manche Widerstände zu überwinden hat. Zwischenrufe, die seinen gegen die Kommunisten gerichteten Ausführungen begegneten, .zeigen das ebenso wie die hier und dort laut werdenden Befürchtungen vor einer persön­lichen Macht Daladiers. Es scheint uns aber auch wenig zur Politik Daladiers zu paffen, wenn diese Politik auf die An­bahnung eines besseren deutsch-französischen Verhältnisses ge­richtet ist, daß der französische Postminister den berüchtigte» saarländischen Separatisten Matz-Braun und zwei andere deutsche Emigranten beim staatlichen französischen Rundfunk a na e st eilt hat, wo­gegen die Elsässische Volkspartei mit Recht schärfste Verwah­rung einlegt und was das Blatt der Elfäffer als „uner­hörten Skandal" kennzeichnet. Auch das zeigt, daß Daladier es nicht immer leicht haben wird, seine gestern um- riffene Politik durchzusetzen. Die Rede war — das wird man zusammenfassend feststellen können — ein Wechsel auf die Zu­kunft, von dem man heute noch nicht sagen kann, ob er ein­gelöst werden wird.

Wenn Daladier mit seiner Politik der Vernunft und des Ausgleichs auf Widerstand stößt, so kann er sich damit trösten — freilich ein recht schlechter Trost — daß es auch Cham­berlain nicht anders gelji. Gegen die Lhamberlainsche Friedenspolitik wenden sich in England die ewig Gestrigen, wobei Herr Lloyd George, wie seine standhafte Verteidi­gung der Versailler Mißgeburt beweist, Wert darauf legt, diesen Männern von gestern und dem Kreis der Kriegshetzer zugezählt zu werde».

Genau umgekehrt liegen die Dinge in den Vereinig­ten Staate». Dort hält es Präsident Roosevelt für richtig, gegen die autoritären Staaten und für das Welt- j u d e n t u m zu reden und von allen möglichen, Amerika von den autoritären Staaten drohenden Gefahren zu faseln. Sein Amtsvorgänger Hoover dagegen macht dem Ameri­kaner klar, daß München dem europäischen und dem Welt­frieden diente. Hoover warnte dabei nachdrücklich vor der von interessierten Kreisen in USA. verbreiteten Ereuelhetze und befürwortete eine Verständigung mit den anderen Weltanschauungen. So ergibt sich das seltsame Bild, daß Roosevelt seinen „demokratischen" Kollegen Chamberlain und Daladier in den Rücken fällt, während sich der oppositionelle Hoover auf einer Linie mit diesen euro­päischen Staatsmännern findet in dem Bestreben, die Kriegs­atmosphäre abzubauen und eine Verständigung „auch mit den anderen Ideologien" herbeizuführen.

v. Ribbentrop in Rom eingetroffen.

Bon Eros Ciano aus dem Bahnhof empfangen.

Rom, 28. Okt. (Funkmeldung.) Reichsautzenminijter v. Ribbentrop ist am Donnerstag, 22.50 llhr, mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug in Rom eingetroffen. Der italienische Außenminister Gras Ciano, der mit Vertretern von Partei und Behörden, darunter Minister Alsieri und den höheren Beamten des Palazzo Chigi aus dem BahnX.'g er­schienen war, begrüßte den Reichsaußenminister auf das herzlichste. Zu seinem Empfang 'war außerdem Botschaster von Mackensen in Begleitung sämtlicher Mitglieder der Botschaft, sowie Vertreter der Landes- und Ortsgruppe der NSDAP. erschienen. Ferner sah mau den Botschaiter Nationalspaniens, sowie die Gesandten von Ungarn und Siid- slawien und den Geschäftsträger von Mandschukuo. Nach dem Abschreiten der Ehrenkompanie begleitete Gras Ciano den deutschen Reichsaußenminister zu seineui Hotel. Trotz der späten Abendstunde wurden dem Reichsaußenminister beim Verlassen des Bahnhofes von einer zahlreichen Menschenmenge lebhafte Sympathiekundgebungen zuteil.

Besprechung im Palazzo Chigi.

Rom, 28. Okt. (Funkmeldung.) Reichsaußenminister von Ribbentrop hat sich Freitagvormittag zu einer Besprechung mit dem italienischen Außenminister Graf Ciano in den Palazzo Chigi.begeben.

15 Jahre temoliftifdje Türkei.

Feierlichkeiten im ganzen Lande.

Istanbul, 27. Okt. Am Freitag beginnen die dreitägigen Feierlichkeiten anläßlich der 15. Wiederkehr der Ausrufung der kemalistischen Republik. Alle Städte der Türkei sind in ein Lichtermeer getaucht, liberall finden am Freitag und Samstag große Paraden der Wehrmacht statt, sowie sportliche Veranstaltungen der Jugend beiderlei Geschlechts. Zahlreiche öffentliche Gebäude und Unternehmungen werden in diesen Tagen ihrer Bestimmung übergeben. Der Staats­akt vollzieht sich in Ankara, wohin sich die gesamte Regierung und alle Abgeordneten begeben habe». Der Staatspräsident Atatürk, der Begründer dieser Republik, ist durch seine Krankheit in Istanbul festgehalten, doch richten sich aus ihn die Gefühle der Dankbarkeit des türkischen Volkes. '

Versuchsweise wird demnächst auch in einigen ungari­schen Schulen mit der Sammlung von Abfall- knochen begonnen werden. Sollte diese Mion von Erfolg begleitet sein,' wird an alle Schulen des Landes der Sammel­befehl ergehen.

Bestandsaufnahme.

Von Heinrich Karl Kunz.

Das Geschehen unserer Zeit schreitet mit wuchtigen, weit ausholenden Schritten dahin. In seinen Spuren wandelt das Vergessen, wovon das Gestern, ehe es noch seinen letzten Atemzug getan hat, zugedeckt wird. Die großen Erleb­nisse rütteln an uns, gehen vorüber und werden von neuen Ereignissen überschattet. Die letzten Wochen aber ver­dienen eine bleibende und lebendige Erinne­rung in uns. Dabei wollen wir von i>e_m gewaltigen und unblutigen Sieg selbst, den der Führer erfocht, absehen. Er ist, ohnehin für jeden Deutschen unverlierbar, bereits in unsere Geschichte eingegangen! Betrachten wir einmal den Weg, der zu dem Sieg führte, die Kräfte, die ihn ermöglichten. Die Stunden, die letzte Forderungen aus­sprechen, scheiden das Halbe von dem Vollendeten, das Wesentliche von dem Belanglosen. Nur das Echte be­steht vor ihnen. Der rechte Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen und eine Bestandsaufnahme vorzunehmen.

In Nürnberg sprach der Führer, noch ehe er seine Rede über das fudetendeutsche Problem gehalten hatte, Worte, die ihren Wert behalten. Es gibt Menschen, so sagte er u. a., die das Heldentum in der Vergangenheit verehren, die jedoch, auf die Gegenwart angewandt, die Feigheit als den letzten Schluß der Klugheit betrachten. Hin­halten. ausweichen, drohen, ohne den Mut aufzubringen, das Letzte einzusetzen. Der Führer stellte die Welt vor die Ent­scheidung: entweder Erfüllung des deutsche» Rechts, oder Deutschland nimmt sich sein Recht mit dem Schwert. Die Tage höchster Spannung, da es um dieses Entweder-Oder ging, zittern noch nach in uns. Wie haben wir diese Prüfung bestanden? Das ist eine Frage, die jeder vor seinem Gewiffe» beantworten sollte.

Es gibt zwei Perspektiven, aus denen wir das Leben betrachten können. Vom einzelnen und von der Gemeinschaft her. Der Individualist sieht nur sich, sein persönliches Wohl­ergehen steht im Vordergrund. Ein primitiver Standpunkt, auch wenn er mit tausenderlei geistigen Interessen garniert ist. Der Individualismus bestimmte das Oberflächenbild des Zwischenreiches. Er fraß sich tiefer, wie mancher zugestehen mag, in unsere innere Haltung ein. Haben wir uns frei ge­macht von ihm? Die letzten Wachem waren ein Prüf ste i n. Da ging es nicht um das Ich. Es ging um die Gemeinschaft, um die große deutsche Familie, um die Befreiung ihrer ver­sklavten Kinder. War ich, warst du bereit, das Leben einzu­setzen für die Menschen unseres Blutes, die aus bitterster Not um Hilfe flehten? Für die Größe des Reiches? War die Gemeinschaft so stark in uns, daß kein Wenn und Aber aus- kommen konnte? Das ist die Gewissensfrage, an der sich der Ehrliche nickt vorbeidrücken darf. Sicher, es ist diesmal gut abgegangen. Aber das ist kein Grund, sich diese Rechen­schaft zu ersparen. Was gestern drohte, kann morgen Wirklich­keit sein. Und aus der vorbehaltlosen Entschloffenheit der einzelnen summiert sich die Schlagkraft der Nation. Auch wenn wir hoffen dürfen daß uns die eiserne Konsequenz unseres Denkens erspart bleibt, so sind wir es doch der Eradlinigkeit unserer Haltung schuldig, Unklarheiten in uns auszulöschen. Der Weg zur Gemeinschaft, wie der Führer so oft betonte, ist die E r z i e h u n g, für die aufrechte Persönlichkeit, die Selbsterziehung. Voraussetzung aber dafür ist die von jeder Beschönigung freie Selbsterkenntnis.

Als Ganzes gesehen, hat das Volk die Stunde der Be­währung herrlich bestanden. Dr. Goebbels sprach es in Ham­burg wiederum aus: das deutsche Volk hat sich des Führers würdig erwiesen. Fünf Jahre national­sozialistischer Erziehungsarbeit trugen reiche Früchte. Aus einem Volk, das haltlos dem Chaos entgegentrieb, wurde eine Nation, die über die Kinder ihres Blutes, über ihre Ehre wacht. Eine Nation, die über eine Wehrmacht verfügt, die de» härtesten Anforderungen gewacksen ist. Das bewies die entscheidende Stunde. Wir sind stolz und dankbar. Stolz im Ausmaß unseres inneren Anteils, dankbar aber dem Mann, der den tiefgehenden Wandel in Deutschland vollzog.

Bestandsaufnahme. Auch die Kräfte, die gegen uns wirksam waren, wollen wir einer Sichtung unterziehen. Hier hat die große Prüfung manchen Schleier gelüftet. Wenn wir dabei die innere Haltung außer Betracht lasten — eine Frage^die jedes Volk mit sich selbst abmachen mutz —, so haben diese Wochen vor allem gezeigt, daß sich England und

Integrität der Karpatho Ukraine.

Zugehörigkeit des Landes bereits geklärt. — Ministerpräsident Woloschin in Uzhorod.

Uzhorod, 27. Okt. Der neuernanntc karpatho-ukrainische Ministerpräsident Monsianor Woloschin sprach, vom Balkon des Regierungsgebäudes in Uzhorod zu der dort ver­sammelten Menge. Er erklärte: „Wir stehen hinter der Integrität der ethnographischen Grenzen der Karpatho-Ukraine in dem Sinne, wie dies der ukrainische Nationalrat in seiner Sitzung beschlossen hat. Wir lehnen daher jegliches Plebiszit auf das entschiedenste ab, weil die politische fZugechörialeit der Karpacho-Ulraine definitiv gelöst wurde. Wir sind für die konföderative Form des Staates der Tschechen, Slowaken und Ukrainer.

Woloschin forderte die Bevölkerung der Karpatho-Ukraine auf, Ruhe und Ordnung zu bewahren und die Pflicht nach dem Gesetz zu erfüllen. Er betonte, daß die Regierung alle Macht­mittel für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung als der einzigen Voraussetzung einer gedeihlichen. kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung einsetzen werde. Jeder möge die gesetzlichen Anordnungen befolgen und seiner Regierung Vertrauen schenken, welche aus dem Volke heroor- geaangen ist und mit allen Kräfte» für ihr Volk arbeiten wtzide.

Noch immer strittige Fragen zwischen Budapest und Prag.

Budapest, 27. Okt. I» der am Donnerstagabend dem tschecho-slowakische» Außenminister C h v a I k o w s k i über­reichten Antwortnote bedauert es die ungarische Regierung — wie in politischen Kreisen verlautet — daß die tschecho­slowakische Regierung zu der Frage der von der ungarischen Regierung vorgeschlagenen Volksabstimmung keinen festen Standpunkt eingenommen habe. Wenn Präg im der letzten Note zum Ausdruck gebracht habe, daß „die gegen­wärtigen Verhandlungen sich nur auf Fragen der ungarischen Minderheit beziehen" können, da Punkt 1 und Punkt 2 des Zusatzprotokolls der Münchener Abmachungen vom 29. Sep­tember 1938 nur die polnischen und die ungarischen Minder- heiten erwähnt, so gebe Ungarn zwar zu, daß diese Verein­barungen ihrem Texte nach nur Deutsche, Polen und Ungarn erwähnen. Es beharre aber darauf, daß die erwähnten Ab­machungen das Selbstbestimmungsreckt der Völker mir Grundlage des Neubaues der tfchecho-slowakischen Republik machten. Daraus folge, datz das Recht, über ihr eigenes Schicksal im Wege der Volksabstimmung zu ent- (rfjeiben, jenen Volksgruppe» nicht vorenthalten werden' könne, die von diesem Recht Gebrauch machen wollen.

Zum Thema Schiedsgerichtsbarkeit vertritt die ungarische Regierung den Standpunkt, datz die Bereit­willigkeit Prags, eine Schiedsgerichtsbarkeit Deutschlands und Italiens anzunehmen, die Verpflichtung in sich trage, daß sich die Tschecho-Slowakei der Ent­scheidung der erwähnten Mächte im voraus u n t e r*m i i f t- Der Wirkungskreis der Schiedsrichter könne sich aber nur au? strittige Gebiete ausdehnen und nicht auf Gebiete, hinsichtlich deren zwischen Prag und Budapest eine Einigung bestehe und deren Besetzung durch die ungarischen Truppen schon in der Note vom 24. Oktober vorgeschlagen worden sei. Bezüglich des Fragenkomplexes, den Ungarn außerhalb einer schiedsrichterlichen Sphäre ge­regelt sehen möchte, schlägt Budapest schließlich d i r e ft e und unverzügliche Besprechungen zwischen den ungarischen und den tschecho-skowa tischen Sachverständigen vor mit dem Ziel, daß die Durchführung der notwendigen Maßnahmen vorbereitet und beschleunigt werde. Zn diesem Bi soll auch der Prager Militärattache in unmittelbare lungnahme mit den zuständigen tschecho-slowakischcn iiärbehörden treten.