Wiesbadener Tagblatt
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Samstag/Sonntag, 8./S. Oktober 1938.
Unserer heutigen Stabtauflage liegt ein farbiger Prospekt oer Firma Karzentra. Rudolph Karstadt. AG., Wiesbaden, für Herb st-Hüte bei.
Scheuern summen die Dreschmaschinen ihr eintönig Lied — die Obsternte ist gerade zu Ende geführt und die Weinlese steht bevor.
Die SA. sammelt Eisenschrott. Im Rahmen des Einsatzes der SA. für die Erfassung wichtiger Metallstoffe wurde - dieser Tage auch von dem hiesigen SA.-Sturm 13/80 eine Alteisen-Sammlung durchgesührt. Um au einem durchschlagenden Erfolg zu kommen, war die Erfasiung des : ganzen Stadtgebietes vorbildlich organisiert. So konnte durch die sich mit ganzer Kraft für das Gelingen dieses Werkes einsetzenden SA.-Männer ein nennenswerter ■ Sammelertrag verbucht werden.
Eiserne Vorgärtenzäune verschwinden. An verschiedenen städtischen Gebäuden wurden bereits die eisernen Vorgärtenzäune entfernt, die in ihrer derzeitigen Verfasiung gerade keine Zierde des einheitlichen Strahenbildes bedeuteten. Durch dieses gute Beispiel angeregt, werden in - nächster Zeit auch Privatgartenzäune von ihren Eigen- j tümern entfernt. Dadurch wird es auch möglich sein, z. B. in der oberen Wiesbadener Straße, eine einheitliche Flucht- = linie durch Zurückversetzen derjenigen Vorgärten, di« heute, noch hervorstehen, zu erreichen.
QUALITÄTS-ERZEUGNIS DER SIDOL-WERKE, KÖLN
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— Unfälle der Strotze. An der Vegasstratze kam beim Springen von einer Treppe ein Eeschwisterpaar zu Fall. Die Kinder zogen sich stark blutende Knie- und Handverletzungen zu und mußte in ärztliche Behandlung gebracht werden. — In der oberen Lahnstraße verlor ein Radler Beim Ausweichen vor Fußgängern die Gewalt über sein Rad und stürzte zu Boden. Der Mann trug Beinverletzungen davon und mußte ins Krankenhaus gebracht werden.
-- Hohes Alter. Seinen 89. Geburtstag feierte am 7. Oktober Herr Johannes Schwibinger, Bleichstraße 36.
— Ihre silberne Hochzeit feiern heute die Eheleute F. E r n st, Winkler Straße 9.
UHREN Kirchgasse 25
SCHMUCK W^rauckmann Ruf 23765.
— Wiesbadener Viehhofmarktbericht vom 7. Oktober. Auftrieb: 2 Bullen, 7 Kühe, 9 Färsen, 2 Kälber, 4 Schweine. i Marktverlauf: Zugeteilt. Für 50 kg Lebendgewicht in RM.: i Bullen: a) 43; Kühe: a) 43, <-) 33; Färsen: a) 43-44, c) 35; i Kälber: c) 50; Schweine: b) 1. 56, b) 2. 55.
Wiesbaden - Schierstem.
Besiere Straßen. Die Straßenbauarbeiten in unserem Stadtteil werden fortgesetzt. So sind letzt wieder die Straßenbaukolonnen eingesetzt worden, um die Mainzer Straße, Fortsetzung des ersten Bauabschnittes, in Ordnung zu bringen. । Ebenso wird in der Rheinbahnstraße an Verbesterungen ge- . arbeitet. Die neuen Straßen, Jllstraße, Sundgaustratze und ' Sardtstraße, sind abgesteckt. Mit baldiger Inangriffnahme des Straßenbaues kann gerechnet werden, zudem an diesen Straßen ein großzügiges Reubauvrojekt geplant ist. Im Rahmen der Straßenverbesserung wird auch eine Auffüllung des Banketts in der Saarstraße durchgeführt. Hier soll auch noch der bereits i begonnene Radfahrweg, von der Kahlemühle bis zum Bahn- > Übergang Saarstrabe, in diesem Jahre fertiggestellt werden.
Goldene Hochzeit. Am 7. Oktober konnten die Eheleute ■ Wilhelm Gerhardt und Frau Johanna, geb. Wirtz, hier. ; RathauMraße la wohnhaft, das Fest ihrer goldenen Hochzeit 1 feiern. Wir gratulieren.
NSB.-Ahrenlesen. Die durch die Schiersteiner Schuljugend durchgeführte Ährenlese, die für das Winterhilfswerk bestimmt l ist, erbrachte das gute Ergebnis von 520 kg Weizen.
Wiesbaden-Dotzheim.
Aus der Landwirtschaft. Zur Zeit herrscht auf den Feldern wieder Hochbetrieb, denn die Kartoffelernte ist im vollen Gange. Dank günstiger und feuchter Witterung in den letzten Monaten ist der Ertrag als gut zu bezeichnen. Mengenmäßig und auch qualitativ lasten die Knollen keine Wünsche offen, man hat sogar wahre Prachtexemplare von mehreren Pfund Gewicht unter ihnen gefunden. Lustig flackern des Abends die Kartoffelfeuer auf unb der Rauch streicht in langen Fetzen über die kahlen Fluren. In den
Geschäftliches.
(Autzer Veranirvortung der Schriftleitun-.)
Wiesbadener Nachrichten.
Erst deine Tat erhärtet die Spende.
Rur dein Opfer mildert die Rot.
3um sechsten Male eröffnete in diesen Tagen der Führer vom Sportpalast aus das Winterhilfswerk des deutschen Volkes, und er, wmidte sich in einem eindringlichen Appell an uns alle. Em Teil des Winterhilfswerkes ist der Ein - t oo.f. der morgen wieder auf unteren Tischen dampfen wird. Er ist mehr als. eine (Seite, er ist eine Tat.
. Es gibt. vielleicht hier und da einen Zeitgenossen, der meint, sich mit einer Geldspende von einer Unbequemlichkeit fretfauten zu können. Er möge aber doch einmal versuchen, diesen Gedanken in einer stillen Stunde ganz zu durchdenken. Bei darin liegt, durch die Einnahme eines einfachen Mahles den. Brudern und Schwestern, die ärmer sind als er. auch seelisch, zu helfen. Und bann sei ihm empfohlen, sich zu er= Innern. Einmal des 29. Septembers, an dem der Krieg nach 20 Satiren Nachkriegszeit endgültig liquidiert wurde, dann des. 13. Marz, an dem die Ostmark ein Bestandteil des jungen Reiches wurde.
In den Wochenschauen werden gegenwärtig erschütternde Bilder aus Flüchtlingslagern unserer fudetendeutschen Volksgenossen gezeigt. Da sitzen sie in langen Reihen unb löffeln eine dicke Suppe unb auf Die verhärmten Gesichter tritt ein Lächeln hinaus. Die Notgemeinschaft unseres Volkes fand ihr Symbol in dem Eintopf, aus dem eigentlich alle essen, aui das keiner hungere und friere. Und Darum wollen wir Den Tisch morgen besonders liebevoll schmücken, denn es ist das Fest völkischer Gemeinschaft und eines tatbereiten Sozialismus, das wir nun einmal im Monat feiern werden, die Not des Winters zu brechen. — e.
Höfliche Redewendungen.
„Nicht jeder hat den Knigge eingehend studiert. Die menten kennen ihn überhaupt nur vom Hörensagen. Das ist kein Mangel. Auch ohne Knigge kann man ein höflicher Mensch sein. Und nicht jeder Knigge-Fachmann ist schon ein Vorbild an höflichem Benehmen.
Mit ober ohne Höflichkeits-Literatur haben sich bestimmte Formen eingefcürgert. Formen, bie für das Haus, für die Straße, für die Gaststätten unb für bie Straßenbahn gelten. So pflegt man „Verzeihung!" zu sagen, wenn man einen fremden Menschen, ohne es zu wollen, angerempelt hat. So nimmt man einer Frau, Deren Paket auf Die Straße gefallen ist, ihr Gepäck wieder auf und gibt es ihr zurück. Das alles ist selbstverständlich und bedarf kaum einer Erwähnung.
Merkwürdig ist aber, daß sich diese Höflichkeitsfvrmen in den Erenzfällen nicht immer bewähren. Es ist beispielsweise schon fraglich, was man zu tun hat, wenn in einem dichtgedrängten Omnibus ein Herr sich auf unseren Fuß stellt. v6ie stehen auf meinem Fuß. mein Herr!" konnte man sagen, indem man seinen Schmerz verbeißt unb böslich bleibt. Dann wird.man bald Befreit werden. Wenn aber der Schmerz unb der Ärger zu groß ist, verliert sich die Form.
Ich bemerkte neulich in einem Straßenbahnwagen einen Mann, der sich schnell aus dem Regen in das trockene Innere geflüchtet hatte. Sein Hut triefte vor Wasser. Er nahm ihn und schwenkte die Nasse aus dem Wagen heraus. Sofort meldete sich hinter ihm ein Mitfahrer. „Es war sehr freundlich von Ihnen, mir das Wasser ins Gesicht zu spritzen!" Eine höfliche Redewendung, wer wollte daran zweifeln! Der Fahrgast mit dem nassen Hut wär offenbar so sehr in Gedanken und allein von dem höflichen Anredeton gefangen, dessen versteckte Bitternis er nicht bemerkte, daß er antwortete: „Gern geschehen!"
Hätte der Fall anders gelegen, hätte er etwa einer Dame semen Platz angeboten und dieses „(Sein geschehen!" auf ihren Dank hin gesagt, so wäre das in Ordnung gewesen. So aber nicht. Der naßgespritzte Herr gab in mühsam gemäßigtem Tone zu bedenken, daß er kein Tropfenfänger sei. Und daß er aus dem Regen nicht in die Straßenbahn gestiegen wäre, um in die Traufe zu geraten. Worauf der Mann mit dem nassen
Hut sich besann und in die fast gesprengte Form der Höflichkeit zurückging. „So bitte ich Sie um Entschuldigung." Damit war, auch ohne daß der besvrengelte Fahrgast eine Antwort gegeben hätte, der Streit schon beigelegt.
Woraus man sieht, daß Höflichkeits-Floskeln auch beleidigend und sogar kränkend wirken können. Dieses „(Sern geschehen" war ein Beispiel dafür. Und woraus man weiterhin erkennt, daß die gedrechselten Redewendungen der Höflichkeit nicht immer genügen, um eine gespannte Lage zu klären. Ein persönliches Wort, nicht aus der Kiste verstaubter Floskeln, sondern aus eigenem Verstand und eigener Empfindung hervorgeholt. erzielt meistens bessere Erfolge. wu.
— Georg von Tschudi, ein Luftfahrtpionier unseres Gaues. Am 8. Oktober jährt sich zum zehnten Male der Todestag von Georg von Tschudi, des tatkräftigen Förderers der deutschen Luftfahrt und deren ausgezeichneter Organisator. Als Sohn eines Oberstleutnants in Wiesbaden am 29. Januar *1862 geboren, erwählte er gleichfalls den Offiziersberuf. Bei seinen Berliner Kommandos kam er mit der jungen Luftschifferabteilung in Berührung. 1894 besuchte er Otto Lilienthal, führte selbst einige Gleit- flüge aus und erhielt von ihm die ersten Anregungen. Rach einer zweijährigen Abwesenheit in Marokko widmete er sich ganz der neuen Sache. Die erste Internationale Luftschifffahrtausstellung (ILA.) vom 10. Juli bis 17. Oktober 1909 in Frankfurt a. M. leitet er als Geschäftsführer. Der Erfolg dieser Ausstellung ist in erster Linie fein Verdienst. Anschließend war er als Geschäftsführer der Flug- und Sportplatz Berlin-Johannisthal, E. m. b. H., tätig. Im Laufe weniger Jahre gestaltete er diesen Flugplatz vor den Toren Berlins zu einer mustergültigen Anlage. Bei Kriegsausbruch übernahm der bereits 52jährige den Flugpark Reims, später stand er als Kommandeur der Flea 7 Köln vor. Nach Kriegsende half er die zivile Luftfahrt an führender Stelle mit aufbauen. Als Vorsitzender des Deutschen Luftrates und Vizepräsident des Aero-Clubs leistete er vorbildliche Arbeit. So steht Georg von Tschudi würdig neben den anderen Luftfahrtpionieren des Rhein-Main-Eebietes, bie alle bazu bei» getragen haben, baß ber Luftsport heute im Nationalsozialistischen Fliegerkorps auf einer so breiten Basis aus» gebaut werben konnte.
— Die neue Blumenausstellung im Nassauischen Lanbes- uruseum trägt in allem jetzt ben Charakter ber herbstlichen Jahreszeit, bie auch ihre Eigenart besitzt. Sie kommt beut» lich zum Ausdruck in ber Hälfte der Ausstellung, die eine reichhaltige, farbenprächtige Dahlienschau bietet, in der alle möglichen Farben bas Auge erfreuen unb dem Studium reichliche Gelegenheit geben, die verschiedenen Spielarten zu betrachten. Die andere Hälfte enthält u. a. Hybriden der einjährigen Sonnenblume in kraftvoller Form, Gladiolen in schönen, zarten Farben, einen herrlichen Strauß des großen Mädchenauges, die sternförmige Sonnenblume, große Margueriten, die Vergflockenblume mit ihrer schönen blauen Blüte, den Leberbalsam mit seinen kleinen blauen Vlüten- dolden, weiße herrliche Herzlilien, Hybriden blauer Herbstastern, Chrysanthemen, die ampelopsis bumetorum laciniata mit ihren blauen Früchten.
— Ausgleich von Härten für Studierende. Das Oberkommando des Heeres gibt bekannt, daß Anträge von Soldaten, aus Gründen ihres Studiums oder ihrer sonstigen Berufsausbildung vorzeitig aus dem aktiven Wehrdienst entlaßen zu werden, nicht berücksichtigt werden können. Es wird auf die vom Reichserziehungsminister zum Ausgleich von Härten für die Studierenden an Technischen Hochschulen getroffene Regelung erinnert, bie eine Verlängerung ber
Fristen für bie Einreichung von Prüfungsarbeiten unb eine ausnahmsweise Verkürzung ber Vorpraxis bringt. Der Relchserziehungsminister sei gebeten worben, über biefe Regelung hinaus zu veranlassen, baß ber Semesterbeginn an ben Höheren Technischen Lehranstalten ebenso wie an ben Universitäten, Hochschulen, Akabemien unb Hochschulen für Lehrerbilbung erst auf ben 2. November 1938 festgesetzt werbe.
— Ein Brieftaubengesetz. Die Reichsregierung hat ein Brieftaubengesetz beschlossen, bas im Reichsgesetzblatt oer« fünbet worben ist. Danach bebarf ber Erlaubnis, wer Brieftauben halten ober Hanbel mit Brieftauben betreiben will.
— Abenteuer einer Kuh. Von Waldarbeitern wurde im Walde eine herrenlose Kuh aufgegriffen, die anscheinend Freiheitsgelüste verspürt hatte. Da der Eigentümer nicht gleich festgestellt werden konnte, wurde die Kuh einstweilen in einem Stall in Wehen untergeftellt. Wie sich herausstellte, handelte es sich um die vom Gut Adamstal als vermißt gemeldete Kuh.
Das Msmarckdenkmal.
Vor 40 Jahren, am 9. Oktober 1898, wurde das Bismarckdenkmal enthüllt.
Etwas an ben Ranb ber Stabt gerückt unb dennoch nicht aus ihr verbannt, sondern in ber Fluchtlinie ber Luisen- wie an ber Tangente ber Wilhelmstraße gelegen, errichtete man vor 40 Jahren aus reichlich geflossenen Spenden dem Niedersachsen Otto von Bismarck ein Denkmal, bas noch zu seinen Lebzeiten begonnen unb wenige Monate nach seinem Tobe, am 9. Oktober 1898, enthüllt würbe. Es lohnt sich, weniger auf bas Denkmal an sich, als auf feine Entstehungsgeschichte einzugehen.
Wählend unsere Stabt seit 1866 um bas Dreifache gewachsen war unb in ihren westlichen und nördlichen Bezirken noch die Gerüste um lichtlose Hinterhöfe standen, veranstalten bie stäbtischen Behörden in ben Räumen bes alten Kurhauses anläßlich bes 80. Geburtstags bes Altreichskanzlers eine Feier, bei der Regierungsassessor v. Darling bie Anregung gab, in Wiesbaden ein Bismaickdenkmal zu errichten. Eine sofort eingeleitete Tellersammlung ergab 7000 Mark, bie sich innerhalb einiger Tage verfünffachte.
Einige nielgliebrige Ausschüsse traten in Tätigkeit. Es wurde ber Plan gefaßt, nach Friebrichsruh zu reifen, um bem Fürsten höchst untertänig!! die Vorschläge für ein Denkmal zu Füßen zu legen. Zweierlei stand von vornherein fest. Als Material kam nur Erz in Frage, Bismarck war im Helm barzustellen. Als schließlich bie Reise nach Friebrichsruh angetreten würbe, bürste ein hiesiger Weinhänbler nicht fehlen. Er stieß in Hamburg zu ben vier übrigen Herren bes Denkmal-Komitees unb burfte sich anschließen, da er ja schließlich eine mächtige Kiste mitschleppte, in welcher sich ein Dutzend Flaschen besten Rheingauer Weins befanden. Nach ausgiebiger Besichtigung von Hamburg, schloß sich der „in feierlich schwarzen Beinkleidern und Gehrock, mit der neuesten schwarzen Krawatte und frisch gebügeltem Zylinder geschmückten" Deputation ber bomalige Oberbürgermeister Rudolf v. Ibell bescheiden an.
Hermann Kantel hat bie Aubienz in Friebrichsruh bis in bie kleinsten Kleinigkeiten geschildert. Am Sonntag, ben 26. April, trafen sie auf bem Besitztum Otto von Bismarcks ein. Sie ärgerten sich gewiß im stillen, baß sie nicht allein bie Ehre hatten, empfangen zu werben; aber schließlich ist es barum boch eine Auszeichnung, Auge in Auge mit bem bebeutenbften Manne feiner Epoche, bas Frühstück einnehmen zu Dürfen. Doch sie hatten nicht nur ben Wein, fonbem auch gleich bie Gläser bazu mitgebracht, ließen sich bie leeren Flaschen burch ein frostiges „v. B. 26. 4. 96“ signieren unb K' en bie Gläser nach beenbigtem Mahle roieber ein. Wohl-
Iten sahen sie Wiesbaden wieder.
Otto von Bismarck, den mit Wiesbaden mancherlei Erinnerungen verbanden, freute sich, gerade aus dieser Stabt, bie ihm vielleicht von seiner Jugenb her in nicht gerabe angenehmer Erinnerung staub, Bürger zu empfangen, welche Pläne bei sich trugen für ein Denkmal, ihm zu Ehren.
In den Pausen bes Gesprächs mögen in ihm bie Gedanken zurückgeschweift sein in eine ferne, durch seine Taten endgültig abgeschlossene Zeit: In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts besuchte der damalige Referendar Otto von Bismarck auf touristischen Exkursen Wiesbaden von Nassau aus. Die Spielbank zog ihn an. Er verlor. Damals war es auch, bei seiner ersten Anwesenheit im herzoglich nassauischen Bad, daß er beim Besuch einer Reunion im Kurhause im Handumdrehen in eine leidige Sache verwickelt wurde. Er saß lässig mit vorgestreckten Beinen und etwas zurückgelegtem Kopf auf einem Sofa und betrachtete einen Menschen in seinem Alter, der an ihn herantrat und fragte: „Warum fixieren Sie mich?" — Es war ein Student und auffallend hübscher Mensch, ber spätere Brunnen- unb Badearzt von Ems, Dr. Lange, bem Bismarck ermiberte: „Sic gefallen wir." — „Sie gefallen mir aber gar nicht", entgegnete Lange. Nach kurzem Wortwechsel tauschten sie ihre Karten. Eine friebliche Einigung war nicht mehr zu erzielen. Lange, ein ausgezeichneter Schütze, forderte den ?fremden, ber ihm „burch seine hohe geschmeidige Gestalt, seine euchtenden, geistvollen Augen einen großen Eindiuck", so schilderte er es später selbst, gemacht hatte, auf Pistolen. Am Frühmorgen bes nächsten Tages trafen sich die beiben auf Eroßherzoglich Hessischem Gebiet, zwischen Biebrich unb Kastel. Noch einmal roanbten bie Sefunbanten ihre ganze Ilberrebungskunst auf. Schon waren bie Entfernungen ab» geschritten, bie Stubenten hatten ihre Plätze eingenommen, als es gelang Bismarck zum Nachgeben zu bewegen. „Nun, bann wollen wir in Frieben leben“, sagte er unb reichte seinem Feind bie Hanb, die Jahrzehnte später sich um bas Steuer bes Staates legen sollte.
Auf bem Wege des öffentlichen Wettbewerbs entschied man sich mit 25 gegen 4 Stimmen für ben Entwurf bes Bilbhauers Ernst Herter Berlin, ber bann auch zur Ausführung kam. Lange konnte man sich nicht auf einen bestimmten Platz einigen, bis bann Stadtrat Weil ben Vorschlag machte, bas Denkmal auf bem kreisrunden Platz zwischen Wilhelm- unb Bierstabter Straße zu errichten. Er bekam den Namen Bismarckplatz, obwohl er ursprünglich Wilhelmsplatz hieß.
Das Denkmal kennt jeder. Wir erkennen, wenn wir es aufmerksam betrachten, wie sich in ihm eine ganze Epoche selbstgefällig spreizt unb spiegelt. Aus sieben Meter Hohe schaut bet Schöpfer bes Deutschen Reiches preußischer Prägung auf uns nieber, wie ihn seine Generation sah, bie sich in eiteln Festreben vor ihm aufblies, währenb Hinterhof um Hinterhof in ben nördlichen unb westlichen Außenbezirken ber Stabt schlüsselfertig würben.
„Was Statuen anbelangt, so muß ich boch sagen, baß ich für biefe Art von Dank gar nicht empfänglich bin. Ich wäre in bei größten Verlegenheit, wenn ich zum Beispiel in Köln wäre, mit welchem Gesichte ich an meiner Statue doi» beigehen sollte. Ich erlebe bas in Kissingen, es stört mich in Promenabenverhältnissen, wenn ich gewissermassen fossil neben mir bastehe." (Otto von Bismarck.) K. E.
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