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geritzt! Und die meisten der Versprechungen sind bestimmt nachher im Winde verweht!"

„Ah, geh, Alterte, wer wird dann den Liebespärchen gram sein?"

Der Alte senkte den weißhaarigen Äopf: „Ach, die Frauen sind zu untreu, mein« Dame! Ich hätte für die meine di« Hand ins Feuer gelegt. Und doch verlieh sie mich. Da bewarb ich mich um diesen einsamen Posten hier. „Ja", er seufzte auf, als wenn er litte, „eben hab' ich's wieder ge­sehen! Die eine junge Frau schäkert nämlich dort hinter dem Vorsprung des Turmes mit einem alten Herrn, der bestimmt nicht ihr Mann ist! Ganz deutlich hörte ich ihn, ehe er mich bemerkte, zu ihr sagen: Erft einen Kuh, Madame! Dann die Präfektur!"

Jsaure erhob sich etwas erschrocken. Sie sah sich um. Aber Fernand stand ahnungslos am Rande des freien Teiles auf der Plattform und unterhielt sich mit dem Dombau- moister und seinem Vater.

„Kennst du die beiden?" frug Jsaure dann leise zur Vor­sicht den Wächter.

„Nein. Woher sollte ich sie kennen? Sicher sind beide hier fremd und auch nur zu Besuch hier in Straßburg. Aber eine Frau, die gntreu ist, kann man nicht festbinden!"

Dann griff er zu seiner kleinen Laterne: „Ich muh mich jetzt gleich daran machen, die „Lumpcnglock«" zu läuten, gleich ist es zehn Uhr!"

Schwer und gewichtig holte die Turmuhr in der Höhe zu zehn Schlägen aus. Langsam hallten die machtvollen Klänge durch den weiten Raum ringsum. Es war, als ob nun Leben in diesen gewaltigen, wuchtigen, schweigenden Bau käme! Wie eine Vereinigung von hundert gleichen Stimmen waren diese Elockenklänge von ungeheurer Kraft und Stärke.

Das nun beginnende gleichmäßig gezogene Läuten führt« die zerstreute kleine Gesellschaft wieder auf den freien Teil der Plattform zusammen Jsaure bemerkte, wie Elömence auch bald erschien und sich lachend beide Ohren zuhielt.

„Ich glaubte nicht, baß es derartig dröhnen würde!" Und an dem Don ihrer Stimm«, an ihrer Haltung, an ihrer Sicherheit fühlte Jsaure, das Romieux ihr eb«n nur Zweck zum Ziel gewesen war. Ja, die junge Gräfin verkaufte ihre Küsse um das Avancement ihres Gatten! —

Es graute Jsaure, als sie sich vorstellte, wie Elömence ihren Weg fortfetzen würde. Sie ging etwas abseits, um sich zu fasien, und ergriff ein Fernrohr, das Fernand sich vorhin von dem Wächter erbeten hatte. Aber sie lieh es immer wieder sinken, weil ihr die Tränen in die Augen stiegen. Stand sie nicht vor der zugeschlagenen Tür ihres Lebens­glückes, das eine andere nicht zu würdigen vermochte?

Fernand entdeckte sie nach einer Weite und trat zu ihr heran: er freute sich, daß auch sie eine schier unersättliche Freude an diesem Bild hatte, das die Heimatstadt jetzt von hier aus bot. „Ich glaube, es wird Zeit, daß wir auf­brechen", meinte er halblaut, „der Dombaumeister kann nicht wohl den Anlatz dazu geben. Was meinst du?"

Sie nickte und sagte: „Ich werde die anderen vorsichtig darauf aufmerksam machen." Sie entfernte sich, um Elömence zu suchen. Sie hatte nicht Fernand darauf aufmerksam machen wollen, datz seine Gattin sich wieder mit Montbrison irgendwo in einem Winkel unterhielt.

Der Zugang zur oberen Turmspitze war abgeschlossen. Auch die Tür zu den schweren Elockenseilen, die jetzt wieder unbeweglich in ihrer Turmkammer hingen. Immer schwerer lastete die Überzeugung auf Jsaure, datz sich Elömence nur an der Seit« der Galerie befinden konnte, die an der anderen Seite um den Turm herumführte. Die vielen vortrctenden kleinen Balkons und Ecken, die die Pfeiler umzogen, waren für versteckte Winkel wie geschaffen.

Wenn Elömence mit Montbrison plaudern wollte, warum tat sie es nicht ebenso offen am Geländer der freien Plattform, wie st« es mit Fernand vorhin getan? Sie ging sehr langsam vorwärts. Plötzlich fielen zwei lange Schatten über den ziemlich schmalen steinernen Gang. Der helle Mondschein dieser Sommernacht zeichnete mit großer Deut­lichkeit die Gestalten zweier Menschen ab, bi«, Kopf an Kopf gelehnt, regungslos nebeneinander standen . . .

Als sie nun absichtlich lauter auftrat und vorwärts ging, um bi« beiden zu warnen, glitten bie beiben Schatten rasch auseinander. Äfaure bog zögernd um bk Ecke. Sie fand Elömence nun auf einer steinernen Bank, die sich in den Vorsprung eines Pfeilers schmiegte. Montbrison stand nun in offizieller Haltung vor ihr, mit dem Rücken gegen die Steinballustrade gelehnt, und schien mit ihr zu plaudern.

Elömence sah ihr mit einem fast feindseligen Blicke ent­gegen. Die Störung war ihr sichtlich mehr verdrießlich als

peinlich. Jsaure schlug vor, jetzt an den Aufbruch zu denken. Montbrison brach in Bedauern aus. Wie, wo der Mond immer höher stieg, die Lust immer klarer, die Temperatur immer angenehmer hier auf der Höh« wurde? Er würde doch die beiden anderen Herren bitten, ob man nicht noch etwas hier verweilen wolle?

Als Montbrison sich, auch auf die Ermunterung von Elömence hin, zu den anderen Herren drüben am steinernen Tisch begab, stand Clümenc« auf und strich sich ihr Kleid glatt: „Ah, es ist sehr schön hier oben!"

Jsaure war entschlossen, den Finger auf diesen Makel zu legen und nicht mehr stillschweigend sich abzuwenden: „Wäre es hier auch so schön, wenn — Hauptmann Montbrison — nicht in Ihrer Nähe weilte?"

Elömence stutzt« im ersten Moment und warf dann den Kopf impertinent zurück: „Diese Frage ist zum mindesten befremdend!"

„Durchaus nicht, Kusine. Sie selbst geben immer wieder Veranlassung dazu. Sie bevorzugen bei den verschiedensten Gelegenheiten den Hauptmann mir zu auffallend. Das geht in der Straßburger Gesellschaft nicht, es fällt auf!"

„Das kann ich mir lebhaft denken!" Der Spott von Elömence bekam etwas Ungezogenes. „Ja, hier in dem biederen Straßburg fällt dergleichen auf! Franzosen wollt ihr Elsässer sei», und seid dabei ebenso prüde, so unelegant, so langweilig wie die Deutschen! 2a, ihr alle seid ja im Grunde Deutsche — und gar keine Franzosen! Das sage ich dir als Vollblutfranzösin! Was seid ihr denn als „Elsässer"? Nichts, gar nichts! Euer kleines Land ist eingekeilt wie eine Nuß zwischen zwei Ländern und zwei Völkern. Was soll euch denn Gutes und Imponierendes kommen aus diesem ^Deutlchland" das aus 36 Staaten zusammengeflickt ist? Da seht das imponierende Frankreich an, das aus einem Guß ist!"

„Elömence, ich habe ein ernstes Anliegen an dich! Ob in Paris oder Weißenburg, ob in Straßburg oder Douai, der Grundton der guten Gesellschaft ist sich überall gleich. Und eine Dame, die einem anderen Herren allzuviel Bevorzugung erzeigt, wird Befremden erregen. Und dann — wird man sich von ihr zurückziehen."

„Das wäre mir gleichgültig!"

^Es darf Ihnen aber nicht gleichgültig sein. Sie tragen den Namen Ihres Gatten und der Name Erkheim hat bisher nicht nur im ganzen Elsaß, sondern auch in Frankreich einen guten Klang!"

„Man könnte bei Ihren Worten annehmen, ich sei ein Bauernmädchen aus der Picardie!"

„Sie rücken auch Ihren Mädchennamen in ein schiefes Licht, wenn Sie Montbrison immer in separate Unter­haltungen ziehen."

Elömence lachte leise auf. Aber im Grunde begann sie sich etwas in ihrem schlechten Gewissen zu fürchten. Deshalb mußt« man ablengnen! „Oh, Ihre Furcht ist vollkommen unbegründet, Jsaure!"

„Richt doch!" Und Jsaure sagte ihr nun, ihr näher tretend, von ihren Fieberphantasien, in denen Elömence sich damals in Paris in ihren Beziehungen zu Montbrison verraten. Elömence reckte sich. Sie atmete heimlich auf, datz Jsaure nur dieses vorbrachte — und mehr nicht zu wissen schien!

„Ah, lala, wie können Sie Mieberphantasien ernst nehmen! Und — wie können Sie mich verurteilen, weil ich nicht genau so bin, wie Sie, wie die anderen Damen hier? Meine Mutter war eine Adelige aus der Provence, aus Süd­frankreich. Ja, aus der Provence, wo seit Jahrhunderten die Troubadoure und di« Liebeslieder zu Hause sind. Droben in der kalten öden Picardie ist sie unter der Hand meines nüchternen Vaters seelisch fast gestorben. Ich will ihr Schick­sal nicht teilen. Nein, während meiner Klostererzkhung und nachher in der Einsamkeit unseres Schlosses habe ich nicht ge­wußt, was in mir brannte. Jetzt weiß ich es, daß es der Ruf des Lebens war."

Jsaure stand mit ineinander gefalteten Händen vor ihr. War es nicht nötig, diese Frau einmal ihr Inneres offen frei­legen zu lassen?

„Oh, es ist ja so herrlich, so berauschend, wie eine Fackel in der Mitte zu stehen, zu brennen, und von seiner Glut Sunten hinüber züngeln zu lasten, zu diesem, zu jenem, nd alle diese Männer, die stch klug und stolz, so beherrscht und einflußreich glauben, werden in unserer Hand ganz klein — sie werden wieder wie einst die Troubadoure in der Provence, kernen um ein Lächeln betteln, um einen Blick

(Fortsetzung folgt.)

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Daheim.

Wohl dir, der du gefunden hast

das Herz, das ruft: komm', lei mein Gast, der Abend dunkelt übers Feld, ich hab' ein Licht dir aufgestellt.

Du gingst io irr, du gingst so fern.

nun Uber dir steht still dein Stern.

Es ruft das Herz noch lieberen Reim: Wohl mir. du kamst, nun sei daheim.

Hervbert Menzel.

Liebe bittens Dachfenster.

Von Heinrich Leis.

Auf sonderliche Art gewann der Knabe Eberhard seine ersten Eindrücke von bunter Vielgestalt des Lebens, von Lockungen und Rätseln der fremden, großen Welt. In dem dichtgedrängten und verschachtelten Häusergewirr der Alt­stadt führte von der Hinterhaus-Wohnung ein kurzer Weg über das flache Dach zur Höhe der Seitenwand jenes Baues, der Saal und Biihne eines vielbesuchten Kleinkunstthcaters beherbergte. In der Ebene 'des verbindenden Dachgartens öffneten sich schmale Dachluken oberhalb der Ränge, als Ent- liifiungskkappen dienend für die Tiefe des weiten, menschen- erfüllten Raums. Und durch diese winzigen Fenster konnte man, den schrägen Spalt hindurch spähend, gerade einen Zipfel der vorderen Zufchauerreihen wie auch der vom Rampenlicht angestrahlten Bühne erhaschen.

Dieser Ausblick, den der Jung« eines Tages entdecken mutzte, übte seitdem auf ihn einen starken, immer gestetgerten Reiz Gerade in dem schmalen Ausschnitt wirkte das Bild der Flitterwelt dort unten anziehend und geheimnisvoll. Da schwebten geschmeidige Tänzerinnen vorüber, überschlugen sich in tollen Sprüngen buntgekleidete Männer und Knaben, Kraftmenschen hoben gewaltige Lasten, gar ein Taschenspieler zauberte aus seinem leeren Hut die lustigsten und wunder­samsten Dinge. Alles aber war eingehüttt in den warmen Glanz des Rampenlichtes, in die mitreißenden, befeuernden Klänge der Mevodien eines unsichtbaren Orchesters.

Daheim kannte Eberhard nur die Enge und Nüchternheit kleiner Stuben, die graue Einförmigkeit des von Armut und Verzicht bestimmten Alltags. Umso mehr ward ihm die Schau durch das Dachfenster, die niegesehene Wunder offenbarte, ähnlich einem erregenden Traum, und wenn nur irgend mög­lich, stahl er sich des Abends an die halb geöffnet« Luke. Solches aber war nicht nach dem Sinn des strengen und herzensschlichten Vaters, der meinte, von jener abenteuerlichen Welt möchten sich törichte, unnütze Gedanken vielleicht im Kopf des Sohnes, festsetzen. Als er Eberhards heimliche Leidenschaft bemerkt hatte, verbot er kurzerhand die sehn­süchtig erwarteten Abendgänge zum Dachfenster, die darum doch nicht ausgegeben, nur scheuer und noch versteckter unter­nommen wurden.

Zu dem Reiz des Fremden, Bunten und Unbekannten ge­sellte sich seitdem das Wissen einer ängstlich und zugleich desto glühender genossenen Freude. Es schien kein Ende zu sein der Überraschungen und Seltsamkeiten in dem lichtglänzenden Raum, von dem schon der heiße, schwüle Dunst verbrauchter Luft mit den Tönen stürmender Musik aufregend durch die Dachluke wehte. Immer wechselte buntes Spiel der Tänze­rinnen, der Akrobaten und Spaßmacher, in das der Knabe wie in «inen Traum versank, nicht selten selbstvergessen aufge­schreckt durch harten Zugriff der zorngeballten väterlichen Faust.

Allein stets aufs neue trieb es ihn zu dem wunder- bergenden Auslug hin, auch als die Zeit verströmte und tastend ahnungsvolle Jugend sich zu bewußtem, heranreisendem Werden wandelte. Knabenhafte Sehnsucht galt dem wie ein Zauberspiegel unerschöpflichen Blick in die Tiefe, und aus ihm stieg auch das Bild herauf, das den Feuersbrand erster LiÄe in die erwachende Jllnglingsfeele senkte. Wieder preßte Eber­hard die heiß« Stirn gegen den Rahmen des Dachfensters, da sah er auf der Bühne drunten die schlanken, zierlichen Be­wegungen einer tanzenden Frau, die ihn mit niegefühlter, bannender und atemloser Gewalt gefangen nahmen.

Der Reiz des Geheimnisvollen, der den Saal durchwob, Kien um st« unbegreiflich verdichtet, in dem üppigen, warzen Haar, das eine weiße Stirn umwallte, in dem Hellen Schimmer der Haut, die von fremdartig buntem Stoss, von klirrenden Metallspangen und schimmerndem Schmuck nur halb verhüllt war, in dem beschwingten, wie vom Wirbel der Musik

gepeitschten Spiel bet Glieder. Kaum ließ der Blickwinkel durch bas schräg aufgestellte Fenster das Gesicht erkennen, aber die ganze Erscheinung wirkte derart von Schwung getragen, von Leidenschaft durchglllht, daß das Herz des Lauschenden wie in Fieberstöße» zuckte und der tosende Beifall der Masse drunten im Saal um die Wete dröhnte mit den jagenden Schlägen seines Blutes.

Jene geheimnisvolle Fremde, fo seltsam berauschend wie ein gefährliches Menteuer, wie der schwüle, süße Geruch un­bekannter, fremdländischer Pflanzen und unerreichbar wie eine Märchenkönigin, erfüllte am Tage Eberhards Gedanken and ging nachts durch seine Träume, sie war Inbegriff niegestittter, doch mit betörender Macht die Seele durchwühlender Sehn­sucht. Wend um Abend stand der Jüngling bei dem Auslug, den kurzen Glanz des Bildes erhaschend, den dunklen Schimmer des Haares, die geschmeidigen Windungen des weißen, schlanken, doch kraftvollen Leibes. Und fein Herz ver­sank ganz im Schauen, als vermöge er für kurze, glücksvolle Sekunden eine eingebildet« Geliebte in bte Arme zu schließen unb auf bent Munb ihre Haut zu verspüren wie flüchtigen Kuß.

Nur ben kleinen Ausschnitt der Bühne ließ das Luken­fenster frei, nur ein paar Schwünge des Tanzes, dann ent­schwand das Sehnsucht umworbene Bild schon dort, wohin das Auge nicht folgen konnte. Eberhard hätte alles darum ge­geben, diese heimlich und unermeßlich Geliebte endlich einmal in der Nähe, während der ganzen Dauer ihres Tanzes wenigstens zu sehen: und er wußte, bald würde bet Wechsel bes Spielprogramms sie für immer entführen. Es gelang ihm, bas Geld zusammenzuknaufern, bas zum Eintritt für einen billigen Platz genügte. Am Eingang sah er groß unb in bunten Farben das Bild der fremdartig schönen, heihbegehrten Frau, sie war gekleidet in das leichte, schmuckschillernoe Ge­wand einer sagenhaften Priesterin. Und sich durch die Menge schiebend, nahm er den ihn, zugewiesenen Platz ein, während ihm das Herz bis zum Halse klopfte.

Nun ward er doch berechtigter Zuschauer des bunten Spieles, von dem er zuvor nur flüchtigen Glanz eingefangen hatte, er verfolgte die mannigfachen Künste von Tänzerinnen, Kraftmenschen, Spaßmachern, wirbelnd sich überschlagenden Akrobaten, aber seine Sehnsucht flog voran zu der Frau, die ihm Krönung allen Schauens und unerreichte Erfüllung seiner Träume galt. Da stand sie auf der Bühne, festlich und stolz, schimmernd der bunte Flitter, der Eoldglanz des Geschmeidos auf der weißen Haut, das lächelnde, lockend« Gesicht umwallt von dunklem Haar. Sie tanzte ihre wilden, stürmenden, auf­peitschenden Tänze, bald seltsam gelöst in schwebender Be­wegung, bald zu unbegreiflicher Raserei entfacht, daß die funkelnden Schmuckstangen die Glieder umklirrten, und die Herzen schienen den Wirbel mitzuschwingen in dem heißen, menschenvollen Saal. Eberhard fühlte um stch den Raum schwinden, von der Glut des Schauens sortgetragon zu märchenhaft fremder Weit«.

Dann schwieg die Musik, setzte zum Tusch wieder ein, und die Tänzerin trat an bie Rampe: sich oerbeugenb, riß sie bie Perücke vom Kopf, unter dem falschen Eelock bet schwarzen Haare enthüllte sich der kurzgefchoten« Schädel eines Mannes. Eines Mannes, dessen unnachahmlicher Kunst der Frauendar­stellung nun aufs neue tollaufrasender Beifall galt, während Eberhards junges, zuckendes Herz in nie empfundener Kälte erstarrte. Im Glanz der Lichter, im so oft traumumfangenen Jubel des Saales spürte er Weh und Bitterkeit erster, herber Enttäuschung, daß et hätte aufweinen und irgendwo in bei Einsamkeit sich hinwetfen, ben Kopf in bie Hände hätte ver­graben mögen.

Er begriff erst dumpf, was ihm allmählich zur Klarheit heraufdämmerte, baß bet Blick schräg burchs Dachfenster vieles anders zeigt, als es in harter, genauer Schau der Wirklich­keit sich ausnimmt. Gegen bie Welt ber lockenden Wunder wurde er plötzlich mißtrauisch und meinte, die nüchterne, klare, unbestechliche Sicherheit des Alltags hab« doch sehr wohl ihr Recht. Zu dem Auslug beim Dachfenster ging er nicht mehr seit jenem Tage, der ihn in ein beschämendes Er­lebnis wie an eine frisch schmerzende Wunde erinnerte, fein Traum von sehnsuchtsvoll umsponnenem Flitterglanz sthi.m ihm mit dem Flluch grell zerreißender Lächerlichkeit beladen. Dagegen hatte das Leben in ben grauen Stuben, in den Arbeitsstätten, im Kreis der zu gleichem Schicksal Bestimmten doch etwas Wahres, Gesundes, wenn auch nicht in über­schwänglichen Träumen stch Erfüllendes. Aus dem Iünglina mit schweifender Sehnsucht wurde ein Mann, der fest im All­tag stand, der aus Traum gerissen wußte, bas Schicksal böte ihm Glück nur, wenn er es stch erarbeitete mit dem Werkwillen ber Kraft und ber schaffenden Hand.

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