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Wiesbadener Taablatt

Druck ntth SmIjm- klÄS ____jx

Erscheinungszeit:

Nr. 222,

Donnerstag, 22. September 1938,

86. Jahrgang.

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mit einer täglichen

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Ablösung der Regierung Hodscha durch Militärdiktatur?

Hitler-Zahnen überm Lgerland!

Sudetendeulsche Ordner übernehmen den Sicherheitsdienst. — Zurückziehung des tschechischen Militärs und der Gendarmerie — Hakenkreuzbanner auf der Kaserne. — Befreiung der Gefangenen. — Rücktritt der Regierung Hodscha. — Bürgerkriegsatmosphäre in Prag.

Generalbereinigung!

Von unserem Berliner Schriftleiter W. Aßmus.

, Nachdem London und Paris in Prag einen letzten äußersten Druck angewandt hatten, hat Herr Benesch endlich dem englisch-französischen Plan z u g e st i m m t. Er tat das, wie es in der Antwort heißt, „s ch m e r z e r f ü l l t“. Sofft man in Prag durch diese sentimentale Redewendung Mitleid zu erwecken, will man so auf die Tränendrüsen der Mitwelt wirken oder ist Herr Benesch „schmerzerfüllt", weil nun die Entrechtung und Unterdrückung der Sudetendeutschen endlich vorüber sind und weil nun in Mitteleuropa eine neue Epoche beginnt, eine Epoche, mit der Herr Benesch nichts, aber auch nicht das ge- rmSste, zu tun hat? Vielleicht ist Herr Benesch „schmerz­erfüllt , weil er den Boden unter seinen Füßen wanken fühlt. Alle aus Prag kommenden Meldungen zeigen ja klar und eindeutig, daß dort bereits völliger Wirrwarr herrscht. In Demonstrationen fordern die einen eine Mili­tärdiktatur nationalistischer Generale, die andern feiern be­geistert die Rote Armee und Moskau. Hier zeigen sich die Früchte des Bündnisses mit den Sowjets; die rote Saat geht auf. Wenn auch Moskau sich weigert, den ehemaligen Bundesgenossen zu unterstützen — ein franzö- stfches Blatt sagt dazu, der Zusammenbruch des roten inter­nationalen Kolosses und seiner berühmten Hilfeleistung sei vollkommen — so setzt es doch die bewährtesten Vertreter aus der Verbrechergarde der Komintern nach Prag in Marsch, um dort das Chaos zu entfesseln. Muß man wirklich noch beson­ders hervorheben,,daß mit einer Regierung, die so­lange sich auf Moskau glaubte stützen zu kön­nen und die in Übereinstimmung mit dieser Moskauer Poli­tik die Sudetendeutfchen unterdrückte und sie heute noch terrorisiert, wo ihr das noch irgend möglich ist, nicht ver­handelt werden kann. Prag hat die Zeichen der Zeit nie verstanden. Am wenigsten als es jetzt sein letztes Ver­zögerungsspiel spielte. SeinJakommtzuspät. Der Gang der Ereignisse hat die Vorschläge, die Prag endlich an­nahm, längst überholt. Der Staat, den Herr Benesch mit viel Lügen und mit viel Gewaltakten hat aufbauen helfen, dieser Staat, von dem Mussolini gestern mit Recht sagte, daß er nicht nur die Tschecho-Slowakei war, sondern ein tschechisch­deutsch -magyarisch - rumänisch - polnisch - ukrainisch - slowa­kisches Staatsgebilde, zerfällt. Helfen können, wenn man jetzt eine gedeihliche Aufbauarbeit leisten will, aber nicht mehr kleine Mittel, sondern nurnochdieEeneralbe- reimigung.

Es mag ja schwer sein, für einen Politiker wie Herrn Benesch, der noch bis zuletzt glaubte, durch die Anrufung eines internationalen Schiedsgerichts ein Elementar-Ereig- nis aufhalten zu können, zu begreifen, daß etwas ganz Neues 'm Entstehen begriffen ist. Aber die Zustände in Prag, wo das Wirtschaftsleben stockt und alles drunter und drüber geht, sollten eigentlich auch Herrn Benesch erkennen lassen, daß das Ende einer Periode gekommen ist, die man vielleicht als Benesch-Periode bezeichnen kann und daß es für

Berlin, 22. Sept. (Funkmeldung.) Nach aus Prag vor­liegenden Nachrichten ist die tschecho-slowakifche Regierung zurückgetreten. Es sind Bemühungen im Gange, eine neue Regierung aus breiterer Grundlage unter Ein­beziehung hoher Militärs zu bilden.

Am Donnerstagfrüh verschärfte sich die Spannung in Prag so sehr, daß in zahlreiche» Betrieben die A r b e i t e r- schaft die Arbeit niederlegte und erneut sich un­geheure Demonstrationszüge znr Burg emporwälzten, dem Dieastfitz des Staatspräsidenten B e » e s d>. Unter dem Ein­druck der ungeheuren Demonstrationen entschloß sich die Regierung Hodscha, wie um 11 Uhr bekannt­gegeben wurde, zum Rücktritt.

Es wurde gleichzeitig mitgeteilt, daß im Laufe des Nach­mittags eine Regierung der nationalen Konzen­tration gewählt werden würde und darüber znr Zeit Besprechungen beim Staatsprästdenten stattfinde».

In diese Regierung der nationale» Konzentration solle» in erster Linie eine Reihe von Generalen ein­bezogen werden. Als Ministerpräsident nennt man den Armeeinspekteur, General Sirovy, der als besonderer 5 * eund der Sowjetunion gilt, und dort seine Aus­bildung erfahren hat. Man nennt ferner als künftige Regie

ihn, Herrn Benesch selbst nurnocheineAufgabe geben fcnnj o schnell wie möglich zu verschwinden.

Wenn jetzt auch die anderen Volksgruppen dieses Mosaikstaates das Selbstbestimmungsrecht prokla­mieren, so finden ste dabei überall, wo man wirklich für den Frieden arbeitet, die volle Unterstützung. Mussolini hat gestern erneut in einer Rede betont, daß das Problem voll­ständig gelöst werden muß. In Budapest und ganz Ungarn hat man in großen Kundgebungen gestern zum Ausdruck ge­bracht, daß man fein Recht mit festem, unerschrockenem und

Eger, 22. Sept. (Funkmeldung.) In der Nacht zum Donnerstag und in der Frühe dieses Tages habe» die Sudeten­deutsche» im ganze» egerländer Gebiet bis herunter zur tschechischen Sprachgrenze den Ordnungs­dienst, zunächst noch zusammen mit den Organe» des tschecho-slowakischen Staates, in eigene Hände über­nommen. Das ganze Egerlaud ist in einen Taumel unbeschreib­licher Freude geraten. Hakenlreuzfahuea wehen von de» Häuser», die Bevölkerung ist auf den Straße«. Alles sällt stch vor Freude um de» Hals. Es gibt unbeschreibliche Szene» ergreifenden Jubels.

Die Sudeteudeutscheu, die so viele schwere Jahre mit be- wunderswerter Ausdauer durchgestauden haben, hielte» auch in den letzten Stunde« vor ihrer Befreiung in vorbildlicher und mustergültiger Weise Zucht und Ordnung.

Die Organe des tschecho-slowakischen Staates, Gendarmen u»d Polizeibeamte «ud andere, machen gemeinsam mit de» Sudetendeutschen den Ordnungsdienst, das heißt, diesen Organen sind Sudetendeutsche beigegebe», doch treten sie selbst kaum noch in die Erscheinung.

Auch die tschechischen Grenzposten zurückgezogen.

Eger, 22. Sept. (Funkmeldung. Vom Sonderbericht­erstatter des DNB.) Am Nachmittag sickerte in den Städten des Egerlandes das Gerücht durch, daß die tschecho-slowakifche RegierunL die englischen Vorschläge angenommen habe. Die Nachricht löste einen unbeschreiblichen Jubel aus. Sofort eilte die Bevölkerung auf die Straßen und die ersten Hakenkreuzfahnen wurden gehißt. Gleichzeitig setzte sich die Egerländer Bevölkerung mit den tschechischen Staatsorganen in Verbindung und machte ihnen den Vor­schlag, den Sicherheitsdienst zu übernehmen. Zu

rungsmitglieder de» Generalstabschef K r e j z y und den oolkssozialistischen Senator und Oberbürgermeister von Prag, Z e n k l, der über den Prager Rundfunk heute eine Ansprache an die Bevölkerung hielt.

Die Mitteilung des amtlichen tschecho-slowakischen Preß- büros verschleiert den Regierungsrücktritt, indem nur von der bevorstehenden Bildung einer neue» Regierung gesprochen wird.

Die Sokol-Berbäude wurden Donnerstagfrüh durch de» R»»dfunk a l a r m i e rt und erhielten Auftrag, sich in Uniform an den Sammelplätzen zu melde»; sie sind in irarkem Maße für den Ordnungsdienst eingesetzt worden. Die Prager Burg, aber auch die Gegend der deutschen Gesandtschaft werden seit Donnerstagsrüh nicht mehr durch Polizei, sondern durch Militär gesichert.

In Prag herrscht allgemein der Eindruck, daß es sich bei der neuen Regierung um eine klare Mi litärdiktatur handeln werde.

. _ ^gen Mittag wälzten sich aus den Vorstädten erneut rie,ige Demonftrationszüge mit Hochrufen aus die Sowjet­republik und roten Fahnen durch die Straßen der Stadt. Obwohl an der Karlsbrücke sich ihnen Militär entgegen­stellte, gelang es ihnen, ans da? andere Moldan-User zu gelangen und ihren Weg zur Burg sortzusetzen.

unbeugsamem Willen zurückverlangen werde. Die ungarisch« Jugend hat das dahin ergänzt, daß sie be­reit sei, sich sofort in Marsch zu setz en. Die gleiche Sprache wird in Warschau und ganz Polen gesprochen. Das alles wird man nirgends verkennen können, auch wenn an einigen Orten sich die Opposition einiger schwer belasteter Politiker wie Churchill und Eden, um nur zwei solcher Männer zu nennen, zu regen beginnt. Heute kann es keine Lösung im Zentimetermaßstab geben, heute ist nur noch die totale Lösung, die Genera Ibereinigung, möglich.

diese» Verhandlungen waren die Bezirkshauptmänner, die Präsidenten der Kreisgerichte, die Stationskommandanten der Gendarmerie und die Kommandanten der militärischen Behörden hinzugezogen. Im großen und ganzen waren sie nach telephonischer Rücksprache mit dem Prager Innen­ministerium weitgehend zu Zugeständnissen be­reit. Schwierigkeiten machten allein die Polizeipräsidenten, die stch aber schließlich doch der besseren Einficht fügten. Die tschechischen militärische« Posten an der Egerländer Grenze, und die Eendarmerieposten sowie auch die Zollstelle« wurden bis auf weiteres zurückgezogen, während fich der Mob der Roten Wehr bei Nacht und Nebel bereits in Sicherheit gebracht hatte oder versteckt hält. Gegen 2 Uhr übernahmen sudetendeutsche Ordner auch den Grenz­dienst an den Übergangsstellen.

Eine telephonische Verbindung nach dem Reich war jedoch nicht möglich, da die Leitungen unterbunden waren.

Als wir in den frühen Morgenstunden in das Egerländer Gebiet einsuhren, waren die Mensche« «och oder schon wieder aus den Seinen. Der deutsche Wagen wurde mit unbeschreib­lichen Jubelkundgebungen begrüßt. In Dörsern und Städten bot sich das gleiche Bild. In Eger war die ganze Stadt aus den Beinen. Der Ordnungsdienst mit Hakenkreuz­binden oder Binden der SDP. war überaus zahlreich verteilt. Die Stobt bot ein Bild mustergültiger Ordnung. Im Stadthaus war die Zentrale des Ordnungsdienstes, die noch in der Nacht ein Flugblatt an die deutsche Bevölkerung des Egerlandes herausgab, in dem die Volksgenossen ersucht wurden, unbedingt Ruhe und Ordnung zu bewahren. Das ist, wie der Augenschein zeigt, der Fall. Im Stadthaus, in der Alt­stadt, von der Stadtkirche wehen weithin Hakenkreuz­fahnen. Auch an den Häusern mehrt sich der Schmuck der Fahnen und Girlanden von Stunde zu Stunde. Die in das Reichsgebiet entkommenen Flüchtlinge find nur ganz ver­einzelt zurückgekehrt, die Mehrzahl von ihnen wartet in voll­ster Disziplin, bis fie die Weisung erhält, daß fie zurückkehren kann. Zu Zwischenfällen ist es im ganzen Egerländer Gebiet nach den bisher vorliegenden Meldungen nirgendwo ge­kommen.

Gegen 9 Uhr morgens wurde auch auf der Militär, toferne, der ehemaligen 33er-Kaferne, die Hakenkreuz­fahne gehißt.

Im Stadthaus trafen wir der ersten befreiten Gefangenen — in Eger sind »ach de» Kundgebungen im Anschluß an die Führeransprache etwa 100 Leute in das Kreisgcsängnis eiuge- liesert und unbeschreiblich mißhandelt worden. Sie haben alles Leid vergesse» und geben sich rückhaltlos ihrer unbeschreiblichen Freude hin. Vor dem Stadthaus ist der Marktbetrieb in vollem Gange.

Alle Geschäfte, die in den letzten Tagen nicht zu öffnen wagten, sind wieder geöffnet und man kann die Bilder des Führers und Konrad Henleins und Postkarten mit beit Bilbnissen führender deutscher und sudelenbeutscher Persöulichkeiteu kaufe«.

2n ben öffentliche» Gebäuden sind blumengeschmückte Bilder des Führers und Konrad Henleins ausgehängt.

Der größte Teil des Militärs und der Gendarmerie des Egerlandes ist bereits auf tschechisches Gebiet abtransportiert. Allerdings stehen vor dem Friedhof in Eger noch tschechische Soldaten mit ausgepflanztem Bajonett, die den Zutritt zum Friedhof verhindern.

Gegen 10 Uhr verschwinden auch die letzten Posten der Gendarmerie aus den Straßen. Die tschechischen Postbeamten haben das Postgebäude verlasse». Der Fernsprqch- dieust, der allerdings «ur »och in das Landesinnere führt, wird von zwei sudetendeutschen Beamtinnen aufrechterhalte». Auch die Geudarmerie wird, wie man sieht, auf Lastfahrzeuge« abtransportiert. An ben Subeteudeutschen ist bewunbenmgs» würdig die vorbildliche Ordnung und Ruhe.

Prag unter dem Druck der Straße

Taumel unbeschreiblicher Freude