Samstag Sonntag, 13. 14. August 1938.
BolW - Filme für öas Bolt
Randnotizen zum neuen deutschen Filmjahr.
Von Werner Karl.
Programm.
In diesen Tagen sind auch die kleinsten deutschen Ver- leihgcseklschasten und die letzten „Amerikaner" mit ihren Plänen für die Filmspielzeit 1938/39 vor die Öffentlichkeit getreten. Die deutschen Lichtspieltheater dürfen ?ür das neue Filmjahr mit 200 Arbeiten aus der eigenen und aus der ausländischen Produktion rechnen, eine 'Höchstzahl, die seit Stummfilmzeiten im Reich nicht mehr genannt wurde. Man darf allerdings auch in diesem Zusammenhang nicht vergessen, daß die österreichische Filmwirtschaft in die Gesamtproduktion des Reiches einbezogen wurde.
Eine Feststellung dazu am Rande: Deutschland ist auch in diesem Jahr großherzig genug, die meisten Filme aus der Spitzenproduktion der gleichen ausländischen Mächte in seinen Theatern zu zeigen, die zur selben Zeit wieder einmal auch auf dem Gebiet der Filmwirtschaft einer erschreckenden Boykotthetze freien Lauf lassen. Reben die besten Er- zeugnisie deutscher Herstellung treten also auch im neuen Jahr die meisten hervorragenden Leistungen Amerikas und Frankreichs. Dazu kommen wenige Engländer und einige Filme aus dem befreundeten Italien.
Man hat in weiten Kreisen dieser neuen deutschen Filmspielzeit mit ganz besonderer Spannung entgegengesehen. Unser Filmschaffen ist nach den Jahren der Krise und nach der schweren Zeit inneren und äußeren Aufbaus gerade in den vergangenen zwölf Monaten in die entscheidende Phase seiner geschichtlichen Entwicklung eingetreten. Zum erstenmal aus dem historischen Wege der internationalen Filmproduktion hat Deutschland das Experiment gemacht, Künstler selbst an die Spitze seines Filmschaffens zu setzen und der Industrie das Gesetz allen Handelns zu entreißen. Nach dem künstlerischen Durchbruch auf der Reichsftlm- kammer-Tagung im Jahre 1937 sollten nun in dieser neuen Produktion die ersten Ergebnisse sichtbar werden.
Reichsminister Dr. Goebbels hat in diesem Jahr recht oft das Wort zu grundsätzlichen Ausführungen über den künftigen Weg der deutschen Kunstpolitik ergriffen. Wer aufmerksam seinen Reden gefolgt ist, wird immer wieder festgestellt haben, mit welchem Nachdruck der Minister auf die notwendigen Beziehungen zwischen Kunst und Volk hingewiesen hat. Er hat die Erfüllung der Sehnsucht unseres Volkes nach künstlerischer Unterhaltung für den Feierabend als dringlichste Aufgabe hingestellt. Dr. Goebbels' programmatische Forderungen dürften am nächsten in dieser Formulierung umrissen sein: nicht das intMektuelle Problem steht im Vordergrund der gesamten deutschen Aufgabe in der Kunst, sondern vielmehr das Bedürfnis des Volkes nach Entspannung und Unterhaltung, sein großes Schau-Bedürfnis und feine Liebe zum schöneren Schein des Lebens. In dieser Forderung muß nicht allein die Marschroute für den Film, sondern vielmehr auch die Parole für die gesamte deutsche Kunst liegen.
VolkMlme — Filme für das Volk, so hieß die Zielsetzung für die neue Spielzeit und in diesem Sinne ist offenbar das neue Programm aufgestellt worden. Die große deutsche Ausgabe, den Feierabend des schaffenden Menschen -schöner zu gestalten, soll auch auf dem Gebiet des Films erfüllt werden. Neben die Bestrebungen der NS.-Eemein- K „Kraft durch Freude" tritt nunmehr die Leistung des
chen Films: Frlme zu schaffen, die dem Volk bunte Unterhaltung für den flüchtigen Feierabend schenken.
Das Gesicht.
Frauen und Liebe, Abenteuer und Lustspiel stehen weit im Vordergrund aller neuen deutschen Filmthemen. Von Zarah Leanders schottischen Königin Maria führt ein Weg der großzügigen Filmunterhaltung zur „Preußischen Liebesgeschichte" mit Lida B a a r o v a. Und Heinz R ü h - mann mit seinen bürgerlichen Lustspielen steht weiter in großer Gunst neben dem Herzens- und Sorgenbrecher Hans Albers. An ihrer Seite, neben den großen Frauen des deutschen Films, den hervorragenden Komikern und unüberwindlichen Helden stehen die vielen, ungezählten und leicht vergänglichen Filme deutscher Produktion mit bewährten Gesichtern und routinierten Kräften. Es eröffnet sich ein buntes Programm der erprobten Stoffen, der beliebten Kräfte und handwerklich geschulter Regisseure.
Es ist in diesem Jahr aber von der großen Stunde bekannter Schauspieler und Dichter zu reden. Eine Reihe starker Dramatiker und begabter Schriftsteller, vor allem
Wiesbadener Tagblatt
Viertes Blatt. Nr. 188.
aber den besten Menschengestaltern der deutschen Bühne ist das Feld weit eröffnet worden.
Gustaf Gründgens, der Intendant des Berliner Staatstheaters, wird bei der Terra-Filmkunst zwei Lieblingspläne verwirklichen: Fontanes „Effie Briest" im filmischen Gewand mit dem Titel „Der Schritt vom Wege" und Selma Lagerlöfs Dichtung „Gösta Berling". In beiden Filmen wird der Staatsrat Hauptrolle und Regie innehaben. Emil Jannings geht bei der Tobis an das Werk ebenfalls einen alten Plan in die Tat umzusetzen: die deutsche „Cavalcade" vom Weltkriegsende bis zur Gegenwart soll in einem zweiteiligen 'Filmwerk nach einem Manuskript von Hans Fallada erstehen. Die beiden Filme tragen den Titel „Der weite Weg"; sie sollen das Schicksal einer deutschen Familie aufzeigen. Eine weitere Arbeit entsteht unter der künstlerischen Oberleitung des Staatspreisträgers 1937: „Der letzte Appell", ein Film vom Untergang der „Königin Luise" 1914 an der Themsemündung. Die Hauptrolle spielt Peter Petersen. Endlich sei auf die Arbeit Heinrich Georges hingewiesen, der nach seiner Beauftragung mit der Leitung des Berliner Schiller-Theaters — zum Schaffen des deutschen Films — lediglich in einer neuen Arbeit erscheinen kann. Es handelt sich um die Verfilmung des Bühnenstücks von Walter Harlan — des Vaters unseres Regisseurs Veit Harlan — „Das Nürnbergifch Ei". Der Film wird den Titel „Der Titan" tragen.
Dramatiker und Schriftsteller der Gegenwart sollen in den folgenden Filmen — zum Teil erstmalig — ihre Begabung als Filmdichter unter Beweis stellen: Richard Billinger in „Der Titan", Hans Rehberg in dem Gründgens-Film „Tanz auf dem Vulkan" — das Schicksal des Schauspielers Debureau in der französischen Juli- Revolution — und Rolf Lauckner in „Preußische Liebesgeschichte" (die Jugendliebe des jungen Prinzen Wilhelm, des späteren Kaisers Wilhelm I. zur Gräfin Radziwill). Eberhard Frowern, der Autor von „Mein eigenes properes Geld" und „Du selber bist das Rad" arbeitete selbst mit an den Drehbüchern zu den Verfilmungen seiner
Industrie-Romane. Hans Fallada lieferte neben den Jannings-Filmen noch den Stoff für den zweiten Film nach einem seiner Bücher: „Altes Herz geht auf die Reise" und wird von Earl Junghans verfilmt. Reben diesen stärksten und erfolgreichsten Schriftstellern im Reich bestätigen sich noch Lippl, Leip, Lützkendorf, Jochen Huth, Otto Ernst Hesse, Per Schwenzen, Edgar Kahn, Charlotte Rißmann, Ernst Löhndorff. Norbert Jaques, Ernst von Salomon und Eckart von Naso an den Drehbucharbeiten für die neue Produktion.
An diesen Filmen der Dichter und Schauspieler soll sich der künstlerische Wert der neuen deutschen Produktion entscheiden. Sie tragen für ein weiteres Jahr das Schicksal des deutschen Films auf dem Wege zur Kunst in ihren Händen und sollen vor der Nation und vor der Welt Zeugnis ablegen für die zweite, größere Aufgabe die neben unserer „Volksfilmproduktion" liegt: einen neuen Beitrag für die Entwicklung der Filmkunst in Deutschland und für den Ve-- stand unserer Arbeit jenseits der Grenzen zu liefern. Dichter und Schauspieler sollen zugleich den Beweis dafür erbringen, daß sie der größten Gefahr im eigenen Schaffensbereich entgangen sind, nämlich der, in der dichterischen Leistung und in der schauspielerischen Aufgabe die Gesetze des Films und seine künstlerischen Notwendigkeiten außer acht gelassen zu haben. Zur gleichen Zeit, da die „Avantgardisten" in der Produktion feiern müssen, da kein Film von Leni Riefen- st a h l, nicht einer von Mathias Wiemann, weder ein Film von Frank W v s b a r noch einer unter der Spielleitung von Curt Oertel angekündigt ist und Werner H o ch b a u m seinen Weg allein mit dem Film „Ein Mädchen geht an Land" fortsetzt, dürfen sie nicht das große Ziel einer" eitlen schauspielerischen odstr einer dichterischen Laune opfern. Ihre Mission auf dem schwierigen und doch so modernen, jungen und doch so weitreichende Felde des Films ist heute wie "gestern dem Wort des Führers verpflichtet, das da spricht von der Kunst als von „einer erhabenen, zum Fanatismus verpflichtenden Mission" und ihre Träger auffordert, „lieber jede Not auf sich zu nehmen als auch nur einmal dem Stern untreu zu werden, der sie innerlich leitet".
Filmstar Waldvogel vor der Kamera.
Ein Tierschutzfilm wird gedreht.
Toni Attenberger, der bekannte Schriftsteller und Regisseur dreht zur Zeit" im Auftrage des Reichstierschutzbundes einen großen Film, der dem Laien das gesamte Gebiet des Tierschutzes zeigen soll. Soeben hat Toni Attenberger einen bedeutenden Teilabschnitt dieses Films beendet, der sich mit dem Vogelschutz beschäftigt. Dieser Vogelschutzfilm, der ja nur ein Teil des großen Filmes ist, ist allein 500 Meter lang. Gerade in diesen 500 Meter Film gab es die meisten Schwierigkeiten zu überwinden, die sich überhaupt in dem Tierschutzfilm bieten werden.
Geduldsprobe im Vogelfchutzgebiet.
Einer der Filmstare dieses Bildstreifens war der Waldvogel und die Filmateliers waren die Vogelfchutzgebiete rund um Frankfurt, insbesondere bei Neu-Jsenbürg. Und nun versuchen Sie einmal, einen Vogel zu photographieren und jeder wird begreifen, welch eine geradezu übermenschliche Geduld und Mühe dazu notwendig ist. Der Film zeigt einige stimmungsvolle Bilder der Heimat des Waldvogels. Wir sehen den Waldvogel an der Vogeltränke und erfahren dabei, wie die Vogektränke richtig anzülegen ist. Weiter zeigt der Film, was alles bei der Anlage von Brutkästen zu bedenken ist. Es kommt nicht darauf an", daß dem Tier geholfen wird, sondern vielmehr, daß richtig geholfen wird. Viele Vögel nisten im Unterholz. Derjenige, der hier richtig helfen will, wird Unterholz und Hecken stehen lassen oder anpflanzen. Niemals aber gehört der Waldvogel in einen Käfig. Toni Attenberger wendet sich mit aller Schärfe gegen die Begründung, daß das Waldvögelchen im Käfig seinem Besitzer so viel Freude mache, denn jeder andere Vogel wird dem Betreffenden ebensoviel Freude bereiten.
Immer wieder begegnet man dem Unfug, daß der Wale- Dogel sinnlos eingefangen wird. Für wissenschaftliche Zwecke muß gelegentlich der Waldvogel gefangen und in Käfigen gehalten werden. Auch das zeigt der Film, wie der Waldvogel richtig gefangen wird. Der Käfig, in den er gesperrt wird, voll viereckig fein, groß und eine weiche Decke haben, damit der Waldvogel, der nach oben immer wieder die Freiheit sucht, sich nicht an den harten Stäben des Käfigs den Kopf einstoßen kann. In allen anderen Fällen ist bas Fangen des Waldvogels verboten.
Die Filmkamera unter« Netz.
Die ungeschützten Vögel (Elster, Saatkrähe, Rabenkrähe u. a.) wurden im Frankfurter Tiergarten gefilmt. In Freiheit hätte man sie nur mit dem Teleobjektiv aus großer Entfernung aufnehmen können. Attenberger aber kam es Darauf an, gerade die Schädlinge der Vogelwelt in Großaufnahme zu zeigen, so daß jeder sie kennenlernt. Zu diesem Zweck wurde im Tiergarten zunächst auf einer zwei Quadratmeter großen Fläche naturgetreu die Landschaft aufgebaut, in der die Saatkrähe lebt. Davor baute sich die Filmkamera auf, die Objektive wurden eingestellt, die Blenden gerichtet, dann kam der Wärter, der mit der gefangenen Saatkrähe bereit stand, setzte den Vogel in die vorbereitete Miniaturlandschaf: und nun wurde über das Ganze ein großes Netz gebreitet, so daß der Vogel nicht entfliehen konnte. Auf der Aufnahme, die nun aus nächster Rähe gemacht werden konnte, durfte man das Netz nicht sehen. Auch das ist mit Hilfe eines besonderen Tricks, den uns Toni Attenberger kurz erläutert, gelungen. Die Aufnahme muß immer genauestens in der Richtung der Sonnenstrahlen so gemacht werden, daß das hauchdünne Drahtnetz, das die gleiche grüne Farbe hat wie das dahinter befindliche Laub, nicht die geringsten Schatten werfen kann. Das ist nur möglich, wenn die Kamera dauernd mit den Sonnenstrahlen auf den Millimeter genau bewegt wird. Das bedeutet, daß aber auch gleichzeitig die Miniaturlandschaftz sich ständig ändern must Welche Mühe es erforderte, diese Aufnahmen int Tiergarten mit der Saatkrähe zu machen, mag man daran ermessen, daß an einem Bildstreifen von 25 Meter Länge 11 Stunden ununterbrochen gearbeitet wurde. Dabei waren ständig 29 Personen beschäftigt.
Uraufführung noch in diesem Jahre.
Der Fikrn wird sich auch mit dem Thema Katze und Vogel beschäftigen und zeigen, wie man den Vogel wirksam vor der Katze schützen kann. Die richtige Vogelfütterung im Winter wird ebenso ausführlich behandelt. Mit dem "nunmehr -beendeten Vogelfilm ist nur ein Teil des Filmes fertig- gestellt. Die übrigen Teile gehen auch langsam ihrer Vollendung entgegen. Noch manche Ausnahme allerdings wird dazu notwendig sein. Der ganze Tierschutzfilm wird noch in diesem Jahre voraussichtlich Ende September, Anfang Oktober in Frankfurt, dem Sitz des Rcichstierschutzbundes, uraufgeführt werden.
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