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Seite 10. Nr. 168.

Wiesbadener Tagblatt

Donnerstag, 21. Juli 1938.

Brief aus der Etappe.

To-day cafh only!!

(Von unserem Fern-O st-Mitarbeiter Hans Tröbst.)

Lash" gesprochenKaesch" ist ein chinesisches, in den Sprachgebrauch des Fern-Ost-Europäers übergegangenes Wort und heißtGeld".To-day cash only" heißt dem­nach:Heute nur Geld!" . . . nämlich Bargeld, und zwar auf den Tisch des Hauses!"To-day cash only" . . . Schilder mit dieser vielsagenden Inschrift kann man heute über vielen Bar-Tischen und in allen möglichenbesseren Lokalen" und ähnlichen Geschäften der Millionenstadt Tientsin angeschlagen finden ... ein Beweis dafür, daß auch hier draußen der Krieg mit vielen, alten, schönen, liebgewordenen Sitten aufzuräumen und auch dem leicht­sinnigstenBetriebsmacher" allmählich den Ernst der wirt­schaftlichen Lage vor Augen zu führen beginnt.

Denn bisher war es in der schönen Stadt Tientsin so, daß so ziemlich jeder Europäer in jedemvernünftigen" Geschäft oder Lokal ohne dort eingeführt oder bekannt zu sein so viel essen und trinken konnte, wie erlustig" war, ohne daß er einen Pfennig Geld in der Tasche zu haben brauchte. Er brauchte im entscheidenden Augenblick lediglich einenSchitt" zu unterzeichnen und derFall" wax bis auf weiteres ausgestanden. Nun istSchitt" beileibe kein unanständiges Wort, sondern nur ein kleines Papier­chen: oben steht der Name des Hotels, der Bar oder des Restaurants, darunter schreibt der chinesischeOber" die Summe der Zeche undunten" braucht der East oder Zecher nur seinen Namen und seine Adresse hinzusetzen.

Unerhörter Vertrauensbeweis" wird man sagen . . . sehr anständiges Verfahren" und so . . . gewiß! Aber auch in Fernost hat jedeWirkung" ihreUrsache" und mit der Ursache dieses, für den Westler unverständlichen bargeld­losen Verkehrs wollen wir uns jetzt einmal etwas näher beschäftigen.

An sich hätten die verschiedenen Wirte oder Geschäfts­leute wohl sicherlich schon längst mit dieser, noch aus alten, besseren Zeiten stammenden Sitte oder Unsitte aufgeräumt, wenn sie dazu in der Lage gewesen wären! Aber hätte einer allein von sich aus damit angefangen, dann wären ihm sofort die meisten Gäste weggeblieben, weil sie die Zumutung: To-day cash only" als ein unerhörtes Mißtrauensvotum aufgefaßt und kurzerhand zur Konkurrenz gegangen wären. Und dem wollte sich natürlich kein Geschäftsmann aussetzen erst der K r i e g mußte kommen, um langsam das uralte, geheiligte Gesetz desSchittausschreibens" zu durchbrechen . . . womit erneut der alte Satz bewiesen wäre, daß der Krieg tatsächlichder Vater aller Dinge ist".

*

Übrigens ganz interessant, einmal festzustellen, wie sich dieserSchitt-Verkehr" überhaupt in Fernost entwickeln konnte. Denn dieses Problem hat seine zwei Seiten: eine volkswirtschaftliche und eine sagen wir mal moralische, und beide wollen wir jetzt einmal kurz unter die Lupe nehmen.

Zunächst die volkswirtschaftliche: früher gab es in China kein Papiergeld, sondern nur Silbergeld, und zwar reines Silber oder fast reines Silber, das zum Teil in dem sonder­barsten Formen kursierte. Zum Beispiel in Gestalt von kleinen, massiven, nett gearbeiteten Schuhen, auf denen der Silberwert bzw. das Silbergewicht eingestempelt war . . . Diese kleinen Schuhe sind heute wie so manche anderen sonderbarenSilberformen" nach Einziehung des Silbers aus dem Verkehr verschwunden und nur hier und da findet man diese kleinen Schuhe noch als Dekorationsstücke auf

Rauchtischen, als Salzfässer usw. usw. Nun ist Silber bekanntlich sehr billig: wenn ich nicht irre, kostet heute ein Kilogramm reinen Silbers an der Börse 40 Mark, so daß z. B. der chinesische, bis vor kurzem noch^im Umlauf befind­licheSilberdollar", der aus reinem Silber bestand, nur einen Wert von etwa 80 Pfennigen hatte, obgleich er die Größe und die Dicke eines alten deutschen Dreimarkstückes erreichte. Oder mit anderen Worten: das Silbergeld war schwer wollte also ein Europäer mal ordentlich bummeln gehen, dann mußte er sich sämtliche Taschen voll Silber womöglich in Form von kleinen Schuhen oder anderen Ge­bilden stecken. 40 Mark kann man nun an einem Abend und das wird mir jederBetriebsmacher" zugeben ohne weiteres und mühelos durchbringen, vorausgesetzt, daß man sich eben den Gegenwert in Form eines Kilogramms Silber in die verschiedenen Taschen steckte. Dazu hatte natürlich niemand Lust, und statt in den Lokalen bar zu be­zahlen, schrieb man einfach den zu diesem Behufe erfundenen Schitt" aus, der dann am Monatsende wieder mit vielen andern zusammen dem Aussteller zur Einlösung präsentiert wurde. Aber auch dann zahlte er meist nicht in bar, sondern in Form eines Schecks auf die eigene Bank, und man müßte eigentlich mal ausrechnen, was die Banken in Fernost im Laufe vieler Jahre eigentlich an diesem bargeldlosen Kneip"-Verkehr verdient haben...

Nun wird man natürlich fragen:Tja, du lieber Himmel . . . wenn nun irgend so ein unbekannter Fremder in irgend so ein Lokal kommt, dort eine anständige Zeche macht, darüber einenSchitt" ausstellt und dann mit dem nächsten Zuge auf Nimmerwiedersehen weiterreist. . . wie kommt dann der Wirt zu seinem (Selbe? Zugegeben: das ist heute der Haken bei diesem einst auf beiderseitigem Ver­trauen gegründetenGeschäft", dessen Uranfänge in jene fernen Zeiten zurückreichen, als die Menschen sozusagen noch besser waren als heute und es vor allen Dingen noch nicht' so vieleForeigners" oder Fremde wie heute, in China gab. Damals waren die Fremdenkolonien noch klein, jeder kannte jeden und jeder rougte vor allem vom andern, für wieviel er im allgemeinengut" war. Also damals war das Risiko noch klein, und vor' allem war damals noch das Einlösen unterzeichneterSchitts" Ehrensache. Denn die Unterschrift darunter galt soviel wie die unter einem Wechsel, und wenn man von irgend jemandem sagte:Er hat seine Schitts nicht bezahlt", dann war er unten durch und kaufmännisch und gesell­schaftlich erledigt. Und dem wollte sich in einer kleinen Kolonie natürlich niemand aussetzen. Also damals, in der guten, alten Zeit, war das Risiko derWirte" klein, und zahlte wirklich einmal einDurchgereister" oder meinet­wegen auchDurchgebrannter" seine Schitts nicht nun, dann war das auch kein großer Schaden. Denn damals waren die Zeiten in China noch golden, der Dollar rollte und die Sektpfropfen knallten diese schönen Zeiten sind heute längst vorüber; geblieben ist dafür die festeingewurzelte Sitte des Schitt-Ausschreibens, aber heute gibt es bereits Betriebe", die ihren Jahresverlust an nichteingelösten Schitts aus 2,5 % des gesamten Jahresumsatzes beziffern! Und trotzdem wagen es die wenigsten, mit dieser alten Sitte oder Unsitte zu brechen, weil grade im Zeichen des Krieges die wenigsten Leute über genügendKaesch" sprich Bar­geld verfügen. Die Notenknappheit ist so groß, daß selbst Die großen chinesischen Banken ihren Kunden nur 150 Dollar (etwa 110 Mark) im Monat auszahlen können, weil eben

der Krieg das normale Geschäft in diesem zweitgrößten Hafen Chinas fast völlig zum Erliegen gebracht hat. Ein Großkunde Europas in Nordchina war z' B. die berühmte 29. chinesische Armee. Mit ihrer Vernichtung durch die Japaner waren sämtliche Kontrakte hinfällig geworden, und was dieser Armee, die gewissermaßen einen kleinen Staat im Staate bildete, auf Anzahlung geliefert und in ihren Besitz uBetgegangen war, mußte von der lokalen Kaufmann- schaft ebenfalls als Verlust gebucht werden. Und mit den chinesischen Zivilbehörden war es nicht viel anders: die meisten haben aufgehört zu existieren, bzw. sind sie von den Japanern umorganisiert worden, von den reichen chinesischen Kaufleuten sind viele geflohen oder sie weigern sich kurzer­hand unter allerlei Ausreden, eingegangene Verpflichtungen aus Grund der neuen Lage einzuhalten.

Schanghai, die Hauptverteilungsstelle europäischer Waren im Fernen Osten, ist heute ein zweites, blockiertes Madrid geworden, und bestellte Waren liegen auf der Strecke von Singapore bis hinauf nach Dairen in irgend­welchem Hafen herum, für die sie nicht bestimmt sind, wo sie aber, der Not gehorchend, gelöscht werden mußten. Infolge­dessen sind die meisten Lager leer und am schlimmsten sind die europäischen Kleinvertreter oder Vermittler dran, die schon von jeher mehr oder minder von der Hand in den Mund lebten. Deren Existenz ist heute so gut wie vernichtet, aber auch bei den großen Firmen sieht es böse aus: die Zahlungstermine für bestellte Waren, die bisher den ehe­maligen Bestellern nicht ausgeliefert und von diesen nicht bezahlt werden können, rücken heran und allein in Schang­hai geht der Verlust des Europa-Amerika-Handels in die Hunderte von Millionen Pfund.

In den Büros dreht man die Daumen oder arbeitet alte Sachen auf, und wer überhaupt nichts mehr zu tun hat, schlägt seine viele freie Zeit in den Klubs, den Bars ober sonstigen Vergnügungslokalen ber großen Stadt tot, in denen jetzt immer häufiger, sozusagen als Symbol der Zeit, die SchilderTo-day cash only!"Von heute ab nur noch Bargeld!" erscheinen.

Wäre die Ursache nicht so traurig, so könnte man diese schüchtern auftauchenden Schildchen als eine Art Gesun­dungszeichen begrüßen, denn dieSchitt-Wirtschaft" hat schon manchen jungen und auch alten Mann hier draußen ruiniert. Denn diese Schittwirtschaft war eine Pump- Wittschaft großen Stils, und da bekanntlichWein, den man mit gepumptem Gelbe trinkt, boppelt schnell betrunken macht" machten auch die Schitts das Leben im Fernen Osten doppelt teuer. Als Handel und Wandel noch blühten,, konnte der einzelne diesen Nachteil ruhig mit in Kauf nehmen, heute aber, wo der Europahanoel im schwersten Existenzkampf steht, wird der einzelne wie die Gesamtheit hier draußen nur bei Entfaltung äußerster Sparsamkeit durchhalten können und muß daher die ParoleTo-day cafh only!" nicht nur zu seiner privaten, sondern auch ge­schäftlichen Maxime machen.

Aber ob es noch viel nutzen wird das ist eine andere Frage! _______

Henry Ford als Prinzenchauffeur. Wie aus Detroit be­richtet wird, hat Henry Ford, der Autokönig, bewiesen, daß er nicht nur Kraftwagen bauen, sondern trotz seines hohen Alters auch meisterhaft führen kann. Drei Stunden lang war er persönlich der Chauffeur des Prinzen Bertil, des Sohnes des schwedischen Kronprinzen, der sich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten aufbält. Als man den Prinzen später fragte, wie er zufrieden gewesen sei. erklärte er, d«ß Ford ein ausgezeichneter Chauffeur wäre.

Ein neuer Beruf in Hollywood. In den Hollywooder Filmateliers ist ein neuer Beruf entstanden. Es handelt sich um den sogenanntenFruchtvolierer". Dieser Mann muß natürliche Früchte mit Glyzerin oder Wachs überziehen, da­mit sie in der Photographie naturgetreuer wirken.

Wiesbadener Tagblaft

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Der Arzt als Helfer

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Nerventätigkeit gehen auch im Hungerzustande ohne besondere Ver­änderung weiter, nur die Verdauung wird eingeschränkt. Der Ver­brauchtneä_ Hungernden ist nicht viel geringer als der eines normal Ernährten bei Körperruhe. Seinen Bedarf deckt der Hun­gernde vorwiegend durch Einschmelzen des Körperfettes, in viel geringerem Maß durch Verbrauch des Körpereiweißes. Je größer der Fettvorrat des Körpers ist, desto mehr wird Eiweiß gespart. Aber auch das Kohlehydrat des Körpers, das in der Leber ge­speicherte Glykogen, wird im Hunger aufgebraucht. Im Hunger schwindet am stärksten bas Fett, dann schwinden auch Drüsen und Muskeln. Am längsten bleiben die lebenswichtigen Organe, Herz und Zentralnervensystem erhalten.

Aeußerlich ist beim Hungernden die Abmagerung auffällig, der

Mund ist trocken, Verdauungssekrete werden nicht mehr gebildet.'Dem Hungerzustanb gleich ist die Unterernährung. Dabei reicht die Nah­rung nicht aus, um den Bedarf des Körpevs zu decken.

Wie lange Hunger ertragen werden kann, hängt wesentlich von dem Fettvorrat ab. Hungerkünstler sollen bis 50 Tage lang ge- hungert haben. Ein völlig ausgehungerter Mensch muß ganz langsam und vorsichtig, beginnend mit kleinsten Mengen, ernährt werden, da sich der Stoffwechsel erst wieder umstellen muß.

Husten.

Ein Husten ist an sich keine Erkrankung, aber Begleiterscheinung mancher Krankheiten. Je nach der Ursache klingt der Husten ver­schieden und muß auch verschieden behandelt werden. Lösungsmittel und hustenreizstillende Medizinen sind nicht wahllos bei jeder Art von Husten, anzuwenden. Ausgelöst kann der Husten fein durch Störungen in den oberen Luftwegen, wie Rachenkatarrh und Kehl­kopfentzündung oder durch Erkrankungen der Bronchien, der Lungen und des Rippenfells. Die genaue Unterscheidung kann natürlich nur der Arzt machen. Der Husten kann ein Zweck- husten fein, um Schleimmassen herauszubefördern. Solch ein Husten soll natürlich niemals unterdrückt werden. Man gibt zur Erleichterung des Schleimauswurfes lösende Mittel, wie Brusttee, Ipekakuanha-Abkochung, Salbei-Tee, Salmiak in Wafser u. dgl. Auch Inhalieren ist gut. Ein Reizhusten aber, der infolge Entzündung des Gewebes entsteht und keinen Schleim fördert, soll unterdrückt werden. Das beste Mittel ist Kodein, das vom Arzt verschrieben »erben muß.

Es soll niemand Husten, besonders, wenn er länger anhält, i

auf die leichte Schulter nehmen oder selbst behandeln, da sich hinter einem Husten oft manche schwerere Erkrankung verbergen tarnt. Dies vermag aber nur der Arzt zu erkennen; darum suche man ihn bald auf. __________

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