Wiesbadener Tagblatt
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Nr. 54. Samstag/Sonntag, 5./6. März 1938. 86. Jahrgang.
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Unser Minderheiten-Jnteresse keine Einmischung in die inneren Verhältnisse eines Staates.
Hodschas Irrtum.
as. Berlin, 5. März (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die politischen Ereignisse der letzten Wochen — der Kurswechsel in England, die Vorgänge in Moskau, um nur zwei Dinge zu nennen — haben in der Tschechoslowakei starken Eindruck gemacht. Man betont deshalb dort gern die eigene 6t arte. So hat erst in diesen Tagen der tschechische Eeneralstabschef sich sehr ausführlich über die tschechischen Rüstungen ausgelassen und ebenso hat deshalb gestern auch wohl der tschechische Ministerpräsident Hodscha von dem Berteidigungswillen der Tschechoslowakei gesprochen. Er hat bei dieser Gelegenheit geglaubt, auch auf die große Reichstagsrede des Führers und aus die letzte Rede des GenerälfSldmarschalls Göring eingehen zu müssen. Es ist seltsam, wenn der tschechische Ministerprä- stdent dabei seiner Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß Deutschland mit besonderem Mitgefühl das Schicksal der deutschen Volksgenossen in der Tschechoslowakei verfolgt und dafür eintritt, daß sie auch tatsächlich in den Genuß der Minderheitenrechte kommen, die ihnen zustehen. Gerade für diesen Standpunkt sollte eigentlich Herr Hodscha volles Verständnis haben, hat er doch vor dem Weltkrieg genügend Gelegenheit gehabt, die Behandlung seiner Volksgenossen in der Donaumonarchie kritisch zu betrachten. Er weiß also auch aus jenen Tagen, zu welchen Spannungen Minderheitenfragen führen können. Deshalb ist auch n i ch t s f a l s ch e r, als den Hinweis auf das Schicksal der Sudetendeutschenal seineEinmischungindieinneren Angelegenheiten des tschechischen Staates h i n z u st e l l e n. Wenn Herr Hodscha sagt, daß die Tschecho
slowakei den Frieden suche, nun, so weiß er aus den zahlreichen Friedensreden des Führers, daß wir in diesem Ziele vollkommen übereinstimmen. Wenn aber die Prager Regierung dem Frieden dienen will, so muß sie in erster Linie Gefahren beseitigen, die sich aus der Behandlung der Minderheiten ergeben könnten. Wir erinnern dabei daran, daß in dieser Hinsicht ähnliche Warnungen von maßgebender polnischerund ungarischer Seite ebenfalls an die Prager Adresse gerichtet wurden. Mr haben bisher nicht feststellen können, daß solche im Interesse der allgemeinen Entspannung liegenden Mahnungen beherzigt routben. Vielmehr sind wir in der letzten Zeit immer wieder Zeuge aller möglichen Tschechisierungsversuche geworden. Es ist auch nicht gut möglich, die demokratische Verfassung als Beweis für die Gleichberechtigung der Deutschen zu zitieren. Einmal ist diese Verfassung durch das sogenannte Staatsverteidi- gungsgssetz meyr oder weniger aufgehoben, zum andern aber hat diese Verfassung auch seit der Begründung des tschechischen Staates stets ausgereicht, um das Sudetendeutschtum zu majorisieren, ihm die letzte Selbstverwaltung zu nehmen.
Das deutsche Volk hat gewiß Achtung vor jeder Nation, die sich für ihre Rechte und die Freiheit einzusetzen bereit ist. Es ist aber für uns eine selbstverständliche Forderung, daß den deutschen Volksgruppen, die durch Friedensdiktat gezwungen sind außerhalb der Grenzen des Reiches ihren Schicksalsweg zu gehen, nicht unnötige Quälereien zugefügt werden. Diese Volksgruppen zu schützen, wird sich, wie der Führer unmißverständlich zum Ausdrück gebracht hat, das Reich niemals nehmen lasten.
Wehrfreiheit in Ungarn?
Die Periode der Verhandlungen scheint abgeschlossen.
as. Berlin, 5. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der Budapester Korrespondent der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" stellt heute in einem längeren Bericht fest, daß sich in letzter Zeit die Anzeichen ausfallend gemehrt hätten, daß nun auch Ungarn seine Wehrhoheit wiedererlangen werde. Das Thema ist in der letzten Zeit bekanntlich wiederholt behandelt worden, und hat sowohl in Berhandlungen Ungarns mit den Westmächten als auch in Verhandlungen Ungarns mit der Kleinen Entente eine Rolle gespielt. Ungarn hat sich dabei stets auf den Standpunkt gestellt, daß es aus das natürlichste Recht eines Staates nicht verzichte» kann, und daß es in einer stark gerüsteten Welt unmöglich ist, die Rüstungsbeschränkung des Diktats von Trianon, durch das die ungarische Wehrmacht auf 35 000 Mann beschränkt wurde, aufrecht zu erhalten. Frankreich und England schienen auch nicht abgeneigt, in dieser Richtung hin Zugeständnisse zu machen, die jedoch mit für Ungar» untragbaren politischen Forderungen verknüpft wurden. Eewiste Vorgänge der letzten Zeit Haden nun offenbar in den maßgebenden ungarischen Kreisen den Eindruck entstehen lasten, daß es unzweckmäßig ist, den Verhandlungsweg weiter zu ver- solgen. Die ungarische Presse verlangt immer wieder einheitlich die Durchführung der militärischen Gleichberechtigung. In dieser Hinsicht besteht vollkommene Übereinstimmung. Die ungarische Regierung scheint nunmehr, wie gesagt, entschlossen,
„Ein Gefühl der Erleichterung."
Hoare begrüßt Chamberlains neue Politik.
London, 5. März. (Funkmeldung.) Innenminister Sir Samuel Hoare sprach am Freitagabend in London vor Konservativen und beschäftigte sich dabei auch mit Fragen der Außenpolitik. Insbesondere ging er auf die von Chamberlain kürzlich begonnenen Verhandlungen mit Italien und den damit verbundenen Rücktritt Edens ein. Man könne beobachten, sagte er, wie in weiten Kreisen geradezu ein E e - fühl der Erleichterung herrsche und darüber, daß der Premierminister eine entschlossene und aktive Politik der Versöhnung in Europa in Angriff genommen habe. Ein Versuch dieser Art sei im Interesse des Weltfriedens dringend notwendig geworden. Ein großer Teil der Engländer Jet dem Premierminister für seinen mutigen Versuch, die großen Völker Europas wieder zu einer Gemeinschaft von Nationen zusammen zu schließen, dankbar. Chamberlain und die Regierung hätten nicht die Absicht, irgend einen Frieden in Europa zu fördern, der nicht ein Sieg der Ehre sei. Die Kräfte, die sich um den Premierminister scharten, zeigten aber zur Genüge, daß seine Motive über jeden Verdacht erhaben seien und daß die Politik der Versöhnung Zustimmung finde.
„Wir kennen bie Risiken bes Fehlschlages. Die Gefahren bes Nichtstuns sinb aber so groß, bas Übel eines Sich-Treibenlastens so offensichtlich, die Gefahr eines Krieges so schrecklich, daß es unsere Pflicht ist, einen Versuch zu machen, ehe es zu spät ist. Haben wir Erfolg, werden wir dazu beitragen, die Welt von der Besorgnis zu erlösen, daß alles in einer unvermeidlichen Katastrophe enden muß."
Abschiedsbesuch Ribbentrops in London.
Berlin, 4. März. Der Reichsminister des Auswärtigen, von Ribbentrop, wird sich am Dienstag, den 8. März, zu kurzem Aufenthalt nach London begeben, um sich in seinem früheren Wirkungskreis zu verabschieden.
„Aufheiterung" im Südosten.
Kz. Die abgelaufene Woche brachte in den englisch- italienischen Verhandlungen noch keine sichtbaren Fortschritte. Lord Perth, der heute auf seinen Posten zurückkehrt, holte sich in London weitgefaßte Instruktionen, worauf wenigstens die eingehenden Beratungen mit Chamberlain, Halifax, dem Kriegs- und Kolonialminister schließen lassen. Grandi weilt zur Zeit noch in Rom. Der überaus schwierige Charakter der zu behandelnden Probleme macht, wenn der Erfolg von Dauer sein soll, sorgfältige Vorbereitungen nötig, die jedoch soweit abgeschlossen zu sein scheinen. Sn Italien sieht man den Gesprächen mit einigem Optimismus entgegen. Gerade das jetzt vom englischen Auswärtigen Amt erteilte Gutachten für einen Zivilprozeß, den der Ex-Negus führt, worin die italienische Herrschaft in Abessinien anerkannt wird, wertet man als günstiges Vorzeichen. Die internationale Presse orakelt derweilen emsig über die einzelnen Verhandlungsthemen, ohne aus den amtlichen Stellen hüben und drüben mehr als ein Dementi herauslocken zu können. Nur soviel steht fest, daß sich Chamberlain vom Unterhaus das Beratungsfeld nicht begrenzen läßt. Die Unstimmigkeiten in der Arbeiterpartei, die int Austritt führender Oberhausmitglieder zutage treten, deuten an, daß auch die Opposition den Chamberlain-Kurs nicht so einheitlich ablehnt, wie dies aus der ersten Reaktion auf den Wechsel im englischen Außenamt geschlossen werden konnte. Das Ergebnis der Gespräche zwischen London und Rom wird über die Stellung des englischen Premiers entscheiden. ?oaris aber hofft, in der Annahme, daß Chamberlain seine An- ündigungen nicht wörtlich nimmt, mit einer Sowohl-als-Auch- Politik durchzukommen.
Die Feststellung der Unwirksamkeit des Kollektivgedankens und der Ohnmacht der Genfer Entente, die Draht und Funk über die Erde verbreiteten, haben, bevor noch in London aus der Erkenntnis Taten reifen konnten, in Südost- europa unverkennbare Auswirkungen gezeitigt. Die Staaten des Balkanbundes beschloßen in Ankara, das römische, Imperium anzuerkennen und mit Franco in Verbindung zu treten. Der Eindruck, daß die Kalkanstaaten nur auf das Londoner Stichwort gewartet haben, um freiere Hand gegenüber Genf und den westlichen Demokratien zu gewinnen, ist unbestreitbar. Mit den Beschlüssen von Ankara bekundet der Balkanbund, daß er sich von jeder Bevormundung durch die Großmächte befreien will. Er richtet seine Politik nach der regionalen Kräftelagerung aus. Der Charakter des Bundes, der in den Tagen feiner Gründung demonstrativ Front gegen Italien einnahm und — ein Gegenzug des Duce — zum Abschluß der römischen Protokolle führte, beginnt sich von Grund auf zu wandeln und, wie man hoffen darf, ein brauchbares Instrument der Befriedung zu werden.
Heute neuer Tagblatt-Roman:
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von Käte Biel, im Unterhaltungsblatt dieser Ausgabe
Dabei fällt besonders eine gewisse Neuorientierung der türkischen Politik auf, die sich dem russischen Einfluß, stärker als bisher, verschließt. Kemal Atatürk arbeitete in außenpolitischen Fragen eng mit Moskau zusammen. Die Sowjetunion zeigte sich in der Form von Waffenlieferungen erkenntlich. Die Befestigungen der Dardanellen siiü> mit sowjetrussischen Geschützen bestückt. Eine Einmischung in die innertürkischen Angelegenheiten verbat sich Ankara energisch und der Kreml berücksichtigte diese Wünsche, mit einem Blick auf die freie Dardanellendurchfahrt. In Montreux erfüllten sich denn auch die Hoffnungen der Sowjets. Inzwischen haben hohe russische Marineoffiziere
aus der ganzen Entwicklung die erforderliche» Schlußfolgerungen zu ziehen.
Großkundgebungen in Österreich.
„Deutscher Tag" in alle» Bundesländern.
as. Berlin. 5. Aiärz. (Drahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Nach Wiener Meldungen werden Ende März oder Anfang Avril in allen Hauptstädten der österreichischen Bundesländer zugleich große Kundgebungen unter dem Namen „Deuischer Tag" ftattfinben. Sie werden veranstaltet unter der Leitung des Bundesministers des Innern und des Sicherheitswesens. Dr. Seyß-Jn- uart, in seiner Eigenschaft als volkspolitischer Bundes- iührer der erneuerten Vaterländischen Front. In Linz findet Deute zu Ehren von Dr. Seyß-Jnguart eine große Kundgebung statt. ________________
Außenminister Beck nach Rom abgereist.
Warschau, 5. März. (Funkmeldung.) Außenminister Deck ist am Freitagabend nach Rom abgereist. 2n seiner Begleitung befinden sich seine Frau, Kabinettschef Graf Lub ien i kr sowie der Vizedirektor der politischen Abtei- Jung, Potocki. Zur Verabschiedung des Ministers hatte sich der italienische Botschafter im Bahnhof einge- fimden.
Ist Stalin selbst der Mörder Marim Gorkis?
Anklage eines geflüchteten Sowjet-Generals.
er treu eebl wünscht hab:
~ Dans, 5. Marz. (Funkmeldung.) Der sowjetrussische General Krrwitzky, der bis zum Dezember 1937 eine sehr e,nJ s616**6 Stellung tn der sowjetrussischen Armee einnahm und bann nach Paris flüchtete, weil er der GPU. verdächtig geworden war, erklärt in der -Evogue" im Zusammenhang dem gegenwärtig rn Moskau stattfindenden Prozeß, daß Stalin selbst ein Interesse daran gehabt st?"e, Maxrm Eorkr von der Bildfläche ver- 1“* "ben z u l a H en. Alle diejenigen, die Stalin "S b>e »n nähere Beziehungen zu ihm getreten seien, et Jeine Gegner irdesmal der Ver- « "^schuldigt, die er selbst begangen stEbe. Es handele sich hierbei.nm em typisches System, dem geblieben Jet. Wenn lemanü den Tod Gorkis ge- k" er es gewesen. Demi Gorki sei an - <Lee*?tt gewesen von dem, was er in de» letzten Jahren in Sowletrnßland habe erleben- müssen. Gelegentlich des beriich- Ä,..,ÄÄIICni!fM5e’ie5 chabe Gorki seine Wut und seine dtbscheu nicht verborgen. Dies sei zur Kenntnis Stalins gelangt, der den Schrtfiiteller seitdem gehaßt habe.
1935 habe Gorki sich nach Paris begeben wollen. Auf Befehl von «talin set ihm -edoch der Pah verweigert worden, «pater hatten die Arzte daraus beitenben, daß Gorki sich rur Erholung in die Schweiz begebe, aber auch diesmal
habe Stalin sich diesem Wunsche widersetzt. Er habe befürchtet, daß Gorki, wenn er sich erst im Auslande befinde, die Wahrheit sprechen könnte. Diese Angst hätte Stalin sehr wohl dazu treiben können, das Verbrechen z« begehen, das er jetzt auf andere abzuschieben versuche.
Die Verhaftungswelle rollt weiter.
Loudon, 5. März. (Funkmeldung.) Wie der »Daily Expreß" berichtet, wurden gestern dre, hohe Offiziere der Moskauer Garnison unter der Anklage, eine Verschwörung gegen Stalins Lebe» angezettelt zu haben, verhaftet. Es handelt sich um General Kowatfchenko, Hauptmann Bostuschow und Major Nikolajew. Am Freitagabend feien Agenten der GPU. mit aufgepflanztem Seitengewehr in die Wohnungen der Offiziere eingedrungcn und hätte» sie in Panzerwagen in das Lubljankagefängnis eingeliefert. Die Verhafteten sollen angeblich versucht haben, unter der Wache des Kremls eine Revolte anzuzetteln, um schließlich Stalin bei Nacht in seinem Schlafzimmer zu töten. Nach einer Erklärung der GPU. hätten die verhaftete» Offiziere nach der Ermordung Stalins einen Militärputsch durchführe« und eile neue Regierung bilden wollen.
