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Nr. 355.
Montag, 30. Dezember 1935.
83. Jahrgang.
Nach dem Kammersteg Lavals.
Laval gerettet bis zum nächsten Mal. — Für eine Verständigung mit Berlin. London und Rom zum Siege Lavals
Vorerst keine diplomatischen Aktionen.
38. Berlin, 30. Dez. (Drahtbericht unfreier Berliner Abteilung.') Das Kabinett Laval hat die aussenpolitische Aussprache glücklich überstanden. Die Mehrheit, die Laval bei der entscheidenden Abstimmung errang, ist freilich nicht sehr groß und die Lage kann auch heute noch nicht als stabil bezeichnet werden, doch ist zunächst einmal Laval gerettet. Seine Stärke beruht, roeiin auch die Opposition ihre Angriffe fortfetzt, darauf, daß niemand weist, was nach diesem Kabinett kommen wurde. Bemerkenswert ist, dast der französische Ministerpräsident^ nicht nur die abessinische Frage sehr offen behandelt hat, sondern mit der gleichen Offenheit sich auch dem deutsch-französischen Verhältnis zuwandte. Seine Ausführungen zeugen von einem erfreulichen Willen zur Verständigung, einem Willen, den man in Deutschland naturgemäh begrüßt, denn wir unsererseits haben diesen Willen ja häufig genug bekundet, ohne damit bisher ein besonderes Echo in Frankreich zu wecken. Wir nehmen es auch gern zur Kenntnis, daß sich Laval mit Nachdruck gegen die Angriffe und Verdächte gun g e n wandte, die von Abgeordneten der französischen Linken in der austenpolitischen Aussprache gegen Deutschland gerichtet wurden. Aber wir können auch nicht ganz übersehen, daß erst dieser Tage der französische Kriegsminister die unsinnige Behauptung von den 800 000 Mann Deutschlands, denen Frankreich nur 400 000 Mann entgegenstellen könne, wieder aufwärmte und damit der Linken das Stichwort für ihre Angriffe gegen das nationalsozialistische Deutschland gab. Wir nehmen weiterhin die erneuten Versicherungen Lavals zur Kenntnis, dast sich der französisch - sowjetrussische Vertrag, den die Kammer in den nächsten Tagen zu ratifizieren haben wivd, nicht gegen Deutschland richtet. Im einzelnen freilich werden die Erklärungen des französischen Ministerpräsidenten noch nachzuprüfen sein und diese Nach-
Abessinische Siegesmeldungen.
Blutige Kämpfe um Abbi Addi.
Addis Abeba, 29. Dez. Am 22. Dezember begann an der Nordfront eine große Schlacht, die bis zum Heiligen Abend dauerte. Die Abesiinier griffen hier mit Teilen der Armee Ras Seyums die große befestigte Anlage der Italiener bei Abbi Addi an. Nach einem außer- otdentlich blutigen und schweren Kampf wurde Abbi Addi von den Abessiniern eingenommen. Am 24. begann die Schlacht von neuem. Die Italiener zogen starke Ersatzkräste heran und begannen den Kampf, an dem außer größeren europäischen Truppenoerbänden auch Askaris teilnahmen. Bombengeschwader unterstützten die italienischen Truppen. Es kam zu einem überaus blutigen Ringen, das auf italienischer Seite von starken Artillerie- und Maschinengewehr-Abteilungen unterstützt wurde. Nach abessinischen Frontmeldungen siegten die Abessinier auf der ganzen Linie. Nach der Einnahme von Abbi Addi stürmten die abessinischen Truppen die italienischen Bollwerke und Maschinengewehr-Nester nördlich und nordöstlich der ursprünglichen italienischen Stellung. Die V e r l u st e sollen auf beiden Seiten außerordentlich hoch sein, da die Abessinier ohne Deckung in das Maschinengewehrfeuer stürmten und es schließlich zum Schweigen brachten.
Unter den Gefangenen sollen sich nach den abessi- nischen Meldungen 20 italienische europäische Offiziere befinden. Die abessinische Beute beträgt 12 Maschinengewehre in Gefechtsstellungen, eine riesige Menge Munition und zahlreiche Karabiner. Mehrere hundert Askaris aus Eritrea sollen ebenfalls gefangengenommen worden sein.
3m Schire-Gebiet sollen sich nach abessinischen Meldungen die Italiener ebenfalls auf dem Rückzüge befinden, der unaufhaltsam fortschreitet. Italienische Erkun- dungsflieger überfliegen ständig das Gebiet bei Amba' Alagi. Eie Gefechtstütigkeit an der Nordfront hält weiter in unverminderter Stärke an.
Italienische Gegenangriffe.
Asmara, 29. Dez. (Vom Kriegs-berichterstattc- des DNB.) Die Lage an der italienisch-abessinischen Norüsront kann nicht als unAÜnstig angesehen werden. Seit den Zusammenstößen am Takafse und her Zurücknahme der ita- lienijchen Wachtposten vom rechten Flußufer, nahmen aus
Prüfung wird am besten an Hand der Taten, die den Worten folgen müssen, vollzogen werden.
In London hat man den Kammersieg Lavals mit einem Gefühl der Erleichterung aufgenommen. Trotz seiner Zauderpolitik im Abessinienkonflikt, die man in London keinesfalls immer billigte und trotz feiner Mitwirkung an dem Friedensplan, der Sir Samuel Hoare .das Genick brach, sieht man in London in Laval doch den besten Mann, den Frankreich Herausstellen kann. Diese englische Einschätzung gründet sich u. a. daraus, daß Laval davor zurückschreckt, die Beziehungen zwischen Paris und Moskau allzu intim werden zu lassen. Zum anderen begrüstt man es in London, dast. Laval sich für eine Verständigung mit Deutschland aussprach. Auch in Rom hat man mit Freuden von dem Kammer sieg Lavals Kenntnis genommen, da Laval ja trotz allem immer noch als der Mann der V e r st ä n bigungspolit i k in der italienischen Hauptstadt gilt und so betrachtet man es als eine Erleichterung der Lage, dast er am Ruder bleibt und nicht etwa durch einen Anhänger der verschärften Sanktionspolitik abgelöst wird. Im übrigen erwartet man in Rom trotz aller Gerüchte über eine neue Vermittlungsaktion — Gerüchte, die sich an den Londoner Aufenthalt des Königs von Belgien knüpfen — vorerst keine wesentliche Änderung der Lage. Richt zuletzt gründet sich diese Annahme darauf, dast der englische Botschafter Sir Drum- mond seinen Urlaub angetreten hat und erst in der zweiten Hälfte des Januars zurückerwartet wird. Die Gefahr der Olsanktionen scheint dabei, diesen Schluß zieht man aus der Rede Lavals, vorerst beschworen zu sein. Bis zur nächsten Ratstagung, die für den 20. Januar anberaumt ist, rechnet man jedenfalls nicht mit besonderen diplomatischen Aktionen. Inzwischen aber gehen die Kämpfe in Abessinien weiter. Ihr Ausgang wird auch auf die weiteren diplomatischen Bemühungen nicht ohne Einflust bleiben.
Der amtliche italienische Heeresbericht.
Rom, 29. Dez. Das italienische Propagandaministerium veröfsentjicht in (einer amtlichen Mitteilung Nr. 82 folgenden Heeresbericht des Marschalls Badogliö:
_ „Eine unserer Vorpostenkolonnen hat in der Gegend westlich des Passes Af Gaga kleinen Zusammenstößen mit feindlichen Gruppen Stand gehalten. Die Luftwaffe hat feindliche Gruppen in der Umgegend des Takassefluffes und in der Gegend von Amba Alagi mit Bomben belegt. Bei den Kämpfen um Abbi Addi vom 22. d. M. hat sich das 22. eritreische Bataillon besonders ausgezeichnet."
Zunahme des italienischen Transportes durch den Suezkanal.
London, 29. Dez. 2n der am 28. Dezember zu Ende gegangenen Woche haben, einer Meldung aus Port Said zufolge, die italienischen Truppentransporte durch den Suezkanal erheblich zugenonimen. Die Listen der Kanalbehörden enthalten folgende Aufzeichnungen: 10 346 Offiziere und Mannschaften, 2966 Arbeiter, 17 416 Tonnen Material. 388 Tonnen Benzin, 5750 Tonnen Zement und 222 Maulesel.
Für Frieden und Freundschaft.
Bor einem Ausruf der Christlichen Kirchen Europas.
London, 30 Dez. (Eig. Drahtmeldung.) Der Erzbischof von Canterbury teilte in einer Rundfunkansprache am Sonntagabend mit, er habe die christlichen Kirchen in Europa aufgefordert gleichzeitig einen Aufruf für Frieden und Freundschaft unter den Rationen zu erlassen und die Bevölkerung „in feierlicher Weise an ihre Verantwortung in diesen Tagen der internationalen Besorgnis Zu erinnern“. Aus den bereits eingelaufenen Antworten gehe hervor, daß ein solcher Ausruf am 1. Sonntag des neuen Jahres in einem großen Teil Europas veröffentlicht werde.
Die Initiative gegen den Bolschewismus.
Das energische Wort, das man in Montevideo gesprochen hak, ist für die Entwicklung der gesamten süd- amerikanischen Verhältnisse von grund- legender Bedeutung. Es besteht wohl kaum ein Zweifel daran, besonders, wenn man sich der aus dem Komintern-Kongretz gehaltenen Reden erinnert, datz in den Rechnungen der bolschewistischen Propaganda Uruguay als fester Faktor eingesetzt war. Von hier aus sollte die planmäßige Verseuchung Südamerikas mit bolschewistischer Propaganda ihren Ausgang nehmen. Man hatte schon einmal geglaubt, eine solche Basis in M exiko gefunden zu haben, und es wiederholt sich jetzt bie Erfahrung, die man damals Mexiko gemacht hat. 1921 sah sich Mexiko genötigt, mit dem Bolschewismus ernsthaft zu rechnen, und es ist gerade ungefähr zehn Jahre her, datz man daraus die gleichen Folgerungen gezogen hat, wie man sie jetzt in Uruguay zieht. In Brasilien dürste man diesem entschlossenen Vorgehen mit lebhafter Anteilnahme folgen, denn dort hat man ja soeben die ersten Erfahrungen mit den Wirkungen einer ungehemmten bolschewistischen Agitation machen können, und die Trümmer und Gräber, die der kommunistische Ausstand in den verschiedensten Gegenden -des Landes Hinterkassen hat, dürften ebenso viele Mahnmale bedeuten, idatz nur eine feste und entschlossene Hand wirklich mit Erfolg mit dieser Hetze fertig werden kann. Aber auch m Argentinien hat man alle Ursache, sich mit der Frage zu beschästigen, wie man mit dem Bolschewismus fertig werden will, der sich auch dort in steigendem Maße bemerkbar macht. Der große Bauarbeiterstreik in Buenos Aires ist wohl mit Recht von -maßgebender- argentinischer Seite als der erste Versuch einer Kraftprobe angesehen worden. Der bolschewistische Einslutz ist hier ganz unverkennbar, und wenn er auch vorläufig noch nicht der allein maßgebende ist, so kann er es in kürzester Zeit werden. Es ist bezeichnend, datz die bolschewistische Propaganda sich zu den Hauptzielen ihrer Bemühungen immer wieder die großen, stark übervölkerten Städte nimmt. Der Versuch, unter der bäuerlichen und Siedlerbevöl- kerung auf dem Lande irgendwelche Erfolge zu erzielen, scheint als aussichtslos aufgegeben worden zu sein. Es kommt hinzu, datz in den südamerikanischen Ländern die Landbevölkerung verhältnismäßig dünn ist und datz es infolgedessen viel aussichtsreicher erscheint, mit Hilfe eines Übergewichtes der großen Städte das Land zu kontrollieren. Die Ergebnisse der letzten Volkszählung in Brasilien waren nun in dieser Hinsicht außerordentlich aufschlußreich. Sie zeigten, daß ein unverhältnismäßig großer Anteil der Bevölkerung sich aus dieGrotz- slädte der Küstenstriche konzentriert und damit jeder politischen Bewegung die hier die Oberhand zu gewinnen vermag, auch einen ausschlaggebenden Einfluß in politischer Hinsicht verleiht. Uruguay hat also in einer Frage die Initiative ergriffen, die für ganz Südamerika mehr und mehr von entscheidender Bedeutung ist und die darüber hinaus auf dem Wege über Mexiko eine Frage der Monroedoktrin genannt werden mutz. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Vereinigten Staaten sich vor die Notwendigkeit gestellt sehen, auch ihrerseits zu der Frage der bolschewistischen Propaganda auf dem amerikanischen Kontinent Stellung zu nehmen.
Uruguay gibtsowjetrussischeProtestnote zurück.
Montevideo, 30. Dez. Der bisherige Sowjetgesandte Minkin überreichte am Sonntag im uruguayischen Außenministerium eine Note, in der behauptet wurde, die Beschuldigungen der uruguayischen Regierung gegen die Sowjetgesandtschaft seien vollkommen unbewiesen, weshalb, er sie unter Protest zurückweise.
Der uruguayische Außenminister Es pal ter sandte diese Note mit einem Schreiben an Minkin zurück. Darin heißt es: In Kenntnis des Wortlautes Ihrer Note teile ich mit, daß ich es nicht für angebracht halte, in eine Erörterung der Gründe für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion einzutreten, da Sie nicht mehr anerkannter diplomatischer Vertreter bei unserer Regierung sind. Wegen der unangebrachten Wendungen, die Sie gebraucht haben, setze ich Sie -davon in Kenntnis, daß ich Ihre Note nicht behalten kann und daher zurückgebe. Außerdem habe ich mit Erstaunen gesehen, daß Ihre Note heute nachmittag veröffentlicht worden ist.
Die Rückgabe der Note durch den Außenminister wird von der gesamten Presse lebhaft besprochen.
Bon der italienisch-abessinischen Nordfront.
Schire vorrückende abessinische Truppen Fühlung mit dem rechten italienischen Flügel. Bei den Zusammenstößen wurden die Abessinier auseinander getrieben. Auch ihr Versuch, sich am Tembien-Plateau festzusetzen und von dort aus vorzufühlen, wurde durch blutige italienische Gegenangriffe vereitelt.
