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Drahtanschrift: Tagblatt Wiesbaden.
Nr. 354
83. Jahrgang.
der Pariser Morgenblätter.
Pessimismus
Die außenpolitische Kammeraussprache
Fernsprecher-Sammel-Nr. 59631. Berliner Büro: Berlin-Wilmersdorf.
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„Besorgniserregende Dinge."
as. Berlin, 29. Dez. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die Welt ist auf den Ernst der Lage in ben letzten Tagen erneut sehr nachdrücklich hingewiesen worden durch die Anfrage, die England an die Ai i 1 t e l m eer im ä ch t e r ichtete und die um Auskunft darüber ersuchte, mit welchen Streitkräften diese Mächte Völkerbunh -England im Falle eines offenen Konfliktes zur Hilfe eilen würden. Die Antworten fallen in London im großen und ganzen durchaus befriedigt haben, die Freundschaft mit Griechenland macht sich jetzt bezahlt und hinsichtlich der Türkei scheint London bereit zu isein, die Befestigung der Meerengen zuzugestehen. Rom hat diese Aktion der englischen Diplomatie mit voller Aufmerksamkeit verfolgt. Ob ine, Neigung, es wirklich zum Äußersten kommen zu lassen, in Rom wirklich sehr groß ist, mag dahin gestellt bleiben. Auf joden Fall aber kann fein Zweifel darüber bestehen, daß der englische Schach- gug gegen Italien von Rom sehr schnell und sehr gründlich beantwortet worden ist. Der italienische Zug zielt gegen eine der empfindlichsten Stellen des Britischen Weltreiches, nämlich gegen Ägypten. Es dürfte 1 noch erinnerlich sein, daß bereits einmal die Engländer I sehr lebhaft über eine Bedrohung Ägyptens klagten, T- die sie in der Anhäufung italienischer Truppen in Libyen erblickten. In der Zeit, als sich eine italienisch- englische Entspannung anzubahnen schien, hörte mnn denn auch von den Italienern, daß sie bereit seien, eine Division aus Libyen zurückzuziehen. Ob diese Truppen wirklich Libyen verlassen haben, muß bezweifelt werden, angesichts der Tatsache, daß die Engländer keine Schiffe । aus dem Mittelmeer zurückzogen, hat es Mussolini offenbar vorgezogen, diese Division in Libyen zu be- t lassen. In der letzten Zeit mehren sich nun die Nach- : richten, daß die Italiener darüber hinaus ihre Truppen in Libyen verstärken. Gute Rechner erklärten bereits, daß mehr Truppentransportdampfer L Italien verließen, als den Suezkanal passierten, woraus man den Schluß zog, daß diese Truppen für Libyen bestimmt sind. Jetzt wissen nun englische Blätter zu berichten, daß eine mechanisierte italienische Division nach Libyen verschifft worden sei. Mögen vielleicht auch einzelne Angaben nicht bis in die letzten Einzelheiten stimmen, so ist doch andererseits nicht zu leugnen, daß die englischen Militärs die Lage an der ägyptisch-libyschen Grenze mit großer Sorge betrachten. Man hat nicht nur hier j meilenweit Stacheldraht gezogen, sondern man tyat sich neuerdings auch entschlossen, Sollum, am gleichnamigen Golf im äußersten Nordwesten Ägyptens, zu räumen, da dieser Posten sehr schwer zu verteidigen sein würde, über Sollum aber führt eine ausgezeichnete Autostraße, die Tripolis mit Alexandria verbindet. Für eine motorisierte italienische Division wäre es also sicherlich nicht allzu schwer, auf
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Geringe Mehrheit für Laval?
Das Echo der außenpolitischen Kammerdebatte.
Italiens Gegenzug.
Die Antwort auf die englische Anfrage an die Mittelmeermächte. Neue italienische Truppen nach Libyen.
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Schaffung eines „Ministeriums für die Verteidigung des britischen Weltreiches" ?■
London, 28. Dez. „Daily Herold" glaubt zu wisse», daß das Kabinett zu Beginn des neuen Jahres wichtige Entscheidungen über die Zusammenfassung der Armee, Flotte und Luftstreitkräfte treffen werde. In nächster Zeit sei ein« Umbildung des Kabinetts geplant, und die Schaffung eines für die „Verteidigung des britischen Weltreiches" bestimmten Ministeriums werde dabei eine wichtig« Rolle spielen.
Weiter meldet „Daily Herald", die Regierung treffe Vorbereitungen für den Bau eines riesigen unterirdischen Öl lager? für die britische Flotte in der Nähe von Plymouth. Man wolle etwa eine Milliarde Gallonen Öl in unterirdischen Stahltanks bereithalten und die Anlage durch eine Rohrleitung mit der Küste verbinden.
London, 28. Dez. (Erg. Drahtmeldung.) Die Ereignisse in der französischen Kammer werden von der englischen Presse mit außerordentlicher Spannung verfolgt. Nach dem Verlauf der stürmischen Aussprache am Freitag werden die Aussichten Lavals von den Morgenblättern schlechter als je beurteilt. Besonders wird in diesem Zusammenhang auf die Angriffe des Abgeordneten Reynaud und ihren Erfolg bei der Mehr,zahl der Abgeordneten hinge- wiesen. „Morning Post" meint, daß Laval im besten Falle eine Mehrheit von 20 Stimmen erzielen könnte.
Imponderabilien.
Hinter den Kulissen des Abessinien-Krieges.
Geitau vier Wochen sind jetzt seit dem Tage vergangen, da Marschall Bado gl io in Massaua landete, und noch immer bestehen keinerlei Anzeichen, die auf eine Fortsetzung der italienischen Vorwärtsbewegungen, geschweige denn auf ein rascheres italienisches Vorgehen in absehbarer Zeit schließen lassen. Noch immer stehen die italienischen Truppen sowohl int Norden als auch im Osten in der Danakilwüste und im Süden in der Somali wüste in ziemlich den gleichen Stellungen, die sie unter Marschall de Bono Anfang November erreicht haben und bei dessen Abberufung inne hatten. Unid nicht nur dies, sie scheinen in den letzten Tagen zum mindesten im Norden sogar einige Rückschläge erlitten zu haben.
Alles dies scheint unverständlich, zumal wenn man sich vergegenwärtigt, daß hier eine mit allen neuzeitlichen Kampfmitteln hervorragend bewaffnete und ausgerüstete, gut disziplinierte, für ihre Aufgaben begeisterte und von in langjährigen Kolonialkämpfen auf afrikanischer Erde bewährten, in der Kriegführung auf afrikanischem Boden erfahrenen Generalen geführte europäische Armee von mehreren hunderttausend Mann einem doch nur notdürftig ausgerüsteten, in seiner ganzen Ausbildung und Organisation mit einer solchen Armee kaum vergleichbaren Gegner gegenüber steht. Und doch ganz so unverständlich ist dies nicht. Es sind die Besonderheiten des abessinischen Kriegsschauplatzes, vor allem die schwierigen Geländeverhältnisse, die manches erklärlich machen. Dazu aber kommt als weiteres schwerwiegendes Moment, daß man sich in gewissen italienischen Kreisen das abessinische Unternehmen leichter vorgestellt zu haben scheint, als es sich nachher auch ohne die politische Auseinandersetzung mit England und ohne die Sanktionen tatsächlich erwies Man hatte damit gerechnet, daß bereits der Aufmarsch starker italienischer Kräfte in Eritrea und Somaliland genügen würde, um Abessinien zum Nachgeben und Eingehen auf die italienischen Forderungen zu bringen, und deshalb geglaubt, in den ersten Vorbereitungen des abessinischen Unternehmens nicht die Rücksicht nehmen zu brauchen, wie sie ein solches Unternehmen in Wirklichkeit erfordert. Man hatte ferner auf innere Parteiungen in Abessinien gehofft und geglaubt, daß ein großer Teil der Randvölker Abessiniens sich bei einem italienischen Einmarsch sofort auf die Seite Italiens stellen würde, und man hatte schließlich gedacht, der Eeländeschwierigkeiten mit allen ihren _ Auswirkungen durch die Technik, durm den Einsatz starker neuzeitlicher Kampf- und Transportmittel innerhalb kürzester Zeit Herr werden zu können.
Alle diese Berechnungen und Hoffnungen und Erwartungen haben sich als trügerisch erwiesen. Abessinien hat sich durch den italienischen Truppenaufmarsch an seinen Grenzen nicht einfchüchtern lassen. Von den Stammessüvsten in den abessinischen Randgebieten haben sich nur wenige auf die italienische Seite gestellt. Die Technik aber hat in Gelände mehr oder weniger versagt. Die Bombengeschwader fanden wenig lohnende Ziele, mögen sie an manchen Stellen bei ihren Angriffen auch nicht ganz ohne Wirkung geblieben sein. Kampfwagen und Lastkraftwagen erwiesen sich als unbrauchbar in einem Gelände, in dem nur Maultier und Kamel vorwärtskominen. Sie blieben entweder im Sande oder im Schlamm der Somali- und Danakilwüste oder in den Schluchten des abessinischen Derglandes liegen. So kam es, daß den ersten nach Ostafrika geschafften Divisionen schon bald zahlreiche Ersatztransporte folgen mußten. So kam es ferner, daß die italienischen Ängriffskolonnen im Norden bei ihrem Einmarsch in Abessinien zum Teil mehr als zehn Tage brauchten, um ihre im Höchstfälle^nur 50 Kilometer von der Grenze entfernten Ziele zu erreichen, und so kam es schließlich auch, daß der italienische V o r st o ß von Af iah gegen das Mussa-Ali-Bergmassiv und 'damit auch die sowohl von dieser Seite als auch von Somaliland angesetzte italienische Operation gegen die Bahn Dschibuti—Addis Abeba schon in ihren Anfängen mißglückte, weil die dortigen mohammedanischen Randvölker beziehungsweise deren Sultane entgegen den italienischen Erwartungen nicht auf die italienische Seite traten.
Und nun das Eeländ e. Es erwies sich für größere Truppenbewcgungen als weit schwieriger, als menschlichem Ermessen nach überhaupt erwartet"werden konnte. Allein bei dem ersten italienischen Vorgehen im Norden sind nach italienischen Angaben 192 Lastkraftwagen in Abgründe gestürzt. Auf jeden fahrenden Lastkraftwagen mußten zwei andere gerechnet werden, die sich in Ruhe oder in Reparatur befanden. Im zweiten Abschnitt des italienischen Vormarsches, beim Vormarsch auf M ak alle, mutzte das in der Mitte
dieser Straße gegen den wichtigen ägyptischen Hafen vorzudringen. Ja, es gibt Strategen, die von sehr viel weiter reichenden Plänen sprechen und die darauf Hinweisen, daß die Italiener Ägypten sozusagen in die Zange nehmen können, wenn nämlich gleichzeitig italienische Truppen von Eritrea aus und von Libyen vorrücken würden, was freilich voraussetzen würde, daß die Italiener ihre Offensive in Abessinien aufgeben. Ob in diesem Augenblick, da sich die Italiener ihrer Haut gegen die abessinischen Angriffe erwehren müssen, es möglich wäre, italienische Truppen in genügender Zahl für eine solche Aktion zur Verfügung zu stellen, mag dahin gestellt bleiben. Aber die Erörterung dieser Pläne zeigt bereits, daß Italien sehr wohl in der Lage ist, den englischen Schachzug zu beantworten und zwar mit einer Aktion, bei der die von den Mittelmeermächten E ngland i n Aussicht ge- fteilte Hilfe vollkommen illusorisch werden würde. Wir haben mehrfach an dieser Stelle betont, :daß alle diese Pläne zunächst auf dem Papier stehen und daß sie nicht unbedingt Wirklichkeit zu werden brauchen. Aber ihre Erörterung und ihre sehr gründliche Vorbereitung zeigen doch sehr deutlich, wie ernst die Lage ist und lassen es begreiflich erscheinen, wenn der König von England in seiner Weihnachtsbotschaft von „besorgniserregenden Dingen" sprach.
Keine Räumung des ägyptischen Grenzpostens in Sollum.
London, 28. Dez. Die Behauptung, daß die britischen und ägyptischen Behörden beschlossen haben, den ägyptischen Grenzposten in Sollum zu räumen, wird in London entschieden in Abrede gestellt. Das Gerücht war im Zusammenhang mit den inzwischen widerlegten Meldungen über einen Zusammenstoß zwischen italienischen und ägyptischen Truppen an der libyschen Grenze entstanden.
ehemaligen Finanzministers Paul Reynaud dar, der, frisch au? England zurückgekehrt, noch ganz unter dem Eindruck der Unterhausaussprache stand und wahrscheinlich au? diesem Grunde mit besonderer Schärfe die Politik de? Foreign Office verteidigte. Die Blätter der äußersten Rechten bezeichnen die Haltung Reynaud? al? einen Dolchstoß in den Rücken der Regierung.
Der rechtsstehende „Jour" hält einen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise nur für möglich, wenn Laval feine ganze Geschicklichkeit onwendet, um dem Angriff zu begegnen.
.Das „Journal" rechnet mit einer geringen Me h r- h e i t des Kabinetts, die aber nur in äußerst heißem Kampfe erfochten werden könne.
Die englische Presse über die französische Kammeraussprache.
Paris, 28. Dez. Die außenpolitische Kammeraussprache beherrscht am Samstag die Pariser Morgenpresse in solchem Umfang, daß alle anderen mehr oder weniger wichtigen Meldungen vollkommen in den Hintergrund gedrängt werden. Während man noch am Freitag einen gewissen Optimismus an den Tag legte und ganz allgemein von einer Regierungsmehrheit von 20 bi? 30 Stimmen sprach, enthalten sich die Blätter heute bezeichnenderweise jeder näheren Voraussage über das mutmaßliche Abstimmungsergebnis. Man kann im Gegenteil einen gewissen Pessimismus fest stellen. Die Blätter stehen noch sichtlich unter s dem Eindruck der heftigen Angriffe, die nicht nur von feiten der Opposition gegen die Regierung geführt worden sind, sondern auch von solchen Kreisen, die bisher^ wie Reynaud und der Vorsitzende der Radikalsozialistischen Frak- - tion, Delbos, stets für die Regierung gestimmt haben. Man ist sich darüber einig, daß wenn die Abstimmung sofort im Anschluß an die gestrige Aussprache stattgefunden hätte, s die Regierung mit tödlicher Sicherheit gestürzt i worden wäre. Bei genauer Beobachtung kann man heute i früh eine, wenn auch nur geringe Me hrheit der- ' jenigen Stimmen feststellen, die sich für einen knappen • Sieg Lavals aussprechen. Im wesentlichen wird das j Ergebnis von dem Verlauf der heutigen Aussprache und insbesondere von den neuen Erklä - | rungen des M i n i ste r p r äs id e n te n abhängen, k Di« große Überraschung des Freitags stellte die Rede des
Größte Auslage aller Tageszeitungen Groß-Wiesbadens.
Sonntag, 29. Dezember 1935.
