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Nr. 332.
Donnerstag, 5. Dezember 1935.
83. Jahrgang.
Bor der Begegnung Hoare-Laval
Wieder großes Rätselraten. — Mittelmeer-Entspannung? — Sind geeignete Verhandlungsgrundlagen vorhanden?
Ein letzter Versuch.
as. Berlin, 5. Dez. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die französische Presse ist angesichts der für übermorgen bevorstehenden Aussprache Mischen Sir Samuel Hoare und Laval wieder einmal von Kopf bis Fuß auf Verständigung eingestellt. Sehr sorgsältig verzeichnet sie jede Meldung, die von einer Verhandlungsbereitschaft Englands spricht. So kann man lesen, daß unter den englischen Ministern eine starke Stimmung vorhanden -sei für einen neuen Versuch zur Beilegung des it alten isch- abessiNischen Konfliktes und daß diese Stimmung auch in der gestrigen Sitzung des englischen Kabinetts zum Ausdruck gekommen sei, in der man Sir Samuel Hoare freie Hand für feine Besprechungen mit Laval gegeben habe. Vor allem aber findet in Paris die Nachricht starke Beachtung, daß 6 von den im M i t t e l m e e r stationierten englischen Kriegsschiffen, nämlich zwei große Schlachtschiffe und vier Zerstörer, in den nächsten Tagen eine Kreuzfahrt außerhalb des Mittelmeeres ausführen würden. Hierin will man eine Freundschafts- geste Englands Italien gegenüber sehen, die offenbar die kommenden Verhandlungen erleichtern soll. Kein Wunder also, wenn der von der italienischen Presse bereits abgelehnte Vorschlag eines dreiwöchigen Waffen- ftillsta-ndes wieder quftaucht. Sauerwein sucht die Stimmung dadurch zu heben, daß er darauf hinweist, daß die italienische Politik nicht nur unter dem ost- afrikanischen Gesichtspunkt betrachtet werden dürfe, sondern auch unter dem europäischen Gesichtswinkel erörtert werden mäste. In Ostafriika führe Italien allerdings entgegen den Vorschriften des Völkerbundes einen Kolonialkrieg, in Europa aber arbeite es mit an der Festigung der Sicherheit. Und diese Arbeit dürfe -man nicht erschweren.
Es ist nicht zu leugnen, daß tatsächlich einige Nachrichten vorliegen, die man als Anzeichen einer Entspannung kennzeichnen könnte. Aber man wird bei solchen Betrachtungen doch wohl vorsichtig sein mästen, ganz abgesehen davon, daß man auch andere Meldungen heranziehen könnte, beispielsweise über neue Übungen der englischen Flotte bei Gibraltar, über englische Truppenverstärkungen in Ägypten usw. Vor allem aber ist nicht zu erkennen, auf welcher Grundlage sich etwa ein neuer Friedensvorschlag aufbauen sollte. Die „Times" hat ja bereits ziemlich viel Master, in den Mein der Optimisten gegossen. Sie hat nämlich festgestellt, daß England keine Vorschläge unterstützen würde, die wesentlich über die früheren Vorschläge hinausgingen. Das englische Blatt hat sogar hinzugefügt, daß eine Abtretung abessinischen Gebietes, das eine Verbindung zwischen Eritrea und Somaliland Herstellen würde, keine Aussicht auf britische Zustimmung
habe. Daraus ergibt sich, daß ein Friedensangebot, das man jetzt Mussolini machen würde, nicht sehr wesentlich anders aussehen könnte, als die stets von Italien ab- gelehnten Vorschläge. Man braucht trotzdem die englische Verständigungsbereitschaft nicht in Zweifel zu ziehen, nur darf man nicht übersehen, daß der Rahmen sehr eng gefaßt ist. Die Engländer wollen offensichtlich, diese Vermutung liegt jedenfalls sehr nahe, auf diese Weise den Franzose n und der Welt noch einmal vorexerzieren, daß eine Verständigung ni cht zu erreichen ist. Daraus aber ergibt sich dann für die Engländer ganz von selbst die Schlußfolgerung, daß die Sanktionen verschärft werden müssen und daß es ohne die Qllieferungssperre eben nicht geht. Auch die nach französischen Meldungen von Eden für Genf geplante Ermahnung an die Schweiz und Österreich, den Durchgangshandel mit Italien nicht über das frühere übliche Maß hinaus zu steigern, würde sich nach einem Scheitern der Vermittlungen besser und wirksamer begründen lassen als es heute der Fall sein könnte. Kurzum, die englische Position in Genf würde sich nicht unwesentlich festigen.
Angebliche Vorschläge.
Paris, 5. Dez. Bei den Arbeiten, die das französische Außenministerium mit Unterstützung des englischen Sachverständigen Peterson leistet, um eine Grundlage für neue Bermittlungsvo rschläge im italienisch-abessinischen Streit zu finden, soll es sich nach einer Blättermeldung zunächst nur um eine unverbindliche Zusammenstellung der Lüsungs- möglichkeiten Händeln. Die Ansichten Englands und Frankreichs wichen zur Zeit noch in mehreren Punkten voneinander ab. Man habe an folgende Vorschläge gedacht:
1. Italien tritt an Abessinien einen Hafen in Italienisch-Eritrea ab;
2. Eine leichte Erenzberichtigung im Tigregebiet, wobei die heilige Stadt Aks um abessinisch bleiben soll;
3. Abessinien tritt an Italien die Provinzen südlich des achten nördlichen Breitegrades, also Oigad en ab. Im Westen soll die Grenze des italienischen Gebietes nach englischer Ansicht auf den 40. Längengrad, nach französischer auf dem 38. Längengrad liegen. Hierbei spiele die Frage, oh Italien einen Zugang zum Seengebiet erhalten solle oder nicht, eine Rolle. Der Rest Abessiniens würde unabhängig bleiben und auch rächt unbedingt unter eine internationale Schirmherrschaft gestellt werden. Dem Regus -würde freigestellt werden, mit dem Völkerbund einen Beistandspakt abzuschließen oder nicht.
Das britische Gibraltar-Geschwader kreuzt im Atlantik.
Kein Besänftigungsversuch.
London, 5. Dez. (Gig. Drahtmeldung.) Wie einige Blätter melden, werden die Schlachtkreuzer „H o o b“ und pRenown", die gegenwärtig vor Eibralter liegen, zu- chmmen. mit vier Zerstörern eine zehntägige Kreuzfahrt wn Atlantischen Ozean unternehmen. Der „Hood" soll -Aadeira aint> der „Renown" Tanger besuchen. Die vier Zerstörer sollen Huelva an der südwestzpanischen Küste anlwusen.
Der ,Daily Mail" zufolge wird als Begründung für
Kreuzfahrt angegeben, daß die Mannschaften Übungen brauchten. Zweifellos bedeute diese An- ordnun!; aber, so sagt das Blatt, eine Entspannung der Loge
Mittelmeer.
Der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph" schreibt, es handele sich bei -den Schiffsbeweau ngen nicht nm
Versuch, die Italiener zu besänftigen. D ie britische »l otte im Mittelmeeiwerdevorfichts halber nach wie vor in voller Kriegsstärke gehalten. . über den abessinisch-italienischen Krieg äußert der Bei richterstatter des Blattes, in den nächsten Tagen werde es My entscheiden, ob das Ende in Sicht fei aber die durch den sirwg verursachte Spannung fortdauern oder größer werden mUe. Die Entscheidung liege bei Mussolini. Visher hatten weder Frankreich noch England offiziell etwas tzeycht, mag die Hoffnung auf eine baldige Regelung recht- ferrige. Erst bei der Pariser Begegnung zwischen Hoare und
«erde es sich zeigen, welche Schritte getan werden
könnten. Die Wahl werde zwischen einem gemeinsamen englisch-franzosischon Schritt gegenüber Italien, einem französischen von England gebilligten Schritt und einem von Frankreich unterstützten englischen Schritt liegen. Bisher sei in London wie in Paris nur die Grundlage einer Vereinbarung erwogen worden. Setzt habe man eine neue Schwierigkeit' wahrgenommen. Der Völkerbund werde zweifellos auf einem Waffenstillstand in Abessinien beharren und Mussolini auf einer Aufhebung der Sühnemaßnähmen. Run frage es sich, ob bei eiutent Fehlschlag der Friedensbesprechungen und bei einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten die Sühnemaßnahmen van neuem angewandt oder ausgedehnt werden mußten.
Drei Milliarden Franken Goldverlust.
Der neue Wochenausweis der Bank von Frankreich.
Paris, 4. Dez. Der Wochenausweis der Bank von Frankreich, der am Donnerstag veröffentlicht wird, «eist einen Göldverlust von etwa drei Milliarden Franken auf. In Bankkreisen hatte man mit einem -herlust von zwei Milliarden Franken gerechnet. Der Verlust ist in der Woche vom 21. bis 28. November ein- »etreten. Man erwartet jedoch, daß der Ausweis ffür die folgende Woche ein günstigeres Bild ,Zeigt.
Interessante Besuche.
Als im Herbst dieses Jahres der ungarische Minister- präsident Gömbös einige Tage in Deutschland war, gab dieser Besuch und seine besonderen Begleitumstände, die Iagdeinkadung zu dem preußischen Minister- präfidenten General Göring und die Unterredung zwischen Gümbös und dem Führer und Reichskanzler, den diplomatischen Spähern und Spezialisten der internationalen Presse reichlichen Stoff zu jenen geheimnisvollen Vermutungen, die nur insoweit Interesse verdienen, als sie manchmal, nicht immer, von der offiziellen Diplomatie dazu benützt werden, um kleinere oder größere Brandraketen in mißliebige Häuser zu werfen. Namentlich die französische Presse und die der Kleinen Entente erhitzten sich damals an der angeblich in Berlin verhandelten Konstruktion eines engen Zusammenschlusses zwischen Deutschland, Polen und Ungarn, durch das man den in der abessinischen Krise steckengebliebenen Donaupakt endgültig erledigen wollte. An dieser Ausstreuung ist manches richtig, nur nicht die Hauptsache, nämlich die in sie hineingelegte Tendenz einer geheimen Verschwörung gegen das übrige Europa und seine legitimen Interessen. Die drei genannten Staaten stehen in der Tat in den besten freundschaftlichen Beziehungen, woraus die leitenden Staatsmänner kein Geheimnis machen, und haben den Wunsch, diese Beziehungen ständig zu vertiefen. Sie wollen ibamit nicht warten, bis der sogenannte Donaupakt, mit dem die Stresapolitik nicht zu Rande kam, und der heute noch problematischer geworden ist als je, wieder aus den Schubfächern des Ouay d'Orsay hervorgeholt wird, sondern versuchen, ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen, die in vielen Punkten gleich laufen oder sich ergänzen lassen, ohne fremdes Protektorat in Einklang zu bringen. Daß weder Polen, das mit Frankreich verbündet ist, noch Ungarn, das ein Bündnis mit Italien hat, sich dadurch nicht abhalten' lassen, ihr Verhältnis zu Deutschland selbständig zu ordnen, mag zwar den Vorstellungen von der politischen und diplomatischen Vorherrschaft Frankreichs und dem Vasallencharakter «der anderen mißfallen, die von Versailles her noch leben, aber es ist in Wirklichkeit nur der Ausdruck der Tatsache, daß die zwischenstaatlichen Verhältnisse Europas viel zu mannigfach und zu kompliziert sind, als daß sie sich von einer Stelle und unter einem Gesichtspunkte regeln ließen. Der Tatsache auch, daß die Erstarkung Deutschlands, die sich wie ein europäisches Naturgesetz durchsetzte, die diplomatische Universalität Europas int -französischen Sinne beseitigt hat.
Dasselbe unruhige Mißtrauen, daß in Europa und besonders in dessen Mitte etwas geschehen könnte ohne Vorsitz und Segen Frankreichs, scheint der Besuch hervorzurufen, den soeben der ungarische Ministerpräsident Eömbös und der Außenminister v. Kanya in Wien abgestattet haben, wo sie mit dem Bundeskanzler von Schuschnigg, dem Außenminister Berger-Walüenegg und dem Vizekanzler Fürst Starhemberg unter Bei- ziehung des italienischen Gesandten in Wien, was der Pariser „Temps" als besonders verdächtig bemerkt, verhandelt haben. Die offiziellen Wiener und Budapester Berichte über diese Unterredungen betonen, wie dies immer zu geschehen pflegt, die Übereinstimmung der Staatsmänner in den besprochenen Fragen und heben besonders hervor, daß die Einfuhr von Weizen und Fett aus Ungarn nach Österreich Gegenstand der Verhandlungen gewesen sei. Nun ist es richtig, daß. dies „auf dem gewöhnlichen diplomatischen Wege" hätte geregelt werden können, wie der .Zemps" rügt, aber man wird nirgend anderswo das Erstaunen teilen, daß die Leiter der ungarischen und der österreichischen Politik gerade in diesem Augenblick das Bedürfnis empfunden haben, ihre Ansichten über die europäische Lage auszutauschen, wie man auch in der Teilnahme des italienischen Gesandten bei den engen Beziehungen der beiden Staaten zu Italien und der besonderen Art des wahrscheinlichen Gesprächsthemas nichts Normales oder Auffälliges erblicken kann. Beide Regierungen, sowohl Ungarn als Österreich, haben sich, geleitet von politischen und wirtschaftlichen Erwägungen, von den Sanktionen des Völkerbundes gegen Italien distanziert, ihre Beteiligung verweigert, was noch zu ernsten Auseinandersetzungen mit den Sanktion smächten und dem Völkerbund führen kann, wenn die bei diesem Anlaß ausgesprochene Drohung des offiziösen französischen Blattes richtig ist, daß man die Beeinträchtigung der
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