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Nr. 330.

Dienstag, 3. Dezember 1935.

83. Jahrgang.

VeMllinOMW im Metgtnnii.

Em Waffenstillstandsvorschlag Lavals? — Hoare auf der Durchreise in Paris. Gerüchte und Vermutungen.

Kammerdebatte und Thronrede.

»8. Verlin, 3. Dez. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Im Mittelmeer- und abessinischen Kon­flikt hat das alte Spiel Wieder eingesetzt: der Ankün­digung der Ölfanktionen folgt zunächst der Versuch, diese Ankündigung als Druckmittel für eine Vermitt- lungsaktion auszunutzen. So spricht das englische Blatt „Star" davon, daß Laval einen Waffenstill­standsvorschlag gemacht habe, der darauf hiniaus- laufe, daß Italien in der Zeit der Waffenruhe in Abessinien nicht werter vorüückt, daß aber auch die Ol- sanktianen nicht in Kraft gesetzt werden. Die franzö­sische Presse benutzt diese Angelegenheit zu einem Appell an Italien, dem beispielsweise das „Journal des Däbats" nahelegt, den gegenwärtigen Augenblick auszunutzen, zumal ein Abkommen, das durch englisch-französische Verhandlungen vorbereitet und dann durch den Völkerbund bestätigt würde, durch­aus möglich sei. Bei dieser Lage der Dinge werden auch alle möglichen Reisen in Verbindung mit der Ver- mittlungsaktion gebrächt. So knüpfen sich derartige Vermutungen an den Londoner Besuch des belgischen Königs, wobei man darauf hinweist, daß die Schwester des Königs Leopold die Frau des italienischen Kronprinzen sei. Auch eine England- re i f e H e r r i o t s wird mit dieser Vermittlungsaktion in Zusammenhang gebracht. Natürlich wird auch die für Samstag angekündigte Besprechung Lavals mit dem englischen Außenminister Sir Samuel H o a r e, der auf einer ärztlich verordneten Er­holungsreise in die Schweiz Paris passiert, in diesem Zusammenhang viel besprochen. Gegenüber den teil­

weise sehr weit gehenden Gerüchten und Kombinationen ist einwandfrei nur sestzustellen, daß das englische Kabinett gestern noch keinen Beschluß über die E r d ö l s p e r r e gefaßt hat und daß auch die englische Presse diesmal die Vermitt­lungsversuche Lavals mit großem In­teresse verfolgt. Man möchte auch in London jede Zuspitzung der Lage vermeiden. Andererseits spricht alles dafür, daß die englischen Kabinettsmit­glieder an der Olsperre festhalten. Grundsätzlich dürfte man sich, jedenfalls in der gestrigen Kabinettssitzung in London darüber einig geworden sein, daß die Olsperre unabwendbar wird, wenn die jetzige Vermittlungs­aktion scheitern sollte.

Im übrigen treten heute sowohl für London als auch für Paris zunächst andere Dinge in den Vorder­grund. In London wird heute das neugewählte Parlament in der üblichen Form mit einer Thron­rede, die nicht nur die innenpolitischen Fragen, son­dern vermutlich auch die weltpolitische Lage behandeln wird, eröffnet. In Paris aber beginnt heute die Kammer­aussprache über die Verbände. Zu diesem Thema liegen nicht weniger als 10 Interpellationen vor und 14 Redner waren bereits gestern für diese Aussprache gemeldet. Man nimmt denn auch an, daß die Ver- trauensabstlmmnng erst am Donnerstag oder Freitag stattfindon wird, wobei tm Augenblick die Aus­sichten des Kabinetts Lavals etwas günstiger beurteilt werden, wenngleich man auch in Paris mit Vorhersagen diesmal recht vor­sichtig ist.

Um die Vertiefung der deutsch-englischen Beziehungen.

Tschammer-Osten spricht in London.

London, 2. Dez. Die Anglo-German Fellowship, über deren Gründung bereits berichtet wurde und die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das gegenseitige Verständnis zwischen dem deutschen und englischen Volk zu vertiefen und die Freundschaft zwischen beiden Völkern zu pflegen, wird Mitte dieser Woche Reichssportführer von Tschammer und Ost en in ihrer Mitte begrüßen. Zu Ehren des Reichssport­führers findet ein Empfang statt, mit dem die Anglo-Ger- man Fellowship unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, Lord Mount Tempie, zum erstenmal vor die breitere englische Öffentlichkeit treten und auf dem der Reichssportführer einen Vortrag über die Berliner Olympiade halten wird.

„Prawda": „Wir sind dabei zuversichtlich, di« ganz« Welt auf den Weg des Kommunismus zu lenken, und wir werden sie dahin lenken, trotz des Widerstandes der Wölfe und Schlangen des Kapitalismus. Unsere Zuversicht beruht darauf, daß sowohl die Stützpunkte wie die Hebel von Bolschewiken geschaffen worden sind und daß die Hebel in den Händen der Partei liegen, in deren Reihen Kirow ge­kämpft hat und gestorben ist. Auf diesen Hebeln ruht die Hand Stalins, ruhen Dutzende von Millionen Händen des unbesiegbaren Sowjetvolkes."

*

Die Äußerung der „Prawda" bestätigt mit einer nichts zu wünschen lassenden Offenheit, daß die Sowjet-kommu­nistische Partei nicht nur sich selbst als Hebel der Weltrevolu- tion betrachtet, fondeM auch die Sowjetunion als deren Stützpunkt ansieht.

Die Kirche unter einer Führung.

Am 24. September würbe ber Weg betreten, der am 2. Dezember zu dem Ziel geführt hat, eine Führung für die Deutsche evangelische Kirche festzustellen, und alle Zwischenschaltungen zu unterbinden, die sich seit Jahr und Tag entwickelt hatten. An jenem 24. September ermächtigte ein Reichsgesetz den Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten „zur Wiederherstellung ge­ordneter Zustände in ber Deutschen evangelischen Kirche und in den evangelischen Landeskirchen, Verordnungen mit rechtsverbindlicher Kraft zu erlassen." Wiederher­stellung geovdneter Zustände — das war das Ziel jenes Gesetzes und dazu mußte es gehören, baß man klar- stellte, welche kirchlichen Organe befugt sind, kirchliche Akte zu vollziehen, kirchliche Handlungen vorzunehmen. Die Schwierigkeit lag nachgerade darin, baß darüber keine Klarheit mehr bestand, daß sich verschiedene Instanzen ge­bildet hatten, die miteinander in Streit darüber lagen, wer von ihnen bevollmächtigt sei, kirchliche Handlungen — manchmal hinunter von ber Kirchenleitung bis zur einzelnen Kirche in einer Gemeinde — ordnungsmäßig vorzunehmen. Daß die eine Instanz die andere als unrechtmäßig bezeichnete oder absetzte, daß man sich um kirchliche Rechte stritt — diesen Zustand zu beseitigen, war die Aufgabe, die dem Reichskirchenminister Kerrl gestellt wurde, und seine jetzige Anordnung ist eine logische Folge des Auftrages, den er mit Erfolg durchzu- füchren unternahm.

Reichskirchenminister Kerrl hat «für die Durchfüh­rung dieses Auftrages von vornherein den Weg der Einigung gewählt. Er hat einen Reichskirchenausschutz und Ausschüsse für die Landeskirchen nach reiflicher Prüfung ber Persönlichkeiten aus den verschiedenen kirchlichen Lagern so zusammengesetzt, daß überall die einzelnen Richtungen ihre Vertreter haben. Man muß sich daran erinnern, >daß bas Statut, bas ber evangeli­schen Kirche im Juli 1933 gegeben worben war. im Laufe der Ereignisse zur Wahl des Reichsbischo^ Müller führte, und die verschiedenen Bekenntnisse organisatorisch unter eine Leitung stellte. Da ein Teil der evangelischen Geistlichkeit diese Regelung und insbesondere die Wahl des Reichsbischofs Müller nicht anerkannte, kam es zur Gründung der Bekenntnis- kirche, deren Leitung ein Bruderrat übernahm. Daß es wiederum zu Auseinandersetzungen innerhalb der Be­kenntniskirche kam, daß die Auseinandersetzungen viel­fach in unerfreulicher Form sich vor der Öffentlichkeit abfpielten, daß Erlasse gegen solche öffentlichen Streitig­keiten ergehen mußten — das alles lohnt jetzt nicht so sehr eingehende Betrachtungen, Die Bekeuntniskirche suchte einen eigenen organisatorischen Ausbau in den Landeskirchen durchzusühren. manche Einigungsversuche wurden unternommen und scheiterten, die Zerklüftung schritt weiter fort, bis mit dem Eingreifen des Reichs- kirchenministers Kerrl, ber am 18. Juli den Auftrag

Italien unter dem Druck der Sanktionen.

Als Zwillingsgesellschaft der Anglo-Eerman Fellowship ist int Laufe d. I. in Berlin die Deutsch-Englische Gesellschaft gebildet worden, deren Präsidium der Her­zog von Sachfen-Koburg und Gotha übernommen hat. Das Ziel, dieser Gesellschaft ist ebenfalls di« Vertiefung der deutzch-englischen Beziehungen auf kulturellem, wissenschaft­lichem und sportlichem Gebiet.

Der neue Kurs in Memel.

Der litauische Oberbürgermeister von Memel legt sein Amt nieder.

Memel, 2. Dez. Der kommissarische Oberbürgermeister der «tadt Memel, Viktor Eailius, hat dem Landes- Direktorium schriftlich mitgeteilt, daß er aus persönlichen Gründen fein Amt als kommissarischer Oberbürgermeister Niederlage.

Gailius ist bekanntlich schon der zweite der von dem statutwidrigen Direktorium Bruvelaitis eingesetzten kommissarischen Oberbürgermeister. Sein Vorgänger S i m o - naitis, ber den widerrechtlich seines Amtes enthobenen Oberbürgermeister Brindlinger batte, mußte seinerzeit zurücktreten, rveij sein Vcr- yalten sogar den Unwillen seiner eigenen litauischen Partei­gänger erregte.

Sowjetunion — „Stützpunkt der Weltrevolution".

Ei» aufschlußreicher Leitartikel der „Prawda".

Moskau. 3. Dez. (Eig. Drahtmeldung.) Der Leitartikel der „Prawda zum Todestage des 1934 ermordeten Mitglie­des des Politbüros Kirow zitiert die „besonders ver­heißungsvollen" Worte Kirows, wonach „nicht viele Jahre vergehen würden, bis wir, gestützt auf die Eroberungen des Sozialismus in unserem Sowjetlande, beide Erdhälften auf den Weg des Kommunismus lenken". Hierzu bemerkt die

Kürzung der Arbeitszeit.

Rom, 2. Dez. Der Wirtschaftskrieg gegen Italien, der den Krieg in Ostafrika beenden soll, trifft nach italienischer Ansicht vor allen Dingen die italienische Industrie und damit die italienischen Arbeiter. Viele Fabriken haben bereits, wie das halbamtliche „Giornale d'Jtalia" am Montag aus­führt, ihren Arbeitsgang verlangsamen müssen. Daher wird durch den Sanktiönskrieg u. a..auch die soziale Arbeiterfrage aufgeworfen und das halbamtliche Blatt kün­digt bereits Verhandlungen an. die in den nächsten Tagen zwischen den Arbeitervertretern und Vertretern der Industrie stattsinden sollen. Die Entlassung von Arbeitern müsseaufei nMindestmaßherab gesetzt und der Arbeitsgang sozusagen verdünnt werden, indem mögliW all­gemein auf die 40-Stundenwache und auch darunter zuriickgegangen werde. Das sei eine soziale Notwendigkeit und sei als solche auch von der Industrie erkannt worden. Gleichzeitig richtet der Direktor des „Giornale d'Jtalia" an alle Arbeiter vom Lande, die in den letzten Jahren in der Stadt Arbeit gefunden haben, die Dringende Aufforderung, wieder zur Bearbeitung der Scholle zurückzukehren, die wenigstens immer das tägliche Brot gebe, währet der Ver­dienst in Industrie unsicherer geworden ist.

Großer Erfolg ber Metall-Sammlungen.

Rom, 2. Dez. König Victor Emanuel hat Mussolini eine große Spende von Gold- und Silberbarren für die EolD- fammlung der Staatsbank übermitteln lassen. Aus allen Teilen Des Landes kommen Berichte über große Erfolg« Der Sammlung«» von Gold, Silber und Eisen. Die Blätter weisen darauf hin, daß mit dieser einmütigen und geschloße­nen Haltung das ganze italienisch« Volk je men Opfersinn und seinen entschlossenen Willen zum Widerstand gegen die Sanktionen zum Ausdruck bringe. Besondere Beachtung wid­

met die Presse weiterhin der Mitwirkung der Geist­lichkeit im ganzen Pande. Auch die Bischöfe von Genua, Palermo, Venedig, Triest und vielen anderen Städten haben Ringe, Goldmedaillen und goldene Ketten aus dem Kirchen­schatz zur Verfügung gestellt. Aus Gaeta kommt die Nach­richt, daß eine Brücke im Gesamtgewicht von 3000 Doppel­zentnern Eisen für di« Alteisensammlung bestimmt worden ist. Aus Stadt und Provinz Brindisi sind allein am Sonn­tag 70 vollbeladene Lastkraftwagenzüge mit Alteisen ge­sammelt worden.

Vaterländische Aufrufe italienischer Kirchenfürsten.

Mailand, 2. D«z. Der Fürsterzbischof von Florenz hat an den Klerus seiner Erzdiözese einen Ausruf erlassen, der u. a. die Geistlichkeit auffordert, dem Volke den Satz „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist" in Erinnerung zu rufen. Da die faschistische Regierung außerordentliche Schwierigkeiten zu überwinden habe, sei es Pflicht eines jeden guten Bürgers und guten Christen, ihr beizustehen. Die Priesterschaft wird angewiesen, dem Volk klarzumachen, daß die Suche nach neuen wirtschaftlichen Hilfsguellen und die Unterstützung des Abwehrkampfes gegen die Siihnematz- nahmen nicht den Krieg verlängere, sondern zum Frieden beitrage. Es solle ferner nicht vergessen werden, darauf hin­zuweisen, daß in der Front gegen Italien auch der Bolsche­wismus nicht fehle, der unter dem Vorwand eines Kampfes für den Frieden und für die Einheit des Proletariats in Wahrheit auf die Weltreoolution hinarbeite und di« Grund­lagen jeder Autorität erschüttern wolle.

Der Kardinalerzbifchoj von Genua hat an die Geistlich­keit seiner Erzdiözef« einen Runderlaß ergehen lassen, in dem er sie auffordert, die Bevölkerung zum Spenden von Metallen zu ermuntern.