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Nr. 321
Sonntag, 24. November 1935
83. Jahrgang.
Woroschilow ist zufrieden
«
Neu über die engIWe AuhWM und die Wneinatznakiinen
Die Neutralität der Bereinigten Staaten
EeschLftszeit: 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abend«, außer Sonn, und Feiertags.
bundsminifter wiederholte dann, daß England eine Regelung des italienisch-abessinischen Streitfalles, die für alle beteiligten drei Parteien annehmbar wäre, begrüßen würde.
Wie auch der Ausgang der gegenwärtigen Schwierigkeiten sein werde, schloß Eden, so sei er überzeugt, daß sich die Welt — wenn auch manchmal mit zögeriü>en Schritten — in ein Zeitalter bewege, in dem die Nationen sich bestreben, einander zu verstechen und dadurch Verdächtigungen zu beseitigen und mit einem größeren Vertrauen zu versuchen, für die Aufrechterhaltung des Friedens zusam- menzuavbeiten. In der Arbeit für den Frieden habe die englische Regierung eine große Rolle zu spielen, und sie müsse diese Rolle vollständig und ehrenhaft bis zum Ende durchführen.
Werktäglich nachmittags, Samstags oor- u. nachmittag» Fernsprecher-Sammel-Nr. 59631.
Auswirkungen der sowjetrussischen Rüstungen
as. Berlin, 23. Nov. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung. Dor russische Kriegskommissar hat dieser ^a-ge eine Neide gehalten, in der er wieder einmal die Rote Armee sehr gelobt hat. Man Wird wohl gut tun, gewisse Abstriche bei seinen Ausführungen zu machen, aber selbst in diesem Falle zeigen die Äußerungen Woroschilows doch, wie sehr Eowjetrußland bemüht ist, seine Rüstungen zu vergrößern und auszubauen. Besonders stolz ist der russische Kriegskommissar auf die F a l l s ch i r m a b s p r ü n g e. Es ist dies bekanntlich eine Kampfmethode, die in größerem Umfange bisher nur in Sowjetrußland geübt worden ist, sodaß Woroschilow feststellen konnte, daß die Rote Armee hier ein gewisses Monopol besitze. Der Sinn und Zweck dieser Fallschirmabsprünge ist, kleinere oder größere Kommandos hinter der feindlichen Front abzusetzen, um so die rückwärtigen Verbindungen des Gegners zu beunruhigen und erforderlichenfalls sogar seine Stützpunkte anzugreifen. Wie sehr diese Methode in Rußland gepflegt wird, geht unter anderem daraus hervor, daß man bereits Versuche angestellt hat, nicht nur einzelne Leute durch Fallschirm abzusetzen, sondern auch Mannschaften und Pferde. Woroschilow erklärte nun, daß in einem der russischen Militärkreise bei einem LNstlandungsmanäver nicht weniger als 1800 Mann durch Fallschirmabspriinge 'gelandet wären und daß 5700 Mann durch Flugzeuge transportiert worden wären. Französische, tschechoslowakische und italienische Offiziere, die ähnlichen Manövern in Sowjetrußland beigewohnt hätten, hätten sich sehr befriedigt über diese Manöver ausgesprochen. Weiterhin lobte Woroschilow vor allem die russischen Tanks, die sogar Sümpfe und Flüsse überwinden könnten. So zufrieden der sowjetrussische Kriegskommissar aber auch niit der eigenen Arbeit war, so ließ er es doch nicht an einer sanften Ermahnung an die Adresse seines Kollegen von der Schwerindustrie fehlen. Er forderte nämlich,
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Erste politische Rede
nach den Parlamentswahlen.
London, 23. Nov. Die erste politische Rod« nach den Parlamentswahlen wurde am Freitagabend vom Völker- bundsminister Eden in einer Versammlung des englischen Völkerbundsverbandes in Edinburgh gehalten. Eden wies daraufhin, daß die Frontkämpfergeneration, der er angehöre einen Beitrag zum politischen Leben der Nation au leisten lhabe. Dieser Beitrag könne nicht im gleichen Ausmaß von Lenen geleistet werden, die niemals im aktiven Dienst gestanden hätten, da sie entweder zu alt oder zu jung feien.
Zur Außenpolitik übergehend, erklärte Eden, daß das System des Mächteausgleichs gescheitert sei. Bei einer Gelegenheit zum mindesten sei der Krieg möglicherweise deshalb ausgebrochen, weil die Stellung Englands falsch berechnet worden sei. Der Völkerbund biete die Mittel, um die Wiederholung einer derartigen Lage zu vermeiden. Er, Eden, zähle zu denen, die glauben, daß Großbritannien ein« Rolle in der europäischen und in der Weltpolitik zu spielen habe. Diese Rolle aufzugeben, würde den geschichtlichen Überlieferungen Englands nicht entsprechen. Er betrachte eine Absonderungspolitik für England als eine selbstsüchtige Gemeinheit. Wenn jedoch der Völkerbund zugrunde ginge, dann wäre es wohl möglich, daß die Absonderungspolitik den Engläick>ern aufgezwungen werden könne. Eine solche Politik wäre jedoch voll Gefahren für die nationale Sicherheit Englands. England könne wohl politisch, aber nicht geographisch abgesondert sein. Keine einzige Nation, so fuhr Eden fort, habe sich mit Eifer und Zufriedenheit an der Sühnepolitik gegen Italien beteiligt. Es sei ein« unwillkommen« Pflicht, die überdies einen Verlust des Handels und in einigen Fällen sogar einen beträchtlichen Verlust für die terlnehmeiü>en Staaten mit sich bring«. Die Welt hab« jedoch niemals zuvor eine ähnliche Kundgebung gesehen, und die Einstimmigkeit urtb Schnelligkeit, mit der sie durchge- fllhrt worden fei, stelle etwas Neues in den Annalen der internationalen Beziehungen dar. Ein späterer Geschichtsschreiber werde möglicherweise die letzten Monate als sie entscheidenden Tage in der Schaffuna der Volke rbundsautorität bezeichnen. Der Völker-
Androhung der Kreditsperre für die Schiffahrtsgesellschaften.
Washington, 23. Nov. (Eig. Drahtmeldung.) Das Handelsministerium, und zwar die Schisfahrtsabteilung des Ministeriums, hat denjenigen Echiffahrtslinien der Vereinigten Staaten, die Kriegsmaterial nach Italien zur Verschiffung bringen, mit Kreditsperre gedroht. Das Ministerium soll bereits wie man hört, mehrere Schiffe mit Ladungen für italienische und abessinische Rechnung ausgehalten haben.
Trotzdem zeigen die Ausfuhrziffern im Oktober für die Ausfuhr nach Italien eine Steigerung von 5 063 700 RM. gegenüber dem September.
Die Schisfahrtsabteilung des Ministeriums hat, was in diesem Zusammenhang von Wichtigkeit ist, etwa 242,5 Mill. RM. an Anleihen an die Schisfahrtslinien ausstehen. Es handelt sich hier um Kredit« für Neubauten. Außerdem schulden die Schiffahrtsgesellschaften noch weitere Millionen für Schiffskäuse in früheren Jahren.
MV)
Das schwarze Haar Herrn Lavals zeigt neuerdings hier und da einen feinen grauen Faden. Die Hand, die kaum je ohne die geliebte Zigarette zn sehen ist, fährt öfters als früher sorgenvoll durch das Haar. Was heißt hier Afrika-Krieg, was heißt hier Mittelneerkonflikt, M, was heißt, hier sogar mehr oder weniger fragliche Wahrungsgefährdung, wenn sich die Erkenntnis von der Unvermeidlichkeit eines inneren Ans- 3^ e li ch s k a m p f e s zwischen Rechts und Links schließlich zum alles beherrschenden Tagesgedanken macht! Tatsächlich liegen denn auch in Paris nach dem, was man zuletzt dort in politischen Kreisen hörte, die Dinge so, daß weder die Hunderte von Notverordnungen noch die Währungsfrage zu einem entscheidenden Angriffsmoment von der vereinigten Linken gemacht werden soll, daß aber der Kampf um die Verbände mit der Plötzlichkeit, wie man sie an französischen Kabinettskrisen kennt, von heute aus morgen nicht nur einen Kabinettssturz, sondern unter Umständen sogar eine völlig neue Lage bringen kann. Dieser ewigen Bedrohung durch ein immer dringender werdendes Problem wenigstens vorübergehend ein Ende zu machen, hat Herr Laval also beschlossen, die Frage der Organisationen, soll heißen der Kampf- bünde, als Hauptpunkt aus die Tagesordnung der Kammer zu setzen. Vom 28. November bis zum 2. Dezember wird das Parlament diese Angelegenheit unter sich auspauken können.
Unter diesen Kampfbünden steht heute im Vordergrund des Interesses „Le Croix de seu", das Feuer- krsuz. Und in diesem Feuerkreuz wieder sein Gründer und Führer, der Oberstleutnant a. D. Casimir de la Rocque. Kein Riese und keine besonders auffallende Erscheinung, aber ein ganzer Kerl, dieser ehemalige Kavallerieoffizier und Kolonialkämpfer, der schon vor dem Krieg das Arabische wie Wasser sprach, sich in unzähligen Gefechten mit den Berbern des Atlas herum- gefchlagen hatte und noch 1925 als Chef des französischen Aufklärungsdienstes in Marokko dem tapferen Abd el Krim höllisch zu schaffen gemacht hatte. Dieser Generalstäbler aus dem Weltkriege, den es in vorderster Front dreimal uimgeriffen hatte und dessen Name immer wieder im französischen Heeresbericht rühmend genannt wurde, ist heute erst 48 Jahre alt. Kein Mensch sieht ihm gleichwohl diese Zahl der Jahre an, wenn er in der straffen Haltung eines gestählten Körpers daherkommt und den Besucher aus festen grauen Augen prüfend an- sieht.
Diesem „alten" Haudegen, der in unzähligen Schlachten Frankreichs seinen Mann gestanden hat, hängt, rund heraus gesagt, der ganze Parteirummel und das politische Schieberwesen in der Kammer zum Halse heraus. Er ging also hin und sammelte unter dem Namen des Feuerkreuzes Frontkämpfer um sich — nicht einfach alles das, was sich mit mehr oder weniger Berechnung selbst dazu zählt, sondern er nahm nur solche Leute auf, die genau wie er selbst keine Maulhelden waren und statt 'dessen in vorderster Kampflinie gestanden hatten. Dabei war er nicht kurzsichtig genug, um nicht auch sofort die Notwendigkeit der Verbindung seiner Grabenkämpfer mit der jungen Generation zu erkennen. Also öffnete er der national gesonnenen Jugend seinen Verband, dem er sie unter der Bezeichnung der „Nationalen Freiwilligen" angliederte.
Kein schlechtes Zeichen für diesen Mann und feine Organisation, daß sie auf die Roten und Knallroten von Anfang an wirkten, wie das rote Tuch auf den Stier. 1 de la Rocque und seine Leute wurden also kurzerhand
Über di« am Freitag zwischen Hüll und dem italienischen Botschafter stattgefundenen Besprechung wird in ein- geweihten Kreisen vermutet, daß hier das Vorgehen des Handelsministeriums und gleichzeitig die Aufforderung des Verwalters der Puwa an die Ölgösellschajten, die Öllieserungen nach Italien einzustellen, im Mittelpunkt der Unter« Haltung gestanden habe. Über die Besprechung selbst ist amt- lichetseits keine Verlautbarung herausgegeben worden.
Der amerikanische Dampfer „Oregon" in See gegangen.
New Pork, 23. Nov. Der amerikanische Dampser „Oregon", der eine Fracht von 36 000 Fässern Petroleum für italienische Rechnung an Bord genommen hatte, mußte einige Tage im Hafen von San Pedro (Kalifornien) liegen bleiben. Die Besatzung batte sich geweigert, an Bord des Schiffes weiter Dienst zu tun.
Dem Dampfer ist es jetzt gelungen, eine Nichtorganisierte Besatzung zusammenzubekommen. Die „Oregon" hat daraufhin am Freitag den Hafen von San Pedro verlassen können und ist in See gegangen.
Eine Rede des russischen Kriegskommissars. — Das Monopol für den Fallschirm-Absprung. Ein Appell an die Rüstungsindustrie.
daß in der Rüstungsindustrie noch mehr gearbeitet und noch Besseres geleistet werden müsse. SowjetrußlanÄ dürfe nicht die Augen schließen vor der Kraft der Feinde. Sie würden dem Sowjetstaat die Wege nicht freigeben,aber die Rote Armee müsse siegen und deshalb müsse die Bewaffnung, Ausrüstung und Versorgung der Roten Armee die beste in der Welt fein. Soweit der sowjetvussische Kriegskommissar, der keinen Zweifel an dem Kurs der Moskauer Politik aufkommen ließ. Er hätte allerdings auch wohl noch einen Appell an seinen Kollegen von den Eisenbahnen richten können, denn das russische Verkehrswesen liegt noch immer sehr darnieder und man hat erst unlängst selbst zugeben müssen, daß auch iin absehbarer Zeit mit einem einwandfrei funktionierenden Verkehr ssystem jedenfalls nicht zu rechnen ist. Offenbar ist sich aber Woroschilow darüber im Aaren gewesen, daß auch ein Appell von ihm an diesen Dingen nichts ändern würde.
Es ist nun nicht uninteressant, festzustellen, daß die sowjetrussischen Rüstungen zu einigen Gegenmaßnahmen derjenigen Lander führen, die nicht mit Unrecht sich von den Sowjets bedroht fühlen. So ist im finnischen Reichstag ein größerer Rüstungskredit bewilligt worden und darüber hinaus ist in Finnland noch ein weiterer Ausbau der Wehrmacht und der Flotte geplant. Aber auch in Schweden spielt die Frage der Aufrüstung neuerdings wieder eine größere Rolle. Selbst in schwedischen sozialdemokratischen Kreisen setzt sich die Erkenntnis durch, daß die augenblicklichen Rüstungen unzureichend sind und daß eine Verstärkung geboten ist. Allerdings bemüht man sich innerhalb der Sozialdemokratie Schwedens, die Dinge so darzustellen, als ob Schweden durch das Vorgehen Deutschlands zur Aufrüstung gezwungen sei, da man den marxistischen Genossen nicht gerne sagen möchte, daß man genötigt ist, die immer stärker werdenden russischen Rüstungen in Betracht zu ziehen und zu beantworten.
