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Nr. 316.

Montag, 18. November 1935.

83. Jahrgang.

Die Sanktionen in Kraft getreten.

Italien zur schärfsten Abwehr bereit. — Der Wechsel im ostafrikanischen Oberkommando. Bildung eines abessinischen Generalstabs?

Der Auftakt zu Großkämpfen?

a?- Berlin, 18. Nov. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Ilm Ai itternacht sind die Sank­tionen gegen Italien in Kraft getreten. Damit wind der 18. November zu einem wichtigen Da­tum, denn zum erstenmal in der Weltgeschichte wird die Maschinerie der Sanktionen gegen eine Großmacht, gegen einen „Siegerstaat", in Bewegung gesetzt. Es hat nicht an warnenden Stimmen gefehlt und noch bis zu­letzt Haden sich in Frankreich und in Belgien Kreise der Wirtschaft, aber auch die Frontkämpfer bemüht, die Sanktionen, die als ein „planloses und übereiltes Abenteuer" bezeichnet werden, abzuwenden. Zn Italien hat am Vorabend des Sanktionsbeginns der Große Faschistische Rat getagt, das oberste Parteiorgan mit den Befugnissen eines Staatsrates. Wie nicht anders zu erwarten war, hat er mit allem Nachdruck gegen die Sanktionen, gegen diese „Schmach und dieses Unrecht der Weltgeschichte" Stellung genommen und das italienische Volk zum äußersten Widerstand gegen die Sanktionen aufgefordert. Wenn hier davon gesprochen wurde, daß Italien bereit sei, zur Abweht jedes Opfer auf sich zu nehmen, so ist an diesem Wort nicht zu zweifeln. Aber es ist auf der anderen Seite auch nicht zu verkennen, daß sich gerade jetzt die Po­sition der englischen Regierung, die sich am nachdrück­lichsten Mr die Sanktionen eingesetzt hat, durch ihren großen Wahlsieg sehr erheblich gestärkt hat.

Ist es nun ein Zufall, daß mit dem Beginn der Sanktionen ein We ch s e l auf dem P o st e n des italienischen Oberkommandos in Ostafrika zusammenfällt? War wirklich General de Bono, der jetzt abberufen und zum Marschall ernannt wurde, zu optimistisch, wie einige italienische Blätter durchblicken lassen? Oder entsprach das Tempo seiner Operationen nicht den Wünschen der Heimat? Wenn in einem amt­lichen italienischen Bericht davon gesprochen wird, daß der nahezu 70jährige General mit der Eroberung von Makalle seine Aufgabe erfüllt habe, so war bis jetzt jedenfalls nichts von einer solchen Begrenzung seiner Aufgabe bekannt. Wie dem aber auch sein mag, mit dem bisherigen Generalstabschef Bado gl io tritt der „beste Soldat des italienischen Heeres" an die Spitze der Truppen in Ostafrika. Er gilt als der befähigste Offizier und der beste Stratege, über den die italienische Armee verfügt. Seine

Ernennung zeigt, daß man die militärische Lage in Ostafrika keineswegs als einfach betrachtet. Englische und französische Zeitungen legen die Ernennung Badoglios dahin aus, daß nunmehr das Tempo des italienischen Vormarsches beschleu­nigt werden würde. Wenn französische Blätter jetzt sogar die b a l d i g e V e r e i n i g u n g der N o r d - und Südarmee glauben ankündigen zu können, so muß doch darauf hingewiesen werden, daß die Süd- armee immer noch über 400 Kilometer von der Bahn nach Addis Abeba entfernt ist. Es ist auch nicht zu leugnen, daß sich der abessinische Widerstand m der letzten Zeit verstärkt hat. Das gilt auch besonders für die Nordfront, wo jetzt die Abessinier hinter der Kampflinie auf Ver- pflegungs- und Munitionskolonnen Überfälle durch­führen und wo 40 Kilometer hinter der Front und in nächster Nähe der Hauptverbindungslinie zweier Armeekorps einen ganzen Tag gekämpft werden mußte. Es handelt sich hier um kleinere abessinische Truppenabteilungen, die die Sicherung der Italiener durchbrochen haben und nun die rückwärtigen italieni­schen Verbindungslinien beunruhigen. Diese Kämpfe und Überfälle scheinen die Ansichten des italienischen Fachorgans ,Aorze Armate", daß der Abessinier nur in großen Verbänden kämpfe und zum Kleinkrieg unge­eignet sei, nicht gerade zu bestätigen. Sie werden über­dies den neuen Befehlshaber -;u einer sorgsamen Be­wachung seiner rückwärtigen Verbindungen zwingen Es ist nicht uninteressant, daß im gleichen Augen­blick, in dem die Italiener einen Wechsel int Ober­kommando vornehmen, die Abessinier die Schaffung eines Generalstabes planen. Wie nämlich der Bericht­erstatter des „Völkischen Beobachters" aus Addis Abeba meidet, soll beabsichtigt sein, die Stellung eines militärischen Oberbefehlshabers zu schaffen, der die Operationen an allen Fronten ein­heitlich leitet. Für diesen Poften soll der bisherige Vertreter Abessiniens in Paris und Genf, H a w a - riate. in Aussicht genommen fein. Ihm würde der Generalstab der Armee untergeordnet. Dissen neuen Gsneratstab soll der b e l gsi s che Oberst Reul leiten mit anderen europäischen, zumeist belgischen, Offizieren. Vorerst handelt es sich hier allerdings erst um Pläne, aber die Vorbereitungen auf beiden Seiten lassen den Schluß zu, daß man in nächster Zeit mit größeren Kampfhanblungen rechnen kann.

„Der politische Zerfall Chinas."

Japans Forderungen.

Peiping, 17. Nov. Von gut unterrichteter Seite ver­lautet, daß der japanische Sonderbotschafter, Generalmajor Dor Hara, den nordchinesischen Behörden drei Forde­rungen Japans überbracht hat: 1. Sofortige Zurückziehung

mura hält den politischen Zerfall Chinas für unaufhaltsam. Deshalb betrachtet er eine Verstärkung der japanischen Truppen in Nordchina wegen möglicher Ver­wicklungen als notwendig. Weitere beunruhigende Mel­dungen aus Hsinking und Peiping wollen von umfangreichen militärischen Vorbereitungen Nankings gegen die baldig er­wartete Loslösung Rordchinas wissen.

DerdeutscheLebensrariminEuropa

Von Dr. Hans F. Zeck.

Die für uns Deutsche seit Jahrhunderten lebenswichtige geopolitische Frage wird in dem in diesen Tagen erscheinenden neuesten Höst des Führerorgans der nationalsozialisti- Zugend, „W i I I e und Mach t", von ganz neuen Gesichtspunkten aus in einer bedeut­samen Abhandlung beleuchtet, der wir mit Genehmigung der Schriftleitung folgende Leit­gedanken entnehmen.

Zn der geopolitischen Betrachtungsweise gehören Mensch und Raum untrennbar zusammen. Das ist auch naturgemäß, denn der Mensch lebt ja niemals und nirgends irgendwie im luftleeren Raum. Geopolitik sucht das immer von neuem in gleicher Weise Fort­wirkende der Raumkräfte festzustellen, damit ans dieser Kenntnis in das politische Fühlen. Denken und Wollen ein Faktor von möglichst großer Stabilität eingebaut werden kann. Wenn Führer wie Gefolgschaft in ihrem politischen Wollen aber möglichst stabil sind,'dann er­hält die Politik eines Volkes auch einen ganz besonderen Wert. Es wird Politik von weiter Sicht möglich; der Staat gewinnt Dauerhaftigkeit und damit die wichtigste Voraussetzung zur Erfüllung seiner großen Ausgabe: Schutzpanzer zu sein, damit das vielgestaltige und empfindliche völkische Leben geschützt werde und zur größtmöglichen Entfaltung komme.

Wie steht es nun um den Lebens raum der Deutschen?

Tas Ausfallendste ist die Mittellage. England, Frankreich, Ztalien, Rußland usw. liegen alle irgend­wie am Rande des Kontinents. Deutschland liegt mitten darin. Auf die anderen Völker and ihre Staaten wirkt selten mehr als ein Einfluß zu gleicher Zeit. Auf Deutschland wirken Einflüsse von allen Seiten. Alle geistigen, wirtschaftlichen, politischen Kräfte, die sich irgendwo gebildet haben, strahlen nach Deutschland hinein, werden hier aufgefangen, verar­beitet und schließlich irgendwie bejaht oder abgelehnt. Ztalien hat ebenso nach Deutschland hin gewirkt (Katholizismus, Renaissance) wie Frankreich (Fürsten- absolutismus, Ideen von 1789); Schweden hat auf deutschem Boden gekämpft und Rußland; Deutschland ist Handelszentrum gewesen zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West des ganzen europäischen Konti­nents. Diese ganz wenigen Hinweise genügen schon, um die Mittellage Deutschlands zu kennzeichnen.

Wir haben aus dieser Mittellage viel Nutzen ge­zogen; wir haben aber auch unsägliches Leid gerade wegen dieser Mittellage erdulden müssen. Die nie er­loschene Kraft unseres nordischen Bluterbes ist immer von neuem zu stärkster Lebendigkeit angefacht worden. Sie sind wie nie das Volk der „gloriosen Einseitigkeit" geworden, wie die Franzosen. Bei anderen Völkern ist geistige und kulturelle Hochleistung stets an wirt­schaftliche und politische Hochblüte gebunden -gewesen; wie in Frankreich das Zeitalter Ludwigs XIV., in England das Zeitalter der Königin Elisabeth, in Spanien und Portugal das Zeitalter der großen Ent­deckungen, in Holland das Zeitalter der Freiheitskämpfe, in Italien das Zeitalter der Stadtrepubliken. Deutsch­land aber ist zu allen Zeiten der lebenssprühendste Mittler der ganzen Welt gewesen; selbst dann, als wir

Der MemeNünder Baldszus mit der Bildung des Direktoriums beauftragt.

der Truppen des Gouverneurs von Hopei, Schangtschen aus dem Raum Peiping-Tientsin. 2. Zusammenschluß der Pro­vinzen Hopei, Tschachar und Schantung unter einer auto­nomen Regierung. 3. Abschluß eines MilitLrabkommens zur Unterdrückung des Kommunismus.

Zu der ersten Forderung ist zu bemerken, daß die Zurück­ziehung der Truppen bereits im Gange ist. Was den zweiten Punkt anbetrifft, haben bekanntlich General Sungcheyuan und Hanfuchue in ähnlich lautenden Telegrammen die Nankingregierung aufgefordert, die Diktatur der Partei auf­zuheben, die Volksrechte wiederherzustellen und Nordchina eine gewisse, vor allem finanzielle Autonomie im Nahmen der chinesischen Republik zu gewähren. Sie erhielten darauf in der Nacht zum Samstag aus Nanking die Antwort, abzuwarten, bis der nach Hankau ab­gereiste Tschinangkaischek die Zeit finde, sich mit der Angelegenheit zu beschäftigen.

Tokio verstärkt seine Truppen.

Tokio, 17. Nov. Wie „Rengo" meldet, ist der Abtei­lungschef im Eeneralstab O k a m u r a von einer Reise durch China zurückgekehrt und hat dem stellvertretenden Chef des Generalstabes über seine Eindrücke Bericht erstattet. Oka-

Eine Folge der britischen Intervention.

Kowno, 17. Nov. Nachdem, wie gemeldet, der Litauer Borchert as seinen Auftrag zuvückgeben mußte, und auch der Litauer L a b r e n z vom Fraktions­führer der Einheitsliste, Papendieck, eine Abfuhr er­halten hat, ist nunmehr der Landtagspräsident Bald- fzn s, Mitglied der Einheitsliste, vom Gouverneur mit der Bildung des Memeldirektoriums beauftragt worden.

Ter memelländische Landtagspräsidenl Baldszus gehört seit der Abtrennung des Memelgebietes zu den Führern der memelländischen Landwirtschaft und hat als solcher der Landwirtschaftskammer des Memelge­bietes angehört. Er hat auch km Jahre 1926 dem Direktorium als Landesdirektor angehört. Ferner war er seit 1925 bis 1932 Mitglied des memelländischen Landtages ds Angehöriger der meine! ländischen Land- wirlschaftspartei. "Von 1930 bis 1934 war er kommis­sarischer Landrat des Kreises Heydekrug. Als Ende

1934 das verfassungsmäßige Direktorium Schreiber durch den Gouverneur gewaltsam abgesetzt wurde, hat das statutwidvige litauische Direktorium Reisgys ihn sofort dieses Amtes enthoben. Baldszus ist als Kandidat der memelländischen Einheitsliste in den Landtag ge­wählt worden und hat von allen Abgeordneten die höchste Stimmenzahl erhalten.

Es wird vermutet, daß die Beauftragung des Land­tagspräsidenten mit der Bildung des Direktoriums im Zusammenhang mit dem Besuch des englischen Ge­sandten in Kowno steht. Der in Riga residierende Ge­sandte Großbritanniens für die baltischen Staaten, Monson, war am Samstag in Kowno eingetroffen. Seine Reife stand im Zusammenhang mit den Erhe­bungen der britischen Regierung wegen des Verhaltens der litauischen Regierung in ber Frage der Bildung des Memeldirektoriums. Zn den letzten Sägen hatte in dieser Angelegenheit bereits der britische Ee- schäftsträger in Kowno, Presto n, wiederholt im Außenministerium vorgesprochen.