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Nr. 308
Sonntag, 10. November 1935
83. Jahrgang.
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gekommen waren. Dieser Vorfall scheint gewisse Befürchtungen der Konservativen zu bestätigen, «daß nämlich auch bei der Wahl ein Teil der bürgerlichen Wähler zu Hause bleiben könnte, da sie ohne weiteres mit einem Sieg der Nationalregierung rechnen, ihre Wahlfaulheit also damit entschuldigen würden, daß es auf die eine Stimme nicht ankomme. Der Sieg ist allerdings ohne weiteres der Regierung Baldwin sicher, darüber gibt es in England eigentlich keine Meinungsverschiedenheiten, sondern die Frage ist nur, wie groß die Mehrheit der Regierung sein wird. Bei den letzten Unterhauswahlen am 27. Oktober 1931 gab es bekanntlich einen sogenannten Bergrutsch. Die Konservativen brachten es auf 472 Sitze und insgesamt verfügte die Nationalregierung im Unterhaus über 558 Sitze, denen 57 Mandate der Opposition gegenüberstanden. Man hat diesen Zustand nicht gerade als sehr ideal empfunden, sondern man hat sich in der letzten Zeit wiederholt eine kräftigere Opposition gewünscht in der Furcht, daß sonst die Parlamentsmaschine ganz zum Stillstand kommen könnte. Die Schätzungen für diese Wahl liegen im wesentlichen zwischen einer Regierungsmehrheit von 100 und einer Regierungsmehrheit von 200 Sitzen im neuen Unterhaus. Eine wirtliche Rolle spielen im Wahlkampf nur die Konservativen und die Arbeiterpartei., Die Liberalen kämpfen unter Sir Herbert Samuel nur noch um ihre Existenz. Mosleys Schwarzhemden haben darauf verzichtet, eigene Kandidaten aufzustellen und auch Lloyd George und seine Anhänger haben mit ihren? Mederaufbauprogramm keine Aussicht, an die Macht zu kommen. Baldwin kann also schon heute seines Sieges sicher sein.
Amerika beteiligt sich an der Flottenkonferenz
Britisch-italienische Sachverständigen-Besprechungen.
England im Wahlkampf.
Keine zugkräftigen Parolen, dennoch Temperaments-Ausbrüche.
Die Aufgabe des Stahlhelms ist erfüllt.
Rur wer die Novembertage des Jahres 1918 in Deutschland bewußt miterlebt hat, kann ermessen, welche Gefühle einen Frontsoldaten beschleichen mußten, der den großartigen Siegeszug der deutschen Armeen in Rußland und in Belgien mitgemacht und der jahrelang im Schützengraben im Kampf um die Heimat sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Diese Männer im feldgrauen Rock fanden nach ihrer Rückkehr das alte Deutschland nicht wieder. Sie wurden beschimpft und geschmäht, Kokarden und Achselstücke wurden ihnen heruntergerissen, und Meuterer und Deserteure fühlten sich als die Herren der Lags.
Derartige Zustände fand der Hauptmann der Reserve Franz Seldte vor, als er in jenen Tagen in seine Vaterstadt Magdeburg zurückkehrte. Gerade dort, int Zentrum eines großen Industriegebiets, hatten die radikalen Elemente Äse Oberhand gewonnen. Franz Seldte war 1914 im Alter von 32 Jahren als Leutnant der Reserve beim Infanterie-Regiment Nr. 66 ins Feld gerückt. Er bewährte sich derartig, daß er binnen kurzer Zeit zum Hauptmann und Führer einer Maschinenge- wohr-Kompagnie ausstieg. An der Somme ritz ihm ein feindliches Geschoß den linken Unterarm fort. Seldte konnte nicht mehr zur Fronttruppe zurückkehren, aber als Führer eines Filmtrupps war er stets in der vor- devsten Linie zu finden, vor allem bei der großen Märzoffensive 1918. Später war Seldte im Auftrag des Auswärtigen Amtes in das neutrale Ausland gereist.
In Magdeburg sand Seldte ein Terrorregiment der Roten vor. Er konnte nicht begreifen, daß nunmehr Landesverräter und Meuterer die Regierung ausüben sollten. Er machte deshalb den Vorschlag, Offizierskompagnien aufzustellen, aber er blieb ungehört. Seldte verzagte jedoch nicht. Ihm war das Erlebnis des Frontgeistes etwas Heiliges und Unzerstörbares geworden. Er wußte, daß einzig und allein der Frontgeist dem deutschen Volk wieder den Weg aufwärts weisen konnte. Zusammen mit seinem Bruder und einem knappen Dutzend alter Frontkämpfer gründete er am 25. Dezember 1918 einen „Bund deutscher Frontsold a t e n", dem er den Namen des Stahlhelms gab, des Symbols, das in den letzten Jahren des Krieges das Bild deutschen Soldatentums an allen Fronten beherrschte.
In dieser Weihnachtsoersammlung entstand die Urzelle einer Gemeinschaft, die im Laufe der Jahre ständig wuchs und zu einer großen nationalen Organisation wurde. Am 6. Januar 1919 fand die erste öffentliche Versammlung statt, in der kaum weniger Gegner des Stahlhelms zugegen waren als Anhänger. Sie schloß aber mit einem vollen Erfolge Der jungen Organisation, die nunmehr 180 Anhänger zählte. Im August 1919 konnte der Magdeburger Stahlhelm bereits vier Kompagnien für ein Zeitfreiwilligen-Regiment stellen. In
Baldwins sichere Mehrheit.
as. Berlin, 9. Rov. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Das Interesse für den Wahlkampf ist selbst in England nicht übertrieben groß, fehlt es doch an wirklich zugkräftigen Wahlparolen, wie etwa bei jenen Wahlen, in denen es um den berüchtigten Sinojew- Brief ging, oder in den Wahlen unrühmlichen Angedenkens, in denen die Parole ausgegeben wurde: Hang the Kaiser! Ja nicht einmal die Opposition hat ein zündendes Programm aufzustellen vermocht. Sie übt wohl Kritik an einer Reihe von Maßnahmen der gegenwärtigen Regierung, aber meist läßt sich diese Kritik ohne allzu viele Schwierigkeiten widerlegen. Wenn beispielsweise sich die Arbeiterpartei gegen eine weiter- - gehende Aufrüstung wendet, so ist es den Konservativen leicht darauf zu verweisen, daß auch die Arbeiterpartei für die Sanktionspolitik ist, daß man aber eine solche Politik nur dann treiben könne, wenn man über die notigen Machtmittel verfüge. England, so sagen die Konservativen, muß auf jeden Fall stark -■ s e i n. Dut der Völkerbund seine Pflicht, so muß England stark sein, um ihm die genügenden Machtmittel zur Verfügung stellen zu können. Versagt aber der Völkerbund, dann muß England erst recht über die erforderlichen Machtmittel verfügen. So spielt, wie nicht anders g zu erwarten war, die Frage der Rüstungen eine 5 gewisse Rolle im WahIkampf, wobei sich Herr A Churchill im Säbelrasseln besonders hervortut, sodaß seine Gegner ihn bereits als „Englands Säbelrassler Nr. 1“ bezeichnen.
Wenn es nun auch an zugkräftigen Parolen fehlt, so wird doch zum Teil wenigstens der Wahlkampf in England mit einem ungewöhnlichen Temperament geführt. Einen ganz besonders schweren Stand hat offenbar Macdonald in seinem alten in den M Elendsguartieren gelegenen Wahlkreis Seaham Harbour. Man hat es dem ehemaligen Ministerpräsidenten nicht vergessen, daß er seinerzeit die Arbeiterpartei verließ und sich an die Spitze der Nationalregierung stellte. So hat man den jetzigen stellvertretenden Ministerpräsidenten als „Verräter Macdonald" niedergeschrien und ihm auch sonst seine Wahlreden^ nicht gerade leicht gemacht. Andererseits nötigt es aber auch seinen Gegnern Achtung ab, daß er seinem Wahlkreis treu geblieben ist, obwohl er ohne weiteres einen absolut sicheren Wahlkreis hätte bekommen können. Auch der Landwirtschaftsminister Elliot hat ziemlich trübe Erfahrungen im Wahlkamps machen müssen. Andererseits wurde wieder gemeldet, daß sich eine fc Wahlversammlung des gegenwärtigen Außenministers Sir Samuel Hoare in ein Plauder st ündchcn s: verwandelte, da nur 26 Wähler zu dieser Versammlung
London, 8. Nov. Am Freitag haben auch die Bereinigten Staaten von Nordamerika die englische Einladung zur Teilnahme an der am 5. Dezember in London beginnenden Flottenkonferenz angenommen. Hiernach steht nur noch die Annahme der Einladung durch Italien aus.
Die vorbereitenden Flottenbesprechungen zwischen italienischen und britischen Sachverständigen sind nach insgesamt drei Sitzungen, in denen hauptsächlich technische Fragen der Flottenbearenzung besprochen wurden, abgeschlossen worden. Auf englischer Seite nahm u. a. der stellvertretende Unterstaatssekretär für auswärtige Angelegenheiten. Craigie, an den Besprechungen teil.
Offenbar im Hinblick auf die bevorstehende F! konferenz sind die im vorigen Jahr in Italien auf Kiel gelegten und noch nicht fertiggesteÜten Eroßkampfschiffe „Lit- torio" und „Vittorio Veneto" durch ein königliches Dekret amtlich in den Bestand der italienischen Kriegsmarine ausgenommen worden. Beide Schiffe haben 35 560 Tonnen.
Links: Die Aufbahrung auf dem Münchener Waldfriedhof. Am Mittag des Freitag wurden die 16 Gefallenen auf den Münchener Friedhöfen ausgebahrt, bevor sie zur Feldherrnhalle überführt wurden. Unser Bild zeigt die Aufbahrung der sieben Särge auf dem Münchener Waldfriedhof. Hier ruhten Felix Allfarth, Theodor Casella, Marlin Faust, Karl Laforce, Klaus von Pape, Max Erwin v. Scheubncr-Richter, Lorenz Ritter v. Etransky Rechts: Pylonen umsäumen den historischen Weg. In den Straßen, durch die 1923 der historische Marsch zur Feldherrnhalle führte, sind schwarze Pylonen ausgestellt worden, von denen jeder die .Aufschrift „Der letzte Appell" and den Namen eines Toten der Bewegung trägt. tAtl 1. Pressebildz. 2. M3
Die
Münchener Totenfeier
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