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Nr. 304.

Mittwoch, 6. November 1935.

83. Jahrgang.

Kliens AbMhrkanlps gegen die Sanktionen.

Der englische Botschafter wieder bei Mussolini. — Libyen und das Mittelmeer. Geschlossene Läden in Italien.

Rom gegen Paris.

as. Berlin, 6. Nov. (Drahtberscht unserer Berliner Abteilung.") Mussolini hat den englischen Bot­schafter Sir Eric Drummond erneut empfangen und sich mit ihm etwa eine Stunde unterhalten. Zn Rom zeigt man eine gewisse Befriedigung dariiber, daß diese diplomatischen Gespräche fortgesetzt werden und daß das im Augenblick heikelste Thema, nämlich das Verbleiben der englischen Flotte im Mittelmeer behandelt werden konnte. Es scheint jedoch nicht, als ob man in diesen Besprechungen weiter gekommen wäre. Die abessinische Frage ist ganz offen­sichtlich überhaupt nicht behandelt worden. Zum Mtttelmeor-Thöma aber hat der englische Botschafter ausgeführt, daß die englische Regierung noch kein Schift aus dem Mittelmeer zurückgezogen habe, da die italienischen Truppen in Libyen auch nach der Zurückziehung der einen italienischen Division noch immer eine Bedrohung Ägyptens dar­stellten. Das ist bereits in der englischen Presse vor einigen Tagen mit aller Deutlichkeit ausgesprochen worden. Es liegen aber bisher keine Nachrichten vor, die darauf schließen lassen, daß Mussolini den Abtrans­port weiterer Truppen aus Libyen in Aussicht gestellt habe. Dann aber scheint Sir Eric Drummond einen formalen Protest gegen die england- feindlichen Demonstrationen und gegen die Boykottbewegung, soweit England von ihr betroffen wird, eingelegt zu haben. Im ganzen kann also von einem Wechsel der Lage wohl kaum ge­sprochen werden, doch betont man in italienischen Kreisen, daß die Fühlungnahme fortgesetzt werden würde.

Inzwischen Hai in Italien der Abwehrkampf gegen die Sanktionen, die erst am 18. November be­ginnen, voll eingesetzt. Überall ist bereits gestern die neue Arbeitszeit eingeführt worden von 8 bis 12 und von 15 bis 18 Uhr, um Kohlen zu sparen. Auch die Fleischerläden hatten gestern bereits ge­schlossen und vielfach ein Schild in ihren Fenstern mit den Worten: „Geschlossen, um den Sanktionen Widerstand zu leisten. Es lebe Italien." In den

meisten Gaststätten gab es nur eine einzige Fisch­ober Fleischspeise, kurzum, alle von der Regierung be­schlossenen Abwehrmaßnahmen sind bereits in Wirk­samkeit. Dieser Abwehrkampf wird sich zweifellos noch verschärfen, wollen sich doch 800 000 Frauen in den Dien st der Propaganda gegen die Sank­tionen stellen und in allen Gemeinden von Haus zu Haus gehen, um die Hausfrauen über ihre Pflichten aufzuklären, nur inländische Erzeugnisse zu gebrauchen und die ausländischen zu boykottieren.

Beachtenswert ist, daß nunmehr im Kampf gegen die Sanktionen auch die Haltung Frankreichs einer scharfen Kritik unterzogen wird, während man bis­her in der italienischen Presse dieses Thema nicht ange­schnitten hatte.- Jetzt bezeichnet die „Tribuna" Frank­reich als den Sanktionsfeind Nr. 2 und fordert zum Boykott aller französischen Waren auf. Paris habe im Mandschukuo-Konflikt nichts getan. Es habe den deutsch-englischen Marinevertrag ruhig hinge­nommen. Jetzt habe Frankreich auf jede eigene Politik verzichtet und sich vollkommen in das englische Fahr­wasser begeben. So sehr Italien es auch bedauere, so müsse es doch jetzt Gegensanktivnen gegen Frankreich an- wenden. Frankreich habe durch den Export nach Italien einen jährlichen Überschuß von 140 Millionen Lire erzielt. Alle französischen Waren müßten jetzt durch inländische Produkte ersetzt iperden. Dadurch spüre Frankreich am dsutlichsten die Folgen seiner Politik.

Ist auf der einen Seite der Abwehrkamps ausge­nommen, so werden jetzt auf der anderen Seite schon Maßnahmen vorbereitet, um die Sanktionen er­forderlichenfalls zu verschärfen._ So hat der Wirtschaftsausschuß der Sanktionskonferenz in einem Entschließungsentwurf vorgeschlagen, daß, sobald es nötig erscheine, auf das Verzeichnis der nicht mehr nach Italien zu liefernden Rohstoffe auch Petroleum und seine Nebenprodukte, bestimmte Eisen- und Stahl­erzeugnisse sowie Kohle gesetzt werden sollen. Noch handelt es sich um einen Entschließungsentwurf, also noch nicht um eine Tatsache. Aber auch hier zeigt sich, daß die einmal angekurbelte Sanktionsmaschine weiter- läuft.

Arabische Plane?

Nach dem Zusammenbruch der türkischen Macht ent­stand im Raume der arabischen Halbinsel ein unbe­schreibliches Chaos, das von britischen Beobachtern noch vor fünfzehn Jahren als völlig unlösbar bezeichnet wurde. Das Durcheinander uni) Gegeneinander der nenentstandenewi Nachfolgestaaten schien sich so inein­ander zu verfilzen, daß niemand zu prophezeien wagte, was wohl daraus entstehen könnte.

Das wäre für die europäischen Kolonialmächte der gegebene Zeitpunkt gewesen, sich um eine stärkere In­ter ess envertretung längs der arabischen Küsten umzu- fehen, von denen die Fürstentümer an den, Süd- und Östgestaden seit langem unter britischem Einfluß stehen. Aber es kam wesentlich anders. Der Wahabitenführer Ibn Saud verstand es in erstaunlich kurzer Zeit seinen Einfluß teils durch kriegerische Handlung, teils durch geschickte politische Schachzüge so zu steigern, daß heute unter seinem Regime und seiner Leitung so etwas wie ein arabischer National st aat im Werden ist, mit dem bereits als mit einer politischen Realität gerechnet werden muß.

Es ist von hohem Interesse, in diesem Zusammen­hang die Auswirkung eines soeben verbreiteten Ge­rüchtes zu analysieren, das von arabischen Plänen Italiens spricht und besonders von der Absicht Roms, eilten strategisch wichtigen Hafen an der Iemenküste zu besetzen. Zur Abwehr eines solchen angeblichen Planes will man ein Militärbünd­nis zwischen Hedschas und Jemen herannahen sehen, das von internationaler Bedeutung sein könnte, und zwar deshalb, weil der „arabische Nationalpakt" vom Dezember 1931 als diplomatische und ideelle Grundlage eine bedeutsame Rolle dabei spielen dürfte.

Man erinnert sich, daß im vergangenen Jahre Ibn Saud anläßlich eines Grenzstreites mit dem Imam von Jemen militärische Lorbeeren davontrug, aber in weiser Voraussicht auf die Ernte politischer Früchte aus diesem Siege verzichtete und statt dessen einen „Vertrag moslemitischer Freundschaft und arabischer Brüderlich­keit" mit dem unterlegenen Gegner schloß, der mehr und mehr zu einem herzlichen Einvernehmen zu führen scheint. Ein Vorstoß Italiens in diesem Raume, der von starken nationalistischen Jdeengängen gefüllt ist, würde zweifellos wie ein Funke in einem Pulverfaß wirken. Der arabische Nationalpakt basiert auf drei großen Gesichtspunkten:

1. Alle arabischen Länder bilden eine unteilbare Einheit;

2. die Einwohner aller arabischen Länder vereinigen ihre Anstrengungen zur Erringung der Unab­hängigkeit und bekämpfen alle separatistischen Be­strebungen;

3. Imperialismus in jeder Form ist unvereinbar mit den Wünschen der arabischen Nation, die ihn mit allen Kräften bekämpfen wird.

Man darf nicht verkennen, daß der grundsätzliche Charakterzug dieser Zusammenarbeit die Auflehnung gegen die Fremdherrschaft ist, die ihren Rückhalt in der islamitischen Überlieferung und im islamitischen Glau­ben besitzt, ohne dabei aber auf die fremden Ideen ver­zichten zu wollen, mit denen im Laufe der Jahrhunderte eine starke Berührung stattgefunden hat. Nicht nur die Staaten der arabischen Halbinsel haben sich au diesem Pakt beteiligt, auch Ägypten, Syrien, Palästina, Marokko, Algier, Tunis und Libyen sind daran betei­ligt; ein Zeichen dafür, daß ein Zwischenfall an der Jemenküste nicht nur England auf den Plan rufen müßte, sondern auch möglicherweise zu einer Beun-

Der \W\W AmM auf Malle abgeltWl.

nie Eritrea herein, so daß das Vorgehen des Korps Mara- vigna zu einer wesentlichen Berichtigung der italienischen Front führen wird. Außerdem hofft man, daß die italie­nischen Truppen nach Durchquerung des Gebietes von Adiabo im Tal des Takasse flußaufwärts vorstoßen, die un­wegsame Hochebene von Tembien umgehen und wenn mög­lich einen Keil zwischen die abessinischen Streitkräfte am Tanasee und die weiter ostwärts stehenden feindlichen Truppen treiben können. Aller­dings muß die Entwicklung der militärischen Maßnahmen abgewartet werden, bevor mit Sicherheit das Endziel des in diesen Tagen eingeleiteten italienischen Vormarsches ange­geben werden kann.

Mit der Besetzung von Makalle wird für Donnerstag oder Freitag gerechnet.

Eine große Schwierigkeit ist für die italienische Heeres­leitung, daß weder die Absichten noch die Stärke des abesfi- nischen Heeres genau festzustellen seien, während die italie­nischen Pläne den Abesstniern sehr gut bekannt seien.

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ah len in den Bereinigten Staaten.

Wenn auch »ie Niederlage bei der Wahl im Staate New Pork als Enttäuschung für Roosevelt gelten muß, so läßt doch das Wahlergebnis kaum Schlüsse auf die Lage im Gesamtgebiet der Vereinigten Staaten und auf die im nächsten Bahre stattfindenbe PrWdentschaftswahl zu, da der Staat New Port von jeher vorwiegend republikanisch gesinnt war. Die Wahlergebnisse aus anderen Einzelstaaten bestätigen dies.

So waren die Demokraten in Den iandwirt-

Eme kurze Unterbrechung.

Asmara, 5. Nov. (Funkspruch des Kriegsberichterstatters des DNB.) Am Dienstagmittag um 12 Uhr kam der Vor­marsch der italienischen Truppen auf Makalle zum Still­stand. Die Unterbrechung der Operationen kann vielleicht einige Tage dauern. Sie ist zur Sicherung des Nachschubs nötig. Diese Zeit ist aber nicht verloren, da Patrouillen und Flugzeuge das Gelände erkunden. Gerüchte wollen wissen, daß italienische Vorposten bereits in die Gegend von Ma­kalle vorgedrungen sind. Das Gros der Armee steht jedoch immer noch bei Haufien.

Unklarheit über die abessinischen Absichten.

Rom, 6. Nov. (Eig. Drahtmeldung.) Rach den Front­berichten der römischen Morgenpresse muß mit einer Ver­längerung der Pause bis zur Wiederaufnahme des Vor­marsches um einen weiteren Tag gerechnet werden. Die Abessinier leisten angeblich |o gut wie keinen Wider­stand und weichenjedemEefechtaus, was auf italie­nischer Seite einige Beunruhigung hinsichtlich der feindlichen Absichten hervorgerufen hat. Trotz der Zwischenpause, die zur Heranschaffung weiteren Kriegsgeräts und Befestigung der erworbenen Stellungen dient, wird übereinstimmend von einer sehr regen Patrouillentätigkeit bis in die unmittelbare Nähe von Makalle berichtet. Auch diese Patrouillen, die durch Flugzeuge mit Nahrungsmitteln und Munition ver­sehen werden, scheinen bis jetzt in keine größeren Kampf­handlungen verwickelt worden zu sein. Dagegen wird von dem rechten Flügel der italienischen Front ein über­raschender abessinischer Angriff gemeldet, der jedoch zurückgeschlagen werden konnte.

Ziel der italienischen Operationen.

Asmara, 5. Nov. (Funkspruch des Kriegsberichterstatters des DNB.) Der Vormarsch in das Gebiet von Adiabo führt in eine ziemlich unerforschte Gebirgsgegend westlich und südwestlich von Aksum, die bis an den Fluß Ta- kasse beranreicht. Es handelt sich bei diesem Fluß um den Oberlauf des späterhin die Grenze zwischen Abessinien uno Eritrea bildenden Setit unter anderem Namen. Das Gebiet von Adiabo schiebt sich wie ein Keil in das Gebiet der Kolo­

Republikanische Mehrheit im Staate New York.

New York, 6. Nov. (Eig. Drahtmeldung.) Die bisherigen Wahlergebnisse im Staate New York lassen erkennen, daß Die Republikaner die im Jahre 1932 verlorene Mehrheit im Repräsentantenhaus des Staates wieder gewonnen haben. Das Stimmenverhöltnis stellt sich auf 81 Republikaner zu 69 Demokraten gegenüber Dem bisherigen Verhältnis von 76 Demokraten zu 73 Republikanern.

Nur aus einem Wahlkreis steht das Ergebnis noch aus. Die Republikaner sehen in ihrem Sieg eine Niederlage Des New Deal und eine Verurteilung der Politik Roosevelts, die umso mehr, als der General- postmeister F a r l e y Die Wahlkampagne persönlich geleitet und die Bestätigung der New-Deal-Politik zur Kardinal- srage erhoben habe.

sch oft I i ch ei ng efte Uten Staaten Virginia und Mississippi, wie vorausgesehen,siegreich. 3n Philadelphia dagegen liegt der republikanische Bürgermeister weit in Führung, während die Kontrolle foes Repräsentanten­hauses im Staate New Jersey noch nicht entschieden ist. Die Stimmenzähluna für die Gouverneu rswahl in Kentucky, wo der Wahlkampf sehr heiß war, erfolgt erst am Mittwoch.

Präsident Roosevelt hat sich zur Abgabe seiner Stimme nach Hydepark begeben. Er ließ sich Dort fortgesetzt über den Wahlverlauf Bericht erstatten.