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flt. 299.

Freitag, 1. November 1935.

83. Jahrgang.

Beginn der Genfer Gespräche.

Hellas entscheidet sich.

Zur Volksabstimmung über die Monarchie.

stoch fein Beschluß über den Beginn der Sanktionen. — Hoare, Laval und Aloisi in Genf. Neue Verschärfungen Rom—London?

Lavals Innenpolitik.

, as. Berlin, 1. Nov. (Drahtbericht unserer Berliner bteilung.) Nach einem kleinen Vorspiel, das sich ohne e Stars der politischen Bühne vollzog, beginnen heute

Genf die ,Motzen Tage". Man hat gestern noch inen Beschluß darüber gefaßt, mann die rnirtschaft- hen Sanktionen gegen Italien in Kraft treten sollen. . ndern hat diese Frage offen gelassen. Allerdings erden wohl Zunächst die Verhandlungen hinter n Kulissen wieder wichtiger sein als die Sitzungen r Sairktionslonferenz. Wird der Versuch glücken,' in esen Gesprächen hinter den Kulissen die Eini- ingsformel zu finden, um die man sich nun schon raume Zeit bemüht, die Formel, die es erlaubt, den essinischen Konflikt zu beenden? Das ist die Frage, !e man sich in Genf vorlegt und die man dort nicht - trabe sehr zuversichtlich beurteilt. So weit ' sher bekannt geworden ist, kommt der italienische trimer, Baron Aloisi, jedenfalls ohne neue Vor­lage nach Genf. Das besagt nicht, daß Italien jeder Ermittlung abgeneigt wäre, aber zweifellos verlangt

sehr viel weitgehendere Zugeständnisse als England d der Völkerbund als solcher — und die Vermittlung l sich ja im Rahmen des Völkerbundes vollziehen — machen bereit sind, überhaupt wird man nicht ge-

>e sagen können, datz sich das Verhältnis rischen London und Rom in den letzten Tagen bessert hat. Die Zurückziehung einer italienischen Di- ion aus Libyen erscheint den Engländern höchst un- nügend, was auch der englische Botschafter in Rom ussolini zu verstehen gegeben hat. London denkt üenfaps nicht daran, sein« Flotte im Mittelmeer gendwie zu schwächen. Andererseits geigen die gestri- n antienglischen Kundgebungen in Rom cht deutlich, wie dort der Wind weht. Das alles wird , a n a I, der in Paris gestern nicht die Ankunft Sir aiinuel Hoares abgewartet hat, sondern schon vor dem iglischen Autzenminister nach Genf fuhr, nicht ab- Äten, sich weiterhin um eine Vermittlung zu be- ühen. Zugleich aber scheint Laval entschlossen zu sein, ch für den Fall, datz diese Bemühungen scheitern llten, sich ganz auf di« Seite Englands zu eilen. So wird auch jetzt wieder aus Paris be­ichtet, datz Laval sich England gegenüber verpflichtet ab«, sich an Sanktionen jeder Art zu beteiligen für den

Fall, datz die Vsrmittlungsvorschläge von Italien ab- gelehnt werden sollten. Es dürften nicht zuletzt innenpolitische Gesichtspunkte den franzö­sischen Ministerpräsidenten bei seiner Stellungnahme beeinflußt haben. Er wird z. Z. in dem Finanzaus­schutz der Kammer arg bedrängt, durchlöchert doch dieser Ausschutz die schönen Notverordnungen, die erlassen wurden, um das Gleichgewicht im Haushalt sicherzu­stellen. Es ist mehr als fraglich, ob Laval eine Parla­mentsdebatte über die Notverordnung.en über­leben würde. Run kann man in Pais hören, datz die radikalsozialen Minister Herrn Laval als Entgelt da­für, datz er gegen das den Linksparteien so wenig sympathische Italien Mussolinis Stellung nimmt, ver­sprochen haben, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, datz die Kammer nach ihrem Zusammentritt erst den Etat und dann erst die Notverordnungen behandelt. Damit aber würde die Regierung zweifellos einige Wochen, vielleicht sogar einige Monate Schonzeit erhalten. Es mögen aber auch noch Überlegungen mit- spielen, die sich etwa in der Richtung bewegen, datz die Sanktionen, die jetzt verhängt werden sollen, einmal als Muster in einem anderen Konflikt gelten könnten, wie denn ja überhaupt das Interesse, das manche Kreise in dieser Frage an den Tag legen, mehr als verdächtig ist. Alles das trägt dazu bei, datz man die Aussichten für die Gespräche zwischen Hoare, Laval und Alosi, die fetz! in Genf beginnen, nicht eben sehr optimistisch ein« schätzt.

Die Pariser Presse hüllt sich in Schweigen.

Paris, 1. Nov. Am Vorabend der diplomatische« Be­sprechungen in Genf schweigt sich die Pariser Presie fast völlig über den Inhalt und die Möglichkeiten der Verhand­lungen aus. Die vor einigen Tagen in Erscheinung getre­tene Hoffnungsfreudigkeit scheint sich verflüch­tigt zu haben, nachdem bekannt geworden ist, datz sich die vielbesprochene Einigungsformel der französischen und eng­lischen Sachverständigen als der Inhalt der italienischen An­regungen entpuppt hat, die nicht die geringste Aussicht haben, von England angenommen zu werden. Auch der Be­schluß der englischen Regierung, ihre Flottenstreitkräste im Mittelmeer trotz der Zurückziehung einer italienischen Divi­sion aus Libyen nicht zu vermindern, trägt nicht dazu bei, eine Lösung des Streitfalles als bevorstehend anzusehen.

HroolDKöltüiitot auf denWWll MinistWiWenten.

Nanking, 1. Nov. (Eig. Drahtmeldung.) Auf den iuesischen Ministerpräsidenten Wangtschingwai wurde m Freitagoormittag in Nanking ein Nevolver- anschlag verübt, bei dem der Ministerpräsident schwere Derletzuuge« davonrrug. Der Attentäter, ei» chine­sischer Presse-Berichterstatter Sunminghsun, all Mitglied der Kuomiutaug-Partei sein.

Sofort nach Bekauntwerde« des Anschlages stattete der deutsche Botschafter dem Chef des Protokolls im Auhen- ministerium einen Besuch ab, wobei er seine besten Wünsche für ein« baldige Genesung des Ministerpräsidenten aussprach.

Nach einer späteren Meldung soll Ministerpräsident Wangtschingwai seinen Verletzungen erlegen sein.

Die Kriegslage in Abefsimen.

Schwere Kampfe bei Makalle.

Addis Abeba, 1. Nov. (Eig. Drahtmeldung.) Während bisher in den von der Nordsrout einlaufenden Meldungen nur von nächtlichen Überfällen und Patrouillen- kämpfen die Nrde war, verlautet nunmehr gerücht­weise, dah sich nördlich von Makalle große Kampf­handlungen entwickelten. Unter Einsatz von Tanks und Flugzeugen sollen die italienischen Truppen den Versuch machen, weiter vorzustohen. Die A b e f j i n i e r, die sich in guter Verteidigungsstellung im Gebirge verschanzt haben, lassen die Italiener anrennen und bringen ihnen, nach abessinischer Darstellung, starke Verluste bei. Nähere Einzelheiten über die Gefechtslage liegen »och nicht vor.

Der italienische Heeresbericht Nr. 33.

Nom, 31. Okt. Die Verlautbarung Nr. 33 des Ministe­riums für Presie und Propaganda hat folgenden Wortlaut:

..General de Bono relegraplnert von der Eritreafront, datz Abteilungen von Schwarzhemden des ersten Armeekorps am Morgen des 30. Oktobers das Brunnengebiet auf dem Weg« zwöichen Adcwa Hamus und Makalle besitzt haben. 2n beit vom 2. Armeewrps und vom Eingeborenen-Armeekorp s

besetzten Gebieten ist die Zählung der in Anwendung des Erlasics des Oberkommiffars befreiten Sklaven beendet. Es handelt sich insgesamt um 16 000 Personen.

An bet Somalifront haben Eingeborenen-Soldaten unseres Postens Malkarie bewaffnete abessinische Abtei­lungen nordwestlich vom Dauafluh angegriffen. Der Feind ergriff die Flucht und lieg 11 Tote zurück. Auf unserer Seite würden drei Eingeborene-Soldaten getötet und zwei ver­wundet.

Die Fliegertätigkeit wird in allen Abschnitten normal fortgesetzt.

Angriff am Mussa Ali zurückgeschlagen.

Addis Abeba, 31. Okt. Die Italiener haben, um die Aufmerksamkeit der Abessinier von ihrem Hauptangriffsziel Makalle abzulenken, einen Vofftotz in dem Gebiet nordwest­lich des M u s sa A l i, im Verfolge der Straße von El« dem Tiradud-See eingeleitet. Nach anfänglichen Erfolgen, die unter starker Beteiligung von Kavallerie, Tanks und größeren Infanterie-Abteilungen erzielt werden konnten, wurde der italienische Angriff zurückgefchkagen, wobei die italienischen Truppen, abessinischen Berichten zufolge, bis zum Mussa Ali zuruckaeworfen wurden. Einzelheiten über diese Kämpfe fehlen noch.

Am Sonntag, dem 3. November, wird das grie­chische Volk mit dem Stimmzettel darüber zu ent­scheiden. haben, ob Georg II. auf den Athener Königs­thron gurückkehren soll. Der König selbst, der bekannt­lich feit seiner Weltreise in London als Privatmann lebt, -hat seine Rückkehr ausdrücklich von der Fest­stellung einer ausreichenden Mehrheit für die Wieder­einführung der Monarchie abhängig gemacht. An dieser Mehrheit ist nach den Ereignissen der letzten Monate in Griechenland weniger denn je zu zweifeln. Auch die maßgeblichen Kreise Athens rechnen mit einer so er­drückenden Mehrheit von Stimmen für die Restau­ration, datz der ungefähre Zeitpunkt -der Rückkehr Georgs II. und alle Einzelheiten für seine Wiederein­setzung im großen ganzen bereits festgelegt wurden.

Es ist ein ebenso ernster wie bedeutsamer Schritt, den die griechische Volksabstimmung für beide Teile darstellt. Das Volk der Hellenen schickt sich an, die Maßnahme der Wiederberüfung eines seiner Könige nun schon zum dritten Male in der kaum hundert Jahre langen Geschichte seiner nationalen Einigung zu voll­ziehen. Und der gleiche Zeitraum weist eine lange Liste schwerer innerer Kämpfe bis in die allerneueste Zeit hinein auf. Georg II. seinerseits gehört selbst zu den Leidtragenden der neugriechischen Geschichte; schön sein Vater wurde zweimal entthront, einmal, im Juni 1917, als eine der unheilvollsten Gestalten Griechenlands, der Kreter Venizelos, Hellas an die Entente verriet, und zum zweitenmal nach dem unglücklichen Kriege gegen die Türkei, einem Ausläufer des Weltkrieges. Sein Sohn Georg II., der nun im November die Fahrt nach Athen antreten soll, hat nur von 1922 bis 1924 regiert, und mutzte ebenfalls vor Venizelos in der Verbannung flüchten, nachdem er noch als einen der letzten Eindrücke die Hinrichtung von vier Ministern und eines komman­dierenden Generals mitgenommen hatte, -die von Veni­zelos durchgssetzt wurde. Es ist also nach alledem be­greiflich, wenn der König ein gewisies Matz von Garan­tien für eine gedeihliche Zusammenarbeit mit feinem Volk als Bedingung für feine Rückkehr gefordert hat.

Aber selbst dann, wenn beispielsweise 80 oder 90 Prozent der abgegebenen Stimmen die Rückkehr des Königs verlangen, ist und bleibt diese für ihn ein Problem, das ernster Erwägung nach allen Seiten be­darf. Datz er dem Ruf der Hellenen Folge leisten wird, ist ebenso unzweifelhaft wie eine sehr starke Mehrheit bei der Abstimmung. Wer der König weitz sehr wohl, daß er in ein Land kommt, das auch heute -noch wirt­schaftlich an den katastrophalen Auswirkungen des Krieges gegen die Türkei krankt und damals plötzlicki die ungeheure Menge von fast 1,5 Millionen über­wiegend mittelloser Flüchtlinge aus Kleinasien, Kon­stantinopel und dem Kaukasus in der griechischen Hei­mat unterbringen und versorgen mutzte;-die Zahl dieser Flüchtlinge machte ein Drittel, der Eosamtbevölkerung Griechenlands aus und stellte für das durch den Welt­krieg und den Türkenkrieg ohnehin schwer darnieder­liegende Land eine unvorstellbare Belastung dar bis in die heutige Zeit hinein. Zweitens weitz der König aus seiner eigenen Lebensgoschichte, aus seiner Regie­rungszeit und auch aus den Ereignissen noch dieses Jahres, datz der weit überwiegende Teil des helleni­schen Volkes zwar die Erkenntnis von der^absoluten Notwendigkeit einer vom Vertrauen der biation ge­tragenen autoritären Staatsführung schließlich doch in sich ausgenommen hat, datz aber das griechische Volk ein so einheitliches nationales Ganzes wie etwa das deutsche auch heute noch nicht ist. Und drittens ist die außenpolitische Lage neuerdings durch die Hinein­ziehung Griechenlands in den Mittelmeerkonflikt so schwierig geworden, datz ein außergewöhnliches Maß von Verantwortungsbewußrsein und auch persönlichem Mut dazu gehört, in diesem Augenblick die Lenkung der Geschicke von Hellas wieder zu übernehmen.

Für eine neue Verfassung scheint übrigens der gegenwärtige Regent und Ministerpräsident Kondylis bereits einen Entwurf im Schreibtisch zu -haben, _ wie denn dieser höchst energische Steuermann der griechischen Umwälzung ja inzwischen überhaupt ganze Arbeit gemacht hat. Der Sieger von der Struma mar bekanntlich jahrelang nach dem Weltkrieg eingefleischter Repu­blikaner. Aber dieser General, der die Republik seinem Vaterlamde kaum etwa? anderes als Bürgerkriege und Zerfall bringen sah, hat selbst seine Wandlung zum radikalen Monarchisten mit den Worten vor der Ra­dio nal o e rjammlung gekennzeichnet: „Die Worte: Repu­blik, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit erfüllten mich eit der Schulbank, schöne Worte für Poeten und Philo- ophen. Aber man kann ein Volk nicht mit Worten re­gieren. Ich war immer Republikaner, ich habe gerade­zu einen Kult mit diesem Regime getrieben, aber heute