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Nr. 293.
Samstag, 26. Oktober 1935.
83. Jahrgang.
Ae Wenge KerMIuWktisli.
Weniger zuversichtliche Stimmung.
Rom gegen den Pachtgedanken. — Abessinien gegen Gebietsabtretungen.
London bleibt skeptisch.
t" as. Berlin, 26. Okt. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der vorgestrigen Unterredung Lavals mit dem, englischen Botschafter ist, gestern eine einstünbige Besprechung des französischen Ministerpräsidenten mit dem italienischen Botschafter gefolgt. Auch Mer diese Besprechung liegen Einzelheiten nicht vor. Man hüllt sich in Paris in Stillschweigen. Obwohl also die Verhandlungen fortgeführt werden, ist das Stimmungsbarometer nicht gerade günstig. Dazu mögen nicht zuletzt die Erklärungen von matzgebender abessinischer Seite beigetragen haben, datz der Negus sich unter keinen Umständen mit der Abtretung auch nur des kleinsten Gebietsteiles einverstanden erklären würde und datz er vor allem garnicht daran denkt, das schon ; von den Italienern eroberte Gebiet der Provinz Tigre abzutreten. Dabei hat es in Paris und in London offenbar besonderen Eindruck gemacht, datz in diesen Meldungen, gesagt wurde, der Negus würde feinen Dhron verlieren, wenn er auf eine Abtretung der Provinz Tigre eingehen würde. Andererseits ist aber der Gedanke, die Besitzergreifung durch Pachtverträge, wie sie früher mit China abgeschlossen wurden, zu verschleiern — ein Gedanke, der in Paris entstanden sein soll, -das heute -überhaupt als Ursprungsort der angeblichen italienischen Forderungen bezeichnet wird — in Rom auf scharfen Wider- stand gestoßen. Wie unter solchen Umständen eine Lösung gefunden werden soll, die Abessinien, den Völkerbund und Ztalien befriedigt, ist tatsächlich schwer zu sagen. So ist man in London auch weiterhin recht skeptisch und betont, datz sich zwar die Atmosphäre etwas gebessert habe, datz man aber noch keinen Zentimeter aus der Sackgasse herausge- rommen wäre. London gibt auch den Italienern zu verstehen, datz der Gedanke, Abessinien in ein Kernland und in Nebengebiete zu scheiden, für England nicht annehmbar ist, denn als es sich darum gehandelt habe, die Abessinier seinerzeit in den Völkerbund aufzunehmen, habe Ztalien derartige Unterschiede nicht gemacht, sondern Abessinien als Einheit behandelt. Im ganzen ergibt sich aus allen heute vorliegenden Meldungen, datz die von Paris mit so grotzer Hoffnung begrüßte italienisch-englische Entspannung noch nicht über die ersten bescheidenen Anfänge hinaus gediehen ist und datz die Aussichten, weiter zu kommen, nicht eben sehr groß sind. Unter diesen Umständen ist
es nicht weiter verwunderlich, wenn Meldungen auftauchen, datz der englische Außenminister Sir Samuel Hoare sich persönlich zu der für den 31. d. M. einberufenen Tagung der sogenannten kleinen Sanktionskonferenz nach Genf begeben wolle.
Wie im e n g l i s ch e n W a h l k a m p f, so spielt nun auch in der französischen Innenpolitik der abeffinische Konflikt eine wesentliche Rolle. Auf dem Parteitag der grotzen linksbürgerlichen Partei der Radikalsozialisten, auf dem es am Tage vorher zu lebhaften Auseinandersetzungen über die Innenpolitik gekommen war, ist dieses Thema gestern ziemlich freundlich erörtert worden. Es hat sich dabei gezeigt, datz innerhalb dieser für die Regierung wichtigen Partei die Anhänger einer engen Zusammenarbeit mit England und die Anhänger des Bündnisses mit der Sowjetunion das Wort führen. Es soll aber auch nicht unerwähnt bleiben, datz hier verschiedene Redner in die Fußtapfen Churchills traten und auch ihrerseits die alte, nun schon recht abgeleierte Walze von der deutschen Gefahr auflegten. Es geht in gewissen Kreisen des Auslandes nun einmal nicht ohne Hetze gegen Deutschland, was auch immer in der Welt geschehen mag.
Kein Eingreifen des Heiligen Stuhles.
Rom, 25. Okt. Der Informationsdienst „La Correspon- denza" wendet sich unter Berufung- auf vatikanische Kreise in einer sehr scharf gehaltenen Erklärung gegen die Gerüchte, daß von selten des päpstlichen Stuhles irgendwie vermittelnd in die augenblickliche internationale Lage eingegriffen werde.
Italien dementiert die Einleitung direkter Friedensverhandlungen.
Rom, 25. Okt. Die von einem amerikanischen Nachrichtendienst aus Addis Abeba verbreitete Nachricht über die Einleitung direkter Friedensoerhandlungen Italiens mit Abessinien wird von amtlicher italienischer Seite als gänzlich unbegründet bezeichnet.
Italien und die ausländischen Rundfunksender.
Bozen, 25. Okt. Die Südtiroler Gemeinden haben im Auftrage des Bozener Präfekten an alle Besitzer von Rundfunkgeräten in öffentlichen Lokalen die Weisung ergehen lasten, datz der Empfang von Nachrichten nur durch die italienischen Sender vermittelt werden darf. Die Einstellung der Apparate aus Auslandssender wurde unter Strafe gestellt. Es handelt sich um eine telegraphische Weisung der Präfektur Bozen.
„In Griechenland herrscht vollkommene Ruhe."
stattfinden wird. Athen, Saloniki -und die übrigen
Die halbamtliche Athener Nachrichten-Agentur über die Lage.
Athen, 25. Okt. Die halbamtliche Athener Nachrichtenagentur hat am Freitagabend folgende Darstellung über die Lage in Griechenland ausgegeben:
Die öffentliche Meinung in Griechenland, wo man mit den Vorbereitungen für die Feier des 26. Oktober, des Jahrestages der Einnahme Salonikis im Jahre 1912, beschäftigt ist, war höchst erstaunt, zu erfahren, datz int Auslände Gerüchte über sogenannte „Unruhe n“ auf der Insel Kreta, Entsendung von Truppenverstärkungen und andere aufsehenerregende Neuigkeiten gleicher Art verbreitet waren. Es ist wahr, datz Militärabteilungen — wie immer zu Wahlzeiten
auch jetzt nicht nur nach Kreta, sondern auch nach allen Inseln und Provinzen entsandt worden sind, um die örtlichen Kräfte zu verstärken und die Ruhe während der Volksabstimmung, für deren unparteiliche Durchführung die Regierung die Gewähr fübernommen hat, sicherzustellen. Wahrscheinlich> Sahen diese durchaus normalen Truppenverschiebungen Anlatz zu den im Ausland umgehenden Gerüchten. Auf leben Fall steht es fest, datz vollkommene Ruhe auf Kreta wie im ganzen übrigen Griechenland herrscht und dah das ganze hellenische Volk sich zur Feier des morgigen Nationalsestes rüstet. Ministerpräsident Kondylis wird bei dieser Gelegenheit eine Stotze Rede halten, worauf ein militärischer Vorbei- dlarjch vor dem Denknral des unbekannten Soldaten
Städte sind bereits mit den Nationalflaggen und den Zeichen des Königtums geschmückt.
„Paris Midi" aber meldet Aufstände.
Paris, 25. Okt. „Paris Midi" bringt eine groh- aufgemachte Meldung, in der über die in ganz Europa umlaufenden Gerüchte über Unruhen auf Kreta hinaus schon ganz bestimmte Tatsachen behauptet werden. Und zwar sollen auf Kreta 3 0 00 0 Republikaner zu den Waffen gegriffen haben. Die Regierung habe sofort die Entsendung von drei Torpedobootszerstörern mit 2000 Soldaten an Bord angeordnet. In Athen s e l b st seien 50 republikanische Offiziere, unter anderem auch General Fanagis- kaos, verhaftet worden und auf die IiHeln im Ägäischen Meer verbannt.
In der Hauptstadt selbst herrsche jedoch vollkommene Ruhe. Autzerdem seien in der Hauptstadt 450 Verhaftungen vorgenommen, darunter auch der Führer der neugebildeten republikanischen Partei, Papandreyu.
Was die Regierung zugibt
Athen, 25. Okt. Von zuständiger griechischer Seite wird hier bis jetzt lediglich die Tatsache veröffentlicht, dah der Führer der republikanischen Partei, Papandreyu, einen umstürzlerischen Aufruf in Umlauf gesetzt habe. Er sei daraufhin in seinem Hotel polizeilich interniert worden.
Blick in die Wett.
Die englischen Parlaments- Die wählen sind nunmehr endgültig auf Atempause, den 14. November anberaumt worden. Dieser Termin ist nicht nur für die englische Innenpolitik wichtig, sondern er ist darüber hinaus für die sogenannte große Politik von erheblicher Bedeutung. Kein Land liebt es, in große außenpolitische Auseinand ersetzungen verwickelt zu werden, wenn in seinem Innern der Wahlkampf tobt. Landon wird also zweifellos in der nächsten Zeit alles vermeiden, was die gssamtpolitische Lage verschärfen könnte. Das bedeutet auch für die englisch- italienischen Auseinandersetzungen eine Atempause. Es kommt hinzu, daß es nicht an Anzeichen für eine Entspannung fehlt, wenn etwa die englischen Staatsmänner immer wieder versichern, datz ihnen nichts ferner liege als der Kampf gegen den Faschismus, oder wenn etwa Italien eine Division aus Libyen zurückzieht und damit die englischen Sorgen um Ägypten etwas verringert. Die Atmösphär-e für die Verhandlungen über die Kernfrage, nämlich über Abessinien, hat sich also sicherlich etwas gebessert, wenn es auch immer noch fraglich ist, ob sich eine Lösung finden läßt, die nicht nur für Mussolini tragbar ist, sondern auch, wie -die Engländer es verlangen, den Völkerbund und die Abessinier befriedigen soll.
Es. wäre wohl denkbar, daß R o m Die Lira heute v e r h a n d l u n g s b e r e i t e r
und die ist, als noch vor wenigen Wochen. In
Sanktionen. Abessinien kommt man nur ä u ß e r st langsam v o r w ä r t s, es wird zwar viel von kommenden Angriffen gesprochen, aber wer sich einmal der Mühe unterzogen hat, die letzten Gefechte auf -der Karte zu verfolgen, der hat feststellen können, daß die jetzt genannten Ortsnamen sehr sehr nahe bei den schon früher genannten Karnpforten zu finden sind. Man kann sich aber auch in Rom nicht im unklaren darüber sein, daß mit den Sanktionen ernst gemacht werden wird, wenn sich auch die Auswirkungen dieser Sanktionen noch nicht voll übersehen lassen. Es scheint, als ob man -in Rom die Einfuhrsperre nicht allzu hoch einschätzt. Man verweist darauf, datz man im laufenden Jahre die Einfuhr -systematisch gesteigert und dadurch die Lagervorräte gewisser Rohstoffe wesentlich erhöht habe. Das wird auch in einem Bericht des amerikanischen Handelsministeriums bestätigt, in dem ausgeführt wird, daß Italien im ersten Halbjahr 1935 im Ausland das Zwei- -bis Vierfache an Baumwolle, Eisen, Stahlschrott, Kupfer, Benzol und einigen anderen Rohstoffen der -in den ersten sechs Monaten des vorigen Jahres -bezogenen Mengen gekauft hat. Mehr Sorge, -als die Einfuhrsperre scheint d . Italienern der beabsichtigte Boykott italienischer Waren zu machen, zumal man die Einfuhrsperre durch eine Drosselung des Verbrauchs, wie z. B. Einschränkung des Zeitungsumfanges auf 6 Seiten, Mahnung an die italienischen Frauen, keine Parfüms aus dem Auslande zu kaufen usw., bis zu einem gewissen Grade parieren kann. Wo soll -man aber Devisen herbe- komm-en, wenn das Ausland, oder doch ein sehr erheblicher Teil des Auslandes, keine italienischen Waren mehr kaufen sollte? Die Frage ist -umso wichtiger, als die Golddeckung der Lira ohnehin langsam, aber sicher zurückgeht. Betrug die Golddeckung am 10. August noch 36.25 Prozent, so war sie am 30. Sept, bereits auf 29,26 Prozent abgesunken. Kein Wunder, wenn allerlei Gerüchte und Kombinationen über die Lira im Umlauf' sind, zumal eine gewisse Kapitalflucht über die norditalienische Grenze den Kurs der italienischen Noten an den „schwarzen Börsen" der Schweiz bereits sehr erheblich sinken ließ. Auch wenn man sich heute, wie gesagt, noch kein klares Bild von der Wirksamkeit bei Sanktionen machen kann zumal man. nicht weiß, welche Lücken in dieser Abschnürungslinie entstehen werden, so geht man doch wohl kaum in der Annahme fehl, daß angesichts Liese! drohenden Maßnahmen Rom heute verhandlungsbereiter ist, als an dem Tage, da der Kampf in Ostafrika begann.
In Frankreich verfolgt man diese Entwick Sorge lung mit der größten Aufmerksamkeit, auch
um die roenn in letzter Zeit mehr in Rom als iv
Entente. Paris verhandelt worden ist. Die Versucht Lavals, von den Engländern irgendwelche Zusicherungen für theoretische Fälle einer Friedensstörung zu erhalten, sind gescheitert. Umsomehr aber will man das festhalten, was man heute hat, -das heißt, man will nicht auf die Zusammenarbeit mit England verzichten (freilich auch nicht auf die Zusammenarbeit mit Italien). Die Engländer haben keinen Zweifel
