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Nr. 291.
Donnerstag, 24. Oktober 1935.
83. Jahrgang.
ffine WM! MW M ob Ws WWW.
Besserung der Verhandlungs-Atmosphäre. — Rom vermißt Taten. Die Kernfrage noch ungelöst.
London erwartet jetzt keine Komplikationen.
| US. Berlin, 24. DIt. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Italien zieht eine Division aus Libyen t zurück. Diese Mitteilung soll dem englischen Botschafter in Rom von dem italienischen Staatssekretär Suvich ge- ; macht morden sein. Wenn man sich erinnert, welche
Sorge den Engländern die Zusammenziehung italieni- [ scher Truppen gerade in Libyen (gegen Ägypten) be- 1 reitete, so mutz man diese italienische Maßnahme, wenn sie tatsächlich durchgeführt wird, als ein neues Zeichen : der beginnenden Entspannung oder besser I noch als eine neue Bemühung um die Besserung der Verhandlungsatmosphäre bezeichnen ■ können. Man mutz sich dabei freilich vor einer Überschätzung hüten. Den Engländern erscheint es reichlich wenig, wenn nur eins Division zurückgerufen wird. Sie verweisen darauf, daß dann noch immer zwei Sonder- ' di Visionen in Libyen blieben, die nach italienischer Auffassung dort notwendig sind, da man mit Eingeborenen- . Unruhen rechnen müffe. So wird man abwarten müssen, wie die Engländer die italienische Maßnahme beantworten, das heißt, welche Schiffe sie nun- ; mehr aus dem Mittelmeer zuruckgiehen ! werden.
Man darf aber vor allem nicht übersehen, daß die i Kernfrage noch immer ungelöst blieb, nämlich die t Frage, wie der abessinische Krieg abgestoppt werden ‘ kann. Zu diesem Thema hat Baldwin gestern im [ Unterhaus, genau wie am Tage vorher Sir Samuel t Hoare, betont, datz eine Lösung gefunden werden Umüsse, di« Italien, den Völkerbund und
Abessinien befriedige. Ob es eine solche tz Lösung überhaupt gibt, muß dahingestellt bleiben. : Allerdings tauchen allerlei Vermutungen über einen an- r geblichen neuenDermittlungsplan auf, der sich freilich von ■Sem alten Plan nur wenig unterscheiden würde, da | auch er einen Unterschied macht zwischen dem eigent- | lichen (Kern) Abessinien und den Randgebieten und s da auch er die schon früher erwähnte Abstimmung k unter den Einwohnern vorsieht in jenen Ee- t bieten, die an Italien fallen sollen. Nur wird jetzt davon gesprochen, daß Abessinien einen Hafen i erhalten soll, der unter italienischer Auf- f sicht steht, während früher von einem englischen Hafen l die Rede war. Ob auf dieser Grundlage tatsächlich ver- i handelt wird, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall aber \ beklagen sich die Italiener darüber, datz sie unter dem | Druck der Sanktionen verhandeln sollen und fordern, | datz der Beginn der Wirtschaftssanktionen weiter hin- E ausgeschoben wird. Der gute Wille, den Baldwin und
Hoare in ihren Reden bekundet hatten, muffe sich, so sagt man in Rom, auch in Taten umsetzen und die in Bewegung gebrachte Genfer Sanktionsmaschine Muffe zum Stillstand kommen. Ob man Italien so weit entgegen kommen wird, bleibt abzuwarten. Es sei aber daran erinnert, daß schon vor einigen Tagen Nach- richten auftauchten, die das Wirksamwerden der wirtschaftlichen Sanktionen erst für Mitte November ankündigten. Am 14. November aber finden, wie nunmehr von englischer Seite bestätigt wird, in England die Neuwahlen statt. Bis zu diesem Termin erwartet man in London jedenfalls keine Komplikationen der Lage, die nur den englischen Wahlkampf stören würde. So hat Baldwin auch gestern ausdriiMch im Unterhaus erklärt, daß in der Außenpolitik eine Ruhepause bevorstehe. Wie es nach den englischen Wahlen aus- sehen wird, ist eine andere Frage. Auch Baldwin roar vorsichtig genug, seiner Ankündigung der außenpolitischen Ruhepause hinzuzusetzen, daß er nicht zu sagen vermöge, wie die Dinge im Januar aussehen würden. Das wird eben sehr wesentlich davon ab- hängen, wie die Diplomatie die Atempause nutzt, die jetzt aus innenpolitischen englischen Gründen gewährt wird. ____
Widersprechende Meldungen über die Libyen-Division.
London, 24. Okt. Die Nachrichten über die angebliche Bereitwilligkeit Muffolinis, eine italienische Division aus Libyen zurückzuziehen, lauten sehr widerspruchsvoll.
Der diplomatische Berichterstatter von Reuter will in London erfahren haben, datz die italienische Regierung die Zurückziehung der Division angeordnet habe, ohne dafür eine britische Eege n l ei stung zu fordern. Demgegenüber meldet der römische Berichterstatter des Reuterbüros, daß ihm von italienischer Seite eine Erklärung zugegangen sei, die auf die angeblich von der britischen Regierung angeordnete Z u - riickzi ehung von zwei Schlachtschiffen aus dem Mittelmeer Bezug nimmt. Falls sich diese Meldung bestätige, so wird von italienischer Seite erklärt, werde Italien möglicherweise einen Teil seiner Streitkräfte aus Libyen zurückziehen, obwohl diese beiden Maßnahmen nichts miteinander zu tun hätten. ~
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" schließlich hört, Mussolini habe das Angebot gemacht, einen Division aus Libyen zurückzuziehen. Diese Division werde aber nicht nach Italien zurückkehren, sondern nur nach Tripolis verlegt werden.
Der UlW her mMWen Operationen in Mkn.
Eine Folge der diplomatischen Verhandlungen
Asmara, 24. Oft. (Funkspruch des Kriegsberichterstatters des DRV.) Hiesige maßgebende Kreise äußern sich möglichst wenig über den Stillstand der militärischen Operationen in Ostafrika. Es verstärkt sich mehr und mehr der Eindruck, daß dieser Stillstand hauptsächlich auf die Ausgleichsverhandlungen in Europa z u - rückzu führen ist. Eine Reihe von Pressevertretern ist aus Eritrea abgereist vielfach ist man in Pressekreisen der Ansicht, daß die Feindseligkeiten schon im Dezember endgültig durchgeführt sein würden. Aus italienischer Seite erklärt man, daß weitere militärische Operationen schon deshalb gegenstandslos erschienen, weil sich jetzt eine „allmähliche politische Durchdringung" vollziehe. Selbst aus den Gebieten Abessiniens, die jenseits der von den italienischen Truppen besetzten Stellungen lägen, träfen täglich Abordnungen ein, in iienen sich die Bewohner den italienischen Behörden zur Verfügung stellten und Genugtuung über die Eroberung durch Italien bekundeten. Die Zeit arbeite also für Italien.
Aus dem Danakil-Gebiet werden Aufklärungsflüge der Italiener gemeldet, bei denen kleinere abessinische Abteilungen festgestellt werden konnten. An der Somalifront, die gegenwärtig 500 Kilometer von der Küste entfernt ist, werden Straßen von der Küste bis zur Front für den Wagenverkehr hergerichtet.
Aus dem Gebiet von Entiscio, zwischen Adua und Adi- grat, wird ein belustigender Vorfall gemeldet. Die italienischen Genietruppen harren dort mit' großen Affenherden zu kämpfen, die die neugelegten Tele- phonlinien zu zerstören versuchten.
Sohn Ras Gugsas zum Gouverneur ernannt.
Addis Abeba, 23. Okt. Nach hier eingetroffenen Meldungen haben italienische Flugzeuge an der Nordfront Flugblätter abgeworfen, die folgenden Inhalt haben:
„An das Volk von Tigre! Auf Befehl König Emanuels III. und Mussolinis hat General de Bono Seine Hoheit Haile Selaffie, den Sohn Ras Gugsas, zum Gouverneur der Gebiete Allawa und Tukane ernannt. Volk von Tigre. Sei glücklich, datz das Haupt des Kaisers Johannes mit Hilfe der italienischen Regierung wieder auferstehen wird. Gehorcht ihm wie uns! Gegeben zu Adigrat."
Die Abschaffung der Sklaverei durch die Italiener.
Asmara, 23. Oft. (Funkspruch des Kriegsberichterstatters des DRV.) Von den ostafrikanischen Fronten wird nichts wesentlich Neues gemeldet.Überall herrscht völlige Ruhe. Es scheint, als horche man hier angestrengt nach Europa hin, wo die politische Entwicklung die weiteren Operationen beeinflussen wird.
Auch von der Abschaffung der Sklaverei versprechen sich die Italiener zünftige Wirkungen. Die Einzelheiten dieser iralienüchen Maßnahme find jetzt bekannt geworden. Die nunmehr befreiten Sklaven können zwar auf Wunsch bei ihren Herren bleiben, so müssen sie zu ihnen in einem Angestelltenverhältnis stehen. Die früheren Sklaven, die nicht bei ihren Herren bleiben wollen, werden von den italienischen Behörden zu öffentlichen Arbeiten herangezogen oder in der durch die kriegerischen Ereignisie ausgeblühten Industrie untergebracht.
Der Maria-Theresien-Taler.
Im nahen Osten, in der Levante und in Afrika, vor allem aber in Abessinien und seinen Nachbarstaaten, ist der Maria-Theresien-Taler die einzige kurante Münze: ein ganz ausgefallener Währungszustand, der seinesgleichen auf der Welt nicht noch einmal hat.
Dieser sonderbare Taler, der die Jahreszahl 1780 zeigt und mit dem Bildnis der längst verblichenen österreichischen Kaiserin Maria Theresia geschmückt ist, hat eine höchst wechselvolle und eigenartige Geschichte. Er wurde als österreichischer Konventionstaler seit dem Jahre 1753 geprägt und eroberte sich ein Verbreitungsgebiet, in dem man den Namen der Stadt Wien und die Bedeutung der Habsburger Monarchie noch nicht einmal in den gröbsten Umrissen kannte. Ob der Türke Bu—ter, der Ostafrikaner Gersch oder Ber sagt, es ist immer ‘bas gleiche damit gemeint; seit über 175 Jahren läuft der Maria-Theresien-Taler bei den Negern, bei den armenischen und griechischen Händlern um und war bisher durch keine andere Münze zu verdrängen.
Es ist nicht so, daß dieser Taler nur bis zmn Jahre 1780 geprägt worden wäre; im Gegenteil: die österreichische Staatsmünze hat niemals aufgehört, die harten Silberstücke auszuprägen, und bis in die jüngste Gegenwart hinein hat sie ein gutes Geschäft damit gemacht. So zum Beispiel wurden im Jahre 1925 allein 15 Millionen Maria-Theresien-Taler für Rechnung verschiedenster Interessenten geprägt und ausgegeben.
Zum Kriegführen 'm Abeffinien gibt es nur eine Währung und das ist der „Levante-Taler", der Maria- Theresias Bild trägt. Banknoten haben für die Einwohner des Landes keinerlei Interesse. Italien kann in den besetzten Gebieten auch mit der Lira nichts an= fangen; genau so wenig wie der Negus seine Eingeborenentruppen mit anderem Geld als mit dem Gersch bezahlen könnte.
Der Kaiser Menelik hat zu Lebzeiten die Einführung einer anderen Münze mit seinem Bilde (den Menelik-Taler) versucht, ist damit aber gescheitert, sodaß der Versuch wieder aufgegeben wurde.
Diese Tatsachen eröffnen höchst interessante währungspolitische und staatsrechtliche Perspektiven. Nirgends anders in der Welt als in Wien können bezw. konnten bisher Maria-Theresien-Taler bestellt und fabriziert werden. Es war gewissermaßen eine stillschweigende Vereinbarung zwischen allen an der Gersch- Währung interessierten Kreisen, die Wiener Staats- münze als einzige Quelle für das afrikanische Geld anzusehen. Es zeigt sich jedoch, datz die bevorstehenden bezw. im Gang befindlichen Umwälzungen in Ostafrika auch Lieser urajten Währung den Garaus machen dürften. ”
Soeben wird bekannt, datz die Wiener Staatsmünze an Italien das Recht verpachtet haben soll, die Maria- Theresien-Taler in eigener Regie auszuprägen. Und zwar soll beabsichtigt sein, die Prägestöcke in Wien zu belassen und dort im italienischen Auftrag diejenigen Münzbestände auszuprägen, die Italien zur Kriegs- führung in Abessinien benötigt.
In Wien wird im gegenwärtigen Augenblick die Ansicht vertreten, datz der Maria-Theresien-Taler gar keine „geschützte Münze" sei und datz man daher das Recht auf Bestellung solcher Münzen nicht an einen beschränkten Interessentenkreis übertragen dürfe, sondern daß es gewissermaßen jedermann freistünde, seinen Talerbedarf Herstellen zu laffen: wobei man weiter fragen könnte, warum dann ausgerechnet Wien das Monopol der Ausprägung der Maria-Theresien-Taler besitzen soll. Bei allen anderen Währungen der Welt sind diejenigen Staaten, die eine bestimmte Währung eingeführt haben, unumschränkte Herren ihres Münzrechtes; gleichgültig, ob sie ihre Münzen im eigenen Lande Herstellen oder ihre Aufträge außerhalb des Landes ausführen lassen.
Wenn Italien das Recht der Prägung von Maria- Theresien-Taler auf Grund des Pachtvertrages mit dem österreichischen Finanzministerium als der Aufsichtsbehörde des Wiener Hauptmünzamtes für sich allein in Anspruch nehmen sollte, dann würde wahrscheinlich Abeffinien dazu übergehen müssen, seine Maria-Theresien-Taler im eigenen Lande herzustellen oder mit der Prägung ^andere Stellen als die Wiener Münze zu beauftragen. Wenn schon die Ausprägung des ostafrikanischen Münzgeldes von Italien mit Beschlag belegt wird, so ist damit nicht gesagt, daß die Münzgerechtsame von den beteiligten Völkern so ohne weiteres aufgegeben werden wird. Die Folge wäre entweder die prak- ttsche Abschneidung des Talerexportes nach Abeffinien öder eine Währungsinflation, gegen die es anscheinend völkerrechtliche Handhaben nicht zu geben scheint: ein Problem, über das sich die Währungs- und Finanz- polinker der Welt freundlichst den Kopf zerbrechen mögen.
