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Nr. 281.
Montag, 14. Oktober 1935.
83. Jahrgang.
Finanz-Sanktionen gegen Italien.
Auch am Sonntag entscheidende Beratungen in Genf. — England fordert Weltboykott italienischer Waren. — Siegesfeier in Adua.
Ein anderer Krieg.
as. Berlin, 14. Okt. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In Genf ist man auch «m gestrigen Sonntag, nicht untätig gewesen, sondern hat die Sanktions- nmßnahme Nr. 2, die offensichtlich auf eine völlige Kreditsperre gegen Italien hinausläuft, soweit vorbereitet, daß sie noch im Laufe des heutigen Nachmittags von der großen Sanktionskonferenz endgültig gebilligt werden kann. Der Entfchlietzungs- rext ist im Augenblick noch nicht bekannt. Er wird zunächst noch, da er für Die Banken der ganzen Welt von größter Bedeutung ist, geheim gehalten und soll erst nach der endgültigen Beschlußfasiung veröffentlicht werden. Darüber hinaus versuchen die Engländer auch eine Wareneinfuhrsperre gegen Italien durchzusetzen, eine Sperre, die sich von Woche zu Woche verschärfen soll und außerdem einen Boykott italienischer Waren, um Italien die Möglichkeit zu nehmen, durch Berkaus seiner Erzeugnisse Devisen zu erwerben. Man sicht, Herr Eden geht aufs Ganze. Jedenfalls Zeigen sich auch die Sowjetrussen neuerdings sehr eifrig, einmal wohl aus ihrer Abneigung gegen den Faschismus heraus, zum anderen aber auch, um sich bei den Engländern lieb Kind zu machen. Noch sind aber nicht alle Schwierigkeiten überwunden, da die Weltwirtschaft darniederliegt und jedes Land sich mehr als chm lieb ist mit dem Arbeitslosenproblem befassen muß, will niemand gern auf die Möglichkeit verzichten, seine eigenen Waren zu verkaufen. Die Italiener geben sich noch wie vor den Anschein, als ob sie die Wirtschaftssanktionen ganz kalt lassen würden. Darauf sei man vorbereitet und die Welt werde ihr blaues Wunder erleben, denn dann werde Italien aus Milch Baumwolle machen.
Immerhin bringt die Sanktionsfrage, die die Engländer ganz gewiß nicht einschlafen lassen werden, doch einen gewissen llnsicherheitsfaktor, wenn man die Aussichten des abessinischen Feldzuges untersucht. Es scheint, als ob die italienische Südarmee, die von Somaliland aus vorgeht, in der letzten Zeit gute Fortschritte gemacht hat. Auch die Ostarmee, die sich mit der Südgruppe vereinigen und die gemeinsam die Eisenbahn Addis Abeba abschneiden sollen, kommt langsam voran. Ziemlich unverändert liegen die Dinge an der Nordfront. In Adua hat gestern allerdings eine Siegesparade vor dem Oberbefehlshaber General de Bono stattgefunden und man hat hier ein Denkmal zur Erinnerung an die 1896 bei Adua gefallenen Italiener („Gerächt am 6. Oktober 1935“) enthüllt. Bon Fortschritten an dieser Front ist dagegen nichts zu hören. Die Italiener geben sich freilich neuen Hoffnungen hin, nachdem Ras Eugsa sich zu ihnen bekannt hat und einen Teil seiner Leute mitbrachte, wobei die Angaben über die Zahl der Überläufer freilich sehr weit auseinandergehen. Nach berühmten Mustern soll Ras Eugsa zum Eegenkaiser ausgerufen werden, wofür man jetzt schon Propaganda macht. Italienische Blätter erklären auch, daß er eigentlich Überhaupt der legitime Kaiser sei. In der Praxis aber wird es weniger auf solche papierenen Erklärungen an- 'ammen als vielmehr darauf, ob man diese Ansprüche wit Waffengewalt durchsetzen kann. Immerhin hoffen d'-e Italiener, daß nach der Unterwerfung Ras Eugsas nun auch die Nordarmee Fortschritte machen wird. Dem Völkerbund macht man »n Rom zugleich den Vorwurf, daß er durch die Aufhebung des Waffeneinfuhrverbotes ^ach Abessinien den Krieg nur verlängere und blutiger gestalte.
, Während die Welt so von Krieg und Kriegsgeschrei widerhallt, hat das deutsche Volk nun seinen Krieg, ?on dem auch Dr. F r i ck in seiner Rede in Saarbrücken chrach. seinen Kampf gegen Hunger und Kälte gestrigen Sonntag eröffnet. Damit hat eine Schlacht Monnen, die keine Wunden hinterläßt, sondern nur Wunden heilt. Die ersten vorläufigen Ergebnisse zeigen dabei, daß die Opferfreudigkeit picht nachgelassen hat, daß überall der Appell des Führers be- wlgt wurde und diese ersten Ergebnisse lassen es auch chs sicher erscheinen, daß die Zahlen des Vorjahres ^erall erreicht und in sehr vielen Orten sogar über- i-affen wurden. Es sei dabei daran erinnert, daß Die ^tttopfsonntage int vorigen Winter insgesamt 29,5 Millionen Mark brachten, allein im Gau Hessen-Nassau
1385 195.29 RM., ganz abgesehen von der hohen ideellen Bedeutung dieser, wie der Führer sagte, E h r e n t a g e des deutsche n Volk e s.
Vor dem Abbruch
der englisch-italienischen Beziehungen?
Paris, 14. Okt. Der Genfer Sonderberichterstatter der französischen Nachrichtenagentur Haoas meldet, daß sich der englische Minister Eden mit der Absicht trage, sich Mitte der Woche nach London zu begeben, um seiner Regierung Bericht über die letzten Beschlüsse ircs Völkerbundes zu erstatten. Im Zusammenhang mit diesen Beschlüssen behauptet der Berichterstatter, daß sich die englische Abordnung eingehend mit dem Gedanken eines Abbruches der dstplo matifchen Beziehungen mit Italien befasse. Hierbei scheine sie von den Dominien und auch von einigen anderen Brächten, insbesondere von Holland, u n t e r st ü tz t zu werden. Wenn jedoch eine solche Maßnahme vorgeschlagen würde, so werde sie auf starken Widerstand von feiten einer Reihe anderer Staaten stoßen, weil mit dem Abbruch 'der diplomatischen Beziehungen auch jede Hoffnung auf eine Wiederaufnahme von Verhandlungen mit Italien aufgegeben werden müsse.
Morgenthau in Paris.
Paris, 14. Okt. (Eig. Drahtmeldung.) Der „New 2)ork Herold" teilt mit, daß der Staatssekretär des amerikanischen Schatzamtes, Morgenthau, in Paris eingetroffen ist. Mehrere Mitglieder des diplomatischen Korps haben ihn am Bahnhof empfangen. Man hält es nicht für ausgeschlossen, Daß Morgenthau in Paris Besprechungen über die W ä h r u n g s st a b i l i s i e - rung haben wird und sich auch über andere finanzielle Fragen mit den zuständigen hiesigen Kreisen unterhalten dürfte.
Das amtliche Memeler Wahlergebnis.
81,17 % der Stimmen für Deutschland abgegeben.
Memel, 14. Okt. (Eig. Drahtmeldung.) 3m Memeler Amtsblatt wird am Montag ein Beschluß der Wahllreis- kommiffion vom 12. Oktober mit der Bekanntgabe der endgültig festgestellten Abgeordneten des künftigen Landtags veröffentlicht. Danach entfallen nun auch nach der amtlichen Feststellung 24 Abgeordnete auf die Einheitsliste und 5 auf die litauischen Li st en. Wie festgestellt wurde, find insgesamt 1962 061 gültige Stimmen abgegeben worden, davon entsallen auf die Einheitsliste 1592 604 und aus die 6 litauischen Listen zusammen 369 457 Stimmen. 81,17 % der Wähler stimmte also für die Einheitsliste.
An der mandschurischen Grenze.
Moskau, 13. Okt. Sowjetamtlich wird mitgeteilt: „Am 6. Oktober wurde eine aus drei Mann bestehende Abteilung der so wst e t ru sfisch e n Grenzwache an der mandschurischen Grenze auf sowjetrussischem Boden in einiger Entfernung von der Grenze von einer Abteilung japanisch-mandschurischer Soldaten überfallen. Die Japaner waren 20 Mann stark und standen unter dem Befehl eines Offiziers.
Am 8. Oktober wurde wiederum eine Grenzverletzung durch eine japanisch-mandschurische Abteilung festgestellt. Die Sowjetregierung hat darauf in Tokio entschiedenen Protest eingelegt.
Zu dem ernstesten Zwischenfall ist es jedoch am 12. Okt. gekommen. Eine aus 50 Mann bestehende japanisch- mandschurische Abteilung überschritt die Grenze und drang über einen Kilometer tief auf Sowjetboden ein. Eine Streife der sowjetrusfifchen Grenzwache, di« aus zwei Mann bestand, wurde von den Japanern beschossen. Die Streife zog sich zurück bis zum Standort einer etwa 2% Kilometer entfernt liegenden Abteilung der sowjetrussischen Grenzwache. Die Japaner drangen jedoch nach. Als Hilfe herbeieilte wurde von japanisch-mandschurischer Seite das Feuer — und zwar Gewehr- und Maschinengcwehr- fcuer — eröffnet. Auf Sowjet feite gab es Tote und Verwundete. Nach den bisherigen Fest-
Diplomatie gegen Völkerbund?
Immer stärker macht sich feit einigen Tagen ein Zug bemerkbar, der in versteckter, aber leicht verständlicher Form darauf hinzudeuten bemüht ist, daß neuerdings die Gegensätze zwischen Diplomatie und Völkerbund wieder stärker werden. Die Versuchung, einer solchen Darstellung Glauben zu schenken, liegt außerordentlich nahe. Gern und häufig ist der Völkerbund während seiner bisherigen Geschichte als die spanische Wand benutzt worden, hinter 'der sich das eigentliche diplomatische Geschäft abspielte, wobei der Völkerbund dann lediglich späterhin die Kulisse abgab, vor der die im geheimen abgeschlossenen Geschäfte ihre feierliche Weihe erhielten. Man war sich inzwischen hinter' den Kulissen meist auch darüber klar geworden, welche Formel anzuwenden war, um die gefaßten Beschlüsse mit dem Völkerbund und seinem Pakt in Einklang zu bringen. Als England vor einiger Zeit auf der Genfer Szene erschien, um sehr energisch seinerseits die Führung der Völkerbundsangelegenheiten in die Hand zu nehmen, da die französische Führung aus der ganzen Front versagt hatte, schien der Augenblick gekommen, um den Völkerbund aus dieser wenig rühmlichen Lage zu befreien. Damals schon ist allerdings auch verschiedentlich die Frage aufgetaucht, wie lange es dauern würde, bis wieder alles beim alten wäre. Das sehr scharfe englische Dementi, das erst kürzlich jede Möglichkeit von Dreierverhandlungen zwischen England, Frankreich und Italien ablehnte, kann als ein Versuch ausgelegt werden, gegen die Wiedereinführung der alten Methoden einzuschreiten. Daß man auf italienischer Seite an diesem Willen und an der Völkerbundstreue Englands überhaupt Zweifel äußert, ist an Hand der gegebenen Lage durchaus verständlich. Die Ansicht, daß England heute ebenso wie Frankreich früher den Völkerbund nur als ein Instrument seiner Politik betrachtet, das es fallen lassen wird, sobald es seiner nicht mehr bedarf, ist ja wiederholt in der italienischen Presse aufgetaucht. Auf der anderen Seite aber ergibt sich die Frage, ob es überhaupt praktisch möglich ist, im Rahmen einer Einrichtung wie der des Völkerbundes nützliche Arbeit zu leisten. Man kann, so kann man hören, vielleicht für einen Sonderfall eine Mehrheit zusammenbringen, wie dies jetzt soeben geschehen ist. Die Beständigkeit und Leistungsfähigkeit einet solchen Mehrheit ist aber völlig abhängig von dem Nutzen, den sich jedes einzelne Mitglied dieser Mehrheit für seine eigenen Ziele von dem Festhalten an einer solchen Politik verspricht. Man brauchte nur in diesen Tagen die Weltpresse aufmerksam zu verfolgen, die Auslegungen und Porbehalte beispielsweise in der Sanktionssrage zu studieren, um eine Vorstellung von den sich hier ergebenden Schwierigkeiten zu bekommen. Immer wieder wird es der diplomatischen Kleinarbeit, des Ausgleichs der Interessen hinter den Kulissen bedürfen, um nach außen den Schein einer Einigkeit zu erwecken. Wenn aber die diplomatische Kleinarbeit doch unerläßlich ist, wozu, so fragt man sich, bedarf es dann eigentlich der kostspieligen Fassade des Völkerbundes? Die Gefahr liegt nahe, daß er sich mehr und mehr nur zu einem Hemmschuh der fruchtbringenden diplomatischen Arbeit auf Dem direkten Verhandlungswege erweist — eine Befürchtung, die ja, wenn auch erfolglos, nicht zum erstenmal geäußert wird.
stellungen hat auch die japanisch-mandschurische Abteilung Opfer zu verzeichnen.
Die Sowjetregierung hat ihren Botschafter in Tokio angewiesen, bei der japanischen Regierung schärfsten Protest einzulegen und den Vorschlag auf Einsetzung eines gemischten Ausschusses zu übermitteln, der eine Prüfung der Zwischenfälle an Ort und Stelle vornehmen soll."
Eine japanische Stellungnahme zu diesen Vorfällen liegt noch nicht vor.
Noch keine japanische Antwort.
Tokio, 14. Okt. (Eigene Drahtmeldung.) Der sowjetrussische Botschafter Jurenew überreichte am Atowtag dem japanischen Außenminister Hi rot a die amtliche sowjet- ruffische Protestnote wegen der gemeldeten Zwischenfälle an der sowjet-russisch-mandichurischen Grenze, die sich bei Sui- fenho, nordöstlich von Wladiwostok, und in der Nähe der bekannten GrenKation Pogranitschnaja, ereignet haben. Ein schriftlicher Protest über die Vorfälle war bereits am Sonntag in Tokio eingetroffen. Der japanische Außenminister erklärte dem Sowjetbotschafter, daß er erst den Bericht über die Zwischenfälle aus Mandschukuo ob märten müsse, bevor er eine Antwort auf den Protest erteilen könne. Er schlug ferner vor, die Verhandlungen über die Bildung einer gemischten Grenzkommission zu beschleunigen, um ähnliche Fälle in Zukunft zu vermeiden.
